Keine Gay-Parade ohne Justin

IMG_7453Wer traut sich, wer kneift? Kommt der Landesvater von Quebec dieses Jahr, wo er sich doch letztes Jahr wegen seines Fernbleibens vernichtende Schlagzeilen holte? Und was ist mit dem Parteivorsitzenden im Turban? Marschiert Jagmeet Singh mit, oder bleibt er doch lieber im kuscheligen Ottawa, wo Kopfbedeckungen nicht die brisante Rolle spielen wie in Quebec? Es ist kompliziert.

Die jährliche Gay Pride Parade ist auch im liberalen Kanada jedes Jahr aufs Neue ein politisches Spiel. Keiner versteht es besser zu spielen als Justin Trudeau.

Auf den auch noch mit 47 supercoolen Sunnyboy, der sich im Herbst zu Neuwahlen stellt, ist stets Verlass. Vermutlich würde er eher eine Audienz beim Papst platzen lassen als die jährliche Regenbogen-Parade.

Mit schöner Regelmäßigkeit marschiert Trudeau bei allen Gay Pride-Umzügen in Vancouver, Toronto und Montreal mit. Egal, wo er auftaucht, sorgen vor allem weibliche Justin-Fans für Trudeaumania.

Auch Jagmeet Singh, der Mann mit Turban, der den Sozialisten Im Bundesparlament vorsteht, ließ sich heute die Teilnahme nicht nehmen. Genau so wenig wie die Grünen-Vorsitzende Elizabeth May und die Oberbürgermeisterin von Montreal, Valérie Plante.

Geschlossen marschierten sie an diesem heiss-schwülen Sommernachmittag durch die Straßen von Kanadas zweitgrößter Stadt.

Auch der Quebecer Ministerpräsident François Legault war dieses Mal dabei – ein Mann, der sich bislang nicht gerade durch progressives Verhalten gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten hervorgetan hat, mischte in der ersten Reihe mit.

Nur einer fehlte: Andrew Scheer, der ultrakonservative Populist, der gute Chancen hat, im Herbst Justin Trudeau abzulösen. Traute er sich nicht, sich Seite an Seite mit schrill gekleideten Schwulen, Lesben und Transgendern zu zeigen?

Schon klar: Bei kernigen Weizenfarmern und Rinderzüchtern im wilden kanadischen Westen, wo sich Andrew Scheer im Herbst die entscheidenden Stimmen erhofft, die ihn ins höchste kanadische Amt befördern könnten, kann er bestimmt nicht punkten, indem er sich im Dunstkreis von Vertretern gleichgeschlechtlicher Liebe bewegt.

Schwer zu glauben, dass es diese Art von Berührungsängsten im sonst so fortschrittlichen Kanada noch gibt.

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Politisches Punktesammeln bei der „Gay Pride Parade“: Premierminister Justin Trudeau (rechts aussen im rosaroten Hemd). Quebecs Ministerpräsident François Legault (vordere Reihe im gestreiften Hemd) und die Montrealer Oberbürgermeisterin Valérie Plante (blaues Kleid). Alle Fotos: © Bopp

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Der „Magische Bus“ von Alaska

Es war wieder einmal mein kluger, aufmerksamer Freund Philipp, der mich auf das heutige Blog-Thema gebracht hat. Philipp hatte auf der Webseite von SWR3 gelesen, dass eine  24jährige Frau aus Weißrussland auf dem Weg zum „Magischen Bus“ in Alaska in den Fluten des Teklanika Rivers ertrunken ist. Beim Lesen erinnerte sich Philipp an eine Geschichte, die ich damals für den PLAYBOY geschrieben hatte.

Nach dem Tod eines jungen Abenteuers namens Alec McCandless bin ich seinerzeit quer durch Amerika bis hinauf nach Alaska gereist, um auf den Spuren dieses Aussteigers zu wandern. Später wurde die Geschichte von Sean Penn verfilmt. „Into the Wild“ wurde ein Hit im Kino. Und auch Jon Krakauer hat ein Buch darüber geschrieben.

Aus aktuellem Anlass also hier noch einmal das Making-Of meiner PLAYBOY-Reportage vom Spätsommer 1992:

Hinter kleinen Meldungen stecken oft große Geschichten. Ein Trapper habe die Leiche eines jungen Mannes entdeckt, hieß es im Nachrichtenticker, irgendwo im Busch von Alaska. Bei dem Toten handle es sich um einen 24jährigen Aussteiger. Aus diesen dürren Worten ist die wohl spannendste Reportage meiner Korrespondenten-Zeit entstanden. Die Spurensuche für den „Playboy“ führte mich quer durch Amerika und endete in Alaska. Jahre später nahm sich Hollywood des Themas an. Daraus wurde „Into The Wild“ von Sean Penn.

