Sorry, we are Canadians!

Anti-Trump-Demo in Montreal: “Weil ich’s dem Arschloch zeigen will”

Man kann über meine kanadischen Landsleute vieles sagen, aber aufmüpfig waren sie noch nie. Sie sind freundlich, höflich, zurückhaltend und liebenswert. Und sie halten den Weltrekord im “Sorry” sagen.

Meinungsforscher des renommierten IPSOS-Instituts haben herausgefunden, dass Kanadier in 90 Prozent aller Fälle auch dann “sorry” sagen, wenn sie nachweislich keine Schuld trifft.

In derselben Studie heißt es, dass sich Kanadierinnen und Kanadier acht- bis zehnmal am Tag für irgendwas entschuldigen.

Aber wofür?

Für das Tennismatch, das sie gegen den Freund gewonnen haben. Für den Kaffee, den sie nicht heiß genug serviert haben, oder auch nur dafür, dass sie in der Eile vergessen haben, den Busfahrer beim Einsteigen zu grüßen.

Als ich einer älteren Dame neulich in der U-Bahn versehentlich mit dem Stock auf ihre feinen Lederstiefel getreten bin, konnten wir uns vor lauter “Sorrys” kaum retten.

Ich entschuldigte mich, weil ich eindeutig der Verursacher des Missgeschicks war. Die Dame wurde nicht müde, “sorry” zu sagen, weil sie glaubte, mir ihr Bedauern darüber ausdrücken zu müssen, dass sie es war, die mit ihren vorlauten Schuhen einem Gehbehinderten im Weg stand.

“Sorry seems to be the hardest word”, singt Elton John. Sorry, aber für Kanada trifft das nicht zu. Hier entschuldigt man sich selbst noch dafür, dass täglich die Sonne aufgeht.

Doch langsam ist Schluss mit “sorry”, und Kanada wacht aus seinem Entschuldigungs-Schlaf auf. Seitdem der böse Mensch aus dem Weißen Haus unser schönes Land annektieren will und grundlos üble Beleidigungen in Richtung Kanada schickt, ist es vorbei mit der kanadischen Höflichkeit.

In Radio-Talkshows wimmelt es in letzter Zeit nur so von “fuck”, “hell” und “goddamned”. Als eine CTV-Reporterin jetzt einen Teilnehmer einer Anti-Trump-Demo in Montreal fragte, warum er bei dieser Kälte auf die Straße gehe, sagte er: “Weil ich’s dem Arschloch zeigen will” (“Because I want to show this asshole”). Kein Beep, nirgendwo.

Demonstrationen waren bisher eher selten in Kanada, was nicht ungewöhnich ist für kalte Länder. Denn wo, außer in Russland, wurden schon bei bitterer Kälte Revolutionen angezettelt?

Doch immer mehr Menschen im Land gehen neuerdings auf die Straße, um ihre Stimme gegen die Pöbeleien des Wüterichs aus Washington zu erheben.

Und keine Spur von sorry.

Amerika-Urlaub? Nein, danke!

New York City, Rockefeller Centre: Vorerst keine Reisen mehr in die USA. © Bopp

Kanadier lieben die USA: Florida im Winter, Kalifornien im Frühling und New York das ganze Jahr. Doch jetzt stockt der Tourismus. Massenweise Kanadier haben ihren geplanten Amerika-Urlaub storniert, in der Provinz Quebec ist es jeder Zweite. Schuld ist der Wüterich im Weißen Haus. Und wir so? USA-Urlaub – nein, danke!

Dabei gehörten wir jahrzehntelang zu denen, die liebend gerne das Nachbarland im Süden besuchten. Vor allem die Neuengland-Staaten haben es uns angetan. Maine, Vermont, New Hampshire, New York – herrlich! Doch damit ist Schluss. Obwohl Cassians Farm nur wenige Minuten von der amerikanischen Grenze entfernt liegt, waren wir seit Trumps Kanada-Attacken aus Protest nicht mehr in den USA.

