Lecker essen im Frauenknast

Vor dir liegt ein saftiges Stück geschmortes Lamm und du denkst unwillkürlich an eine Axtmörderin namens Susan Kennedy. Auch sie musste in den Räumlichkeiten, in denen du dich gerade befindest, lange schmoren. 

Nachdem sie wegen Mordes an einer befreundeten Sexarbeiterin 1879 zum Tode verurteilt worden war, endete sie – begnadigt und einsam – im Montrealer Frauengefängnis. Dort befindet sich heute ein Edel-Italiener namens “da Emma”.

Wer bei uns Geburtstag hat, darf sich etwas wünschen. Und weil der Jubilar gerne isst, fällt die Wahl nicht schwer: “Ein netter Italiener wäre nicht schlecht.”

Cassian lässt sich nicht lumpen und lädt seinen alten Herrn nicht in irgendeinen “netten Italiener” ein. Es darf, bitteschön, gerne eines der ersten Häuser am Platze sein.

Die Chefin: Emma Risa

Die aus Rom stammende Familie Risa betreibt das nach der Patriarchin benannte Altstadt-Restaurant “da Emma” seit 1998 in einem massiven Steingebäude aus dem 19. Jahrhundert. Dort waren weibliche Gefangene wie Susan Kennedy untergebracht. 

Susan hatte am 27. Juni 1879 eine Frau namens Mary Gallagher mit einer Axt enthauptet. Susan und Mary gingen der Prostitution nach. Beide waren an diesem Tag von zu viel Whisky benebelt. 

Bei dem Mord ging es vermutlich um Eifersüchteleien auf einen Freier. Susan Kennedy wurde später zum Tod durch Erhängen verurteilt. Weil sich Kanada aber damals im Wahlkampf befand und man es sich nicht mit der milder gestimmten Klientel verderben wollte, wurde die Todesstrafe in 16 Jahre Gefängnis umgewandelt.

Der Jubilar im Frauenknast

Der Kellner im “da Emma” kennt sich nicht nur mit Essen und Trinken aus. Er kennt auch die Geschichte von Susan und Mary und erzählt sie eher beiläufig. So, als würde er seinen Gästen noch die Dessert-Auswahl aus der Speisekarte vorlesen.

Die Geschichte stimmt. Recherchen in den Archiven decken sich bis ins Detail mit dem, was der Ober uns am Tisch erzählt hatte.

Was der Kellner verschwieg: Alle sieben Jahre zu Halloween taucht der Geist der Axtmörderin im Restaurant auf und sucht nach dem Kopf, den sie ihrer Kollegin fast 150 Jahre zuvor abgehackt hatte.

Für diesen Teil der Geschichte kann ich allerdings auch nach sorgfältiger Rechercher nicht garantieren. Weil es aber eine gute Story ist, lasse ich sie einfach mal so stehen.

Buon Appetito!

Ein Skandal stinkt zum Himmel

Müllentsorgung in Salluit, Nunavik: © Radio-Canada

Zu Beginn meiner Korrespondenten-Zeit schickte mich DIE ZEIT für eine Reportage in die kanadische Sub-Arktis. Die Cree-Siedlung Waskaganish an der James Bay liegt fast 1200 Kilometer nördlich von Montreal und war zu jener Zeit nur mit dem Buschflieger zu erreichen. Es wurde einer meiner interessantesten Reportereinsätze. (Link zu dem ZEIT-Artikel am Ende dieses Blogposts)

Das erste, das mir damals auffiel: Es stank fürchterlich am Ufer des Rupert River. Warum das so ist, wurde mir erst im Laufe meiner Recherchen klar:

Zum erstenmal in meinem Leben bekam ich hautnah mit, wie schwierig die Müllentsorgung in einer Gegend ist, wo der Abfall wegen des Dauerfrosts nicht vergraben werden kann und eine Müllverbrennung nicht möglich ist, weil es keine entsprechenden Anlagen gibt.

Gehört hatte ich schon von diesem Phänomen. Linda, meine damalige Nachbarin in Montreal, hatte mir erzählt, dass sie gerade an einem Kinderbuch arbeite, in dem lustige Figuren das ernste Problem der Müllbeseitigung in der Arktis bekämpfen. 