Es war im Spätsommer 1992, als die Agenturmeldung über den Ticker kam. Tragisch zwar, wie viele guten Geschichten. Aber in der nachrichten-armen Zeit bestens geeignet für einen kurzen Radiobeitrag. Telefon-Recherche beim Sheriff in Fairbanks/Alaska – und fertig war das Stück. Am nächsten Tag berichtete ich für mehrere ARD-Sender über das tragische Schicksal des Christopher McCandless, der Tausende Kilometer von Zuhause tot aufgefunden worden war. Bis dahin: Reporter-Routine.

Abenteuer, Freiheit, Reisen, Frauen: Perfekt für eine „Playboy“-Reportage

Playboy-Ausgabe 11/1992

Dann passierte etwas Überraschendes: Ein Redakteur des Männermagazins „Playboy“ rief bei mir an. Er hatte den Beitrag auf (damals) SWF3 gehört. Der Kollege meinte, die Story enthalte sämtliche Elemente, die Playboy-Leser ansprechen: Abenteuer, Freiheit, Reisen. Und, wie sich später herausstellte, auch Frauen. Denn Christopher McCandless, der sich „Alex“ nannte, war ein Schwerenöter, den die Frauen liebten. Ob ich Lust hätte, fragte der Kollege aus München, für den Playboy zu recherchieren, wie aus dem Sohn einer wohlhabenden amerikanischen Familie ein Aussteiger geworden ist, der in Alaska, in the middle of nowhere, elendig zu Tode gekommen war.

Ein paar Tage später war ich on the road. Von Montréal aus führte mich die Reporterreise durch den amerikanischen Getreidegürtel nach South Dakota, Montana, Wyoming, später nach Seattle und von dort aus nach Alaska. In South Dakota verbrachte ich einige Tage mit dem Erntehelfer Wayne Westerberg, einem Navajo-Indianer, der von dänischen Eltern adoptiert worden war. Wayne war für Alex so etwas wie Vater-Ersatz. Alex, der kluge Kopf von der Ostküste. Wayne, der schlaue Fuchs aus South Dakota.

Mit Jack Daniels im Pickup-Truck durch die Prärie

Die Geschichte hinter der Geschichte habe ich den oft nächtelangen Gesprächen mit Wayne Westerberg zu verdanken. Zusammen fuhren wir in einem verbeulten Pickup-Truck durch die Prärie. In der linken Hand eine Flasche Jack Daniels, in der rechten das Lenkrad – so tuckerte ich mit diesem ungewöhnlichen Mann durch den mittleren Westen Amerikas.

Letzte Station meiner Reporter-Reise war Fairbanks/Alaska. Aufgrund der Tagebuch-Aufzeichnungen des jungen Aussteigers wusste ich, wer für mich als Zeitzeuge von Interesse sein könnte. Einer davon war Butch Killian, ein Fallensteller. Er war es, der den toten Alex in einem ausrangierten Stadtbus gefunden hatte – mitten im Busch.

Blockhüttenzauber beim Fallensteller in Alaska

Trapper Butch in Alaska

Fallensteller sind Nomaden ohne festen Wohnsitz. Den Trapper  Butch Killian in der Wildnis von Alaska zu finden, war eine der größten Herausforderungen meines Journalisten-Lebens. Eine zahnlose Indianerin hatte mir den Tipp in einem Coffee Shop am Highway #3 gegeben. Butch Killian lebte in einer Blockhütte im Wald.

Einsam, aber glücklich im Blockhaus

Als ich ihn antraf, tat er das, was Fallensteller so tun, wenn sie von der Trapline zurück kommen: Er häutete die Tiere, die er kurz zuvor gefangen hatte – kein schöner Anblick. Aber das stundenlange Gespräch mit diesem Naturburschen im Schein der Petroleumlampe machte mir einmal mehr deutlich: Es gibt mehr als eine Art zu leben. Butch Killian hatte ein einsames Leben gewählt. Aber, wie mir schien, ein glückliches.

Ich habe oft daran gedacht, die Erlebnisse meiner Reise zu einem Buch zu verarbeiten. Aber als freier Reporter kannst du dich nicht einfach monatelang vom tagesaktuellen Journalismus ausklinken. Und weil solche Geschichten einfach erzählt werden müssen, hat sich viel später erst ein weltbekannter Schriftsteller des Themas angenommen. Jon Krakauer schrieb den Abenteuerroman „Into The Wild“. Ich fand ihn mäßig gut recherchiert und alles in allem nicht sehr authentisch.

