Der Prinz, die Bauzinsen und ich

PRINZ CHARLES bei einem seiner mehr als 20 Kanada-Besuche. © CBC

Natürlich hat es während meiner langen Korrespondenten-Zeit in Kanada auch Begegnungen mit Royalties gegeben. Und wer weiss, vielleicht ist Prinz Charles, oder “King Charles The Third”, wie er jetzt heisst, sogar ein bisschen Schuld daran, dass ich zum Radio ging.

Nicht dass er mich aktiv bei meiner Berufswahl beflügelt oder gar beraten hätte. Aber der Umgang des Mediums Rundfunks mit ihm während eines königlichen Kanada-Besuchs, hat einen so nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, dass ich eine Verbindung zu meiner späteren Radio-Laufbahn nicht ausschließen will.

Es war irgendwann in den 70er-Jahren in Winnipeg/Manitoba. Kurz zuvor war ich bei minus 40 Grad Celsius mitten im tiefsten Winter in Kanada angekommen. Eine deutschsprachige Wochenzeitung hatte mich als Reporter eingestellt. Drei Jahre später war ich wieder weg, Manitoba war mir dann doch zu einsam. Außerdem hatte ich mit 27 auch journalistisch noch einiges vor. 

Losgelassen hat mich dieses wunderbare Land trotzdem nicht. Jahre später wanderte ich erneut nach Kanada aus. Diesmal liess ich mich als Korrespondent in Montreal nieder.

Es war während meines ersten Kanada-Aufenthalts in den Siebziger Jahren. Ich wohnte damals am Assiniboine River in Winnipeg, genau gegenüber dem Parlamentsgebäude und nur einen Steinwurf vom Haus des Generalgouverneurs von Manitoba entfernt. Der hatte die königliche Familie zum Brunch eingeladen.

Natürlich wollte ich mir den Anblick nicht entgehen lassen, wie die Royals von der Limousine aus über den Roten Teppich in das hochherrschaftliche Gebäude schritten, in dem der Repräsentant der Königin in Manitoba domizilierte.

Die Aufforderung dazu kam quasi aus dem Radio. Ein Moderator namens Ron Able, der beim Sender CFRW als Dampfplauderer der Morning Show lokalen Promi-Status genoss, hatte den Monarchen-Sohn während seiner Sendung immer wieder mit dem Satz begrüßt:

“GOOD MORNING, CHARLY! WELCOME TO WINNIPEG!”

Der Satz wurde an diesem Tag zum medialen Schlachtruf. Der Moderator forderte seine Hörer immer wieder auf, in der Sendung anzurufen und ihre eigene Version von “Good Morning, Charly! Welcome to Winnipeg!”, abzulassen.

Es war zum Piepen. Und ich dachte mir, der ich ja damals Zeitungsschreiber war und mit Radio noch nichts zu tun hatte, dass der Rundfunk doch ein tolles Medium sei, um mit Stimme Stimmungen zu erzeugen und die Leute nicht nur zu informieren, sondern auch zum Lachen zu bringen.

An diesem Morgen verließ ich also fröhlich meine Wohnung an der Assiniboine Avenue, um ein paar Schritte weiter den Prinzen zu sehen, der schon den ganzen Morgen im Radio gefeiert worden war. Ich mischte mich unter eine kleine Gruppe von Groupies – und war plötzlich selbst einer davon.

Es sollte nicht die einzige Begegnung mit dem neuen König sein.

Prinz Charles hat Kanada mehr als 20 Mal besucht. Bei einem dieser Besuche, Mitte der 80er-Jahre, war er mit Prinzessin Diana in Ottawa. Ich lebte inzwischen in Montreal und hatte mich als Korrespondent für den “royal visit” akkreditieren lassen. 

Die Veranstaltung selbst fand ich ziemlich steif und langweilig. Nachdem das offizielle Programm abgespult war, mischten sich Diana und Charles unters gemeine Volk.

Prinzessin Diana konnte ich nur aus der Ferne bewundern, gesprochen habe ich nicht mit ihr nicht. Dafür aber gab es eine denkwürdige Unterhaltung mit Prinz Charles.

