Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com
Nebelwolken über dem braun-grünen Gras. Plusgrade, die einen beim Holzhacken ins Schwitzen bringen. Und weit und breit kein Schnee. Petrus spielt verrückt.
Den letzten Dreikönigstag ohne Schnee haben wir, wenn ich mich richtig entsinne, vor Jahren auf Mallorca verbracht. Aber hier in Kanada? Undenkbar.
Bis jetzt. Es war von Eisregen die Rede und von einer “Wetterbombe”, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr hatten.
Wetterbombe? Ja, bombiges Wetter. Aber keine Spur von einer Katastrophe.
Das heißt doch: Klimakatastrophe.
Wer es immer noch nicht wahrhaben will, dass der Welt durch die Klimaveränderung Ungemach droht, muss sich einfach auf den einschlägigen Wetterseiten umschauen. Für Montreal und Umgebung tänzelt das Quecksilber laut Vorhersage den ganzen Januar über frech zwischen frisch und ziemlich frisch umher. Bitterkalt war mal.
Dabei sind minus 25, manchmal sogar minus 35 Grad Celsius im Januar in diesen Breiten gewöhnlich keine Besonderheit. Doch von “gewöhnlich” müssen wir uns wohl verabschieden.
Die Silvesternacht, als uns um Mitternacht auf dem mit einer dicken Eisschicht versehenen Lac Dufresne der Sekt im Glas gefror, ist noch gar nicht lange her.
Die Fahrt mit dem SUV auf dem zugefrorenen Lake of Two Mountains von Hudson nach Oka gehörte jahrelang zu unserem Winter-Ritual. Statt dem SUV steht jetzt ein Kleiner in der Garage. Und zugefroren ist der „Lac des Deux Montagnes“ allenfalls noch in meinem Bild-Archiv.
So richtig freuen kann man sich nicht über Wärmegrade im Januar. Und das, so heißt es, sei erst der Anfang.
Von wegen prima Klima.
VOR GENAU 20 JAHREN: Von Hudson mit dem Auto über den zugefrorenen Lac des Deux Montagnes.
Bei meiner morgendlichen Lektüre der Schwäbischen Zeitung bin ich eben an dieser Todesanzeige hängen geblieben. Nicht, weil mir der Tod seiner Königlichen Hoheit besonders nahe ginge (ich kannte Durchlaucht gar nicht). Aber weil uns Sterblichen so ein Adelstitel ja nicht jeden Tag unterkommt.
Ein befreundeter Diplomat, dessen Namen ich aus Gründen der Diskretion hier nicht nennen möchte, führt einen so langen Titel, dass ich ihn bei einem Empfang zu seinem Amtsantritt im neuen Job fragte, ob er eigentlich eine ausklappbare Visitenkarte benötige. „You can call me Josh“, hörte ich ihn im Gespräch mit kanadischen Kollegen sagen. Das gefiel mir gut.
Als Korrespondent hatte ich es öfter mit einem Radio-Moderator zu tun, der sich dadurch einen Namen machte, dass er seinen Namen änderte. Er hatte seinen vormals pompösen Adelstitel dermassen zusammengestutzt, dass von seinem Von-und-zu nur noch ein Eduard Irgendwas übrig geblieben ist. Der Kollege hatte es halt nicht so mit Titeln und war mir allein schon deshalb sympathisch.
Als Kind habe ich oft das herrschaftliche Schloss derer von Brandenstein-Zeppelin in dem Dorf Mittelbiberach bestaunt, der Heimat meines Vaters. Mit all seinen Erkern, Türmchen, Vor-, Haupt-, Neben- und Hintergärten hatte dieses imposante Gebäude etwas Mystisches, das einen Bub aus Ummendorf leicht einschüchtern konnte.
Dann passierte etwas Unfassbares: Einer aus dem Geschlecht derer von Brandenstein-Zeppelin, ein veritabler Graf, wurde zu meinem Klassenkameraden am Biberacher Wieland-Gymnasium.
“Wer sind denn so deine Schulkameraden?”, fragte mich die Verwandtschaft schon mal. “Naja”, stapelte ich dann tief, „vor mir sitzt der Zeppelin”. “DER Graf von Zeppelin?”, hörte ich dann ungläubig die Tante oder den Onkel fragen. “Ja, warum ? Muss man den kennen?“
Irgendwann begab es sich in diesem Märchen, dass mich der Graf von und zu Brandenstein-Zeppelin nach der Schule in sein herrschaftliches Schloss bat. Und siehe da: Das Schloss beeindruckte mich plötzlich nur noch mäßig. Die Räume waren zwar riesig, aber ziemlich unterkühlt und dunkel und nur mit dem Nötigsten an Mobiliar ausgestattet. Es gab auch eine kleine Privatkapelle, die fand ich angsteinflößend düster, außerdem roch es nach Moder. Prunk ist jedenfalls anders. Die Schlossbewohner selbst waren freundlich, liebenswert und ausgesprochen nahbar.
