Von Montréal ins Weiße Haus?

Coverfoto aus der New York Times

Joe Biden geht, Kamala Harris kommt. Die US-Vizepräsidentin und mögliche Präsidentschafts-Kandidatin verbrachte ihre Teenager-Jahre in Montréal. Aus aktuellem Anlass hier noch einmal ein Blogpost, der zuerst am 20. Januar 2021 veröffentlicht wurde.

Kamala Harris ist nicht nur eine der mächtigsten Frauen der Welt. Sie ist auch eine der bekanntesten Ex-Montrealerinnen. Die Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten kam als Zwölfjährige aus Kalifornien in die Stadt meines Herzens und blieb dort bis zum Ende ihrer High-School-Zeit.

Im Villenviertel Westmount besuchte die Tochter einer indischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters von 1981 an die „Westmount High School“ bis zu ihrer „Graduation“.

„Ich war zwölf und lebte glücklich im sonnigen Kalifornien“, erzählte die gebürtige Amerikanerin einem Journalisten „da beschloss meine Mutter, mit mir und meiner Schwester Maya nach Kanada zu ziehen“.

Kamalas Mutter, Dr. Shyamala Gopalan Harris, war als Wissenschaftlerin nach Montreal gekommen. An der McGill University und dem „Jewish General Hospital“ arbeitete sie als Forscherin auf dem Gebiet der Brustkrebs-Mutationen.

Als sie mitten im Schuljahr in Kanada eintrafen, hatte es in Montreal gerade einen halben Meter geschneit. „Unsere Mutter kaufte uns erst einmal dicke Winterjacken“, erinnert sich Harris. „Ziemlich uncool und nicht gerade das, was man sich als junges Mädchen wünscht“.

Doch der dunkelhäutige Teenager integrierte sich schnell im schon immer multikulturellen Montreal. Schon kurz nach ihrer Ankunft organisierte sie eine Demo mit anderen Kindern. Der Besitzer eines Apartmentgebäudes in ihrer Nachbarschaft hatte den Kindern verboten, vor dem Haus zu spielen.

Die Protestaktion hatte Erfolg. Ab sofort durften sich die Westmount Kids wieder vor besagtem Haus tummeln.

War sie ein wilder Teenager, der keine Party ausließ? Oder doch eher der Bücherwurm, der es später in Kalifornien zur Senatorin brachte? So richtig festlegen wollen sich ihre früheren WeggenossInnen nicht.

Sie habe Michael Jackson geliebt, heißt es immerhin. Ein paar Fotos sind aufgetaucht, auf denen sie in Partystimmung zu sein scheint. Aber von „wild“ keine Spur.

Wild vielleicht nicht, dafür aber freundlich und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Die Kinder-Demo vor dem Apartmentgebäude war wohl nicht die einzige Aktion, in der sie sich für die Rechte von MitschülerInnen einsetzte.

Es gab da auch ein Mädchen in ihrer Klasse, das Kamala anvertraute, wie es vom Stiefvater missbraucht wurde. Kamala Harris erzählte es ihrer Mutter. Die wiederum sorgte dafür, dass das Mädchen zu ihnen ins Haus zog – weg vom Stiefvater.

Bis heute, so heißt es, seien das Montrealer Missbrauchsopfer und die jetzige Vizepräsidentin noch eng befreundet.

Gut möglich, dass sich Kamala Harris auch mit Leonard Cohen angefreundet hätte. Auch der besuchte die besagte „Westmount High School“. Allerdings schon 30 Jahre früher.

„Schütza“-Post aus Ummendorf

In Biberach geht an diesem Wochenende das traditionelle „Schützenfest“ zu Ende. Eine Woche lang wurde gefeiert, getanzt, getrunken und immer wieder gesungen. „Rund um mich her ist alles Freude“, heißt das „Schützalied“, das in meiner oberschwäbischen Heimat schon jedes Kind kennt.

Dass ich es mit meinem kleinen Blogpost von neulich in den Lokalteil der „Schwäbischen Zeitung“ geschafft habe, freut mich – und ehrt mich auch ein bisschen. Schön, wenn sich Menschen nach so vielen Jahren noch an einen erinnern. Immerhin habe ich fast mein ganzes Erwachsenen-Leben im Ausland verbracht.

Die erste, die den Text entdeckt und mich im fernen Kanada informiert hatte, war meine Schulfreundin Irmgard Ströbele. Es folgten meine Brüder Eberhard und Wolfgang, mein Freund Uli und eine Handvoll weiterer WeggefährtInnen aus Ummendorfer und Biberacher Zeiten.

Den Aufmacher habe ich übrigens dem Krimi-Autor Uli Herzog, zu verdanken. Der hatte ohne mein Wissen dem Lokalchef der SZ meinen Blog-Text zugeleitet.

