Avatar von Unbekannt

Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Primetime-TV im Hidschab

Ginella Massa mit Interviewpartnern: Kanada konnte schon immer Multikultur. (Screenshot CBC)

Wenn ein Mann namens Hanomansing zusammen mit einem Mr. Chang die wichtigste Nachrichtensendung der Canadian Broadcasting Corporation (CBC) moderiert und eine Afro-Latina-Frau im Hiidschab das Gesicht der Prime Time-Show “Canada Tonight with Ginella Massa” ist, dann weißt du, dass du in Kanada bist.

Wen wundert’s da noch, dass auch im Radio die Leute meistens nicht Smith, Miller oder Baker heißen, sondern Allakariallak, Natachequan oder auch schlicht und einfach Rabbitskin. Genau: Hasenhaut.

Dafür, dass wir schon seit vielen Jahren kein Kabel-TV mehr abonniert haben, sitze ich in letzter Zeit ganz schön häufig vor dem Bildschirm. Das hat zum einen damit zu tun, dass es nach meinem Augenleiden im Sommer endlich ein riesiger Monitor in mein Arbeitszimmer geschafft hat.

Schuld an meinem erhöhten Fernsehkonsum ist aber auch meine Faszination für die ethnische Vielfalt, mit der kanadische TV-Anbieter immer häufiger ihre Sendungen bereichern.

Wegen der verschiedenen Zeitzonen läuft hier fast immer irgendwo irgendeine Nachrichtensendung.

Vancouver? Winnipeg? Whitehorse? Iqaluit? Charlottetown? Halifax? St. John’s? Städte, die tausende Kilometer westlich, nördlich oder östlich von uns liegen, sind dank des Streamingangebots stets nur einen Mausklick entfernt.

Besonders fasziniert bin ich seit ein paar Tagen von der Frau im Hidschab. Sie heisst Ginella Massa und schrieb schon vor sechs Jahren kanadische Fernsehgeschichte. Damals berichtete sie noch für den Privatsender CTV aus Kitchener (Ontario) und sorgte für Schlagzeilen.

Ginella Massa war die erste Reporterin – nicht nur in Kanada, sondern in ganz Nordamerika -, die im Hidschab vor die Kamera trat.

Und glaube ja keiner, die aus Panama stammende Muslima sei das, was man als “Quotenfrau” bezeichnet!

Ginella Massa ist eine hochkarätige, preisgekrönte Journalistin, die auf ihre hartnäckigen Fragen fast immer die richtige Antwort bekommt. Entsprechend ist ihre hohe Akzeptanz bei den meisten ihrer Zuschauer.

Als multilinguale, muttersprachlich Spanisch sprechende Muslima gehört sie einer Minderheit innerhalb des Islam an. Mit ihrer neuen Heimat Kanada hat sie denn auch aufs richtige Pferd gesetzt. Hier hat die Multikultur ihr Zuhause und ist bereits seit den 70er-Jahren auch offiziell in der Politik fest verankert.

Als Redakteur einer deutschsprachigen Wochenzeitung mit Sitz in Winnipeg (Manitoba) hatte meine journalistische Laufbahn in Kanada angefangen – zunächst von 1973 bis 1976, nach einem Intermezzo in Deutschland dann wieder von 1980 bis 1982. Damals gab es noch ein „Bundesministerium für Multikultur“ in Ottawa.

Kam dann ab und zu ein Vertreter – oder gar der Minister persönlich – in die Redaktion, war das immer ein Highlight. Man plauderte bei Tee, Cognac und Keksen über dieses und jenes und freute sich, dass sich die zahllosen Nationen innerhalb der kanadischen Konföderation so gut verstanden.

Natürlich gibt es auch hier Anfeindungen und Fremdenhass, die vor einigen Jahren sogar zu einem Attentat auf eine Moschee in Quebec-City geführt haben. Aber eine ausländerfeindliche Bewegung wie die AfD, die fast ausschließlich auf der Hass-Schiene fährt, halte ich hier für sehr unwahrscheinlich, nein: ausgeschlossen.

Das liegt zum einen an der schon immer tief verankerten multi-ethnischen Bevölkerung des Landes. Zum anderen aber auch an der Person Justin Trudeau. Der Premierminister versteht es in seiner erfrischend-coolen Art, schon bei den geringsten Anzeichen von Fremdenhass die Bremse zu ziehen.

