Spalten, was zusammen gehört

DEMONSTRIEREN gegen das „Gesetz 96“: Die völlig unnötige Krise. Foto: Bopp

Kritik an einer Gesellschaft zu üben, die einem seit fast 40 Jahren ein Zuhause bietet, ist ein Drahtseilakt, der leicht zum Absturz führen kann. Deshalb will ich versuchen, es so zu formulieren, dass niemand die Balance verliert: Die Politik in Quebec stinkt zum Himmel. Der Irrsinn, der hier mit der Rettung der angeblich vom Aussterben bedrohten französischen Sprache betrieben wird, muss gestoppt werden. Aber wie?

Was hier zurzeit abläuft, hat mit einer offenen kanadischen Gesellschaft nichts mehr zu tun. Es ist, wie es ein Freund formulierte, der Land und Leute gut kennt, “menschenfeindlicher Rassismus unter dem Deckmantel angeblicher Minderheiteninteressen”. Im Grunde seien das, so meint der befreundete Kollege, „Apartheidsgesetze“.

Was ist passiert?

Nichts ist passiert. Und genau das ist das Problem.

Das Zusammenleben zwischen einer französischsprachigen Mehrheit und einer englisch- und anderssprachigen Minderheit hat über viele Jahre wunderbar funktioniert. 

Doch jetzt, wenige Monate vor den Landtagswahlen in Quebec, spielt Ministerpräsident François Legault den starken Mann. Er entzieht der nicht Französisch sprechenden Minderheit per Gesetz Rechte, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Mit der “Bill 96” tritt er, der eigentlich vermitteln sollte, als Spalter vom Dienst auf.

🔵 Auch wenn es der zuständige Minister anders, schwammiger formuliert: Ärzte und Krankenschwestern sind angehalten, Französisch mit ihren Patienten zu sprechen. Ausnahme: Bewohner der Provinz, die „historisch anglophon“ sind, wie die Bestimmung besagt.

🔵 Richter müssen künftig nicht mehr zweisprachig sein. Französisch allein genügt.

🔵 Neueinwanderer müssen mit den Quebecker Behörden bereits sechs Monate nach ihrer Ankunft auf Französisch korrespondieren, sonst riskieren sie, dass ihre Anträge nicht bearbeitet werden.

So weit, so schlecht. 

Der schwerwiegendste Eingriff in die demokratische Verfassung eines Landes kann bestenfalls mit dreist beschrieben werden, schlimmstenfalls mit Stasi-Methoden:

🔵 Die Quebecker Sprachenpolizei („l’office de la langue française“) hat das Recht, ohne Voranmeldung, ohne Durchsuchungsbefehl und ohne ersichtlichen Grund Computer und Handys von Firmen mit mehr als 50 Beschäftigten einzusehen. Die geschäftliche Korrespondenz muss, wo irgendwo nur möglich, auf Französisch geführt werden.

Ein eigen dafür gegründetes Ministerium wird die Überwachung dieser (vermutlich höchst rechtswidrigen) Bestimmungen übernehmen.

Schon jetzt steht eine Armee von Anwälten in den Startlöchern, um das neue ”Gesetz 96” anzufechten bzw. zu verteidigen. Dabei werden Gelder verschwendet, die dringend anderweitig benötigt werden. Allen voran auf dem Gesundheitssektor.

🔵Die Wartezeiten für Hüftoperationen betragen zwei Jahre und mehr. Selbst bei schmerzlindernden Cortison-Injektionen muss mit einer monatelangen Wartezeit gerechnet werden.

🔵 Wartezeiten von sieben bis neun Stunden sind in den Notaufnahmen der Krankenhäusern eher die Regel als die Ausnahme.

🔵 Zwei Millionen Quebecker finden keinen Hausarzt.

🔵 Wer in die Röhre muss, wartet monatelang, manchmal ein Jahr und mehr auf einen Termin.

🔵 Nirgends in Kanada sind auf die Bevölkerungszahl gerechnet mehr Menschen an Covid gestorben als in Quebec. Behörden und Krankenhäuser waren mit dem Management der Pandemie schlicht überfordert.

Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Und jetzt also ein Ministerium zur Erhaltung der französischen Sprache. 

