Essen wie Gott in Montréal

IMG_9198Es war nur eine Frage der Zeit, bis Montreal dem Beispiel von Lissabon, London, Miami, New-York, Boston und Chicago folgen würde und das „Time Out Market“-Konzept übernimmt: Auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern bieten seit kurzem 17 Restaurants Essen vom Feinsten an. Es ist eine Art Sterneküche für Jedermann.

Wen stört es da, wenn man für einen schnöden Hamburger am „Burger T!“ anstehen muss. Schließlich entstammt die edle Boulette dem Rezeptbuch des wohl bekanntesten Cuisiniers der Stadt.

Chef Normand Laprise ist der Besitzer von „Toqué“, einem der Top-Tempel in einer Stadt, die sich rühmt, mit 5000 Esslokalen neben New York über die höchste Restaurant-Dichte Nordamerikas zu verfügen.

Feinschmecker beten die Namen der 17 Vorzeige-Restaurants des „Time Out Market“ herunter wie wahre Fußballfans die Bundesligatabelle.

Vom „Le Club Chasse et Pêche“ über den Streetfood-Pionier „Grumman 78“ bis hin zum stadtbekannten Vietnamesen „Le Red Tiger“ – wer in diesem Foodcourt nicht auf seine Kosten kommt, hat das Leben des Genießers nicht richtig verstanden.

Dass sich die Preise trotz der wohlklingenden Namen im Rahmen halten – um die zehn Dollar für einen liebevoll garnierten Luxusburger aus Meisterhand -, dürfte den Erfolg des Marktkonzepts zusätzlich garantieren.

Über mangelnden Zuspruch kann sich der stylisch aufgemachte Foodcourt im „Eaton Centre“, zwei Stockwerke über der Underground City, nicht beschweren. Im Gegenteil: Bei allen meinen bisherigen Besuchen hatten sich vor den „Restos“, wie der Montrealer seine Esslokale nennt, lange Schlangen gebildet.

Sowohl die Restaurants als auch die Weinbar, die dazu gehörende Boutique und die Showkitchen lassen die Food-Kritiker der Stadt bisher ins Schwärmen geraten.

Mehr zum Time Out Market gibt’s  > HIER <

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Erick Marciano: Ein Held im SUV

Screen Shot 2019-11-18 at 17.45.51Es gibt sie noch, die Helden unter uns. Sie heißen nicht Schwarzenegger und leben auch nicht in Hollywood. Einer von ihnen heißt Erick Marciano, ist 48 Jahre alt und wohnt hier in Montreal. Gut möglich, dass der Vater von drei Teenagern vielen Menschen das Leben gerettet hat.

Es passierte vor einer Woche. Mr. Marciano war auf dem Weg zu einem Geschäftstermin, als er mit seinem SUV an einer roten Ampel stand.

Plötzlich sah er aus dem rechten Augenwinkel heraus einen Pkw in atemberaubendem Tempo auf dem René-Lévesque Boulevard in seine Richtung rasen – stockvoll auf einen Zebrastreifen zu, auf dem gerade ein Dutzend Fußgänger die Fahrbahn überquerten.

Erick Marciano reagierte blitzschnell. Er gab – rote Ampel hin oder her – Gas und brachte seinen Mercedes-SUV parallel zum Zebrastreifen zum Stehen, um die Fußgänger vor dem herannahenden Auto abzuschirmen.

Der Rettungsplan ging auf. Der von einem Teenager gesteuerte Pkw raste ungebremst seitlich in den SUV mit Erick Marciano hinterm Lenkrad. Ein Glück: Der Sitz neben ihm war leer.

Marcianos Mercedes wurde schwer beschädigt, aber die Fußgänger kamen allesamt mit dem Schrecken davon. Auch Erick Marciano blieb unverletzt. Den Schaden am Auto übernahm die Versicherung.

Der Fahrer des Pkw, der um ein Haar ein Dutzend Menschen getötet oder zumindest schwer verletzt hätte, wurde festgenommen. Es handelte sich um einen Neunzehnjährigen, der zur Tatzeit wohl unter Drogeneinfluss stand.

Als Erick Marciano heute im Montrealer Rathaus geehrt wurde, war er sichtlich überwältigt von der Aufmerksamkeit, die ihm die Medien seit dem Vorfall schenkten.

„Ich bin kein Held“, sagte er. „Ich folgte lediglich meinem Instinkt“.

Und sein Instinkt habe ihm gesagt: “Bitte, lieber Gott, lass nicht passieren, was wir in letzter Zeit in Europa einige Male mit ansehen mussten!“ Gemeint waren freilich die Terroranschläge unter anderem in Barcelona, Paris, Nizza und Berlin, bei denen Autos als Waffen eingesetzt wurden.

Die Montrealer Oberbürgermeisterin Valérie Plante bat Mr. Marciano, einen mittelständischen Bauunternehmer, sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen.

Marciano, umrahmt von seiner kompletten Familie, sagte, er fühle sich an dieser Stelle ganz besonders geehrt.

