Nackig machen in Corona-Zeiten

Die Idee ist nicht ganz neu, aber hübsch ist sie trotzdem: Menschen ziehen sich aus für einen guten Zweck. In diesem Fall sind sie selbst der gute Zweck. Mit einer „Mach-dich-nackig“-Aktion in der Quebecer Kleinstadt Lac-Mégantic werben die BesitzerInnen lokaler Geschäfte dafür, in Zeiten wie diesen ihre Läden beim Einkauf nicht zu vergessen.

Der Fotograf Claude hatte von der Corona bedingten Idee in seinem Heimatland Frankreich gehört. Dort hatten Geschäftsleute für eine Werbekampagne zum Thema „shop local“ viel nackte Haut gezeigt. „Pour qu’on ne finisse pas tous a poil„, heißt die Aktion. Etwa: „Damit wir hinterher nicht alle nackt dastehen“.

„Er rief eines morgens bei mir an“, erinnert sich Audrey vom lokalen Nagelstudio, ob ich mich für ihn ausziehen würde. Erst habe sie gedacht, der Typ spinnt, erzählte Audrey dem lokalen Radiosender. Als der nicht mehr ganz junge Fotograf der Frau schließlich die Hintergründe seines Vorstoßes verklickert hatte, willigte sie jedoch ein.

Audrey und noch weitere zwölf Männer und Frauen fanden sich nach und nach zum Fotoshooting bei Claude ein. Einige ließen sich nur in Unterwäsche ablichten, bei manchen durfte es ein bisschen mehr sein. So scheute sich der Initiator der PR-Aktion nicht, sich selbst ganz und gar nackig zu machen.

Bisher war die Reaktion auf die Aktion ausgesprochen positiv, sagt Claude. Von der Autowaschanlage über die Blumenhändlerin bis zum Computershop – sie alle berichten von mehr Kundenverkehr.

Dass sich darunter auch einige „Seh-Leute“ befinden, ist jedoch nicht auszuschließen. Motto: „Wie sieht die Nackte wohl bekleidet aus?“

Covid-Treff bei Kerzenschein

COVID UND KERZENSCHEIN: Das Fest der Liebe ohne die Lizenz zum Lieben.

Es ist eine rührende Szene, die sich in diesem Moment vor meinem Fenster abspielt. Es ist kurz nach 21 Uhr und ein junges Pärchen sitzt bei Kerzenschein an einem der Picknicktische im Park. Raucht, redet und nippt ab und zu an einem Thermosbecher. Ich sehe selbst von hier aus den Atem. Die Temperatur liegt weit unterhalb des Gefrierpunkts und es hat frisch geschneit. Bei Covid kommen nur die Harten in den Garten.

Der Park unter unserer Wohnung wird abends zum Treffpunkt von Freunden, Verliebten oder auch schlicht von Menschen, die einfach gerne mal wieder andere Menschen treffen möchten. Die meisten davon halten Abstand, viele tragen selbst im Freien Masken. Man weiss, was man sich schuldig ist.

Die Covid-Bestimmungen in Montreal sind die härtesten im ganzen Land. Sämtliche Restaurants sind seit Monaten geschlossen. Bars, Kneipen und Cafés sowieso.

Besuch dürfen nur Alleinstehende empfangen. Ein Mensch pro Person. Paare, selbst wenn sie unter derselben Adresse leben, dürfen Freunden oder selbst Familienangehörigen gemeinsam keinen Besuch abstatten. Bei Verstößen drohen Geldstrafen von 1500 Dollar pro Person.

Covid ist grausam. In erster Linie natürlich für die Menschen, die daran erkrankt sind. Wir kennen inzwischen ein gutes Dutzend davon, direkt oder indirekt. Und wissen von mindestens drei, die daran gestorben sind.

Aber Covid ist auch grausam für uns, die Gesunden. Keine Besuche, nicht einmal beim Sohn, der gerade mal 150 Meter Luftline von uns entfernt wohnt, sind für uns als Eltern erlaubt. Hin und wieder gönnen wir uns die Freiheit, ihm trotzdem hallo zu sagen. Und riskieren damit eine heftige Strafe.

Covid macht einsam. Nicht so sehr uns, denn wir haben uns ja gegenseitig. Einsam sind viele andere, die nicht das Glück haben, mit einem Partner, einer Partnerin zusammen zu leben.