Von einem Regierungschef, der einen Turbanträger zum Verteidigungsminister ernennt, wird schließlich nichts anderes erwartet.

Ich wär’ so gerne in Neuseeland

Gefühlt seit Jahren in der Corona-Falle. Hier beim ersten von inzwischen vier Covid-Tests.

Warum klappt bei uns nicht, was in Neuseeland möglich ist? Ein zeitlich überschaubarer, knallharter Lockdown mit einer traumhaften Trefferquote. Gestern gab es mit einer Neuinfektion einen kleinen Ausrutscher, aber ansonsten ist Neuseeland inzwischen frei von Corona.

„So geht Lockdown“, betitelt die Kollegin ihren Beitrag für DIE ZEIT. Darin protokolliert sie minutiös jeden Schritt der neuseeländischen Regierung – von der ersten Infektion bis zum Ende des Lockdowns und damit dem Quasi-Ende der Corona-Pandemie.

Sieben Wochen dauerte einer der härtesten Lockdowns der Welt, dann war Schluss. Der sympathische Staat mit seiner nicht weniger sympathischen Premierministerin namens Jacinda Ardern hatte das geschafft, wovon der Rest der Welt träumt: eine Gesellschaft ohne Covid.

So drastisch verlief der Lockdown, dass während dieser Zeit nicht nur eine rigorose Ausgangssperre galt, sondern sogar Onlinebestellungen und -Lieferungen verboten waren. Man könnte sich ja an der Verpackung infizieren.

Das alles klingt zunächst einmal brutal und auch ein bisschen absurd. Aber was am Ende des Tages zählt, ist der Erfolg. Und den können sich die Neuseeländer ans Revers heften.

Anders in Deutschland und den meisten anderen Ländern der Welt. Während der Staat Kanada ganz gut dasteht, kränkelt es in der Provinz Quebec, in der ich lebe, nach wie vor.

Noch immer infizieren sich täglich mehr als 1200 Menschen in eineem Bundesland, das gerade mal acht Millionen Einwohner hat. Die Ansagen der Regierung sind derart konfus, dass ein Großteil der Bevölkerung nur so viel weiss: So langsam reicht’s!

De facto befinden wir uns seit der Rückkehr aus Mallorca im März 2020 in einem Lockdown. Mit kurzen Intermezzi sind seither sämtliche Restaurants, Kinos und Theater geschlossen, Besuche nicht mehr erlaubt und Spaziergänge selbst in kleinen Gruppen verboten. Luftbefeuchter kaufen? Von wegen. Steht nicht auf der Liste lebensnotwendiger Güter.

Wir haben eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis 5 Uhr morgens, dürfen seit zehn Monaten keine Freunde mehr empfangen und haben unseren Sohn zum letzten mal vor einem Jahr in den Arm genommen.

Und jetzt noch die Ansage der Gesundheitsbehörden, dass der Abstand zwischen einer ersten (wann denn endlich?) und der zweiten Impfung durchaus auch 90 Tage dauern darf. Dagegen sprechen zwar fast alle Forschungsergebnisse der westlichen Welt. Aber in Quebec weiss man es wieder einmal besser.

„Eine rein politische Entscheidung“, wettert denn auch die Opposition im Landtag. Eine Regierung, die mit dem vorhandenen Kontingent an Impfstoffen einfach durchimpft, weil es zahlenmäßig gut aussieht, auch wenn im Endeffekt die Wirkung fraglich sein könnte, hat sich meine Stimme bei der nächsten Wahl schon mal vergeigt. Optik statt Wirkung? Nein danke.

Der wohl zweithärteste Lockdown der Welt, den wir nun schon seit gefühlten 100 Jahren durchleben, ist gescheitert. Aber anstatt über den Tellerrand hinaus zu schauen – etwa nach Neuseeland -, wird hier weiter mit zweifelhaftem Ergebnis herumgeeiert.

Wenn es nach mir ginge, hätte ich liebend gerne sieben Wochen komplett meiner Bewegungsfreiheit geopfert, um wieder so etwas wie ein Stück Normalität zu erlangen. Schließlich sind wir hier ohnehin schon seit einem Jahr gefangen in diesem Spinnennetz, das Corona heißt.

Vielleicht doch nach Neuseeland auswandern? Eher nicht. Eben habe ich gelesen: Rentner müssen dort mehr als eine halbe Million Dollar investieren, um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Dann eben doch den Montrealer Winter aussitzen und warten, bis bessere Zeiten kommen. Wie heißt es so schön? „Wenigstens gesund“.

