Der traurige Mann in Santa Maria

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Er ist vielleicht Mitte 70, feingliedrig, sehr schlank und mit traurigen Schlafaugen, die etwas verschämt unter seiner karierten Schildmütze hervorlugen. Ein höflicher, stiller Mann, der so gar nicht in das Tohuwabohu eines Wochenmarkts in einem mallorquinischen Dorf passt.

Wer an einem der kleinen Bistrotische einen Sitz ergattert, hat Glück gehabt – speziell an so einem sonnigen Tag wie heute. Plappernde Teenager, genervte Väter, mallorquinische Omas und Opas mit Hunden, die besser zu Fuß sind als ihre Herrchen und Frauchen. Es geht zu wie auf dem Jahrmarkt. Es IST ein Jahrmarkt. Naja, ein Wochenmarkt.

Kaum einen Meter von mir entfernt gestikuliert eine Frau mit der sich überschlagenden Stimme der Marktschreierin, die doch nur ihr gefaktes Markenparfum verkaufen will. Ein Dutzend Fläschchen liegen vor ihr auf dem asphaltierten Boden. Die Parfümverkäuferin scheint keinen guten Tag zu haben. Gut eine Stunde sitze ich neben ihr. Kein einziges Parfumfläschchen hat während dieser Zeit den Besitzer gewechselt.

Der Mann mit der karierten Schiebermütze, der sich höflich fragend neben mich gesetzt hatte, meint jetzt: „Die arme Frau. Sie wird auch heute wieder nichts verkaufen“. „Sie kennen Sie?“ „Ja“, sagt der Mann mit den traurigen Augen. Er komme schon seit vielen Jahren auf den Sonntagsmarkt in Santa Maria. Und noch nie habe er gesehen, wie sie auch nur eine einzige Flasche Parfum verkauft habe.

Man spricht Deutsch. Er komme aus Frankfurt, erzählt er mir. Wie das Wetter bei seinem Abflug gewesen sei, frage ich ihn. Er weiss es nicht mehr. Er ist schon vor 30 Jahren aus Frankfurt abgereist. Zwei-, dreimal kamen er und seine Frau auf Urlaub nach Mallorca. Dann entschieden sie sich zur Auswanderung.

In Frankfurt hätten sie ein kleines Varieté-Theater mit Jazzclub betrieben, erzählt mir der Mann. Sie konnten davon leben. Leicht sei es nie gewesen, aber es reichte. Vor der Auswanderung nach Mallorca habe es im Club noch eine richtige Sause gegeben. Dann war Schluss mit lustig. Das Varieté-Theater wechselte den Besitzer.

Der Mann, der mit mir unter der spanischen Sonne Cortado trinkt und Serano-Brötchen isst, kommt jetzt ins Plappern. Kleines Bauernhäuschen gekauft, Tiere auf der Finca großgezogen, biologisch gepflanzt, geerntet, gelebt und gegessen. „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt er, „meine Frau und ich“.

Hatten? „Ja, hatten“, sagt er. Seine Frau sei tot. Vor knapp fünf Monaten ist sie gestorben. Chemo, Blutwäsche, Knochenmark-Transplantation – es habe alles nichts genützt. Leukämie.

„Man stirbt doch nicht einfach mit 68 Jahren!“, sagt er. Er sagt es, als erwarte er eine Antwort von mir. Nein, mit 68 Jahren stirbt man wirklich nicht einfach, da gebe ich ihm Recht.

Aber sie ist nun mal gestorben, seine Frau. Als sie ging, war sie ein Jahr jünger als ich.

„Seitdem sie tot ist“, sagt der freundliche Herr mit der leisen Stimme, „ist nichts mehr, wie es war“. Er versorge noch die Tiere auf dem Hof, das schon. Aber den Anbau und die Ernte der Biokost im eigenen Garten – die wolle er jetzt aufgeben. Die Bio-Lebensmittel kaufe er jetzt hier in Santa Maria, auf dem Wochenmarkt.

„Wir haben doch immer so gesund gelebt!“, sagt er jetzt so laut, dass sich das mallorquinische Pärchen neben uns umdreht. Vermutlich ohne die Verzweiflung des traurigen alten Mannes zu verstehen, wendet sich das Paar wieder seiner Tischgesellschaft zu.

