Ein wahrlich vielsaitiges Leben

Mit einer Wandergitarre fing alles an. Um dieses wunderschöne Instrument mit seinen kunstvollen Perlmutt-Intarsien ranken sich viele Geschichten. Mal hieß es, Vater hätte die Klampfe von einem spanischen Orgelbauer abgekauft, der auf Arbeitssuche war und zufällig durch Ummendorf wanderte. Ein andermal wurde kolportiert, sie sei im Tauschverfahren bei uns gelandet. Jedenfalls war diese Gitarre Teil unseres Haushalts, so lange ich denken kann.

Die Wandergitarre ist dort geblieben, wo sie hingehört: In meinem Elternhaus in Ummendorf.

Es sollte nur die erste von vielen Gitarren sein, die mich auf meinem Leben begleiteten. Als Gitarrist bei den “Outlaws”, der damals todsicher härtesten Rockband östlich von Liverpool, musste es eine Elektrogitarre sein – eine “Framus” mit einem atemberaubend schönen Klangkörper.

Es folgten eine “Yamaha”, eine “Hofner”, eine “Fender” und schließlich eine in Montreal handgeschreinerte Akustik-Gitarre der Marke “Seagull”.

Zwischendurch nannte ich auch eine zwölfsaitige Gitarre mein eigen – ein herrlich-herausforderndes Instrument. Zwölf Saiten müssen laufend nachgestimmt werden, auch während des Spiels. Das, so fand ich, kann ziemlich spaßbremsend sein. Als Straßenmusiker leistete sie mir jedoch gute Dienste, verschaffte mir stets Gehör und brachte mir so manchen Taler ein.

Weitgereist und ein bisschen berühmt: Meine erste Wandergitarre als Titelbild von „Das gibt sich bis 1970“

Heute kommt nun eine weitere Gitarre dazu, eine mattschwarze “Vangoa”. Eine junge Französin bot sie im Internet an. Sie besitze das Instrument erst seit einem Monat, erzählte sie mir beim Abholen. Jetzt trenne sie sich wieder von ihm, weil ihr Freund sie zu Weihnachten mit einer qualitativ hochwertigeren Gitarre beschenkt habe.

Die Neue darf in der Stadt bleiben, die anderen kommen aufs Land. Im Blockhaus schlummert derweil noh eine antike Mandoline vor sich hin.

Aber in der Stadt geht musikalisch die Post ab. Dort wartet noch ein ziemlich vorlautes Banjo darauf, von seinem Herrchen liebevoll wachgezupft, manchmal aber auch geschlagen zu werden.

Es ist nicht das erste Banjo, das ich besitze.

Das Erste war ein ziemlich mitgenommenes Stück, das ich in den 70er-Jahren mit einem Redaktions-Kollegen in Wablingen gegen eine Super-8-Filmkamera eingetauscht hatte. Ein großer Fehler! Es verging kein Tag, an dem ich das scheppernde Saiteninstrument nicht vermisst hätte.

DIE NEUE: Seit gestern Teil der Kollektion.

Gestillt wurde meine Sehnsucht dann ein Vierteljahrhundert später bei einem Weinfest im Remstal, zu dem ich aus Kanada angereist war. Der inzwischen in die Jahre gekommene Tausch-Kollege von damals hatte keine Verwendung mehr für das gute Stück und gab es mir zu meiner unfassbar großen Freude zurück.

Heute darf sich das Banjo im Blockhaus von den zahlreichen Händen ausruhen, durch die es gegangen ist – und auch von einigen Reisen. 

Auf einer dieser Reisen per Anhalter durch Europa hatte mir ein gewisser “Donovan” bei einer gemeinsamen Jam-Session in Italien ein Autogramm aufs Fell gekritzelt. Die Unterschrift war später dem Reinigungsdrang einer schwäbischen Hausfrau zum Opfer gefallen, der Ehepartnerin des Tausch-Kollegen. Sie hatte Donovans Schriftzug – warum auch immer – fein säuberlich mit Bürste und Seife entfernt.

Wie konnte sie auch wissen, dass es sich bei der Unterschrift um eine Widmung jenes Donovan handelte, der später unter anderem mit Welthits wie „Mellow Yellow“ und „Colours“ Millionen von Schallplatten verkaufte?

Kanada im Januar: Prima Klima?

Nebelwolken über dem braun-grünen Gras. Plusgrade, die einen beim Holzhacken ins Schwitzen bringen. Und weit und breit kein Schnee. Petrus spielt verrückt.