Ob das Buch jemals erschienen ist, weiss ich nicht. Was ich aber weiss ist, dass dieses Thema bis heute heiß diskutiert wird. So berichtete die Canadian Broadcasting Corporation gerade über einen Untersuchungsbericht zu diesem Thema. Dabei kommen die Forscher zu dem Fazit:

Noch immer wird der Abfall im Freien verbrannt, oft in unmittelbarer Nähe zu den Behausungen, in denen indigene Völker wie Cree, Inuit and Naskapi leben.

Dass der Gestank vor allem an windigen Tagen unerträglich sei, stelle nur einen Teil des Problems dar, schreiben die Autoren des Untersuchungsberichts. Viel schlimmer sind die toxischen Belastungen, mit denen viele der dortigen Ureinwohner leben müssen. 

Häufig werden Atemprobleme diagnostiziert, vor allem bei Kindern. Auch chronische Nasenschleimhaut-Entzündungen sind an der Tagesordnung. Der Untersuchungsbericht kommt zu dem Schluss: Es muss etwas passieren. Aber was?

Ein dauerhaftes Vergraben des Mülls im ewigen Eis ist wegen des Permafrosts auch heute noch so gut wie unmöglich. Daran hat, zumindest in vielen Teilen der kanadischen Arktis, auch die Erderwärmung nichts geändert.

Müllverbrennungs-Anlagen wären die beste Lösung. Aber da gibt es ein logistisches Problem: Wie können diese Kolosse in Gegenden transportiert und aufgebaut werden, zu denen keine Straßen führen? Wenn überhaupt möglich, dann kämen dafür allenfalls Trucker-Konvois infrage, die den Norden auf “Ice Roads” über zugefrorene Flüsse und Seen versorgen.

Hier wiederum kommt die Erderwärmung ins Spiel. Vor allem in südlichen Regionen der Subarktis können die riesigen Trucks nicht mehr wie früher gefahrlos übers meterdicke Eis fahren.

Den Behörden ist das Problem der unzulänglichen Müllbeseitigung freilich bekannt. Und natürlich soll das Thema nach der jetzigen Veröffentlichung des Untersuchungsberichts angegangen werden.

Vielleicht gibt es ja doch noch eine Lösung für einen Skandal, der eigentlich zum Himmel stinkt.

Hier geht’s du meiner ZEIT-Reportage „Vom Jäger zum Yuppie“ (2. Juni 1989)

[Die Terminologie hat sich seither geändert. Damals war es nicht unüblich, von Indianern, Eskimos, Reservaten etc. zu reden. Heute ist das politisch nicht mehr korrekt.]

Wer sich für indigene Themen interessiert, dem empfehle ich das Buch meines Freundes Gerd Braune: „Indigene Völker in Kanada“

Verrückt nach fünf Buchstaben

Was schenkt ein Software-Ingenieur aus Brooklyn seiner Frau, wenn er sie zu Coronazeiten ein wenig aufmuntern möchte? Ein Ratespiel. Und weil der IT-Techniker Josh Wardle heißt und das Ratespiel mit Wörtern zu tun hat, nennt er es einfach “Wordle”. 

Was als Zeitvertreib zwischen einem Ehepaar begonnen hatte, ist inzwischen ein weltweites Phänomen. Millionen Menschen zwischen Manila und Montreal spielen Tag für Tag ein Internetspiel, das einfacher nicht sein könnte: Auch wir sind inzwischen verrückt nach Wordle – und viele unserer Freunde sind es auch.

Und so geht’s:

Sie tippen irgendein Wort mit fünf Buchstaben in die vorgegebenen leeren Felder. Danach sagt Ihnen der Computer, ob einer Ihrer Buchstaben in dem geheimen Wort enthalten ist und ob er an der richtigen Stelle steht. Grün bedeutet: Ganz genau hier steht der Buchstaben im Lösungswort. Gelb: Der Buchstaben kommt im gesuchten Wort zwar vor, kann aber an jeder x-beliebigen Stelle stehen. Sie haben sechs Versuche, um die Buchstaben so zu verschieben, bis dabei das Lösungswort herauskommt.

Achtung, Rentneralltag!