Ob er noch Musik mache, will ich von ihm wissen. Nein, sein Saxophon hat er seinem besten Kumpel vermacht. Der könne zwar nicht spielen, aber er habe große Freude an dem Instrument.

„Kanada“, sagt der Mann, „Sie kommen aus Kanada“? „Ja. Montreal“. Das müsse ja eine tolle Stadt sein, mit einem riesigen Jazzfestival. Da wollten sie immer mal hin, er und seine Frau. „Aber das hat sich jetzt ja erledigt“, sagt er dann noch.

Und dann: „Mit 68 stirbt man doch nicht einfach so“.


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Wenn Fliegen zum Albtraum wird

IMG_9723„Nur fliegen ist schöner“, wollte uns die Werbung in den 60er-Jahren weismachen. Der Slogan war damals für den Opel-GT kreiert worden, ein Auto mit Schlafaugen und einer geschwungenen Silhouette, wie man es bis dahin nur aus Amerika kannte. Ein schönes Auto, zugegeben. Aber fliegen soll noch schöner sein? Ein Reklameversprechen, weiter nichts. Ich hasse fliegen.

Dabei war ich lange Zeit ein begeisterter Vielflieger. Damals, als nach dem Essen auch in der Holzklasse noch Cognac und manchmal auch Zigaretten gereicht wurden. Als fliegende Holländer noch lustige Lieder anstimmten, ohne besoffen gewesen zu sein. Einfach so, weil fliegen Spaß machte und sie, wie ich, von Amsterdam nach Toronto fliegen durften.

Toll war’s, als ein Billigflug von Deutschland über Kopenhagen nach Kanada für knapp 400 Dollar zu haben war und man dafür auch noch einen Zwischenstopp auf Island einlegen durfte. So ganz nebenbei konnte man sich vor dem Weiterflug in einer der Kneipen neben dem Flughafen von Reykjavík noch kurz einen Brennivin hinter die Binde kippen, ohne anschließend wieder in das lästige Wildgehege der Airport-Security gepfercht zu werden.

Ich kann mich erinnern, als Jungreporter Ende der 60er-Jahre in Stuttgart Echterdingen zum Interview mit Caterina Valente und Vico Torriani verabredet gewesen zu sein. Natürlich war ich aus Aufregung mal wieder zu früh zur Stelle. „Wartete Se oifach uff’m Rollfeld auf dia Boide“, bot mir der nette Flughafenbedienstete an. So spazierte ich seelenruhig über das Flughafengelände, um die beiden Schlagerstars an der Alitalia-Maschine abzuholen. Einfach so.

Ach, was konnte fliegen doch schön sein!

Lustige Szenen gab es auf meinen Flügen schon lange nicht mehr. Aber gegrölt wurde. Voriges Frühjahr zum Beispiel, auf dem Weg nach Palma. Aber es waren keine freundlichen Holländer, sondern Kölner Kotzbrocken, die da zu Saufliedern anhoben und die Boeing mit dem Ballermann verwechselten.

Ein Glück, dass es sich um einen Kurzflug handelte.

Am schlimmsten sind Überseeflüge. Die Sitze werden enger, die Passagiere breiter, das Essen schlechter. Über den Wolken soll die Freiheit grenzenlos sein? Dass ich nicht lache.

Wer einmal nach Australien geflogen ist, will nach dem 7. Frühstück, dem 5. Mittagessen und dem 13. Film nur noch an die frische Luft. Dabei ist es unerheblich, von wo aus man Australien anfliegt. Australien ist immer weit. Naja, fast immer.

Kann es sein, dass man im Flieger IMMER, aber auch wirklich IMMER derjenige ist, der hinter diesem Eumel sitzt, der seine LehneIMG_3845 bis zum Anschlag nach hinten versenkt? Oder hinter einem Oberlehrer, der glaubt, auch im Urlaub Nachhilfeunterreicht erteilen zu müssen? „Es heißt TOUCHSCREEN. nicht PUSHSCREEN“, maßregelte mich mein Vordermann neulich, als er sich von mir bei der haptischen Programmauswahl gestört fühlte.