Er stand – warum auch immer – allein vor einer großen Vitrine, in der eine Modellstadt aufgebaut war. Es ging um Kanadas Vision eines nachhaltigen Städtebaus. Ich stellte mich neben den Prinzen, hatte aber zum Thema selbst ehrlich gesagt nichts beizutragen. Aber sich einmal im Dunstkreis eines wahrhaften Königskindes zu bewegen – diesen Moment wollte ich einfach für ein paar Minuten genießen.

Als wir so nebeneinander standen, hob ich dazu an, dem Prinzen in Ermangelung eines anderen Themas von jenem Morgen in Winnipeg zu erzählen, als Hörer beim Radiosender anriefen und ihn “on air” mit jenem “Good Morning, Charly!” begrüßten. 

Das fand er lustig, der Herr Charles. Mehr aber auch nicht.

Und dann einer der peinlichsten Momente meiner Journalisten-Laufbahn:

Prinz Charles, der Prince of Wales, hob zu einer Frage an. Er fragte mich – und ich schwöre, das war der Satz, den er benützte:

“How high are the mortgage rates in Canada, actually?”

Wie bitte? Der künftige König wollte von mir wissen, wie hoch die Hypothekenzinsen in Kanada seien? Muss der Mann sein Schloss etwa auf Raten abbezahlen, oder war er genau so gelangweilt wie ich und brauchte einfach Gesprächsstoff? Ich werde es nie erfahren.

Wir standen also dicht nebeneinander und ich war idiesem Mann, kaum älter als ich, ausgeliefert. Und blamierte mich maßlos. Keiner um mich herum, der mir die Antwort, die ich nicht kannte, abnehmen konnte.

“I don’t know”, sagte ich kleinlaut … und verschwand mit errötetem Gesicht so schnell wie möglich in der Menge.

Nicht gerade ein Ritterschlag für mich, das gebe ich zu. Aber immerhin kann ich wahrheitsgetreu behaupten: “Ich bin King Charles dem Dritten noch eine Antwort schuldig”.

Übrigens: Die Hypothekenzinsen betragen heute 5.240 % für zwei Jahre. Bei der ROYAL BANK of Canada.

Chad: Kurz mal die Welt retten

CHAD WALCOTT im Zoom-Interview: Der Feuerwehrmann schickt sich an, den Planeten zu retten.

Sein gewaltiger Wuschelkopf war das erste, das mir an Cassians Schulfreund Chad aufgefallen ist. Aber dann kam auch schon bald das flinke Mundwerk dieses hübschen Bengels aus Rigaud, einem Dorf, das nur ein paar Kilometer von unserem Haus in Hudson entfernt liegt. Aus dem Plappermäulchen von damals ist ein politischer Aktivist geworden. Jetzt kandidiert Chad Walcott als Bundesvorsitzender der “Grünen” in Kanada. 

Das ist die Geschichte von Chad, einem Schulfreund Cassians, der den Planeten retten möchte. “Die Welt steht in Flammen”, sagte er mir eben via Zoom, “und irgendjemand muss sie löschen”.  

Dass wir über Videochat miteinander geplaudert haben und nicht auf Augenhöhe, wo wir doch fast Nachbarn sind, ist Chads Covid-Erkrankung geschuldet. Schlechtes Timing. Gerade erst hat er seinen Wahlkampf angeschoben – und jetzt das.

Aber Chad wäre nicht Chad, würde er nicht unbeirrt weitermachen auf dem Weg zum Grünen-Vorsitz. Mit Abstand, klar, und super vorsichtig. Aber auch mit ungebrochenem Elan. 

Aus diesem Holz sind “Leader” geschnitzt. Und das Chad Walcott ein Führer im besten Sinne ist, da habe ich nicht den geringsten Zweifel.

Irgendjemand muss also den brennenden Planeten retten. Chad weiss auch schon wer: Seine Co-Kandidatin Anna Keenan und er. Zwei junge Aktivisten, die sich vorgenommen haben die etwas aus dem Ruder gelaufene “Green Party of Canada” wieder aufs richtige Gleis zu hieven.