Er will Kanada zum 51. Bundesstaat machen, beleidigt unseren Premierminister und macht sich lächerlich über alles, was nach Ahornsirup riecht. Und dann die Strafzölle: Mal kommen sie, dann wieder nicht. Schon jetzt mussten kanadische Kleinunternehmer schließen, weil sie dem Psychoterror aus Washington wirtschaftlich nicht standhalten.

So jemanden sollen wir mit unseren feinen kanadischen Dollars unterstützen? Ganz sicher nicht.

Schon klar, dass von dem USA-Boykott auch viele Amerikaner betroffen sind, die nichts mit Trump am Hut haben. Sie tun mir leid, aber es geht um die Message.

„Je mehr Menschen ihren USA-Urlaub stornieren oder gleich gar nicht buchen, desto größer sind die Chancen, dass Trump seine Achterbahn-Politik beendet“, sagte eben ein Tourismusvertreter im kanadischen Rundfunksender CBC.

Die Telefonleitungen glühten während der einstündigen Talkshow. Ein Anrufer erzählte, seine Familie verbringe seit vielen Jahren sechs Wochen in Arizona. Heute habe er alles storniert. Statdessen reisen sie nach British Columbia. Der Trend geht zum Urlaub im eigenen Land.

Eine Frau berichtete, sie habe soeben den für den Herbst geplanten Wanderurlaub in New Hampshire abgesagt. Stattdessen wandern sie lieber in der wunderschönen Gaspésie.

Ein Reiseveranstalter aus Montreal, der auf New-York-Reisen spezialisiert ist, bedauerte in einer anderen Sendung, sämtliche geplanten Gruppenurlaube absagen zu müssen. Es sei entweder kein Interesse mehr vorhanden gewesen oder aber Interessenten hätten massenweise storniert.

Was den Orangenmann aus Mar-a-Lago gar nicht freuen dürfte: Auch viele Amerikaner verbringen ihren Urlaub neuerdings lieber in Kanada als im vergifteten Klima der Vereinigten Staaten.

Kleiner Tipp für alle, die dieses Jahr nach Kanada reisen möchten: Rechtzeitig buchen! Hotelzimmer, Pensionen und Airbnbs könnten knapp werden.


Nicht nur Touristen stornieren ihre Reisen in die USA. Jetzt hat auch die Schriftstellerin Louise Penny angekündigt, aus Protest gegen die Trump-Politik bis auf Weiteres keine Lesereisen mehr in die Vereinigten Staaten u machen.

Jungspund trifft „Silver Surfer“

Wie jetzt: Schon 76 und immer noch nicht tot? Man kommt schon mal ins Grübeln, wenn man sich die Lebensjahre vergegenwärtigt, die man hinter sich hat. Wie viele werden es noch sein? Ist mit 80 Ende Gelände, vielleicht schon früher? Oder erreicht man das biblische Alter meiner Tante Anna, die kurz vor ihrem 100. Geburtstag gestorben ist? Man weiß es nicht, und das ist gut so.

Locker und dabei alles andere als oberflächlich gehen zwei Menschen in dem Podcast Abstrakt & Alltäglich das Thema Alter an – ein Thema, das gerade auch viele Leserinnen und Leser der BLOGHAUSGESCHICHTEN beschäftigen dürfte. Ihnen möchte ich heute diesen Podcast ans Herz legen. Achtzehn Folgen sind es bisher, zwei habe ich gehört. Es werden nicht die letzten gewesen sein.

Ich kenne weder Andreas noch Achim persönlich, die beiden Podcast-Macher. Dass jedoch Achim, der in Bremen lebt, auf der Suche nach Spuren seiner Kindheit auf mich gestoßen ist, hat mich sehr berührt.

Weil es seinen Vater beruflich in den Südwesten Deutschlands verschlagen hatte, lebte Achim als kleiner Bub für eine kurze Zeit in Ummendorf. Nicht irgendwo in diesem (damals) 1200-Einwohner-Dorf, sondern in einem Mietshaus, das meinem Vater gehörte und noch heute in Familienbesitz ist.