Die Angst, im Meer der englischsprachigen Sünde zu versinken, treibt die amtierende nationalistische, rechts-konservative “Coalition Avenir Québec” (CAQ) unter ihrem Ministerpräsidenten François Legault zu Maßnahmen, die selbst bei französischsprachigen Medien Kopfschütteln verursachen.

François Legault habe aus rein machtpolitischen Interessen eine Krise heraufbeschworen, die keine ist, heißt es in “La Presse”.

KILL BILL 96 Foto:Roth-Bopp

Geradezu lächerlich macht sich der Regierungschef mit der jetzt geäußerten Befürchtung, Quebec könne “zu einem Louisiana” werden.

In dem US-Südstaat, der im 17. Jahrhundert im Namen des Königs von Frankreich kolonialisiert worden war, sprechen lediglich noch 2 Prozent der Bevölkerung Französisch. In Quebec sind es pralle 90 Prozent.

Eine vom Aussterben bedrohte Sprache sieht anders aus.

Fakt ist: Vor den Wahlen im Oktober will François Legault den starken Mann spielen. Dabei hat er dies gar nicht nötig. Meinungsumfragen zufolge wird die Regierungspartei CAQ ohnehin haushoch gewinnen.

In der Metropole Montreal wird François Legault mit seiner nationalistisch geprägten, fremdenfeindlichen Politik der Ausgrenzung weniger Unterstützung finden als auf dem Land. Seine Partei spricht vor allem die Bewohner der provinziell geprägten Regionen Quebecs an. Dort ist die CAQ-Basis gut verankert.

Auch Einwanderern will es Legault erschweren, sich in Englisch – und gleich gar nicht in ihrer Muttersprache – einzuleben. Er will der kanadischen Bundesregierung das Mitspracherecht bei der Bewilligung von Einwanderungs-Anträgen entziehen.

Wohin das führen würde, ist klar. Anwärter aus englischsprachigen Herkunftsländern müssten sich warm anziehen.

Ein Glück, dass Kanada, anders als die Provinz Quebec, ein Staat ist, der Toleranz und Inklusion nicht nur predigt, sondern Versprechen auch mit Taten unterfüttert.

Die Antwort von Premierminister Justin Trudeau auf Legaults Anliegen fiel deutlich aus. Der Provinz Quebec die alleinige Entscheidung bei der Rekrutierung von Einwanderern zu überlassen, komme nicht infrage.

Ein Lichtblick in dunklen Zeiten.

Und noch ein Lichtblick: Bei einer Demonstration ließ die großartige Quebecker Schriftstellerin Louise Penny vor einigen Tagen ein Manifest verlesen. Hier ist es im Wortlaut:

I live in Quebec by choice.  It’s my home.  My books are love letters to this part of Canada.  I will absolutely fight to protect the French language and rich culture. I do it all day, everyday, in my books – where I talk about the Quebec I know and love. One of acceptance, of tolerance, where Anglos and Francophones sometimes disagree, where there are misunderstandings, tensions, and lively political discourse.  And then we sit down and have a meal together. 

That is the Quebec I live in and see everyday.  One  where there is respect for what each brings, and has brought, to life in this province.  But Bill 96 is now telling me my right to health-care, education, access to the courts in my own language will be limited.  Bill 96 solves a „problem“ that does not exist.  It takes a hammer to a situation when, if adjustments are necessary, a tweezer would do.  I don’t understand how politicians who would be rightly infuriated if it was done to them, can do it to others.  

I love Quebec. My parents were born here. My husband was born, raised, worked here all his life and his ashes are scattered here. This is our home. I am Anglophone. I am a Quebecker.“

Ich bin schuldig, Euer Ehren!

Haben Menschen kein eigenes Leben, wenn sie wochenlang jeden Prozesstag verfolgen, in dem es um die B-Schauspielerin Amber Heard und den Hollywoodstar Johnny Depp geht? Schlimmer noch: Haben sie ihr Leben verloren, wenn sie, wie Karl Lagerfeld meinte, das Ganze auch noch in Jogginghosen tun? Keineswegs. 