Jeden Morgen, meistens zwischen neun und zehn, wird bei uns Wordle gespielt. Ich kenne wenig Spiele, die kommunikativer sind als das Wortspiel des Mr. Wardle. Man beratschlagt sich, tippt Begriffe ein, die richtig sein könnten – und stellt dann oft fest: Wieder nix! Weniger als drei Versuche haben wir bisher nie geschafft. Meistens sind es vier, manchmal klappt’s auch erst auf den letzten Drücker nach sechs Versuchen.

WORDLES WORLD: Kein guter Tag.

Haben wir dann das Lösungswort erraten, was meistens eine halbe bis eine Dreiviertel Stunde dauert, herrscht absolutes Stillschweigen. Nur doofe Spielverderber würden es jetzt auf Facebook oder Instagram hochladen, damit es ja die ganze Welt erfährt. Lediglich jeweils eine kryptische Kurznachricht geht an den Sohn, dessen Partnerin sowie den Kumpel Doug und dessen Frau. 

Die Nachricht liest sich dann so: Made it in 5. Oder: Needed only 3.

Oder auch, ganz cool, nur: 4/6 Was soviel bedeutet wie: Fürs Lösungswort waren nur vier von möglichen sechs Versuchen nötig.

Ich sage es ungern, aber es ist so: Wordle hat Suchtpotenzial. Die “Washington Post” schrieb neulich, Wordle sei “die neue Droge”. Ein andermal hieß es in derselben Zeitung: Wordle sei bei vielen zur Corona-Obsession geworden. 

Die „New York Times“ nennt Wordle einfach “A Lovestory”.

Aber was ist es nun genau, was Wordle innerhalb weniger Monate zu einem Phänomen gemacht hat, das inzwischen von Millionen und Abermillionen Menschen in aller Welt gespielt wird?

Ich glaube, es ist diese extrem schnörkellose Darstellungsweise, gepaart mit einem hochraffinierten Worträtsel der alten Schule. Ähnlich wie Kreuzworträtsel, nur überschaubarer. Ein bisschen wie Sudoko, aber viel cooler.

Die Plattform für das Spiel ist keine App, die zuerst runtergeladen werden muss. Alles spielt sich auf einer stinknormalen Internetseite ab. Keine Popup-Anzeige verstellt den klaren Blick auf das Spiel, keine Erklärzeile zuviel schmälert das Rätselvergnúgen. Selten hat so viel Spaß so wenig gekostet, nämlich keinen Cent.

Gesucht wird ein einziges Wort, fünf Buchstaben lang. Nicht weniger, nicht mehr. Die Originalversion von Wordle ist natürlich auf Englisch.

Auf Deutsch gibt es neuerdings einen Wordle-Abklatsch > hier <.

Ganz offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die Josh Wardle aus Brooklyn mit “Wordle” in seinen Bann gezogen hat. Die „New York Times“, wohl die angesehenste Tageszeitung der Welt, hat Mr. Wardle jetzt die Rechte für sein Spiel abgekauft. Für eine Millionensumme “im unteren einstelligen Bereich”, heisst es in der Branche.

Wieviel es genau sind – darüber darf gerätselt werden.

„Will I find joy ever again?“

Heute gibt’s eine Premiere in den BLOGHAUSGESCHICHTEN. Mein Freund und Kollege Doug Sweet (Jahrgang 1954) hat einen Gastbeitrag geschrieben, der aktueller nicht sein könnte. Doug berichtet über die dunkle Seite von Covid und darüber, was ein Montrealer Winter mit Menschen anstellt, die seit Monaten im Quasi-Lockdown leben. Mein Freund beschreibt eindringlich den „schwarzen Hund“, der ihm an einem bitterkalten Nachmittag Anfang der Woche zu schaffen machte – ein Synonym für Depression. Mit den gängigen Übersetzungsprogrammen lässt sich der englische Text leicht übersetzen. Machen Sie sich die Mühe. Es lohnt sich:

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Today there’s a premiere in the BLOGHAUSGESCHICHTEN. My friend and colleague Doug Sweet (born 1954) has written a guest post that couldn’t be more timely. Doug reports on the dark side of Covid and what a Montreal winter does to people who have been living in quasi-lockdown for months. My friend vividly describes the „black dog“ that got to him on a bitterly cold afternoon earlier this week – a synonym for depression. The English text translates easily with the usual translation programs. Make the effort. It’s worth it:

When the black dog leapt with a snarl, it was sudden and surprising, but not entirely unexpected. There had been warning sightings before, when the animal had slunk into sight from time to time over the past two years.