Gerd Mägerle, den ich schon lange als einen Lokalredakteur mit einem Näschen für gute Geschichten schätze, fing den Ball auf und fragte ganz offiziell bei mir um Abdruckgenehmigung. Ob er diesen „herzallerliebsten und anrührenden Text“ veröffentlichen dürfe, wollte er wissen. Die Online-Version in Schwäbische.de finden Sie >> HIER <<

Mit der Schwäbischen Zeitung, deren Redaktionsräume noch immer am historischen Biberacher Marktplatz liegen, verbindet mich übrigens mehr als nur diese eine Geschichte. Ich habe dort eine dreijährige Schriftsetzerlehre absolviert, ehe ich den Schritt in den Journalismus machte.

Schön, wie sich der Kreis wieder schließt. Sag ich doch: „Rund um mich her ist alles Freude“.

Der Traum vom Trommler

IMMER NUR ZAUNGAST: Die „Biberacher Schützentrommler‘ heute früh im Livestream.

Es gibt viele Träume, die ich mir in meinem Leben erfüllen konnte. Einer wird immer nur das bleiben: ein Traum. Ich werde niemals Trommler im Biberacher Schützenumzug sein. Dabei hätte ich als Kind alles stehen und liegen lassen, um einmal, nur ein einziges Mal, am Umzug des Biberacher Schützenfests mitlaufen zu dürfen.

Von meinem Glück trennten mich nur fünf Kilometer. Ich war aus Ummendorf und nicht aus Biberach. Ein Schützentrommler musste Biberacher sein. Der Ummendorfer war Zaungast, dem Biberacher gehörte die Welt. Und sei es nur für zwei Stunden im Jahr, wenn der historische Umzug mal wieder durch die Straßen der Altstadt zog.

Eben habe ich den Livestream vom „Schitza-Omzug“ im Internet gesehen. Es war mir ein Fest.

Aus der Ferne verklären sich manche Erinnerungen und das Alter trägt auch seinen Teil dazu bei. Ob es wirklich so viel Spaß gemacht hätte, schon wochenlang vor dem Umzug unter dem Zepter eines gestrengen Tambourmajors zu den Trommlerproben zu gehen, um dann in der Juli-Hitze in voller Montur kilometerweit im Gleichschritt durch die Gassen der Altstadt zu marschieren? Ich werde es nie erfahren.

Was ich weiß ist, dass ich die Buben – und damals waren es halt mal nur Jungs und keine Mädchen – tierisch darum beneidete, dass sie am größten Festtag des Jahres, am Schützendienstag, mittrommeln, mitlaufen und sich von Tausenden von Zuschauern bejubeln lassen durften, während ich sie vom Straßenrand aus beklatschen musste.

Die Blechtrommel, die mir  Vater dann irgendwann auf dem Jahrmarkt am „Gigelberg“ gekauft hatte, weil ich wohl keine Ruhe ließ, war gut gemeint. Aber sie war nicht mehr als ein trauriger Abklatsch dessen, was der richtige Schützentrommler um den Hals hängen hat: Keine billige Blechtrommel, sondern ein straff gegerbtes Fell, das den schönsten Ton hervorbringt, den ich mir als Kind vorstellen konnte: den satten Klang der Biberacher Schützenmusik.

Vater kannte meine Sehnsüchte. Zum Trost gab es in seinem Malerbetrieb jede Menge Farb-Eimer, die als Trommeln herhalten mussten, wenigstens das.

So bildeten wir, eine Handvoll Ummendorfer Buben aus der Nachbarschaft, unsere eigene Schützenkapelle, mit selbstgebastelten Instrumenten. Was für ein unsagbar trauriges Bild das gewesen sein muss!

Die Trommeln waren, weil damals nichts etwas kosten durfte, aus Blech und nicht aus Fell. Dabei hätte mir auch eine Blechtrommel genügt, um am Original teilnehmen zu dürfen, am Biberacher Schützenumzug.

Der Zaungast in mir wird wohl immer mein großes Schützen-Trauma bleiben. Wie an diesem Dienstagmorgen, da ich die Schützentrommler vom fernen Kanada aus auf dem Bildschirm bewundere.

„A scheene Schütza“ allerseits!

Flüchten vor der Bettflucht

Wer, sagen wir mal, über 70 ist, weiß vielleicht, wovon ich rede. Das nächtliche Schlafbedürfnis nimmt ab, die Müdigkeit während der Wachperioden zu. Und mit jedem Tag fällt es schwerer, sich einzugestehen, dass sich etwas verändert hat.

Aber was nur? Nennen wir es einfach mal: Alter. Manche nennen es auch präsenile Bettflucht.

Was tun, wenn sich morgens um drei, vier oder fünf der innere Wecker im Kleinhirn meldet und dir ohne Gnade signalisiert: Aufstehen, Freundchen. Genug gepennt.

Dann hat das Freundchen zwei Möglichkeiten: Es zwingt sich, doch noch eine Runde zu schlafen und kapituliert schon nach wenigen Minuten vor der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens. Oder aber das Freundchen bekämpft seinen inneren Schweinehund, macht sich leckere Sandwiches, ein bisschen Obst und Kaffee aus der Thermoskanne zurecht und sattelt das Rad.

Gedacht, getan.