Großes Kino: Sean Penn verfilmte die Geschichte von Alex McCandless

Anders der Film, den viele Jahre später Sean Penn als Regisseur für Hollywood drehte. Eine filmisch brillante Umsetzung der Story. Eine Erzählung, die den Aussteiger Alex McCandless als das schilderte, was er war: Ein Abenteurer, der erst sein blitzgefährliches Schicksal heraufbeschworen hatte, um ihm anschließend in den Hintern zu treten.

 

Wahre Helden tragen Helm

IMG_7004In diesem Blog ist immer mal wieder von „Helden“ die Rede. Meistens ist damit mein ganz persönlicher Held Leonard Cohen gemeint, so auch im letzten Blogpost. Dass diese Art von Heldenverehrung stets mit einem Augenzwinkern einhergeht, ist treuen BlogleserInnen sicher nicht entgangen. Aber es gibt auch richtige Helden in meinem Leben. Das sind die Männer und Frauen bei der Feuerwehr.

Was für ein Glück, dass ich im Privatleben noch nie auf die Hilfe der Feuerwehr angewiesen war! Sankt Florian hat also immer gut auf mich und meine Familie aufgepasst.

In meinem Reporterleben hatte ich dagegen häufig mit Feuerwehrleuten zu tun.

Darunter war auch ein jüngst im Alter von 86 Jahren verstorbener Feuerwehrhauptmann, der  hier aus gutem Grund namenlos bleiben soll. Der Mann fuhr mich einmal mit Blaulicht und Martinshorn von meiner Stammkneipe nach Hause. Ohne Not, einfach so. Ganz legal war das vermutlich nicht. Aber sehr cool.

Als Polizeireporter, zuerst im Stuttgarter Raum, später dann in Ulm, war ich bei zahlreichen Einsätzen vor Ort. Ich sah brennende Wohngebäude wie Kartenhäuser einstürzen und war dabei, als Feuerwehrleute aus einem Zementsilo vier Arbeiter bargen, in das sie hineingefallen waren. Für alle Vier kam die Rettung zu spät. Ich war jung und hatte Tränen in den Augen.

Im September 2001 dann mein Reportereinsatz bei 9/11. In New York konnte ich alles, was ich bisher über „die Feuerwehr“ gelesen, gehört und gesehen hatte, vergessen. Tag und Nacht heulten die Löschzüge an mir vorbei. Die Firetrucks hatten Leitern, so schien mir, die so hoch waren wie einst die Twin Towers. Der Lärmpegel in Manhattan war wegen der ständigen Feuerwehreinsätze 24 Stunden am Tag atemberaubend.

Die New Yorker Feuerwehr verlor bei ihren Einsätzen 343 ihrer „Heroes“.

>> Über die Heldenverehrung der New Yorker Feuerwehr hatte ich damals für den WDR auch in meinem „New Yorker Tagebuch“ berichtet <<

Warum mir das alles gerade jetzt wieder einfällt? Weil ich am Wochenende  Zeuge eines dramatischen Feuerwehreinsatzes geworden bin. Bei mir in der Nachbarschaft war im sechsten Stock eines Altenwohnheims ein Brand ausgebrochen.

Innerhalb weniger Minuten waren um die 15 Löschzüge vor Ort. Da wurden in Sekundenschnelle Schläuche gelegt und Leitern ausgefahren, es wurden Kommandos in den heissen Sommerabend hinaus gebrüllt und Menschen aufgefordert, die Ruhe zu bewahren.

Doch selbst in der Hektik schien alles höchst entspannt zuzugehen.

Es war wie im Film. Gut hundert dieser Männer und Frauen kämpften an diesem schwülen Sommerabend nicht1 nur um das Leben der Altenheim-Bewohner sondern auch um den Erhalt des Gebäudes.

Frauen gibt es bei der Montrealer Feuerwehr übrigens immer noch viel zu wenig: Von den 2360 Einsatzkräften sind gerade mal 29 weiblich.

Was mich besonders beendruckt hat, ist der stets hoch professionelle, dabei aber eher kumpelhafte Umgang der Feuerwehrmänner untereinander.

Mein Freund Jean lieferte mir später die Erklärung dafür. Die Montrealer Berufsfeuerwehr sucht ihre Mitglieder nicht nur nach Fitness, Erfahrung und technischem Knowhow aus. Es muss vor allem die Chemie untereinander stimmen. Nur wer im Ernstfall bereit ist, seinen Kollegen zu retten, als wäre er sein bester Freund, taugt für die Feuerwehr. Das scheint zumindest bei den Feuerwehrleuten zu sein, dir mir tagtäglich hier im Stadtteil St. Henri begegnet.

