Es ist nicht schwer, Maine lieb zu gewinnen. Der US-Bundesstaat, sieben Autostunden von Montreal, gehört zu den liberalsten des Landes. Und zu den schönsten.
Es ist nicht die spektakuläre Schönheit der Rocky Mountains, die den Besucher erwartet. Hier werden keine Rekorde gebrochen. Weder der höchste Berg, noch der längste Strand des Landes werden Maine zugeordnet.
Aber die durchgehende Ästhetik, die sich von Nord nach Süd und von Ost nach West wie ein Alleinstellungsmerkmal für einen gelungenen Landstrich treu bleibt, wirkt auf den Besucher wie ein Verwöhnprogramm für die Sinne.
Das fängt an bei der für die Neuenglandstaaten typischen Architektur. Schlicht, unprätentiös, klare Farben. Und immer aus Holz, meistens weiss und in der Schindeltechnik erbaut.
Da ist der herbe Geruch des Atlantiks, der einen nicht nur in einem der vielen „Lobster Shacks“ in seinen Bann zieht, sondern auf Schritt und Tritt verfolgt.
Da sind malerische Städtchen wie Kennebunkport, die den Besucher – wieder einmal – an der stupiden Agenda des Präsidenten zweifeln lassen. Was, bitteschön, soll eigentlich angesichts einer so zauberhaften Gegend die Phrase „Let’s make America great again„? Wie viel schöner kann ein Landstrich denn noch aussehen?
Da sind die erlesenen Meeresfrüchte, die es in dieser Qualität wohl in wenig anderen US-Bundesstaaten gibt, allein voran der weltbekannte Hummer aus Maine.
Aber Schönheit und Qualität haben ihren Preis. Eine „lobster roll“, ein mit Hummerfleisch belegtes Brötchen, kostet auf die Hand satte 18 Dollar, das sind mehr als 15 Euro.
Die Freundlichkeit der Menschen, die zauberhaften Strände, die klare Luft, die die ohne schon spektakulären Sonnenuntergänge an der Küste erst richtig zum Glühen bringt – all das verlangt nach mehr.
Mehr Meer. Mehr Maine. Und irgendwo auch mehr Amerika.
Okay, ich bin meinem Vorsatz untreu geworden. Seit Monaten erzähle ich Freunden und Verwandten, dass ich keinen amerikanischen Boden mehr betreten werde, solange der böse Mensch aus Washington regiert. Und wo bin ich heute? Im amerikanischen Bundesstaat Maine. Und fühle mich dabei kein bisschen schlecht.
Es ist der einzige Bundesstaat mit zwei offiziellen Landessprachen, Englisch und Französisch. Hier werden traditionsgemäß Demokraten gewählt und die gleichgeschlechtliche Ehe ist schon seit fünf Jahren legal. Seit November 2016 sind sogar der Anbau und Verkauf von Marihuana in kleinen Mengen erlaubt.
Eine befreundete Kollegin von mir,
war Umweltschutz ein Fremdwort. Es gibt bis heute keine Straße, die dort hinführt. Das Indianerreservat ist nur mit dem Buschflugzeug zu erreichen. Dass sich ausgerechnet im Norden Kanadas knöchelhohe Müllberge ansammeln können, hat mich erschüttert. Coladosen, Chipstüten, Zigarettenschachteln. Und, ja, auch damals schon Kaffeebecher aus Plastik und Pappe.
Eine edle Philosophie. Das Fleisch des erlegten Bären wird gegessen. Der Pelz schützt vor der arktischen Kälte. Das Geweih des erlegten Elches wird zu Backpulver gemahlen. Leider funktioniert diese Art von Recycling heute nicht mehr. Dagegen sprechen die Halbwertzeiten von Plastik und Pappbecher, von Chipstüten und Stanniolpapier.
Million Kaffeebecher weggeworfen. Rund 20 Prozent des gesamten Müllaufkommens setzt sich aus Kaffee- und Cola-Bechern zusammen. Im Zug, in der U-Bahn, bei Sportveranstaltungen und Open-Air-Events – Einwegbecher sind noch immer die Regel, mitgebrachte Trinkflaschen die Ausnahme.

Vertreter der jüdischen Gemeinde in friedlicher Eintracht nebeneinander her marschierten, sah ich um mich herum viele feuchte Augen – und nicht alle waren dem strömenden Regen geschuldet.