Achim hat im Zuge seiner Recherchen Mailkontakt mit mir aufgenommen. Sein Podcast war nur noch einen Klick entfernt.

Wenn Ihnen der Podcast über das Altern so gut gefällt wie mir, empfehle ich Ihnen auch die neueste Episode von Abstrakt & Alltäglich. Da geht es um das Thema Echte Begegnungen. Und auch um Ummendorf und darum, wie zwei Jungs, die sich nur vom Namen kannten, 60 Jahre später wieder Kontakt zueinander gefunden haben.

Die Altern-Episode können Sie >> HIER << hören.

Den Podcast zum Thema Echte Begegnungen gibt’s >> HIER <<

Das Wunder von Montreal

Es gibt sie noch, die kleinen Wunder: Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre so ein Foto wie oben keine Silbe wert gewesen. Der Blogger sitzt bei einem „Bird’s Nest with Shrimps and Chicken“ im China-Restaurant. Doch dann kam eine lebensbedrohliche Erkrankung der Bauchspeicheldrüse.

Die Verdauung war im Eimer, es drohte Krebsgefahr. Drei Viertel der Pankreas mussten entfernt werden, außerdem die komplette Milz. Mehr als ein Jahr lang war nach der Diagnose strikte Diät angesagt: Grießbrei, Zwieback, kein Fett, allenfalls gedünsteter Fisch und Putenschinken.

Heute empfinde ich es als Geschenk, dass ich wieder weitgehend normal essen kann. Das verdanke ich zum einen den Künsten der Chirurgen, die mich im August vorigen Jahres operiert haben, zum anderen den Diät-Kochkünsten von Lore, die mich mit ihrer kulinarisch kreativen Herangehensweise regelrecht aufgepäppelt hat.

Den Rest erledigen Enzyme, die ich zu jeder Mahlzeit in Tablettenform schlucken muss. Unmittelbar nach der OP waren es noch 21 am Tag, inzwischen werden es immer weniger.

Auch wenn fette Speisen noch immer tabu sind – und es wohl auch bleiben werden – rebelliert mein Körper nicht mehr gegen Dinge wie Pasta, Reis, Gemüse und sogar Hühnerfleisch und Meeresfrüchte.

Doch die neue/alte Ernährung kommt mit einem Preis: Weil die Entfernung der Pankreas eine vollfette Diabetes zur Folge hat, muss der Glukosehaushalt neu eingestellt werden – mit Tabletten und neuerdings auch Insulin-Injektionen.

Nudeln beispielsweise sind gut verträglich, aber schlecht für den Blutzucker. Schokolade sorgt dafür, dass der Patient nicht noch mehr Gewicht verliert – 17 Kilo in weniger als eineinhalb Jahren sind genug. Aber Süßigkeiten lassen auch den Glukosesensor in die Höhe schnellen.

Verzichtet man dann aber ganz auf Süßes und auf regelmäßige Mahlzeiten insgesamt, schlägt der Glukose-Alarm im Handy lautstark an – wie eben in der U-Bahn auf dem Weg nach Chinatown.

Da durch die fehlende Milz das natürliche Immunsystem fehlt, wäre Obst perfekt für die Vitaminzufuhr. Nur: Obst enthält jede Menge Zucker und sollte daher nur in homöopathischen Dosen verabreicht werden.

Das Austarieren von Speisen und Getränken (keine Fruchtsäfte und kein Tropfen Alkohol mehr!) mag kompliziert und lästig sein, aber es ist der Preis für etwas, das wir alle gerne tun: LEBEN.

Hoffentlich noch lange. Und so genussvoll es eben geht.

Das Ende meiner UBER-Karriere

1. März 2024: Die allererste UBERFAHRT mit Rosalie und Marco.

„Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören“, heißt es. Ich habe aufgehört – aber besonders schön war es zum Schluss nicht mehr. Meine Tätigkeit als UBER-Fahrer gehört der Vergangenheit an.

