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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Wenn die Nerven blank liegen

Dr. Karine Dion (1985-2021)

“Tod eines Engels”, hatte ich diesen Blogpost zunächst überschrieben. Aber dann war mir der Titel doch zu reißerisch und ich habe mich für die Nerven entschieden, die blank liegen. Wobei der Begriff “Engel” im Zusammenhang mit den Frontlinern, die Tag für Tag ihr Leben für Covid-Patienten riskieren, durchaus angemessen wäre. So ein Engel ist jetzt gestorben. Die Notärztin Dr. Karine Dion hat sich das Leben genommen. Verheiratet, Mutter eines kleinen Kindes, gerade mal 36 Jahre alt.

Jedes Ereignis hat sein Gesicht. Beim Sturm aufs Capitol war es der Verrückte mit den Hörnern. Bei der Flüchtlingskrise gehen einem die Bilder von Rettungsversuchen auf hoher See nicht mehr aus dem Kopf.

Seitdem der Tod von Dr. Karine Dion in den Montrealer Medien die Runde machte, ist die junge Ärztin aus dem hübschen Örtchen Roxton Pont mein ganz persönliches Corona-Gesicht.

Sie sei auch unter der Last zusammengebrochen, der sie seit Beginn der Pandemie in der Notaufnahme eines Krankenhauses der Stadt Granby ausgesetzt war, heisst es im Nachruf ihrer Familie.

Es ist nicht etwa so, als hätte man uns nicht gewarnt. Immer wieder war von Burnouts die Rede, von psychischen Belastungen, die Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und RettungssanitäterInnen an ihre Grenzen brachten.

In der Provinz Quebec mit ihren 8 Millionen Einwohnern infizieren sich zurzeit pro Tag etwa 2000 Menschen neu mit dem Virus. Die Krankenhäuser drohen unter den Massen von Patientinnen zu kollabieren, die täglich neu eingeliefert werden.

Erst heute sagte der Chefarzt einer Klinik im Stadtteil Rosemont im Fernsehen: “Bald wird es soweit sein, dass wir uns fragen müssen, ob wir ältere Covid-Patienten an der Beatmungsmaschine lassen oder diese freimachen für die Jüngeren”.

Was für eine gruselige Entscheidung.

Seit März 2020 haben sich in Quebec mehr als 30.000 Männer und Frauen allein aus dem medizinischen Bereich mit Covid angesteckt. Rund 7000 von ihnen sind nicht mehr an ihre Arbeitsstellen zurückgekehrt. Weil sie ausgebrannt waren, weil sie Angst hatten vor neuen Infektionen, weil sie sich endlich wieder einmal um ihre Familien kümmern wollten.

In Montreal und dem Rest der Provinz gelten seit gestern wieder verhärtete Lockdown-Bestimmungen. Die nächtliche Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und 5 Uhr morgens soll nach den Worten von Ministerpräsident François Legault als eine Art “Schocktherapie” wirken.

Doch egal, wie sehr sich die Politik bemüht, die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen, die Uneinsichtigen wird es immer geben.

Jeder dritte Quebecer kümmert sich noch immer nicht um die Einhaltung der Corona-Bestimmungen. Fast die Hälfte aller Erwachsenen hat sich auch von mehr als 8000 Covid-Toten nicht davon abhalten lassen, Weihnachten mit Freunden und Familienangehörigen zu feiern, die außerhalb ihrer “bubble” liegen.

Und dann natürlich die ganz Bescheuerten, die pünktlich zu Beginn des Ausgehverbots glaubten, noch kurz gegen die Corona-Bestimmungen demonstrieren zu müssen.

Geht’s noch?

Diese Frage könnt Ihr Euch heute selbst beantworten, Ihr Maskenverweigerer, Ihr Impfzögerer, Ihr sogenannten Freiheitskämpfer.

Feiglinge seid Ihr. Und irgendwo auch Schuld am Tod von Dr. Karine Dion.

Für sie, ihren Ehemann und ihren kleinen Sohn stellt sich die Frage definitv nicht mehr. Es ging einfach nicht mehr.

Harter Lockdown weichgespült

Nachdem wir neun Monate lang coronamäßig vor uns hin gewurschtelt haben, kommt jetzt also am Samstag der harte Lockdown in Quebec: Ministerpräsident François Legault spricht von einer “Schocktherapie”. Schon klar: Irgend etwas muss geschehen, sonst kommen wir nie runter von den zweieinhalbtausend Neuinfizierten pro Tag in einer Provinz, die gerade mal 8 Millionen Einwohner hat. Aber so?