Das schönste beim Fliegen ist für mich die Ankunft. Manchmal aber auch der Start. Wie vor ein paar Tagen in Montréal. Bei minus 27 Grad musste die Maschine enteist werden – ein überlebenswichtiges, wenn auch teures Spektakel. Eis auf den Tragflächen erhöht den aerodynamischen Widerstand und damit den Kraftstoffverbrauch. Deshalb ist die Enteisung nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus Sicherheitsgründen wichtig. Mensch, Maschine und Chemie bilden für 15 Minuten ein Team aus Dampf, athletischen Bewegungskünsten und ganz viel Druck. Und ich hatte einen Logenplatz (siehe Video am Ende dieses Beitrags).

Ich bewundere Leute wie meinen Kumpel Jörg. Der fliegt schon seit mehr als 30 Jahren um die Welt. Dafür wird er allerdings auch gut bezahlt. Der Mann ist Airbus-Kapitän bei der Lufthansa.

VIDEO: Enteisungs-Zeremonie kurz vor dem Abflug in Montréal

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Dieses Video existiert nicht

Der Ozean vor meiner Tür

IMG_1555Meine Bucketlist? Ein Bagel-Frühstück mit Leonard Cohen. Gitarrenunterricht bei Eric Clapton. Und irgendwann mal am Meer wohnen. Für das Frühstück ist es jetzt ja leider zu spät. Clapton kann ich mir vermutlich auch abschminken. Bliebe noch das Meer.

Strandurlaub war häufig. Auf Kuba, in Australien, am Golf von Mexiko und auf Hawaii. Doch nach ein, zwei Wochen war immer Schluss mit Meeresrauschen und Salz auf den Lippen.

Seit gestern kann ich nun endlich Punkt drei meiner persönlichen Wunschliste abhaken: Ich lebe am Meer.

Sonnenuntergänge statt Schneeberge. Wellensingsang statt brüllende Räumfahrzeuge. Sandbänke statt Schlaglöcher. Auf meiner ganz privaten Fototapete sind neuerdings Windsurfer und Kitekids zu sehen, Komorane, Möven und Stehpaddler.

Nach neun Mallorca-Wintern in Palma wurde es Zeit für einen Wechsel. Traumhaft, die Jahre an der Plaza de la Reina. Herrlich, die Zeit am Prachtboulevard Borne. Nicht so berauschend waren  allerdings die letzten beiden Winter auf Mallorca.

Der Lärm der Innenstadt, die Krachmacher, die sich Straßenmusiker schimpfen, der Dreck und die Millionen von Urlaubern, die Palmas Altstadt genau so wunderschön finden wie wir. Nur: Sie gingen wieder, wir blieben. Und haben uns nach dem letzten Palma-Winter geschworen: Nie wieder Innenstadt.

Schon klar: Erste-Welt-Sorgen, die nicht nach Mitleid rufen.

Unser jetziges Domizil liegt weit genug von Palma entfernt, um der akustischen Dauerberieselung zu entgehen. Aber nahe genug, um spontan mal eine 15minütige Busfahrt in die geliebte „Bar Bosch“ im Zentrum dieser herrlichen Stadt zu unternehmen.

Ganz ohne Krach geht es natürlich auch am Meer nicht, denn der Ozean ist sein eigener Lautsprecher: Es bellt und zischt und blubbert und brodelt. Es wimmert und säuselt und brummt, knallt und flüstert. Und tatsächlich rauscht das Meer auch manchmal.

Das Meer ist auch seine eigene Duftkammer: Mal wabert es fischig und algig vor sich hin. Ein andermal dringt der Geruch von Tang zu uns herauf. Und natürlich riecht das Meer salzig, eigentlich fast immer.

Und dann die Farben des Meeres: Es ist grau und blau und braun und türkis. Wird das Wasser dann von einem Sturm durcheinander gerüttelt wie in der vergangenen Nacht, kokettieren die Krönchen der Wellen am nächsten Morgen in einem giftig-gelblichen Möchtegernweiss.

Das Meer ist seine eigene Wundertüte und immer gut für Überraschungen. Kommen Sie wieder, wenn Sie wissen möchten, was der Ozean vor meiner Tür während der kommenden Monate sonst noch so alles auf Lager hat.

Ich werde es ihnen flüstern.

David Letterman ist wieder da!

Viel zu feiern gibt es nicht, in diesen tristen Trump-Tagen in Amerika. Bis vor ein paar Stunden. Da zauberte mir ein Fernseh-Event ein Lächeln ins Gesicht. David Letterman ist wieder da! Der legendäre Talkmaster, der im Sommer 2015 nach mehr als 30 Jahren seine „Late Show“ geschmissen hatte, ist ins Fernsehen zurück gekehrt.