Ja sicher, klar, schon richtig. Jaja, natürlich, genau, aaaber …

Kamala Harris: Ihre Highschool-Jahre verbrachte sie in Montreal

PARTYTIME IN MONTREAL: Kamala Harris mit FreundInnen. © Screenshot New York Times

Kamala Harris ist seit heute nicht nur eine der mächtigsten Frauen der Welt. Sie ist jetzt auch eine der bekanntesten Ex-Montrealerinnen. Die Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten kam als Zwölfjährige aus Kalifornien in die Stadt meines Herzens und blieb dort bis zum Ende ihrer High-School-Zeit.

Im Villenviertel Westmount besuchte die Tochter einer indischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters von 1981 an die „Westmount High School“ bis zu ihrer „Graduation“.

„Ich war zwölf und lebte glücklich im sonnigen Kalifornien“, erzählte die gebürtige Amerikanerin einem Journalisten „da beschloss meine Mutter, mit mir und meiner Schwester Maya nach Kanada zu ziehen“.

Kamalas Mutter, Dr. Shyamala Gopalan Harris, war als Wissenschaftlerin nach Montreal gekommen. An der McGill University und dem „Jewish General Hospital“ arbeitete sie als Forscherin auf dem Gebiet der Brustkrebs-Mutationen.

Als sie mitten im Schuljahr in Kanada eintrafen, hatte es in Montreal gerade einen halben Meter geschneit. „Unsere Mutter kaufte uns erst einmal dicke Winterjacken“, erinnert sich Harris. „Ziemlich uncool und nicht gerade das, was man sich als junges Mädchen wünscht“.

Doch der dunkelhäutige Teenager integrierte sich schnell im schon immer multikulturellen Montreal. Schon kurz nach ihrer Ankunft organisierte sie eine Demo mit anderen Kindern. Der Besitzer eines Apartmentgebäudes in ihrer Nachbarschaft hatte den Kindern verboten, vor dem Haus zu spielen.

Die Protestaktion hatte Erfolg. Ab sofort durften sich die Westmount Kids wieder vor besagtem Haus tummeln.

War sie ein wilder Teenager, der keine Party ausließ? Oder doch eher der Bücherwurm, der es später in Kalifornien zur Senatorin brachte? So richtig festlegen wollen sich ihre früheren WeggenossInnen nicht.

Sie habe Michael Jackson geliebt, heißt es immerhin. Ein paar Fotos sind aufgetaucht, auf denen sie in Partystimmung zu sein scheint. Aber von „wild“ keine Spur.

Wild vielleicht nicht, dafür aber freundlich und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Die Kinder-Demo vor dem Apartmentgebäude war wohl nicht die einzige Aktion, in der sie sich für die Rechte von MitschülerInnen einsetzte.

Es gab da auch ein Mädchen in ihrer Klasse, das Kamala anvertraute, wie es vom Stiefvater missbraucht wurde. Kamala Harris erzählte es ihrer Mutter. Die wiederum sorgte dafür, dass das Mädchen zu ihnen ins Haus zog – weg vom Stiefvater.

Bis heute, so heißt es, seien das Montrealer Missbrauchsopfer und die jetzige Vizepräsidentin noch eng befreundet.

Gut möglich, dass sich Kamala Harris auch mit Leonard Cohen angefreundet hätte. Auch der besuchte die besagte „Westmount High School“. Allerdings schon 30 Jahre früher.

Sandra und der Fluch der Maori

DER NEUE PODCAST IST DA: Neues Leben, neues Glück? Von wegen! Sandra aus Niederösterreich hat in Neuseeland die Erfahrung gemacht: Nicht alles, was erlaubt ist, sollte man auch tun. Zum Beispiel Muscheln von einem Strand mitnehmen, der den Ureinwohnern heilig ist. Oder sich mit Jetlag ans Steuer eines Mietwagens setzen. In der 3. Folge von „DEINE STORY – MEINE STIMME“ geht es um die Sinnessuche einer Frau, die endlich mal raus aus den eingefahrenen Spuren wollte – und dabei irgendwo vom Weg abkam.