Ich kenne Chad seit fast 20 Jahren. Er ging als Cassians Schulfreund in unserem Haus in Hudson aus und ein, sie besuchten beide dasselbe College. Bis heute ist er mir ein liebenswerter, aber auch kompetenter, loyaler politischer Weggenosse geblieben. 

Um Antworten ist Chad nie verlegen. Bei der Einordnung politischer Befindlichkeiten – egal ob auf lokaler, Landes- oder Bundesebene -, beweist Chad immer wieder die Weitsicht, die man bei arrivierten Politikern oft vermisst. 

Chad ist nicht arriviert. Seine natürliche Neugier, gepaart mit dem vom Papa geerbten karibischen Charme, wird ihn weit bringen, da bin ich sicher.

So schnell auch Chads Mundwerk funktionieren mag, er ist ein nachdenklicher Kerl, dessen reflektierte Ansichten ich schon zu schätzen wusste, als er noch der Teenager war, der seinen gleichaltrigen Freunden die Welt erklärte.

CHAD WALCOTT (oben rechts): Mit Mama und den Brüdern Karl und Daniel..

Chads Vater stammt aus Barbados, die Mutter hat einen slowenisch-kroatischen Hintergrund. Gerade für Chads Mutter hatte ich schon immer Respekt. Leicht kann ihr Leben als Alleinerziehende von drei Jungs nicht immer gewesen sein. Aber sie hat es geschafft.

Chads Bruder Karl ist ein erfolgreicher Schauspieler geworden, der gerade wieder in einer französischsprachigen Produktion über die Bildschirme flimmert. Daniel, der andere Bruder, spielt als Eishockey-Profi im “Farm Team” des NHL-Clubs “Tampa Lightning” und lebt in Syracuse/New-York.

Und die Mama? Hat gerade als gestandene Frau ihr Wirtschaftsstudium an einer Montrealer Uni abgeschlossen.

Dass Chad irgendwann in der grossen Politik landen würde, wundert keinen, der ihn kennt. Sein Engagement für die Abgehängten und Vergessenen der Gesellschaft, sein Einsatz für seine Kommilitonen, die nicht nur seiner Meinung nach überhöhte Studiengebühren bezahlen mussten und deshalb unter Chad als Anführer zu Zigtausenden auf die Straße gingen – das alles bereitete den Weg zu dem “social activist”, der jetzt in die große Politik will.

Es wird Zeit, dass die kanadischen Grünen die “One-Pony-Show” hinter sich lassen, die einzig und allein das Thema Umwelt auf ihre Fahnen geschrieben haben. Sie müssen sich breiter aufstellen, sagt Chad, und für soziale Gerechtigkeit mit genau so viel Engagement kämpfen wie gegen “die Welt, die in Flammen steht”.

Und wäre dieses Wortbild nicht schon stark genug, haut Chad gleich noch einen weiteren starken Satz raus: “Die Temperatur in der Politik muss gesenkt werden” Hitzköpfe sind gut und recht, so lange man den Focus auf das, was zählt, nicht aus den Augen verliert: die Menschen.

Keine Frage: Wenn die Mitgliederversammlung der Grünen am 19. November ihre Stimmzettel abgibt, wird Chad Walcott “on fire” sein. Sollten er und seine Co-Vorsitzende-Kandidatin, die aus Australien stammende Anna Keenan aus Prince Edward Island, die Partei künftig auf Bundesebene anführen, wird es kein Zurück mehr geben. 

Der Feuerwehrmann Chad Walcott wird versuchen, mal kurz die Welt zu retten. Die Löscharbeiten haben mit seiner Kandidatur bereits begonnen.