Auf NETFLIX konnte man ihn jetzt zum ersten mal wieder sehen. Der Titel seiner Show ist denn auch Programm: „My next Guest needs no Introduction“. Lettermans erster Gast war Barack Obama.

Ernster ist „Dave“ geworden, wie ihn seine Fans nennen, älter natürlich auch. Ein biblischer Bart verdeckt das Gesicht. Die lustige Zahnlücke, sein Markenzeichen, ist nur schwer hinter dem grauen Gestrüpp ausfindig zu machen ist. Eine Stunde reden der ehemalige Latenight-König und der Ex-Präsident über Ehefrauen, Urlaubsorte und Kinder. Aber auch ganz viel über Politik.

Auch wenn der Name des trotteligen Trump nicht ein einziges Mal fiel, war doch permanent von ihm die Rede. Von seiner Gemeinheit, seiner Dummheit und auch davon, wie es ein einziger Mensch schaffen kann, eine ehemals stolze Nation wie Amerika der Lächerlichkeit preiszugeben.

Für mich war die gestrige Sendung ein Wiedersehen mit einem Mann, der mir nach meiner Ankunft in Kanada zahllose Fernsehabende verschönt hatte.

Anders als der große Johnny Carson, der sich in seiner „Tonight Show“ gerne selbst zelebrierte, ging Letterman Dingen auf den Grund, die man einfach wissen musste, um mitreden zu können, wenn man in Nordamerika lebte.

So war nie zuvor einer auf die Idee gekommen, vor einem Millionenpublikum zu testen, ob ein Sixpack Cola-Light tatsächlich leichter sei als eine Sechserpackung Cola-Classic. Was lag da näher als zu später Stunde eine Kiste Coladosen vom Empire State Buildung auf die Strasse knallen zu lassen? Surprise, surprise: Die Light-Version brauchte auch nicht länger als die klassische.

Dann kam der 11. September 2001.

„Dave“ war der erste unter den amerikanischen Comedians, der sich nach den Teroranschlägen wieder ins Fernsehen wagte. „Warum nicht?“, sagte er sieben Tage nach 9/11. „Amerika hat das Lachen doch nicht etwa verlernt“?

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September 2001: Der Autor am Ed Sullivan Theatre zur ersten Letterman-Show nach 9/11

Von der ersten Reihe des Ed Sullivan Theatre aus, in dem viele Jahre zuvor der Grundstein für den Siegeszug der Beatles durch Amerika gelegt worden war, wurde ich am Abend des 18. Septembers 2001 Zeuge des vielleicht schwierigsten Auftritts David Lettermans.

„Tun Sie uns einen Gefallen“, hatte die Platzanweiserin vor der Show in die wartende Menge gerufen, „klatschen Sie heute besonders heftig. Dave braucht das zur Zeit.“

Faszinierend der erste Studiogast: ABC-Korrespondent John Miller. Er ist der letzte Journalist – und einer der ganz wenigen überhaupt – der Osama Bin Laden fürs Fernsehen interviewt hat. Auf dem Weg zu Bin Ladens verstecktem Camp sei ihm aufgefallen, in welch schlechtem Zustand die Zufahrt zum Haus des mutmaßlichen Drahtziehers der jüngsten Terroranschläge gewesen sei.

Umso erstaunlicher, als Bin Ladens Familie ihr Vermögen doch im Baugeschäft gemacht hat“. Letterman zu Miller: „Haben sie noch Kontakt mit dem Mann?“. Miller: „Nein“. Letterman: „Sie meinen, er hat Ihnen nicht seine Visitenkarte zugesteckt?“

Als NETFLIX gestern die Neuauflage der legendären Letterman-Show ins Fernsehen hievte, gab es keine Tränen. Da saßen zwei ältere Herren auf der Bühne, die irgendwann plötzlich keinen Job mehr hatten. Es wurde gefeixt und geplappert und munter drauf los erzählt. Und schon bald herrschte eine Fröhlichkeit im Studio, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hatte, in diesem politisch tristen Amerika.