Einfach mal zurücklehnen und einsinken lassen: Ich kann zwar eine Reinigungskraft mit ihrem Equipment in meine Wohnung lassen, wo sie dann mit jener Bürste den Dreck abschrubbt, die sie kurz zuvor in ein paar anderen Apartments verwendet hat. Aber mit meinem Kumpel darf ich keinen Spaziergang im Park machen, auch wenn wir die zwei Meter Abstand einhalten und Maske tragen.

Ich darf nicht mit meinem Sohn spazieren gehen, weil wir nicht in dieselbe Familienblase gehören. Wenn mir aber danach ist, kann ich ihn zum Skifahren mit in die Berge nehmen, wo wir dann am Lift in der Schlange stehen.

Ich darf meine Freunde hier um die Ecke nicht besuchen. Wenn mir aber danach ist, fahre ich mit dem Taxi zum Airport, mache zwei Wochen All-inclusive-Urlaub in Kuba und stelle mich mit irgendwelchen Superspreadern ans Büffet.

Geht’s noch?

Wir dümpeln seit unserer Rückkehr aus Spanien im März vor uns hin. Irgendein Lockdown war immer. Mal ein weicher, mal ein harter. Mal darf uns der Sohn empfangen, mal nicht. Wir haben Weihnachten zu zweit gefeiert und Silvester auch.

Mindestens 20 kanadische Politiker, darunter Spitzenpolitiker wie der Finanzminister der Provinz Ontario, hatten es da besser. Sie haben ihre Weihnachtsferien nachweislich in der Karibik, in Mexiko oder Griechenland verbracht.

Und wir? Wagen uns kaum aus dem Haus, weil uns genau diese Politiker nämlich seit fast einem Jahr mit der Mantra nerven: “Stay home!”

Ab Samstag also der ganz harte Lockdown. Im Grunde gibt es dagegen nichts einzuwenden. Die Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und 5 Uhr morgens halte ich aus. Nur: Die Art und Weise, wie diese Maßnahmen kommuniziert werden, machen mich wütend.

Null Transparenz. Schwammige Rhetorik. Keiner blickt mehr irgendwas.

Wie wär’s, wenn wir die politischen Entscheidungsträger in einen längeren Lockdown schicken würden? Vielleicht kämen sie dann mit ein paar brauchbaren und vor allem gut vermittelbaren Vorschlägen wieder aus ihren Corona-Löchern gekrochen.

So wird das jedenfalls nichts mit der neuen Freiheit, nach der wir uns alle so sehnen.

Kurz vor 2021 noch ein Rutsch

Danke, aber den Rutsch ins neue Jahr braucht ihr mir nicht zu wünschen – den hatte ich schon. Und auf ein Feuerwerk kann ich auch verzichten, denn die Sternchen gab’s umsonst. Kein Witz: Gestern nachmittag, am vorletzten Tag des Jahres 2020, bin ich mit dem Hinterkopf voll aufs Eis geknallt, so dass ich im ersten Moment dachte: Das war’s jetzt mit dem neuen Jahr.

Aber et hätt wieder mal jot jejange, wie meine Kölner Freunde sagen würden. Hirn und Hände funktionieren noch.

Danke für die Treue, die viele von euch den BLOGHAUSGESCHICHTEN jetzt schon seit fast zehn Jahren halten. Ohne euch würde mir das Schreiben und Fotografieren nur halb so viel Spass machen.

Danke auch für eure vielen Likes und die zahlreichen Kommentare. Auch wenn’s mal wieder mehr als eine Meinung gab, freue ich mich immer über Diskussionen aller Art.

Danke auch für den furiosen Start, zu dem viele von euch meinem neuen Podcast veholfen haben. „DEINE STORY – MEINE GESCHICHTE“ wurde schon kurz nach Erscheinen massenhaft auf Spotify, Aplpe Podcasts, Google Podcasts und anderen Plattformen besucht und abonniert.