EINZUG ERWÜNSCHT: Chad Walcott mit Anna Keenan, seiner Co-Kandidatin fuer den Grünen-Vorsitz, vor dem Parlament in der Bundeshauptstadt Ottawa

Wenigstens in der ersten Reihe

Nein, lustig ist es nicht, wenn dann tatsächlich der Behindertenausweis im Briefkasten liegt. Aber Parken in der ersten Reihe hat auch was für sich. Der Weg vom 900-Kilometer-Marsch durch Spanien bis zum Gehen an zwei Stöcken hat nur drei Jahre gedauert. Ausgebremst hat mich eine schmerzhafte Nervenkrankheit mit dem unaussprechlichen Namen Polyneuropathie.

Interessant finde ich die ersten Reaktionen auf den Behindertenausweis. Von “Da müsstest du mal den XY sehen, wie der beieinander ist!” bis zum “Herzlichen Beileid”.

Zur Nabelschau eine kleine Presseschau:

Lustig: “Als behinderten Rentner kann ich dich mir nicht vorstellen – du bist bestimmt einer dieser rüstigen Rentner, die auf dem Parkplatz immer aus dem Auto springen und schnell noch diesen Ausweis an den Rückspiegel hängen”.

Einfühlsam: “Lass Dich davon nicht unterkriegen, mein Lieber! Es fällt schwer, sich einzugestehen bestimmte Einschränkungen und so ein Label zu haben.“

Nostalgisch: “Ein Wunder, dass Du diese tolle Wanderung noch  schaffen konntest. In Deiner Erinnerung wirst Du manchen Kilometer nachwandern, da bin ich sicher.”

Nachdenklich: “Das macht mich traurig und zugleich ängstlich. Bleib stark und aufrecht!”

Knapp: 😢

Perspektivisch: „Ich sehe schon den nächsten Blogpost über all die nichtbehinderten Idioten, die deinen Behindertenparkplatz blockieren.“

Realistisch: “Nimm einfach die Vergünstigungen dadurch in Anspruch und freu dich, dass die notwendigen Wege dadurch etwas kürzer und damit weniger beschwerlich für dich werden.”

Klug: “Was soll ich dazu sagen? Vielleicht: solche Ausweise bekommen auch Leute, die vorher weder Jakobsweg noch Mallorca sehen durften.”

Verkehrstechnisch: “This opens up a whole New World of perfect parking possibilities.”

Erschrocken: “Oh Gott! Das ist nicht schön. Aber wenigstens hast du dein E-Bike. Irgendjemand hat mal gesagt älter werden heißt loslassen. What a drag it is getting old (ist aus einem Stones Song).”

Schmeichelnd: “Ach Mensch! Ich finde, Du meisterst das alles so toll und lässt Dir Deine Aktivität nicht nehmen! So ein Ausweis hat doch auch durchaus seine Vorteile .. in der ersten Reihe sitzen oder parken.”

Praktisch: “Den neuen Status hättest du ja nicht wirklich gebraucht. Aber er hilft!”

Französisch: “Je pense que je comprends ce que tu ressens. Mais tu n’es pas du genre à « pleurer sur du lait renversé ». Tu es le genre de gars qui va de l’avant. Et tu as cette merveilleuse machine qui te permet de gravir le Mont Royal.”

Danke für Eure Zeilen. Genug gejammert. Wer mich kennt, weiss: Das Glas bleibt bei mir stets halbvoll, auch wenn langsam die Bodendecke zu sehen ist.

Mehr zum Thema Polyneuropathie gibt’s >> HIER <<

RADELN GEHT NOCH … aber nur mit dem eBike.

Mittagessen mit Gorbatschow

HOHER BESUCH IN OTTAWA: Die Gorbatschows 1990 zu Gast bei Brian und Mila Mulroney.

Es war Ende Mai 1990, ein milder kanadischer Frühlingstag. Ich war von Montreal nach Ottawa gereist, um für einige ARD-Sender über den Besuch Michail Gorbatschows in der Bundeshauptstadt zu berichten. Der sowjetische Präsident hatte auf dem Weg nach Washington in Kanada eine kurze Zwischenstation eingelegt. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Nach den obligatorischen Presse-Erklärungen hieß es irgendwann im Flur-Funk, Gorbatschow habe sich ein schlichtes Mittagessen gewünscht. Am Tisch sei noch Platz für eine Handvoll Journalisten. Das verstand ich als Einladung. Schließlich hatte auch ich mich, wie viele andere Reporter, offiziell für den Besuch Gorbatschows in Ottawa akkreditieren lassen.