3. Episode: Sandra und der Fluch der Maori:

Die Seite zum Podcast „DEINE STORY – MEINE STIMME“

Ein Leben in vier Fotokisten

„Kannst du mir sagen“, ruft die Frau an meiner Seite aus ihrem Zimmer, das seit Tagen zur Fotokammer verkommen ist, „warum wir gleich neun Fotos von Cassian beim Ostereier malen aufheben mussten?“ Ja, ich kann es ihr erklären: „Weil wir neun Fotos gemacht haben, deshalb!“ So, und jetzt? Stehen wir da mit Tausenden von Fotos, mit denen wir unser kleines Leben bis hierher dokumentiert haben.

Fotos vom Strand, Fotos vom Wandern. Babyfotos und Bilder von der Rockband, die gnädig genug war, mich aufzunehmen. Und jede Menge Partyfotos!

„Kein Wunder“, stöhnt die Frau hinter dem Fotoberg hervor, „waren unsere Konten so oft blank“. Stimmt: Partys waren bei uns eigentlich dauernd angesagt: Geburtstagsparty, Kanada-Jubiläum, Halloween-Party, Zauberfest, Jamming-Party, Kostüm-Party, Oktoberfest, Wiedersehens-Party mit Freunden, die schon lange nicht mehr hier waren. Wir liebten Partys. Und viele Menschen, die bei uns ein- und ausgingen, liebten sie auch.

Vier Kisten. Ein Leben.

Und dann die unzähligen Besucherfotos: Freunde, Familie, Verwandte, Kollegen. Kollegen von Kollegen und Freunde der Kollegen von Kollegen, auch Freunde von Verwandten, die wir vorher und hinterher nie mehr gesehen haben – bei uns ging 25 Jahre lang alles ein und aus, was in Kanada ein Bett mit Familienanschluss suchte.

Als wir dann in einem Jahr zwischen April und Oktober nur eine einzige Woche keinen Besuch hatten, fiel der Entschluss: Das „Hotel Bopp“ bleibt bis auf weiteres geschlossen.

Mangelnde Gastfreundschaft kann man uns eigentlich nicht vorwerfen. Dachte ich immer. Doch auch in diesem Punkt kann man sich täuschen …

„Schau mal, wie jung wir da aussehen?“, schallt es irgendwann aus der Fotokammer. „Wir sahen nicht jung aus, mein Schatz. Wir waren jung!“

Fotos aussortieren ist nicht nur körperliche Arbeit, sondern auch emotionale. Mutter noch kurz vor ihrem tödlichen Verkehrsunfall. Vater wenige Wochen, ehe auch er verstarb. Kinder vor und nach der Schule. Kinder von Menschen, die wir kaum kannten, deren Kinder sich aber wohl fühlten bei uns.

Das erste eigene Haus, der erste blühende Garten, der erste Pool, die erste Sauna, die Cottage, das erste schöne Auto. Bella, unser Hundemensch, Mimi und Minimax, unsere Streunerkatzen. Und dazwischen immer wieder Partytime. Und natürlich Besucher.

Etwas ist uns beim Aussortieren der Bilder aufgefallen: Es gibt so gut wie keine Kindefotos von uns.

Schon klar: Kurz nach Kriegsende hatten unsere Eltern andere Sorgen als zum Fotografen ins Studio zu rennen, der zu jener Zeit sicher gut davon leben konnte, Soldatenfotos zu retuschieren. Und außerdem: Wer hatte denn damals schon eine Kamera? Filmrollen waren dazuhin teuer wie Gold.

Doch dann, als Kameras und Filme erschwinglich wurden, kam plötzlich die Papierfotoflut. Und natürlich Dias. Selbst Super-Acht-Filmchen sind aufgetaucht.

„Wie?“, fragt die Frau jetzt beim Sortieren, „du konntest dir als Neunzehnjähriger schon eine Filmkamera leisten?“ „Nicht wirklich“, antworte ich ihr. „Die Kamera war ein Tauschgeschäft. Filmkamera für ein Banjo“. (Dass ein Erwachsenenleben später mir der damalige Tauschpartner das Banjo wieder zurückgegeben hat, ist eine Geschichte für sich).

Vier Tage lang dauerte das Aussortieren der Bilder. Und noch immer sind vier Obstkisten große Plastikcontainer übrig. Mit Alben, CD-ROMs, ungültigen Pässen inklusive alten Passbildern. Und natürlich noch immer Fotos, Fotos, Fotos.

Nächster Schritt: Digitalfotos sortieren. Zur Stunde staplen sich 52.872 davon auf diversen Festplatten. Von der Cloud ganz zu schweigen.