Wer an einem lauen Sommermorgen im Juli, morgens zwischen fünf und sechs, noch nie sein Gesicht von einer zarten Brise streicheln ließ, weiß nicht, was er verpasst hat.

Du packst also die mitgebrachten Sandwiches an einem schattigen Picknicktisch am Alten Hafen aus und stellst dir vor, du wärst jetzt auf dem Jakobsweg. Ein bisschen Camino geht immer, auch wenn die Beine nicht mehr wollen, wie sie sollen. Dafür gibt es schließlich das Fahrrad.

Ist erst einmal der Aufstieg auf den Sattel geschafft, steht einer Tour am Lachine-Kanal entlang nichts mehr im Wege. Fast menschenleer ist um diese Zeit noch der Radweg, auf dem sich schon in wenigen Stunden wieder Tausende, ach was: Zigtausende Montrealer tummeln werden, um eine der schönsten Strecken der Stadt abzustrampeln.

„Wollen wir das öfter machen?“, frage ich Lore. „Ja, gerne“, sagt sie, „aber nicht zu oft. Sonst ist es ja nichts Besonderes mehr.“ Genau. Dann denken wir uns beim nächsten Mal eben etwas Neues aus.

Wie wär’s mit Brückenklettern morgens um drei?

Sommermorgen am Lachine-Kanal.
Bei uns haben die Sandwiches einen Namen: Einmal mit und einmal ohne Fett.
Menschenleer, wo sich schon bald die Massen tummeln.

To all my English-speaking readers: This time Google Translate really missed the mark. The headline actually has nothing to do with „bed-wetting.“ It simply means „The escape from escaping the bed.“

Freunde auf Leben und Tod

WIEDERSEHEN IM REMSTAL: Mit Uli Reinhardt und Ingrid Eißele (2018)

Wer den Luxus hat, auf ein gelebtes Leben zurückblicken zu können, verfügt nicht nur über eine Menge Erfahrung, sondern – wie in meinem Fall – auch über ein paar Freunde, die ihn ein Leben lang begleiten.

Einer dieser Freunde ist Uli Reinhardt, ein Pressefotograf von internationalem Ruf. Mit ihm und seiner Frau Ingrid Eißele, einer renommierten „Stern“-Reporterin, verbindet mich seit fast einem halben Jahrhundert eine wunderbare Freundschaft.

Das Glück, solche Freunde zu haben, wurde mir wieder klar, als ich eben – eher zufällig, denn Uli geht nicht mit seinen Erfolgen hausieren – auf einen Artikel in der „Stuttgarter Zeitung“ gestoßen bin. Darin ist von Uli und der schicksalhaften Begegnung mit seinem Freund, dem damaligen „Stern“-Reporter Gabriel Grüner, die Rede.

Grüner, der Fotoreporter Volker Krämer und der Übersetzer Senol Alit wurden vor 25 Jahren auf dem Dulje-Pass im Kosovo von einem russischen Söldner kaltblütig erschossen. Zuvor war es dort zum Streit zwischen serbischen Soldaten und dem Übersetzer gekommen. Plötzlich griff ein russischer Söldner – ein fanatischer Albaner-Hasser, wie sich später herausstellen wird – zu seiner Kalaschnikow und feuerte auf den Wagen.

Volker Krämer und Senol Alit starben auf der Stelle, Gabriel Grüner erst mehrere Stunden später in einem britischen Feldlazaarett. Uli und seine Frau Ingrid, die einem zweiten „Stern“-Reporter-Team angehörten, waren in dem Moment des Attentats wie durch ein Wunder nicht zur Stelle.

Uli Reinhardt hat den Dreien zur Erinnerung des gewaltsamen Todes ein Denkmal errichtet, das er seither jedes Jahr besucht. Davon ist in dem Artikel in der „Stuttgarter Zeitung“ die Rede, den Sie am Ende dieses Blogposts als PDF-Datei finden.

Vielleicht nicht ganz unpassend zu dieser Geschichte: Ich bin vor ein paar Tagen kurz über die amerikanische Grenze (10 Minuten von hier) gefahren, um in einem Elektromarkt ein Kabel zu kaufen. Auf dem Parkplatz kam ein Mann, gut gekleidet, etwa 60, auf mich zu und hatte ein paar Fragen zu meinem Auto, einem kleinen Mercedes B-Klasse.

Er hasse deutsche Autos und er verachte „die Deutschen“, sagte er in einem harten, schwer verständlichen Englisch. Er sei Serbe und wünschte sich, dass kein Deutscher je einen Fuß auf den Boden seines Landes gesetzt hätte. „You cannot trust the Germans!“, schimpfte er noch, ehe ich entnervt die Fensterscheibe hochfuhr, denn irgendwann war gut mit den Beleidigungen.

Ein Unbelehrbarer also und das Gegenteil von dem, was Uli Reinhardt und Gabriel Grüner praktizierten und immer noch praktizieren: Völkerverständigung und Versöhnung.

Die Konversation mit diesem Mann hat mich verwirrt, die Lektüre des Artikels in der Stuttgarter Zeitung wieder versöhnt. Lesen lohnt sich.