Ich machte mich also auf zu irgendeinem dieser holzgetäfelten Räume im Regierungsviertel, stellte mich der Form halber vor (was vermutlich niemand sonderlich interessierte) und löffelte meine Suppe.

Es gab tatsächlich Suppe, daran erinnere ich mich noch. Es war ein Mittagessen ganz ohne Firlefanz. Suppe, Brötchen und Salat. Warum ausgerechnet ich das unverschämte Glück hatte, mit diesem Jahrhundert-Politiker an einem Tisch sitzen zu dürfen, ist mir bis heute nicht ganz klar. 

Irgendwie war ich halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Begegnung mit Michail Gorbatschow und seiner Frau Raisa sollte für immer einen Logenplatz in meinem persönlichen Geschichtsbuch bekommen.

Nicht dass ich tiefschürfende Gespräche mit den Besuchern aus Moskau geführt hatte. Um ehrlich zu sein, gab es außer einem freundlichen Handschlag bei der Vorstellung und einem kurzen “Hello” so gut wie gar keine Interaktion zwischen den Gorbatschows und mir. Überhaupt wurde sehr wenig geredet. 

Brian Mulroney, der damalige Premierminister Kanadas, gewöhnlich ein Showman vor dem Herrn, war ungewöhnlich wortkarg. Ich hatte den Eindruck, dass auch er von diesem Last-Minute-Lunch überrumpelt worden war. Nur seine wie immer charmante Frau Mila unterhielt sich angeregt mit Raisa Gorbatschow. Worüber? Keine Ahnung. Der Dolmetscher war kaum zu hören.

Gorbatschow, der Wortriese, war kleiner als ich ihn mir vorgestellt hatte. Seine Stimme eher sanft und unaufdringlich. Hier saß kein russischer Bär am Tisch, sondern ein Typ Handelsreisender im grauen Anzug. Unscheinbar, könnte man fast sagen. Nichts von der ihm eigenen Aura war an diesem Tag zu spüren.

Im Nachhinein wundert mich nicht nur die Tatsache, dass ausgerechnet ich mit den Gorbatschows speisen durfte. Auch dass es so gut wie keine Security gab, kann ich noch heute kaum glauben.

Ich bin sicher, es wurde nach diesem fast unwirklich erscheinenden Mittagessen noch Weltpolitik gemacht. Immerhin standen bei der anschließenden Visite in Washington Sicherheits-Gespräche mit George H. W. Bush auf dem Programm.

Doch davon war an diesem Frühlingstag in Ottawa keine Rede. Zumindest nicht während der knappen Stunde, die ich mit Michail Gorbatschow bei Suppe, Brötchen und Salat verbrachte.

Heute wird im Bloghaus gefeiert!

Die BLOGHAUSGESCHICHTEN feiern Jubiläum! Sie lesen heute den 1000. Beitrag. Ziemlich genau elf Jahre nach Erscheinen des ersten Blogposts gibt’s zur Feier des Tages einen Rückblick.

„Braucht die Welt wirklich noch einen Blog?“, hatte ich im August 2011 gefragt. Die Antwort kennen Sie inzwischen: Ja klar, diesen hier.

Frustriert von eigenen Erfahrungen wollte ich im allerersten Blog-Beitrag mit dem Mythos aufräumen, Kanada habe das beste Gesundheitssystem der Welt. Das stimmte damals nicht und stimmt heute noch viel weniger. 

Das kanadische Gesundheitssystem ist krank. Eine Heilung ist nicht in Sicht. Die Notaufnahme-Stationen der Krankenhäuser sind noch immer hoffnungslos überfüllt. Wartezeiten von sieben bis neun Stunden sind nicht die Ausnahme sondern die Regel. Millionen sind ohne Hausarzt. Die Wartezeit auf viele Operationen dauert zwei Jahre und länger.