SCHLOSS MITTELBIBERACH: Milkshake mit Graf Zeppelin
Was mich aber zutiefst beeindruckte, war die Zofe (ich nenne sie jetzt einfach mal so), die mich fragte, was sie mir zum Trinken servieren könne. Tja, was nun? „Vielleicht eine Schokoladen-Mixmilch?”, fragte die Zofe.
Und so stand er dann vor mir: Der erste, süßeste, köstlichste, schönste, adeligste, unglaublichste Milkshake, den sich Klein-Herbert vorstellen konnte.
Im Nachbardorf gab es das “Schloss Horn”, in dem mein Vater hin und wieder als selbständiger Handwerker zu tun hatte. Klar, dass ich einen Blick hinter die Kulissen dieses hochherrschaftlichen Gebäudes werfen wollte. Einmal nahm Papa Bopp mich einfach mit.
SCHLOSS HORN: Fechten mit dem kleinen Prinzen
Während er Fresken restaurierte und Säulen bemalte, forderte mich ein Junge, der dort zu Besuch war (vermutlich der Kleine Prinz) zum Fechtkampf vor dem offenen Kamin auf. Als Waffen dienten uns Schürhaken und Aschekratzer. Im Kamin loderte das Holzfeuer. In meinem Kopfkino taten sich abgefackelte Dörfer auf, die in die Hände von wilden Kreuzrittern gefallen waren.
Eben boingt eine Whatsapp-Message von Uli ein, der den schönen Nachnamen Herzog trägt. Er ist der Adelsexperte in meinem Freundeskreis. Ihn hatte ich gefragt, ob man die in der Todesanzeige oben erwähnte “Königliche Hoheit” eigentlich kennen muss? Uli reagierte künstlich-empört über so viel Unwissenheit:
“Das ist der Cousin von Prinz Philipp und der Großonkel von King Charles! Den muss man doch kennen!” Und dann: “Wir Biberacher Reichsstadt-Kinder haben es ja nie so mit dem Adel gehabt”.
Adel verpflichtet also nicht nur. Er bildet auch.
Manchmal ist Adel aber auch einfach nur peinlich. So enthält das Stadtwappen unseres langjährigen Wohnorts Hudson den Spruch: „Noblesse oblige„. Adel verpflichtet? Welcher Adel denn? Kanadischer? Verpflichtet wozu? Und wo, bitte, geht’s zum nächsten Schloss?
Fürstliche Grüße von Herbert, z.Zt. in St-Bernard-de-Lacolle
Das mit den Vorsätzen fürs neue Jahr ist so eine Sache. Was ich mir denn so vorgenommen habe für 2023, will die Frau an meiner Seite wissen. “Ich möchte”, antworte ich vielleicht eine Spur zu milde, “ein gütiger, alter, weiser Mann werden”.
Läuft bisher so mittel.
Die ausbleibenden Neujahrsgrüße mancher “Freunde” hake ich mit “kommt schon mal vor” ab. (Notiz an mich: Die werden sich wundern, wenn sie von jetzt an nichts mehr von mir hören!)
Dass der Flur nach einem Wasserschaden vor unserem Apartment auch nach drei Monaten noch immer aussieht, als hätte ein Tsunami gewütet? Geschenkt! Handwerker sind in Zeiten wie diesen nun mal schlecht zu bekommen. (Notiz an mich: Der Hausverwaltung werde ich gleich morgen ordentlich den Marsch blasen!)
Und was ist mit dem Gehweg vor dem Haus, der seit Tagen nicht gestreut wird? Auf dem sich Menschen verletzen, ach was: umbringen können? Ruhig Blut. Meine Güte, so eine Stadt wie Montreal hat andere Probleme als ein paar Fußgängern den Hintern zu pudern. (Notiz an mich: Verklagen sollte man sie! Anruf beim Anwalt folgt.)
Und dann: Diese verdammten Rentner, die einem immer die Behinderten-Parkplätze vor der Nase wegschnappen und dann geschmeidig wie junge Hüpfer aus dem Auto steigen! (Notiz an alle: Eure Kennzeichen sind notiert. Klage ist unterwegs).
Sie sehen: Das mit dem alten Mann klappt bisher ganz gut. Nur das mit dem “gütig” und „weise“ müsste ich noch üben. (Notiz an mich: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung).
In diesem Sinne: Ein fröhliches, gütiges, weises, neues Jahr!
Ein Regenbogen am Horizont – und das kurz vor Heiligabend: Was soll da schon schiefgehen? Cassian hat dieses Naturspektakel auf unserem Weg zur Farm mit seinem iPhone festgehalten. „Ich musste unwillkürlich an den Stern von Bethlehem denken, als ich das Bild sah“, schreibt mir eben unsere Freundin Christa aus Winnipeg. Ob Bethlehem, Biberach oder St-Bernard-de-Lacolle, wo das Foto entstanden ist:
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN ein freundliches, fröhliches und gesundes Weihnachtsfest.