Den letzten Dreikönigstag ohne Schnee haben wir, wenn ich mich richtig entsinne, vor Jahren auf Mallorca verbracht. Aber hier in Kanada? Undenkbar.

Bis jetzt. Es war von Eisregen die Rede und von einer “Wetterbombe”, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr hatten. 

Wetterbombe? Ja, bombiges Wetter. Aber keine Spur von einer Katastrophe.

Das heißt doch: Klimakatastrophe.

Wer es immer noch nicht wahrhaben will, dass der Welt durch die Klimaveränderung Ungemach droht, muss sich einfach auf den einschlägigen Wetterseiten umschauen. Für Montreal und Umgebung tänzelt das Quecksilber laut Vorhersage den ganzen Januar über frech zwischen frisch und ziemlich frisch umher. Bitterkalt war mal.

Dabei sind minus 25, manchmal sogar minus 35 Grad Celsius im Januar in diesen Breiten gewöhnlich keine Besonderheit. Doch von “gewöhnlich” müssen wir uns wohl verabschieden.

Die Silvesternacht, als uns um Mitternacht auf dem mit einer dicken Eisschicht versehenen Lac Dufresne der Sekt im Glas gefror, ist noch gar nicht lange her.

Die Fahrt mit dem SUV auf dem zugefrorenen Lake of Two Mountains von Hudson nach Oka gehörte jahrelang zu unserem Winter-Ritual. Statt dem SUV steht jetzt ein Kleiner in der Garage. Und zugefroren ist der „Lac des Deux Montagnes“ allenfalls noch in meinem Bild-Archiv.

So richtig freuen kann man sich nicht über Wärmegrade im Januar. Und das, so heißt es, sei erst der Anfang.

Von wegen prima Klima.

VOR GENAU 20 JAHREN: Von Hudson mit dem Auto über den zugefrorenen Lac des Deux Montagnes.

Zeppelin, Zofen und Milkshakes

Bei meiner morgendlichen Lektüre der Schwäbischen Zeitung bin ich eben an dieser Todesanzeige hängen geblieben. Nicht, weil mir der Tod seiner Königlichen Hoheit besonders nahe ginge (ich kannte Durchlaucht gar nicht). Aber weil uns Sterblichen so ein Adelstitel ja nicht jeden Tag unterkommt.

Ein befreundeter Diplomat, dessen Namen ich aus Gründen der Diskretion hier nicht nennen möchte, führt einen so langen Titel, dass ich ihn bei einem Empfang zu seinem Amtsantritt im neuen Job fragte, ob er eigentlich eine ausklappbare Visitenkarte benötige. „You can call me Josh“, hörte ich ihn im Gespräch mit kanadischen Kollegen sagen. Das gefiel mir gut.

Als Korrespondent hatte ich es öfter mit einem Radio-Moderator zu tun, der sich dadurch einen Namen machte, dass er seinen Namen änderte. Er hatte seinen vormals pompösen Adelstitel dermassen zusammengestutzt, dass von seinem Von-und-zu nur noch ein Eduard Irgendwas übrig geblieben ist. Der Kollege hatte es halt nicht so mit Titeln und war mir allein schon deshalb sympathisch.

Als Kind habe ich oft das herrschaftliche Schloss derer von Brandenstein-Zeppelin in dem Dorf Mittelbiberach bestaunt, der Heimat meines Vaters. Mit all seinen Erkern, Türmchen, Vor-, Haupt-, Neben- und Hintergärten hatte dieses imposante Gebäude etwas Mystisches, das einen Bub aus Ummendorf leicht einschüchtern konnte.

Dann passierte etwas Unfassbares: Einer aus dem Geschlecht derer von Brandenstein-Zeppelin, ein veritabler Graf, wurde zu meinem Klassenkameraden am Biberacher Wieland-Gymnasium.

“Wer sind denn so deine Schulkameraden?”, fragte mich die Verwandtschaft schon mal. “Naja”, stapelte ich dann tief, „vor mir sitzt der Zeppelin”. “DER Graf von Zeppelin?”, hörte ich dann ungläubig die Tante oder den Onkel fragen. “Ja, warum ? Muss man den kennen?“

Irgendwann begab es sich in diesem Märchen, dass mich der Graf von und zu Brandenstein-Zeppelin nach der Schule in sein herrschaftliches Schloss bat. Und siehe da: Das Schloss beeindruckte mich plötzlich nur noch mäßig. Die Räume waren zwar riesig, aber ziemlich unterkühlt und dunkel und nur mit dem Nötigsten an Mobiliar ausgestattet. Es gab auch eine kleine Privatkapelle, die fand ich angsteinflößend düster, außerdem roch es nach Moder. Prunk ist jedenfalls anders. Die Schlossbewohner selbst waren freundlich, liebenswert und ausgesprochen nahbar.