Heute vor einem Jahr begann meine Karriere als Chauffeur für den Fahrdienst UBER. Aufgeregt wie ein Schuljunge holte ich zwei junge Leute am Baumarkt ab, die keine Ahnung hatten, dass der Mann am Steuer ein 75jähriges Greenhorn war, das noch nie in seinem Leben als Taxifahrer unterwegs gewesen war.

Ich habe sie geliebt, die Fahrten durch die Stadt meines Herzens. Richter und Künstler, ein Leichensucher aus Texas, ein Gefängniswärter aus dem Yukon, Hochschwangere, Influenzer, eine Drag Queen, eine afrikanische Schönheitskönigin, Familien auf Reisen und jede Menge Montrealer wie du und ich saßen auf dem Rücksitz meines Autos, manchmal auch neben mir.

Sie haben mir Geschichten erzählt, wie ich sie mir nicht besser hätte ausmalen können. Geschichten von Trauer und Leid, von Freude und Frust, von Liebe und Abschied, von exotischen Lämdern umd lamgweiligen Jobs.

Ich hatte geglaubt, die Stadt, in der ich seit mehr als 40 Jahren lebe, in- und auswendig zu kennen. Weit gefehlt! So viele neue Ecken, Cafés, Kneipen, Restaurants und Lost Places habe ich in Montreal entdeckt, dass ich darüber ein Buch schreiben könnte.

Ach ja, das Buch.

Der ursprüngliche Plan war ja, über meine Erfahrungen zu schreiben – das hatte mich überhaupt erst zum UBER-Fahren gebracht. Und jetzt? Nach fast tausend Fahrgästen und unzähligen Stories ist die Luft raus.

Es gibt inzwischen Wichtigeres in meinem Leben, als darüber zu schreiben, warum eine Frau sich 40 Minuten lang für Geld quer durch die Stadt chauffieren lässt, ohne auszusteigen – nur um für einen Moment ihrer Einsamkeit zu entfliehen.

Bis zu meinem Krankenhausaufenthalt im Sommer war der Drive noch da: zu fahren, zu plaudern und später darüber zu schreiben. Doch dann folgten eine schwere OP und Monate der mühsamen Rekonvaleszenz. Ich merkte, dass meine Konzentration nachließ. Taxifahren ist kein Spaziergang im Park – erst recht nicht in einer Fünf-Millionen-Stadt mit Schlaglöchern, Umleitungen, Unfällen, Polizei-Verfolgungsjagden und endlosen Staus.

Sicherheit geht vor Spaß – die Sicherheit der Passagiere, aber auch die eigene. Und irgendwann war sie nicht mehr gewährleistet, diese Sicherheit. Zu viele Dinge wurden plötzlich wichtiger als Fahren und Schreiben: Medikamente, Insulinspritzen, Arzt- und Krankenhaustermine, oft auch seelische und körperliche Befindlichkeiten, die nicht immer mit einem sicheren Fahrgefühl vereinbar waren.

Dazu kommt, dass der UBER-Konzern bei genauer Betrachtung nicht gut mit seinen Fahrern umgeht. Viele Trips, wenig Kohle, hohes Risiko und noch höhere Unkosten. Fast 50 Prozent der Einnahmen bleiben bei UBER. Fair ist anders.

Trotz allem ist es ein Abschied ohne Bitterkeit. Die gute Nachricht: Ich bin bei all den tausenden Kilometern als Taxifahrer unfallfrei geblieben. Ein paar kleine Schrammen, ja – aber nichts Ernstes.

Die nicht so gute Nachricht: Als Unterhaltungsfaktor fehlt mir das Navigieren durch die Straßen der Großstadt.

Die beste Nachricht: Die Geschichten, die ich bei meinen Fahrten gehört habe, kann mir niemand mehr nehmen. Auch wenn es (wahrscheinlich) kein Buch darüber geben wird – die UBER-Chroniken leben in meinem Kopf weiter.