But still. Before I trudged home from the frozen emptiness of downtown Montreal on a recent  pandemic afternoon, my mood had brightened. There had been good news at the optometrist’s, where a recent eye issue was said to be resolving nicely. A cold sun was actually shining for a change and the long-range forecast, if it could be believed, had now begun to promise a relaxation of the Arctic grip that had had us in its clutches for weeks. 

So with all this optimism and hope, why now? As I slogged along the frozen tundra that passes for a Montreal sidewalk these days, I found myself focused on ticking off all the negatives. This black list quickly eclipsed the earlier sunshine of optimism. It was a powerful collection. 

For the better part of two months, we’ve been living here in a double-walled prison: unbearably

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DOUG SWEET in Gibraltar – with the Atlas Mountains of Morocco in the background.

frigid weather, the kind that makes you think twice before even sticking your nose out the door – forget about the potential fun and relaxation of something like cross-country skiing – and the seemingly endless prohibitions imposed by a provincial government desperate to get some control over a tenacious pandemic, but seemingly incapable of producing a plan at once coherent, understandable and acceptable to the public. Not to mention effective, given the grim statistics that continue to show Quebec as one of the worst jurisdictions in the western industrialized world when it comes to the measurement that counts most: deaths per 100,000 population.

Added to the feeling of “neverendum” (a word once used to describe this province’s taste for  referendums on sovereignty) was a larger sense of despair about politics and society in general. The pandemic has exacerbated divisions between groups of people, but also enticed more and more in the political class to exploit those divisions for their own gain or the advancement of their “side.”

Nowhere is this more evident than in the disunited States of America, but it is depressing to see the trend surging across our border to infect one of the country’s two largest political parties, now seemingly in the thrall (like the Republicans) of a small but noisy minority  of right-wingers proudly defending the rights of those who refuse to take the most elemental step to combat this virus: a simple, safe and free vaccination.

Empty store shelves contributed to the darkness enveloping my mood. The emptiness of the downtown core, its main street still ripped up in key places and vacant storefronts standing as a sentinel of tough economic times.

I was hungry. Could I find a snack to munch on? Food courts in the underground shopping areas were largely closed, and even if I could buy something to eat, there was no place to sit. This problem festered as I headed home, and I finally stopped to pick up two pieces of pastry (something I should avoid) at a bakery near the train station. No place to sit. Anywhere. Even in the station itself. That, too, is against the rules.

Finally, on my way back to the outside, I spotted an installation of potted green plants, with a little ledge around them. There was no one in sight. Ducking behind the plants as best I could, I furtively slipped my mask halfway off and gobbled down one of the pastries, ignoring startled looks from the two people who walked past me. This was repeated at another venue, where I saw people sneaking sandwiches on the steps around an indoor fountain. What have we been reduced to?

The bitter cold, itself in fact a talisman of the existential crisis we face in climate change, didn’t help. Nor did walking past the demolition of one of the city’s grandest old movie houses from another era, the Loews, soon to be turned into a tower of more luxury condos of which the city is apparently in desperate need.

DARK, COLD AND LONG: Winter in Montreal.

Other bleakness jumped into the fray. I love watching and cheering for the Montreal Canadiens hockey team; this year they are hapless at best and an embarrassment at worst. Most of the time, it’s the latter. Will we ever be able to take the trip (cancelled just before Christmas) to visit our younger son in Texas? How will my remaining aging parent and my in-laws manage in the not-too-distant and inevitable, future? Will Quebec ever return to being (or simply be) a champion of human rights instead of protecting its language and culture at the expense of others, with the enthusiastic support of most of its population? 

Will I find joy ever again?

These are the ramblings of an overcrowded brain sinking into despair during a frozen 20-minute walk. There’s a common thread to all of the negatives on that dark list: each and every one is beyond my control. Save for ensuring I have been triple-vaccinated, I am an unhappy passenger for all of the above, and I can’t really tell who’s driving this bus. It’s not a good feeling.

But, thanks to talking about it, and now writing about it, the black dog has retreated for the moment – evidence, I think, that when life gets us down, when we drop into despair, it is important to reach out to others to remind ourselves that not all is dire and desperate. 