Ein Ex-Präsident, der komplette Sätze reden konnte und mit einer rhetorischen Leichtigkeit für Tiefgang sorgte, wie man ihn aus Washington nicht mehr gewöhnt ist. Und ein Ex-Talkshow-Host, der trotz seiner 70 Jahre diese frische Brise durch den Bildschirm schickt, für die wir ihn alle so liebten.

Das Schönste: Weit und breit kein rassistischer Tölpel, der Amerikas guten Ruf auf dem Gewissen hat.

Felix – eine schöne Geschichte

GALLERY

Es gibt da diese Geschichte von Cassian und Felix: Als unser Sohn in die Montrealer Waldorfschule kam und sich unter all denen, die da ihren Namen tanzen konnten, etwas verloren fühlte, stand plötzlich dieser kleine Junge mit stahlblauen Augen und pechschwarzem Haar neben ihm und nahm ihn bei der Hand. Es war Felix Bujold. Heute, 20 Jahre später, gehört er zu den erfolgreichsten Fotomodellen der Welt.

„Komm mit“, sagte der Bub auf Französisch „ich stell’ dir meine Freunde vor“. Wenn Cassian heute die Zeit an der Montrealer „École Rudolf Steiner“ als „die schönste meines Lebens“ bezeichnet, hat das viel mit dem kleinen Jungen von damals zu tun. Mit Felix Bujold.

Cassian und Felix: Einmal Freunde – Immer Freunde

So unterschiedlich ihre beiden Leben auch verlaufen sind – der Kontakt zwischen Felix und Cassian ist nie abgerissen. Heute, ausgerechnet am kältesten Tag des Jahres, stattete uns der Bub von damals, der inzwischen in der ganzen Welt zuhause ist, einen Besuch ab.

Circa 2000; Felix (links) und Cassian. Foto: Privat

Die Haut vom letzten Fotoshooting in Bora Bora ist noch leicht gebräunt. Viel Zeit kann Felix diesmal nicht in Montreal verbringen. Er muss zum Shooting nach New York. Dort hat er seinen Lebensmittelpunkt.

Seine Wohnung in Montreal sieht er nur selten. Das Apartment in Los Angeles hat er kürzlich aufgegeben. Dafür verbringt er jetzt mehr Zeit in den Catskill-Mountains, nördlich von New York City. Dort besitzt er ein großes Grundstück, hackt Feuerholz, geht wandern und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Bis vor kurzem verbrachte er dort noch viel Zeit mit seiner Partnerin, einem brasilianischen Model, und ihrem Sohn. Eine Zweierbeziehung zwischen zwei globetrottenden Fotomodellen ist nicht immer ganz einfach.

Heute kommt Felix zur Tür rein, bewundert mit seinen immer noch strahlenden blauen Augen Lores Aquarelle an der großen Wand, kann sich noch an jedes einzelne von ihnen erinnern, damals in Hudson, als wir noch auf dem Land wohnten und Felix ein gern gesehener Gast bei uns war. An noch etwas erinnert sich Felix: „Cassian, Felix – Frühstück!“, hätten wir immer gerufen, sagt er. Damals, als er noch häufig die Wochenenden bei uns verbrachte.

Aber wie um Himmels Willen wird ein Waldorfschüler zum Model?

Angefangen hatte alles auf einem Parkplatz in Salt Lake City/Utah. Felix war damals mit seiner Patchwork-Familie auf einem Roadtrip quer durch Amerika unterwegs. „Auf einem Parkplatz kam eine Frau auf uns zu, die sich als Model-Agentin ausgab“, erinnert sich Felix. Ob er sie morgen in ihrem Büro aufsuchen könne, habe die Agentin seine Muter gefragt. Nein, konnte er nicht. Die Familie wollte weiter, nach Kalifornien. Aber eine Visitenkarte ließ sich Felix’ Mutter von der Frau auf dem Parkplatz dann doch geben.

„Irgendwie waren wir da angefixt“, erzählt mir Felix heute Nachmittag. Wenn er lacht – und er lacht oft -, strahlen seine Zähne so weiß wie die fetten Schneeflocken, die sanft vom Himmel fallen.

Als die Familie Wochen spaäter von ihrem Roadtrip wieder zu Hause ankam, in Montreal,  habe die Schwester eine befreundete Hobbyfotografin eingeladen. Und gleich eine Kosmetikerin dazu. Die drei Mädels bearbeiteten den jungen Felix so lange, bis ein paar passable Fotos dabei herauskamen.