Ich bekenne mich schuldig. Der Voyeur in mir hat gesiegt. War ich zuhause, saß ich gebannt vor dem Laptop. Unterwegs zückte ich schon mal in der U-Bahn oder im Café das Handy, um nichts zu verpassen. Neigte sich dann der Prozesstag dem Ende zu, hätte ich dem Countdown-Zähler gerne Speed gegeben. Schließlich brauchte ich am nächsten Morgen wieder neuen Stoff.

Mehr als einmal stellte ich fest: Ich bin nicht allein. Auch andere Menschen, die  noch ein richtiges Leben haben, konnten sich der Faszination dieses Promi-Prozesses nicht entziehen. Kein Wunder, denn er enthielt alles, was wir Storyteller so lieben:

Macht. Glamour. Show. Skandale. Schöne Frauen. Attraktive Männer. Filme. Geld. Liebe. Leidenschaft. Exotische Reisen. Gewalt. Sex, Drogen und selbst Rock’n-Roll. Schließlich war Johnny Depp, noch ehe er in Hollywood landete, ein nicht ganz unbekannter Musiker.

Ob ein Mister Depp 100 Millionen Dollar an seine Ex-Frau Amber Heard blechen muss, oder ob “Miss Heard”, wie er sie während des Prozesses nannte, 50 Millionen an ihren vermeintlichen Peiniger zahlt, ist mir relativ wurscht. Der Unterhaltungswert so einer Geschichte ist unbezahlbar. 

Und für häusliche Gewalt, nur um dies auch noch klarzustellen, gibt es sowieso keine Entschuldigung. Kein Betrag der Welt wird die Folgen wieder gut machen können.

Ohne dem Urteil vorgreifen zu wollen: So richtig knusper sind Beide nicht. Wer, wie Johnny Depp, nicht mehr weiss, wie viele Immobilien und Luxusautos er besitzt und wer, wie Amber Heard, eine dieser Immobilien, ein Millionen Dollar teures Penthouse in Los Angeles, einzig und allein als Umkleidezimmer benutzt, hat andere Sorgen als Sie und ich.

Wenn im Prozess vom Alltag des Ehepaars Depp-Heard die Rede war, dann hörte sich das ungefähr so an:

“Auf dem Flug von Los Angeles nach Moskau hat er mir im Privatjet eine gewischt”.

“Nach der Hochzeitseise im Orient-Express nach Bangkok hatte ich ein Veilchen”.

“Zum Geburtstag auf Johnnys Privatinsel auf den Bahamas kam er zu spät und wurde wütend.”

“Während eines Filmdrehs in Australien hat er die Küche kurz und klein geschlagen”.

„Zum Frühstück gab’s Kokain und Whisky“.

“Vor einem Presstermin in Tokio ist er mal wieder total ausgerastet und hat sich in eine Ecke der Hotelsuite verkrümelt“.

“Mein Wein-Budget beläuft sich auf 30.000 Dollar im Monat”.

“Ich weiss nicht mehr genau, wie viele Häuser ich in Hollywood besitze. Ich glaube, es sind fünf”.

“Ach ja, zusätzlich zu den Häusern in den Hollywood Hills kommen noch fünf Penthäuser, auf einem Stock, die ich in der Innenstadt von Los Angeles bewohne“.

“Ich besitze noch ein kleines Dorf in der Nähe von St. Tropez”.

„Das Schlösschen in Südfrankreich musste ich für ein paar Millionen restaurieren lassen“.

Und da wundern sich Leute, warum die Nation am Fernseher klebt?

Schon jetzt steht fest: Egal wie das Urteil nächste Woche ausfällt, es gibt nur Verlierer. Wer wochenlang jedes noch so intime, manchmal unappetitliche Detail seines Leben so vor der Weltöffentlichkeit ausbreitet, hat es doch eigentlich schon verloren.

Ich bin da ganz egoistisch und hätte den Beiden gerne noch ein wenig beim Verlieren zugeguckt.

So viel Unterhaltung für so wenig Geld gibt’s so schnell nicht wieder.

Horrorstories vom Flughafen

Flughafen Toronto, Mai 2022: Länger warten als fliegen.