Der Grund: Die letzte Person, die sich vor ein paar Wochen ins Goldene Buch der Stadt Montreal eintragen durfte, war Greta Thunberg.

Da isser wieder: Old Man Winter!

IMG_9170Wir wussten, dass er kommt. Alle wussten es. Zeitungen, Radio, Fernsehen – sie hatten uns schon seit Tagen vor einem frühen Wintereinbruch gewarnt. Doch als Old Man Winter dann gestern Abend ohne anzuklopfen bei uns ankam, war der Schreck groß.

Das mit einer Schneedecke überzogene grasgrüne Blechdach meines Frühstück-Diners „Greenspot“ auf der Rue Notre Dame ließ keinen Zweifel: Er war wieder da, der Herr Winter.

Gleich um die Ecke dann das für die Jahreszeit viel zu fröhliche Surren einer Handschneefräse. Frank, unser emsiger Hausmeister, hatte sie gleich nach der Rückkehr von einem Kurztrip nach Florida vor ein paar Tagen aus dem Keller geholt. Für alle Fälle.

He just couldn’t wait“, versucht mir seine Freundin Karine fast entschuldigend seinen Enthusiasmus für Spielzeuge zu erklären. Und ganz ehrlich? Die elektrische Handfräse, mit der er hingebungsoll den Schnee auf dem Gehweg vor unseren Terrassen wegzaubert und sich dabei den Hipsterbart zustaubt, ist aber auch ein selten tolles Ding.

Ausgerechnet Frank, der eigentlich Francisco heißt und seine Wurzeln in Galizien hat, liebt an diesem Abend den Schnee. Wir hören es bis in die späte Nacht.

Jean von gegenüber ächzt. Dabei ist er von uns allen der einzige Hardcore-Quebecker. Geboren und aufgewachsen in einer Provinz, von der Gilles Vigneault behauptet, Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“. Dieses Land sei kein Land, singt er, es sei der Winter.

Jean verflucht den kanadischen Winter jedes Jahr aufs Neue, hat aber trotzdem schon den Schnee von unsere Terrasse geräumt, als wir gerade erst aufstehen.

In Jeans Wahrnehmung setzt die kalte Jahreszeit im Zeitalter der Erderwärmung immer früher ein, was natürlich nachweislich nicht stimmt. Aber für Jean ist es eine fette, weiße Überlebenslüge. Er braucht das.

Und wir so?

Wir haben eben die ganz dicken Kaliber aus dem Klamottenlager geholt. Heute Nacht soll das Thermometer auf gefühlte minus 22 Grad Celsius sinken. Also tauschen wir die frühen Winterstiefel gegen die richtigen Winterstiefel ein und freuen uns, dass wir – Winter hin oder her – Freunde haben, die dieses Schicksal mit uns teilen.

Könnte es nicht viel, viel schlimmer sein?

Und während Francisco in diesem Moment vor meinem Fenster schon wieder eine weitere, viel zu fröhliche Runde mit der Elektrofräse dreht, freuen wir uns mit Doug und Marjolaine, die vorgestern ins schneefreie Portugal abgereist sind. Und für Jean, der sich jetzt doch tatsächlich entschlossen hat, diesen Winter auf der Karibikinsel Martinique zu verbringen.

Wir freuen uns aber auch für uns selbst, weil auch wir wieder Pläne für den Winter haben.

Und was für welche!

Unzertrennlich: Frank und die Schneefräse:

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Dieses Video existiert nicht

 


Und hier noch eine Bildergalerie auf der Homepage der CBC


 

Guter Journalismus kostet Geld

Screen Shot 2019-11-10 at 17.09.58Alle wollen Qualitätsjournalismus, nur bezahlen will keiner. Kommt Ihnen bekannt vor? Dann rechnen Sie einfach mal durch, wie viel Sie im Monat für Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Internetportale ausgeben. Vermutlich viel weniger als es die Inhalte Wert sind.

Die Werbung im Internet wird immer nerviger aggressiver. Großflächige Anzeigen legen sich jetzt immer öfter über redaktionelle Inhalte. Und immer häufiger lassen Anbieter just in dem Augenblick die Bezahlschranke runter, da es spannend wird.

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Von den Abos können die meisten Zeitungen schon lange nicht mehr leben. Ohne Anzeigen fließt kein Geld. Und ohne Kohle läutet am Horizont der ehemals bunten Zeitungslandschaft das Totenglöckchen.

Klar ist es nervig, im Internet jetzt immer häufiger den virtuellen Geldbeutel zücken zu müssen. Aber wie sonst sollen so wunderbare Reportagen finanziert werden, wie sie etwa DIE ZEIT, die New York Times oder selbst die Waiblinger Kreiszeitung veröffentlichen?

Nehmen wir die taz von heute. Da schreibt eine Kollegin namens Lin Hierse eine hinreißend schöne Geschichte über chinesische Dumplings aus ihrer Heimat. Und was macht die taz? Fragt höflich an, ob man den Text kostenlos lesen möchte oder doch ein paar Taler spendieren kann.