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Gleich bei mir um die Ecke gibt es eine „Fire Station“. Im Sommer sitzen die Männer oft neben den einsatzbereiten Trucks beim Grillen, trainieren auf ihren Fitness-Bikes oder sehen sich gemeinsam einen Film an. Manche spielen Tischtennis, Schach oder werfen auch ein paar Hoops Basketball.

Bis dann die Sirene aufheult, was täglich mindestens ein halbes Dutzend mal passiert. Oft ist es falscher Alarm. Aber ausgerückt wird, als gehe es um Leben und Tod. Oft geht es um Leben und Tod.

Dann zeigen die Männer und Frauen von der Feuerwehr, dass sie mehr drauf haben als Hühnerbeine auf den Grill zu legen. Sie retten Menschenleben und Häuser.

Das sind die Helden, die ich meine.

Das Haus meines Helden

IMG_7020Da lebe ich jetzt seit ziemlich genau 37 Jahren in Montreal und stehe zum ersten Mal vor dem Haus meines Helden: Leonard Cohen. Keine Ahnung, warum ich zwar 900 Kilometer weit den Jakobsweg gepilgert bin, aber die Strecke von meiner Wohnung zu Lennys Haus in all den Jahren nie geschafft habe. Dabei sind es zu Fuß gerade mal 25 Minuten.

Dass ich ausgerechnet heute, an einem heißen Montrealer Sommertag, den Weg zu Cohens Geburtsthaus im feinen Stadtteil Westmount gegangen bin, hängt wiederum mit einem Film zusammen, den wir uns vor ein paar Tagen angesehen haben: Marianne & Leonard – Words of Love.

Auch wenn die meisten Kritiker anderer Meinung sind: Ich fand die Verfilmung der Liebesgeschichte zwischen Leonard Cohen und seiner langjährigen Muse Marianne Ibsen eher schwach. Sie hat mich nicht berührt.

Vielleicht, weil sie kaum etwas enthielt, das ich als Hardcore-Cohen-Fan nicht ohnehin schon wusste. Vielleicht aber auch, weil im kompletten Film nicht ein einziger Cohen-Song zu hören war.

Warum wohl?

Genau weiss ich es nicht. Aber vermutlich hat es etwas mit dem Budget zu tun, das der Regisseur Nick Broomfield zur Verfügung hatte.

Ein paar Tage vor dem Cohen-Film habe ich mir die Beatles-Persiflage „Yesterday“ von Danny Boyle angesehen. Ein Drittel des Gesamtbudgets des Films, also um die 25 Millionen Dollar, seien für die Musikrechte diverser Beatles-Songs draufgegangen, sagte Boyle in einem Interview.

Fast traurig mutete an, als der Regisseur dem Interviewer erzählte, er habe eine Vorab-Kopie des Films an Paul, Ringo und die Witwe von George Harrison geschickt. Ringo und Olivia Harrison hätten sich freundich bei ihm bedankt, sagte Danny Boyle. Paul McCartney habe sich nicht einmal bei ihm gemeldet. Echt jetzt?

So viel zu den Helden meiner Jugend.

Zurück zum Cohen-Film. Es war viel davon die Rede, wie auf der griechischen Insel Hydra seinerzeit die Post abgegangen sei und wie kaputt viele der Künstler, Hippies und Möchtegern-Künstler waren, die dort in den 60er und 70er-Jahren lebten. Es war auch von Cohens exzessivem Drogenmissbrauch die Rede. Und natürlich von seiner obsessiven Promiskuität, die ja so etwas wie sein Markenzeichen wurde.

Ansonsten? Wurde viel zusammen geschnipseltes Archivmaterial gezeigt, das in seiner technischen Qualität so schlecht, weil verpixelt war, dass man oft gerne darauf verzichtet hätte.

Nein, das hier ist keine Filmkritik. Es sind lediglich ein paar persönliche Anmerkungen zu einem Film über einen Künstler, den ich ein Leben lang  verehrt habe – und es auch weiterhin tun werde.

Der Film wird seinem Andenken nicht gerecht.

Vielleicht brachte Lore es am besten auf den Punkt, als sie sagte: „Warum so schnell?“ Die Filmemacher hätten so kurz nach Cohens Tod lieber noch etwas gewartet. Bis sie besseres Archivmaterial zur Verfügung gehabt hätten. Und vielleicht auch mehr Geld für Musikrechte für die Cohen-Songs.