Nein wir, waren nicht unterwegs und haben es auf absehbare Zeit auch nicht vor. Aber von Freunden, Bekannten und natürlich auch aus den Medien erfahren wir in letzter Zeit immer wieder, wie katastrophal überlastet kanadische Flughäfen zurzeit sind.

Die Flugzeit von Montreal nach Toronto beträgt knapp eine Stunde. die Wartezeit, bis der Flieger endlich abhebt, kann bis zu fünf Stunden dauern. Verspätungen sind derzeit eher die Regel als die Ausnahme. Und natürlich brechen dabei viele Anschlussflüge weg, welche die Passagiere ans Ziel bringen sollen.

Im staatlichen Rundfunk CBC habe ich eben von einer Frau gehört, die für den Flug von Orlando/Florida nach St. John’s/Neufundland 32 Stunden unterwegs war – inklusive Übernachtung, die sie selbst bezahen musste. Die reguläre Flugzeit beträgt selten mehr als fünf Stunden.

Woran liegt’s, dass Fliegen zum Albtraum geworden ist?

  • Plötzlich wieder zu viele Reisende. Auch solche, die kurz vor Ablauf ihre Gutscheine einlösen wollen, die ihnen nach stornierten Reisen während der Pandemie ausgehändigt worden waren. 
  • Zu wenig Sicherheitskräfte. Viele von ihnen mussten sich wegen des ausbleibenden Reiseverkehrs während der Pandemie neue Jobs suchen und sind dort geblieben. 
  • Immer noch werden spotweise Covid-Tests gemacht.
  • Computerprobleme, verursacht von Leuten, die neu sind und das System bei relativ kurzer Einarbeitung noch nicht vollständig beherrschen.
  • Und natürlich trägt wieder einmal die Politik die Schuld. Sie hatte nicht auf die Fachleute gehört, die schon vor langer Zeit gewarnt haben: Genau so, wie es jetzt eingetreten ist, wird es kommen. 

Fazit: Ohne Not würde mich zurzeit niemand auf einen Flieger bringen. 

Dazu passend hat mir mein befreundeter Kollege Rüdiger diesen Link geschickt:

>> Passagiere haben das Fliegen verlernt <<

FLIEGEN KANN SO SCHÖN SEIN … wenn man erst einmal oben angekommen ist. Foto: Bopp

Staatsbegräbnis für „Die Blume“

Wenn ein Held zu Grabe getragen wird, kommen die Massen. Massenweise Promis, massenweise Schaulustige, massenweise Medien. Nie zuvor während meiner fast 40 Jahre in Montreal habe ich eine grösere Anteilnahme erfahren als beim Tod des Eishockeyspielers Guy Lafleur. Er ist im Alter von 70 Jahren gestorben.

Um die Bedeutung dieses begnadeten Spielers auf deutsche Verhältnisse zu projizieren, müsste man Boris Becker, Franz Beckenbauer und Michael Schumacher zusammen huldigen. Nur dass Guy Lafleur vor seinem Tod nicht jahrelang bettlägrig war wie Michael Schumacher, nie im Knast saß wie Boris Becker und, soweit bekannt, auch keine Schmiergelder angenommen hat.

Guy Lafleur war der Star der Stars. Und er war einer von den Guten. Er, der kettenrauchende Profisportler mit einer blonden Mähne wie einst Günter Netzer sie hatte, starb an Lungenkrebs.

Jetzt wurde die Nummer 10 mit einem Staatsbegräbnis geehrt. Seit acht Uhr morgens übertrug der staatliche Fernsehsender CBC live von dem Platz gegenüber der Basilika “Mary, Queen of the World”, direkt neben dem altehrwürdigen “Queen Elizabeth Hotel”, in dem John Lennon und Yoko Ono ihr berühmtes “Bed-In” zelebrierten.

Ein Teil der Montrealer Innenstadt war komplett gesperrt. Gut eine Stunde vor den Trauerfeierlichkeiten fuhren die ersten Limousinen vor. Es sollten Dutzende von ihnen werden. Mit Sportstars aus ganz Nordamerika, Gesellschaftspromis und Politikern. 

Selbst Premierminister Justin Trudeau ließ es sich nicht nehmen, der “Blume”, wie Guy Lafleur in Anlehnung seines Nachnamens genannt wurde, die letzte Ehre zu erweisen.