Manchmal, ganz selten, treffen auch wir uns unten an einem der Picknicktische mit Freunden. Statt Umarmungen und Küsschen, wie sonst in Quebec üblich, gibt man sich die Faust. Oder begrüßt sich Namaste-mäßig mit gefalteten Händen vor der Brust und einem gesenkten Kopf. Mancher Japaner dürfte sich bei unserem Anblick schlapplachen.

Seit zwei Monaten leben wir jetzt in der neuen Wohnung. Und sind noch nicht ein einziges Mal einem der durchweg freundlichen Mitbewohner ohne Maske begegnet. Nicht im Flur, nicht im Aufzug, nicht in der Tiefgarage. Nicht einmal im Müllkeller.

Keine Ahnung, was sie von uns denken. Wie soll man denn mit Mundschutz im Gesicht ein Gefühl für „die Neuen“ bekommen? Wir lächeln oft und gerne.

Zu Weihnachten sollten ursprünglich Familientreffen erlaubt sein. Jetzt hat die Regierung wieder die Notbremse gezogen. Die Zahl der Neuinfizierten ist drastisch in die Höhe geschnellt. Allein in den letzten 24 Stunden waren es in Quebec (Einwohnerzahl 8.5 Millionen) 1842, davon 648 in der Stadt Montreal.

Weihnachten 2020: Das Fest der Liebe ohne die Lizenz zum Lieben.

So spannend kann Geschichte sein: „Indigene Völker in Kanada“

BUCHAUTOR UND JOURNALIST: Gerd Braune in Ottawa.

Ist Kanada wirklich „das bessere Amerika“, wie es in Europa oft heißt? Mein Freund und Kollege Gerd Braune ist sich da nicht so sicher. Den Umgang mit den indigenen Völkern in Kanada nennt er in seinem neuen Buch „einen Sündenfall“. Das Buch heißt „INDIGENE VÖLKER IN KANADA“ und beschreibt das, was Gerd Braune als den „schweren Weg zur Verständigung“ nennt.

Ich kenne kenne keinen, der sich so lange und so intensiv mit dem Thema Ureinwohner in Kanada beschäftigt hat wie Gerd Braune. Wie oft er in den letzten 23 Jahren, seitdem wir uns zum erstenmal begegnet sind, indigene Gemeinden besucht hat, weiss er vermutlich selbst nicht mehr. Seine Reise- und Recherchekosten als freier Schriftsteller und Reporter würden wohl jeden Steuerberater ins Schwitzen bringen.

Im Unterschied zu vielen Autoren, die sich an das Thema „indigene Völker“ wagen, hat es Gerd Braune in seinem Buch geschafft, nicht zu polarisieren. Hier werden „die Guten“ und „die Bösen“ nicht gegeneinander ausgespielt. Fakten bleiben Fakten. Alternative Wahrheiten gibt es nicht.

Gerd Braune beleuchtet das Thema von allen Seiten und überrascht  dabei immer wieder mit historischen Fundsachen, die er wie nebenbei aus seiner kostbaren Wissens-Schatzkammer zum Besten gibt.

Politisch korrekt zu sein ist in Zeiten wie diesen kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Als Journalist kennt sich Gerd Braune aus mit dem terminologischen Tanz auf der Rasierklinge. Hier werden fein säuberlich „First Nations“ von „Métis“ und „Inuit“ getrennt. Und natürlich werden in diesem Buch keine Vorurteile kolportiert sondern Bilder mit Fakten unterfüttert. Es wird er- und aufgeklärt.

Gerd Braune belässt es in seinem Buch nicht bei der Geschichte der indigenen Völker vor und nach der Ankunft der Europäer auf diesem Kontinent. Als langjähriger Kanada-Korrespondent widmet er einen wesentlichen Teil seiner Recherchen der aktuellen Situation der Ureinwohner. Dabei sind seine Beobachtungen so zeitnah, dass auch Premierminister Justin Trudeau zu Wort kommt.

Das Hauptaugenmerk dieses Buches liegt jedoch darin, wie de indigenen Völker heute leben und um ihre Rechte kämpfen.

Was für den Schreibschwindler Karl May Winnetou, Friedenspfeifen und Squaws waren, sind für Gerd Braune ganz unromantische, dafür aber kompetente Kenner der Szene wie der Inuit-Politiker John Amagoalik oder National Chief Phil Fontaine.

Sie alle kommen in diesem Buch zu Wort, das auf den Gabentisch von Menschen gehört, die sich für mehr als nur die Schuhgröße von Old Shatterhand interessieren oder wissen wollen, was das mit der schönen Apanatschi auf sich hatte.