So long Marianne. So long Leonard. So long Film.

Hier noch ein früherer Blogpost über Leonard Cohen: BEIM ZAHNARZT MIT LENNY

Trauer über Leonard Cohens Ableben: MEIN HELD IST TOT

Als Stadt-Flaneur in der Wildnis

IMG_6835.jpgWer mich kennt, weiss, dass ich der geborene Stadtflaneur bin. Keine Gasse, die mir in Montreal noch Geheimnisse aufgibt, kein Platz, den meine Camino erfahrenen Füße nicht schon betreten hätten. Und gäbe es statistische Erhebungen über die meist frequentierten Parkbänke in Montreal – ich würde auf eine ziemlich gute Besetzerquote kommen. Und dann erst die vielen Straßencafés in der Stadt meines Herzens!

Landleben? Auch schön, aber …

Das Landleben genieße ich immer dann, wenn ich vom Hexenkessel Montreal aus zwei Stunden mit dem Auto, manchmal auch mit dem Bus, in Richtung Norden fahre. Dann lasse ich mich vom wilden Charme unserer Blockhütte am Lac Dufresne einlullen. Und gerne ein bisschen auch von Lore.

Beziehungen sind eine spannende Sache. Während ich bei Lore schon vor vielen Jahren die Liebe zu diversen Straßen, Plätzen und Restaurants in Montreal entfacht habe, ist es der Frau an meiner Seite gelungen, mir das Leben in der Natur schmackhaft zu machen.

Und Natur haben wir hier manchmal mehr als genug. Der nächste Tante-Emma-Laden ist 18 Kilometer entfernt, das nächst gelegene Kino vermutlich 100. Aber wer braucht schon Kino, wenn sich vor deinem Cottage-Fenster täglich neu eine gewaltige Fototapete auftut?

Der Blick über den See, eineinhalb Kilometer lang und genau so breit, verschlägtIMG_6896 Besuchern immer wieder den Atem. Dass es hier übrigens so gut wie keine Besucher gibt, hat mehrere Gründe. Einige davon haben mit mangelnder Privatsphäre zu tun. Außerdem ist das Holzhaus nicht direkt mit dem Auto zu erreichen.

Erst ein beschwerlicher Fußweg durch ein steiles und felsiges Waldstück führt zur Hütte. Es sei denn, man rudert mit dem Boot vom Ufer bis zum kleinen Strand vor unserem Häusle.

„Was macht ihr eigentlich da den ganzen Tag?“, höre ich Freunde fragen, die sich nicht vorstellen können, eine Woche ohne Fremdansprache an der Seite ihrer Partner zu verbringen.

Was wir machen? Schreiben, Musik hören, lesen, schwimmen, rudern, paddeln, Bootle treten, Gitarre spielen, auch hin und wieder mal etwas reparieren. Wir kochen viel und reden über Dinge, die in der Hektik des Großstadtlebens schon mal unter den Tisch fallen.

So wurde schließlich die Idee, gemeinsam den Jakobsweg zu wandern, ziemlich genau vor einem Jahr an jenem Esstisch geboren, auf dem ich jetzt diesen Text schreibe.

IMG_E6817Ach ja, kochen. Die Cheflogistikerin in unserem Haushalt ist Lore. Sie versteht es, genau die richtige Menge der passenden Zutaten in den Rucksack zu packen. Genug, damit beim Kochen nichts fehlt. Aber nicht zu viel, denn alles, was an Abfall anfällt, muss später umständlich entsorgt werden. Denn kurz mal zu LIDL (den’s hier übrigens noch immer nicht gibt) geht ja nicht.

Das Leben in der Wildnis mag logistisch aufwändiger und körperlich anstrengender sein als unser Citylife. Aber es ist auch etwas ganz Besonderes.

Wo sonst wird man zum Frühstück von einem winzigen Kolibri begrüßt, der gierig an der Zuckerwasser-Tränke nuckelt, während zehn Meter hinter ihm ein Loon, ein kanadischer Seetaucher also, die Runden dreht.

So gesehen funktioniert die Kurve: Stadt-Land-Wildnis noch immer bestens. Nur eins mag ich nicht glauben: Dass es schon 26 Jahre her sein soll, dass wir uns dieses Kleinod im Busch zugelegt haben. Wahnsinn.

Time flies“, sagt der Kanadier. Stimmt. Die Zeit vergeht wirklich wie im Flug. Egal ob im Großstadtgewimmel oder in der Wildnis. Mit einem Unterschied: Hier in der Wildnis geht alles so gemächlich vonstatten, dass man meint, der Zeit beim Fliegen zuschauen zu können.

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