Zuvor war der Sarg mit Guy Lafleur zwei Tage hintereinander in der Eishockey-Arena „Bell Centre“ aufgebahrt. Tausende harrten stundenlang aus, um ihrem Idol endlich ganz nahe zu kommen – etwas, das den meisten von ihnen zu Lebzeiten als Normalsterbliche wohl nicht vergönnt gewesen war.

Die Fans, die gekommen waren, um dem großen Guy ihre Referenz zu erweisen, säumten schon Stunden vor den Trauerfeierlichkeiten den Boulevard René Lévesque. Sie machten es sich in Hockey-Trikots mit der Nummer 10 in Campingstühlen bequem, brachten Nachbildungen der vielen Stanley-Pokale mit, die der einstige Hockeystar mit den “Montreal Canadiens” gewonnen hatte und tauschten untereinander Geschichten über diesen Mann aus, den alle zu lieben schienen.

Sie brachen in “Guy! Guy! Guy!”-Jubelrufe aus, applaudierten, als der Leichenwagen vorfuhr, skandierten im Chor “Merci Guy!” – so, als wäre “die Blume” noch immer auf dem Eis und nicht in einem schwarzen Sarg.

Ich habe nie ein Spiel mit Guy Lafleur gesehen. Aber auch als Nicht-Eishockeyfan wusste ich schon früh um den legendären Ruf dieses Mannes, der, glaubt man den Medien, bis zum Tod frei von Skandalen geblieben war.

Das Begräbnis, an dem ich den ganzen Vormittag über teilnahm, stimmte mich traurig. Natürlich auch wegen des Ablebens dieses bestimmt wunderbaren Menschen, den ich ja gar nicht kannte. 

Es machte mich aber vor allem betrübt, weil die wahren Fans draußen vor der (Kirchen-)Tür bleiben mussten, während sich drinnen Promis, Politiker, Stars und Sternchen versammelten, von denen vermutlich nicht alle etwas mit der Legende Guy Lafleurs am Hut  hatten. 

Diejenigen, die diesem einzigarten Eishockeyspieler in ihrem Leben noch nie so nahe gekommen sind wie heute, mussten auf Riesenleinwänden zuschauen, wir ihr Idol zu Grabe getragen wurde.

NACHTRAG: Eben lässt mich mein Freund Marc wissen, dass laut „Radio Canada“ doch noch 120 Menschen, die nicht in der Óffentlichkeit stehen, Platz in der Basilika gefunden haben. Immerhin.

Meine Nacht mit Boris Becker

Es war ein kühler Sommerabend in Montreal, irgendwann in den 90er-Jahren. Der Deutschlandfunk hatte bei mir zum Abschluss der “Canadian Open” ein Interview mit Boris Becker bestellt. Es sollte ein Abend der ganz besonderen Art werden.

Vom Tennis hatte ich zugegebenermaßen nicht viel mehr Ahnung als von den meisten Sportarten, über die ich im Laufe der Jahre als Korrespondent zu berichten hatte. Es waren fast immer die Menschen hinter dem Sport, die mich interessierten. Formel Eins? Geschenkt. Aber Michael Schumacher? Großartig als Interviewpartner.

So ging es mir auch bei Boris Becker. Den sportlichen Teil der “Canadian Open” in Montreal hatten die Kollegen vom Sport abgedeckt. Ich kümmerte mich um “das Bunte”, wie das in der Branche hieß.

Boris spielte an jenem Abend um den dritten oder vierten Platz, den Sieg hatte er bereits vergeigt. Der Centre Court war ihm also verwehrt geblieben. Und wie das so ist mit der Loyalität des Publikums: Man sonnt sich gerne im Schatten der Sieger. Boris Becker gehörte an diesem Abend nicht zu ihnen.

Auf einem der Nebenplätze im “Jarry Park” im Montrealer Norden hämmerte Boris also sein letztes Turnierspiel weg. In den Zuschauerrängen, auf der Pressetribüne und auch in den VIP-Logen herrschte gähnende Leere. Es muss um Mitternacht gewesen sein, als sich Boris noch immer gegen seinen Gegner abmühte.