Mit vierzehn fing alles an

Felix war 14. Und der Rest ist Geschichte. Die Fotos gingen an verschiedene Model-Agenturen. Schon kurze Zeit später klingelte das Telefon. Casting hier, Casting dort. Und schon bald kamen die ersten Aufträge. Nichts Großes. Da ein Katalog-Foto, dort eine Modenschau.

Den ersten fetten Modelling-Job landete Felix, als er 17 war. „Um 15 Uhr war ich mit meiner Abschlussprüfung am College fertig. Um 17 Uhr musste ich zu einem Casting. Um 21 Uhr saß ich im Flieger nach Mailand“. Mutter Céline war dabei. „Sie wollte wissen, worauf ich mich da eingelassen hatte“.

Besuch bei den Bopps: Felix heute Nachmittag auf der Dachterrasse. Foto: Bopp

Von da an flossen die Aufträge. Immer aufwendiger, immer weiter, immer größer. Auch immer mehr Geld. Kosmetik-Werbung in Südafrika, Herrenbekleidung in Tokio, Schuhe in Italien. Schokolade in Frankreich. So ging es rund um die Welt. Er jettete jetzt von New York nach Hongkong und von da nach Neuseeland, London, Paris, Hamburg, Berlin. Und immer wieder Mailand. Jahr für Jahr. Für „4711“ stand er in Kapstadt vor der Kamera. Das Produkt sollte „Wunderwasser“ heißen. Felix weiß nicht, ob etwas daraus geworden ist.

Als sehr junges Model hatte er seine größten Erfolge in Europa. „Damals waren da große, feingliedrige Männer gefragt“. In Nordamerika sei es genau umgekehrt gewesen. „Die wollten eher den Holzfällertypen“.

Heute ist Felix Bujold beides. Der trotz seiner 30 Jahre immer noch jugendlich wirkende, hoch gewachsene Sunnyboy. Und im richtigen Leben der Lumberjack, der so viel Zeit wie möglich auf seinem Stück Land in den Catskill-Mountains verbringt.

New York – Tokio – Kapstadt – Paris …

Er modelt noch immer gerne, auch 16 Jahre nach seinem ersten Shooting. Die Welt ist inzwischen seine Auster. Er kennt sich in Paris so gut aus wie in New York, Tokio oder Kapstadt. Er verdient viel Geld. Aber er bringt auch die eiserne Disziplin des Erfolgsmenschen auf, trainiert seine Sixpacks, achtet auf gesunde Ernährung.

Wer für das „Men’s Health“–Cover posiert, darf kein Fett ansetzen. In Kuba hatte er neulich ein Fotoshoting für GQ. In Italien lichtete ihn VOGUE ab. ELLE, Esquire, Equinox – Felix Bujold wurde schon von allen großen Magazinen gedruckt. Sein Gänsehaut-Moment? „Das war, als ich mich riesengroß auf einem Leuchtreklame-Billboard am Times Square entdeckte“.

Erfolg verpflichtet. Alkohol trinkt er in Maßen. „Wenn bei einem Shooting am anderen Ende der Welt 20 Leute stehen, die nur wegen dir hierher geflogen sind – Fotografen, Beleuchter, Kosmetikerinnen, Stylisten -, dann kommst du nicht verkatert zur Arbeit“, sagt Felix. Das gebiete schon der Respekt, den er für all die anderen Profis in seinem Job habe.

Den „Plan B“ gibt’s auch schon: Felix will aufs Land

Felix weiß, das Modelling ein Job auf Abruf ist. Klar gibt es auch ältere Fotomodelle. Aber will er das? „Eher nicht“, sagt er. Irgendwann sei genug. Zum richtigen Zeitpunkt den Absprung schaffen, das sei wichtig. Nur: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Einen Plan B für die Zeit danach hat er jedenfalls schon. Er hat ja dieses Stück Land bei New York. Und ein noch schönerer Flecken Erde gehört ihm am Lago Maggiore. „Cabins“ will er darauf bauen, einfache Cottages aus Holz. Die will er später vermieten. An Leute, die in der Hektik des Alltags zwischendurch mal tief durchatmen wollen.

So wie er. Felix, der Bub von der Waldorfschule, der es zum weltberühmten Fotomodell gebracht hat.

Felix Bujolds Facebook-Profil: Die Welt ist seine Auster.