Aus dem ursprünglichen Lamentieren sind Geschichten entstanden. Schöne, traurige, schreckliche, aufrührende, bunte, wilde, süße, bittere, romantische, abenteuerliche. Und immer standen Menschen im Mittelpunkt. 

Die am häufigsten angeklickten Geschichten waren die Blogposts über unsere Jakobsweg-Wanderung im Frühjahr 2019. Wie zwei um die Siebzigjährige 41 Tage lang mit acht Kilo Gepäck auf dem Buckel fast 900 Kilometer durch Spanien gepilgert sind – das hatte offensichtlich einen Nerv getroffen. 

Tausende aus aller Welt klickten sich damals ein, um unsere Camino-Wanderung wie eine Reality-Show miterleben zu können. Selbst auf dem Camino selbst hatte sich der Live-Blog der „two elderly Germans from Canada“ herumgesprochen. In einem Dorf ohne Namen ist mir ein Australier begegnet, der sogar seine Tagesstrecken unseren Blog-Etappen angepasst hatte.

Noch heute vergeht kein Tag, an dem nicht Dutzende Menschen aus aller Welt unsere Reise in den BLOGHAUSGESCHICHTEN nachlesen oder die Bildergalerien verfolgen.

Am häufigsten werden die BLOGHAUSGESCHICHTEN in Deutschland, Kanada und Spanien angeklickt. Danach kommen Österreich, die Schweiz und Frankreich.

Immer mehr Blogleserinnen und -leser stammen inzwischen nicht mehr aus dem deutschsprachigen Sprachraum. „Followers“ aus Thailand, Australien, Indien, Nigeria, Russland, Brasilien, Kenia, Argentinien, Sri Lanka und fast allen europäischen Ländern sind regelmäßig zu Besuch auf meinem Blog. 

Viele lassen sich die Texte mit Programmen wie Google-Translation übersetzen, darunter auch mein kanadischer Freund Doug. Aber er warnte mich schon früh: “Entweder deine Texte sind grottig geschrieben, oder aber mein Übersetzungsprogramm ist kacke”. Das letzte Urteil hierzu steht übrigens noch aus.

Was als Frust-Ventil begonnen hatte, später zu einem digitalen Tagebuch wurde, durch das Freunde und Familie an meinem kleinen Leben teilnehmen konnten, ist inzwischen zu einer festen Einrichtung in der Blogwelt geworden. In vielen „Blogrolls“ haben die BLOGHAUSGESCHICHTEN einen Stammplatz, das heißt, sie werden von anderen Bloggern weiter empfohlen und verlinkt.

Übrgens: Mein Blog war von Anfang an umsonst – und soll es auch bleiben. Auch Anzeigen werden Sie in den BLOGHAUSGESCHICHTEN nach wie vor nicht finden. Als GOOGLE mich vor Jahren kontaktiert hatte, um Werbung zu platzieren, war ich für einen Moment schwach geworden und hatte dem finanziell durchaus verlockenden Angebot zugestimmt. Doch schon nach wenigen Blogposts machte ich wieder einen Rückzieher. Werbung für Fußpilz-Salben zwischen leckeren Kochrezepten – das wollte ich Ihnen dann doch nicht zumuten.

Dass mir das Schreiben, das Erzählen und das Bebildern meiner Geschichten auch nach elf Jahren und tausend Beiträgen immer noch Spass macht, habe ich auch Ihnen zu verdanken, den Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN. 

Sie spornen mich an, immer wieder in meinem Fundus nach Stories zu buddeln, neue Ideen zu entwickeln, kritische Fragen zu stellen und versuchen, sie zu beantworten. 

Dafür möchte ich Ihnen heute ganz herzlich danken. Und auch dafür, dass Sie mit inzwischen mehr als zweieinhalbtausend Kommentaren mitdiskutiert haben.

Freuen Sie sich also mit mir auf die nächsten BLOGHAUSGESCHICHTEN. Ob es weitere tausend werden? Keine Ahnung. Diese Entscheidung liegt leider nicht bei mir allein.