Ich schaute mich um und erkannte Barbara Feltus, seine Frau. Neben ihr Ion Tiriac. Der Mann aus Siebenbürgen hatte Boris damals gemanagt und den Bub aus Leimen zu einem der jüngsten Reichen des Profisports gemacht – und sich gleich mit.

“Darf ich?”, fragte ich die Beiden, die Boris gelangweilt bei dem mitternächtlichen Match zuschauten. “Setz‘ dich”, sagte Barbara Feltus, mit der ich zuvor schon im Pressezentrum kurz geplaudert hatte. Sie bot mir eine Wolldecke an, die neben ihr lag. Es war jetzt schon nach Mitternacht und von Sommertemperatur keine Spur.

Ion Tiriac, den ich mit seinem gezwirbelten Schnauzbart hauptsächlich von Fotos im Rolls Royce kannte, begrüßte mich mit Handschlag, ließ aber trotz der vorgeschrittenen Stunde seine wachen Augen nicht von seinem Schützling ab.

“Herr Tiriac”, sagte ich, “Ich bräuchte noch ein paar O-Töne von Boris – geht das?”

“Unmöglich”, sagte sein Manager. “Boris muss nach dem Match sofort ins Hotel. Morgen früh geht’s weiter nach Cincinatti”.

“Doch, doch”, sagte Barbara Feltus seelenruhig, als hätte sie dem Manager ihres Mannes eben nicht zugehört, “das mit dem Interview kriegen wir schon hin.” 

Ich war fasziniert von der Dynamik, die unter dem Trio Becker/Tiriac/Feltus herrschen musste. Wer hat nun eigentlich das letzte Wort? 

Boris spielte noch immer. “Mann, komm endlich!”, murmelte Barbara vor sich hin, “wir wollen heim!”

Doch Boris Becker kam und kam nicht. Dafür standen plötzlich zwei Teenager mit Becker-Plakaten vor uns. “Autograph, please!”, rief einer in Richtung Tiriac. “Sorry”, grumselte der Manager, “not possible”.

“Give me the poster”, sagte Barbara zu den beiden Jungs. Sie würde ihnen das Autogramm schon besorgen.

Wozu braucht der Mann eigentlich einen Manager, wenn er doch so eine patente Frau hat?, dachte ich.

Endlich! Boris hatte das Spiel um den dritten Platz verloren und schleppte sich die paar Bankreihen durch die fast menschenleeren Ränge hin zu uns in Richtung Pressetribüne.

“Gib den Jungs ein Autogramm”, war das erste, das seine Frau zum Verlierer der Nacht sagte. Boris tat wie geheissen. Zwei Plakate, zwei Autogramme.

„Und jetzt noch ein Interview für den Herrn zu meiner Rechten“, sagte Barbara Feltus und grinste mich dabei an, als wolle sie mir sagen: Das kriegen wir schon gebacken. “Oh Mann!”, höre ich Boris noch sagen, “ich will ins Hotel”.

Was dann passierte, wäre heutzutage schon aus Sicherheitsgründen undenkbar und ich kann es auch gut 25 Jahre später kaum fassen: Barbara sprach sich kurz mit Ion Tiriac ab und schon saßen wir – einschließlich Chauffeur – zu fünft in einer Limousine.

Während der paar Kilometer zwischen Tennis Court und Hotel kam vielleicht nicht das gehaltvollste aller Interviews meines Reporter-Lebens zustande. Aber es reichte aus, um meinen Sender zu beglücken.

Noch in der Nacht sendete ich die O-Töne nach Köln. Und während Boris, Ion und Barbara in Montreal längst ihre Nachtruhe angetreten hatten, lief das Interview mit Boris Becker in Deutschland im Radio.

Vielleicht hätte Boris in den letzten Jahren auch eine Barbara Feltus an seiner Seite gebraucht – eine, die alles für ihn managt und sich ein bisschen mehr um ihn sorgt.

Zu spät, Boris. Ich finde übrigens, du gehörst zwar bestraft, aber nicht wie Mörder und Terroristen in den Knast.

Deinen O-Ton dazu hätte ich jetzt gerne.