Euch allen wünsche ich einen geschmeidigen Rutsch ins neue Jahr. Bedanken möchte ich mich mit einem Zitat von Erich Kästner, auf das mich meine Blogger-Freundin Christa („CHRISTAS BÄRIGER BLOG“) heute früh schon gebracht hat:

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“

HAPPY NEW YEAR – GUTEN RUTSCH – BONNE ANNÉE – FELIZ AÑO NUEVO

Sex, Drogen und Knast: Ein verhängnisvoller Dreier

ACHTUNG: NICHT GANZ JUGENDFREI – Wenn zwei Frauen einen Mann lieben – und sich gegenseitig auch, dann wäre allein das schon eine prickelnde, kleine Geschichte. Aber die Story von Luca und seinem Dreierverhältnis fängt hier noch nicht einmal richtig an. Es geht um Sex und Drogen, um Rache und Liebe, um Verrat und Knast – das volle Programm. Die Geschichte spielt in Montreal, das manchmal auch das „Paris des Nordens“ genannt wird. Kein Wunder, denn diese Story hat es in sich.

2. EPISODE: Sex, Drogen, und ein verhängnisvoller Dreier

Du möchtest Deine Geschichte erzählt haben? Schick‘ sie mir! Einzelheiten gibt’s auf der Podcast-Seite

Der „Secret Santa“ von Edmonton

Gedicht und Geschenkkarte: „A gift keeps on giving“. (© Screenshot CBC)

Weil 2020 schon genug Horrorgeschichten hervorgebracht hat, will ich das Jahr mit einer „Feel-Good-Story“ enden lassen. Es ist die Geschichte eines anonymen Schenkers (oder auch einer Schenkerin?), die zu Weihnachten 400 Haushalte mit Geschenkgutscheinen im Wert von je 250 Dollar beglückt hat.

North Glenora ist ein Bezirk von Edmonton, der, man ahnt es, nicht zu den teuersten Wohngegenden der Hauptstadt der Provinz Alberta gehört. Dort wohnen Leute wie Elisha Tennant. Die junge Frau hatte während der Pandemie ihren Job verloren und damit manchmal auch die Hoffnung, einigermaßen über die Runden zu kommen.

Als sie Heiligabend vor ihrer Haustür einen weissen Umschlag mit der Aufschrift „Secret Santa“ vorfand, dachte sie zunächst an eine Postwurfsendung, wie man sie in der Weihnachtszeit ja öfter mal ungefragt bekommt. Dann öffnete sie den Brief und fand ein in Kleinbuchstaben getipptes Gedicht vor. Und einen 250-Dollar-Geschenkgutschein von Walmart.

„Ich habe den ganzen Tag nicht aufgehört, vor Rührung zu weinen“, sagte die Frau einem lokalen Fernsehsender. Der Gegenwert des Gutscheins reiche ihr für einen Monat Lebensmittel einkaufen.

In einem anderen Stadtteil wohnt Christina Ignacio-Deines mit ihrer Familie. Auch sie fand den anonymen Brief vor ihrer Haustür. Und auch sie hatte während der Corona-Krise ihre Arbeit als Eventplanerin verloren. Doch ihr Mann arbeitete wie gewohnt weiter und es reichte, um ihre kleine Familie über Wasser zu halten.

Christina zögerte nicht lange und verschenkte den Gutschein an eine Organisation, die Menschen hilft, denen es schlechter geht als ihnen.

Vierhundert Familien waren es wohl, die mit den „gift certificates“ beschenkt wurden, berichtet der staatliche Fernsehsender CBC. Wer hinter der Aktion „Secret Santa“ steht, ist nicht klar. Nur so viel, dass er oder sie Hunderten von Menschen eine Freude gemacht hat.

Auch das Gedicht, das in jedem Umschlag steckte, hat es in sich. Es heißt dort: „Auch wenn es so aussieht, als sei die ganze Welt in eine schwarze Wolke gehüllt, gibt es eben auch Licht in diesen dunklen Zeiten. Man muss nur genau hinschauen“.

Im letzten Satz des Briefs appelliert der anonyme Spender noch an die Fairness der Empfänger: „Wenn Du jemanden kennst, der das Geld nötiger hat als Du, dann verschenke es bitte weiter“. Christina Ignacio-Deines hat es getan – und vermutlich noch viele andere.

Im Englischen gibt es für diese Art des Verschenkens einen hübschen Ausdruck: „A gift keeps on giving“. Der „Secret Santa“ von Edmonton hat die Form des Schenkens neu definiert.