SCHLOSS MITTELBIBERACH: Milkshake mit Graf Zeppelin

Was mich aber zutiefst beeindruckte, war die Zofe (ich nenne sie jetzt einfach mal so), die mich fragte, was sie mir zum Trinken servieren könne. Tja, was nun? „Vielleicht eine Schokoladen-Mixmilch?”, fragte die Zofe.

Und so stand er dann vor mir: Der erste, süßeste, köstlichste, schönste, adeligste, unglaublichste Milkshake, den sich Klein-Herbert vorstellen konnte.

Im Nachbardorf gab es das “Schloss Horn”, in dem mein Vater hin und wieder als selbständiger Handwerker zu tun hatte. Klar, dass ich einen Blick hinter die Kulissen dieses hochherrschaftlichen Gebäudes werfen wollte. Einmal nahm Papa Bopp mich einfach mit. 

SCHLOSS HORN: Fechten mit dem kleinen Prinzen

Während er Fresken restaurierte und Säulen bemalte, forderte mich ein Junge, der dort zu Besuch war (vermutlich der Kleine Prinz) zum Fechtkampf vor dem offenen Kamin auf. Als Waffen dienten uns Schürhaken und Aschekratzer. Im Kamin loderte das Holzfeuer. In meinem Kopfkino taten sich abgefackelte Dörfer auf, die in die Hände von wilden Kreuzrittern gefallen waren.

Eben boingt eine Whatsapp-Message von Uli ein, der den schönen Nachnamen Herzog trägt. Er ist der Adelsexperte in meinem Freundeskreis. Ihn hatte ich gefragt, ob man die in der Todesanzeige oben erwähnte “Königliche Hoheit” eigentlich kennen muss? Uli reagierte künstlich-empört über so viel Unwissenheit:

“Das ist der Cousin von Prinz Philipp und der Großonkel von King Charles! Den muss man doch kennen!” Und dann: “Wir Biberacher Reichsstadt-Kinder haben es ja nie so mit dem Adel gehabt”. 

Adel verpflichtet also nicht nur. Er bildet auch.

Manchmal ist Adel aber auch einfach nur peinlich. So enthält das Stadtwappen unseres langjährigen Wohnorts Hudson den Spruch: „Noblesse oblige„. Adel verpflichtet? Welcher Adel denn? Kanadischer? Verpflichtet wozu? Und wo, bitte, geht’s zum nächsten Schloss?

Fürstliche Grüße von Herbert, z.Zt. in St-Bernard-de-Lacolle

Ein gütiger, alter, weiser Mann?

Das mit den Vorsätzen fürs neue Jahr ist so eine Sache. Was ich mir denn so vorgenommen habe für 2023, will die Frau an meiner Seite wissen. “Ich möchte”, antworte ich vielleicht eine Spur zu milde, “ein gütiger, alter, weiser Mann werden”. 

Läuft bisher so mittel.

Die ausbleibenden Neujahrsgrüße mancher “Freunde” hake ich mit “kommt schon mal vor” ab. (Notiz an mich: Die werden sich wundern, wenn sie von jetzt an nichts mehr von mir hören!)

Dass der Flur nach einem Wasserschaden vor unserem Apartment auch nach drei Monaten noch immer aussieht, als hätte ein Tsunami gewütet? Geschenkt! Handwerker sind in Zeiten wie diesen nun mal schlecht zu bekommen. (Notiz an mich: Der Hausverwaltung werde ich gleich morgen ordentlich den Marsch blasen!)

Und was ist mit dem Gehweg vor dem Haus, der seit Tagen nicht gestreut wird? Auf dem sich Menschen verletzen, ach was: umbringen können?  Ruhig Blut. Meine Güte, so eine Stadt wie Montreal hat andere Probleme als ein paar Fußgängern den Hintern zu pudern. (Notiz an mich: Verklagen sollte man sie! Anruf beim Anwalt folgt.)

Und dann: Diese verdammten Rentner, die einem immer die Behinderten-Parkplätze vor der Nase wegschnappen und dann geschmeidig wie junge Hüpfer aus dem Auto steigen! (Notiz an alle: Eure Kennzeichen sind notiert. Klage ist unterwegs).

Sie sehen: Das mit dem alten Mann klappt bisher ganz gut. Nur das mit dem “gütig” und „weise“ müsste ich noch üben. (Notiz an mich: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung).

In diesem Sinne: Ein fröhliches, gütiges, weises, neues Jahr!