The corollary is that we then need to be there for others when they need us.

Doug Sweet is a retired newspaper journalist and university communications administrator who lives in Montreal.

In der Covid-Kälte-Falle

DIE ETWAS ANDERE MASKE: Kälte und Covid als Herausforderung. Foto © Bopp

Der Kollege von der Montreal Gazette kommt eben aus Florida zurück und vermeldet eine Sensation: Er habe mit eigenen Augen gesehen, wie sich zwei Menschen die Hand geben. Dabei handelte es sich um einen Kellner und einen Gast. Etwa nach dem Motto: “Dürfen’s noch ein paar Viren zum Nachtisch sein?” 

So erzählt es Josh Freed in seiner heutigen Kolumne. Die Bilanz seines einwöchigen Aufenthalts: “Es fühlte sich an, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet”.

So langsam komme auch ich mir vor wie auf einem anderen Planeten. Vor allem, wenn ich von Freunden aus Deutschland höre, wie sie mit Covid umgehen.

Der eine kommt gerade vom Skifahren in der Schweiz zurück, nachdem er kurz vorher noch auf Mallorca war. Der andere schickt Strandfotos von den Kanaren. Ein Dritter war neulich in Portugal und italien. Nicht zu vergessen der Kumpel, der bei einer Snowmobile-Tour durch Lappland seinen Spaß hatte.

Und wir hier?

Sitzen in unseren vier Wänden und freuen uns, wenn wir durchs Wohnzimmerfenster hin und wieder einen Menschen auf Langlaufskiern erspähen.

Der Lockdown in Quebec geht in die x-te Runde. Wie ein Restaurant von innen aussieht, haben wir inzwischen vergessen. Cafés, Bars, Kino, Theater, Sportveranstaltung? Fehlanzeige. 

Wir warten sehnsüchtig – wenn schon nicht auf ein Ende -, dann wenigstens auf einen neuen Umgang mit der Pandemie. Die könne nach Meinung von immer mehr Experten inzwischen getrost wie eine Endemie behandelt weden. Also etwa wie eine mittelschwere Grippe.

“Fuck Covid!”, textete mir eine Montrealer Freundin neulich. Und meldete wenige Tage später eine Corona-Erkrankung. Keine mit einem “milden Verlauf”, wie es ja inzwischen so schön heißt. Sondern eine richtig fette Infektion mit allem, was dazugehört.

Was also ist der richtige Umgang mit diesem verdammten Virus?

Im Fernsehen hörte ich den Moderator einer ARD-Talkshow neulich etwas sagen, das mir zu denken gab. Sinngemäß stellte er seinem Panel die rhetorische Frage, wer nun eigentlich die Geisterfahrer seien. Diejenigen, die sich an sämtliche Regeln halten? Oder doch die “Fuck Covid”-Fraktion, der unsere Freundin bis vor ihrer Erkrankung noch angehörte.

Wenn es nach der Quebecker Regierung geht, ist der Fall klar: Keine Reisen, keine Restaurantbesuche. Nicht einmal Begegnungen mit Menschen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören. 

Wir haben Cassian seit Heiligabend nicht mehr gesehen. Er wohnt gerade mal 150 Meter von hier. 

Meine Freunde Doug und Marjolaine haben wegen Covid eine Reise zu ihrem Sohn nach Texas storniert.

Fuck Covid.

Ganz ehrlich? Ich bin inzwischen nicht mehr so sicher, ob unsere Zurückhaltung Selbstkasteiung der richtige Weg ist, um aus der Krise zu kommen. Neben der körperlichen Unversehrtheit gibt es ja auch noch die mentale Gesundheit. 

Die zu bewahren ist in Zeiten wie diesen eine echte Herausforderung. Zumal wir seit Wochen nicht nur wegen Covid eingesperrt sind, sondern auch wegen einer extremen Kältewelle, wie wir sie hier schon seit Jahren nicht mehr erlebt haben. Wer geht denn schon ohne Not bei minus 30 Grad auf die Straße?

Ein Verrückter vielleicht. Oder einer, der es vor lauter Lockdown nicht mehr in den vier Wänden aushält. 

Also doch ein Verrückter.