Ich spende. Paypal freut sich. Frau Hierse auch. Die taz sowieso. Und ich als Leser erst recht.

Qualitätsjournalismus kostet Geld. Und im Postwurfverfahren werden nun mal keine Einkünfte generiert.

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Und wenn Sie dann noch hin und wieder ein paar Taler locker machen, um für guten Journalismus gutes Geld zu bezahlen, freuen sich alle.

Zum Mauerfall kurz nach Berlin

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Die kanadische Tageszeitung THE GLOBE AND MAIL über den Fall der Mauer.

Als die Welt am 9. November 1989 den Fall der Berliner Mauer bejubelte, ging es bei mir um meine Existenz als Korrespondent. Mir war sofort klar, dass ich von jetzt an in deutschen Medien für lange Zeit nicht mehr mit kanadischen Themen punkten konnte. Welcher Sender würde sich angesichts dieser Weltsensation noch für kanadische Waschbären interessieren, wo doch in Berlin Geschichte geschrieben wurde? Ich brauchte einen Plan B. Und der hieß: Berlin.

Kaum hatte das SED-Politbüromitglied Schabowski an diesem trüben Herbsttag vor 30 Jahren mit einem peinlichen Versprecher die Maueröffnung bestätigt, befiel auch mich eine unbändige Freude. Aber es krochen auch Existenzängste in mir hoch.

Jahrelang hatte ich meine berufliche Karriere auf Reportagen aufgebaut, die sich mit Kanada und Alaska befassten. Ich hatte für deutsche, österreichische und Schweizer Sender über Indianeraufstände und Umweltkatastrophen berichtet, aber auch über menschliche Abgründe, über Politik und Mord, über Sex and Crime.

Mitten in die vielleicht erfolgreichste Phase meiner Reporter-Laufbahn platzte die Nachricht vom Fall der Berliner Mauer. Kein kanadisches Thema, auch noch so ein Außergewöhnliches, würde es auf absehbare Zeit mehr in die Sendungen der deutschen Funkhäuser schaffen, für die ich damals als Freiberufler arbeitete.

Der Fall der Mauer mag ein politischer Triumph gewesen sein. Für mich drohte er zur wirtschaftlichen Katastrophe zu werden. Doch schlaflose Nächte und Däumchendrehen brachten mich nicht weiter.

Es war die Frau an meiner Seite, die mal wieder die zündende Idee hatte. „Wenn deine kanadischen Geschichten nicht mehr gefragt sind, dann geh’ doch dort hin, wo gerade Geschichte geschrieben wird!“

Ich packte die Koffer und flog nach Berlin.

Jetzt berichtete der Korrespondent plötzlich nicht mehr aus Kanada, sondern für Kanada. Radio Canada International war ein dankbarer Abnehmer meiner Berichterstattung über den Mauerfall. Ich berichtete auf Englisch und Deutsch. Und ich war vor Ort.

Nur noch einmal, viele Jahre später, hatte ich als Reporter das Gefühl, Geschichte so hautnah zu erleben. Das war bei den Terrorattacken des 11. September 2001 in New York.

Wenige Tage nach der Maueröffnung stand ich am Checkpoint Charly und sah, wie sich jubelnde Ost-Berliner mit Verwandten, Freunden oder auch ihnen völlig unbekannten Menschen vor Freude in den Armen lagen.

Nein, ich habe nicht gesehen, wie West-Berliner den Ost-Berlinern Bananen zuwarfen. Aber ich wurde Zeuge des nicht enden wollenden Trabi-Konvois und auch, wie ein Berliner Busfahrer Menschen, die wenige Tage zuvor noch hinter Mauer und Stacheldraht gelebt hatten, kostenlos zusteigen ließ.

Und ich bekam hautnah mit, wie nicht alle West-Berliner diese Geste damals für gut befanden.

Es entstand ein Protest-Gemurmel im Bus, das mir im Laufe der nächsten Jahre immer mal wieder durch den Kopf gegangen ist. Besonders in den letzten Tagen und Wochen, wo erschreckend viele Thüringer per Wahlzettel demonstrierten, wie wenig sie noch immer mit westlichen Werten anfangen können, hat sich das Gemurmel vom November 1989 wieder in meinem Kopf breit gemacht.

Und dann eine schicksalhafte Wende. Ich war nach dem Mauerfall noch zu lange in Deutschland, um aus Kanada über eine Sensationsmeldung berichten zu können:

Am 6. Dezember 1989 erschoss ein verwirrter Frauenhasser 14 Studentinnen an einer Montrealer Hochschule.

Das Schicksal spielt manchmal bizarre Spiele.

Von dem bedeutendsten politischen Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte ich in Montreal in den Nachrichten erfahren.

Vom schlimmsten Massaker der jüngeren Geschichte Kanadas hörte ich ausgerechnet in Berlin.

Es war Zeit, nach Hause zu kommen.