Das Buch:

INDIGENE VÖLKER IN KANADA

Erschienen beim Christoph-Links-Verlag

Als eBook steht das Buch u.a. bei Amazon zum Download bereit.

Der Autor:

Gerd Braune, Jahrgang 1954, lebt seit den 1997 in Ottawa und berichtet als freiberuflicher Korrespondent über Kanada. Er wurde in Toronto geboren und wuchs in Deutschland auf. Nach einem Zeitungsvolontariat und einem Magisterstudium der Politik- und Rechtswissenschaft arbeitete er für die Nachrichtenagentur AP und die Frankfurter Rundschau. 2016 erschien im Ch. Links Verlag sein Buch »Die Arktis. Porträt einer Weltregion« (2016).

Auf YouTube gibt es ein Video von der Buchvorstellung in der Kanadischen Botschaft in Berlin.

Ein Elch, ein Bär und der Regen

MONTAG, 30. NOVEMBER, 16 UHR: Montréal im Regen.

Regentage können herrlich sein! Du setzt dich ans Fenster, schaust dem Regen zu und bildest dir ein, jeden Tropfen beim Namen zu kennen. Schließlich hast du alle schon mal gesehen und bist mit jedem von ihnen per Du.

Mit Regen verbinden mich vor allem Erinnerungen an den Camino. Immer wenn es regnete, nahmen wir uns vor, die Stimmung nicht in den Keller sinken zu lassen.

Das ist leichter gesagt als getan. Wenn der Camino zum Schlammino wird, fällt dir das Lachen schwer.

Und doch sind es gerade die Regentage, an die du dich am intensivsten erinnerst. Wandern bei Sonnenschein kann jeder. Mit den Hikingboots stundenlang durch den Schlamm stapfen? Das vergisst du nicht so schnell.

Eine andere Regen-Episode werde ich auch nie mehr vergessen:

Cassian war noch klein, als wir ihn auf eine Kanutour in die „Laurentians“ mit uns nahmen. Plötzlich fing es an, in Strömen zu regnen. Wir paddelten ans Ufer und suchten Schutz unter den Bäumen. Das klappte nicht so richtig. Also machten wir das Kanu zur Schutzhütte. Wir drehten das Kanu um, krochen darunter und versteckten uns so lange, bis der Regen endlich nachgelassen hatte.

Auch ein Campingtrip in den Algonquin-Park (Ontario) wird mir stets in Erinnerung bleiben. Irgendwann setzte der Regen ein und wollte einfach nicht aufhören. Erst wurden die Zeltwände nass, irgendwann standen Luftmatratzen und Schlafsäcke im Wasser.

Cassian fand das alles total romantisch. Uns nervte es. Aber irgendwie scheint die Natur einen Payback-Mechanismus zu enthalten.

Am nächsten Morgen – Cassians Begeisterung über den noch immer prasselnden Regen war ungebrochen – beschlossen wir spontan, das inzwischen völlig unter Wasser stehende Camp zu verlassen und nach Hause zu fahren. Genug geregnet.

Und dann das:

Auf der Heimfahrt stapfte aus einem See im Morgengrauen wie aus dem Nichts eine ausgewachsene Elchkuh auf die Fahrbahn zu. Wir mussten anhalten und konnten uns an diesem Ungetüm kaum sattsehen. Und während wir noch immer damit beschäftigt waren, dieses Geschenk der Natur zu bestaunen, lief der große Tierrfilmegisseur da oben zur Höchstform auf: Von rechts trottete jetzt plötzlich ein Bär über die Landstraße.

Ein Elch und ein Bär auf einen Blick? Mehr Kanada geht nicht.

Moment. Wie bin ich denn jetzt nur vom Regen über den Elch beim Bär gelandet?

Achja, es regnet gerade heftig, Und ich fand das Foto, das ich eben durchs Fenster aufgenommen habe, ganz nett.

Da brauchte ich natürtlich einen Grund, es irgendwie zu posten und dachte: Regen geht immer.

Wenn der Camino zum Schlammino wird …

Eisblumen statt Palmen

Keine Sanddünen weit und breit: Winterabend in Pointe-St. Charles

Schneeberge statt Sanddünen. Eisblumen statt Palmen. Stürme statt Mallorca-Brise. Dieser Winter wird hart für uns werden. Es wird der erste in zwölf Jahren sein, den wir hier in Kanada verbringen. Aber um Himmelswillen kein Mitleid!

Und wenn, dann nur ein bisschen …

Sämtliche Reisen fallen aus. Zum einen wegen Corona, zum andern wegen meiner Netzhaut. Das operierte Auge verträgt so schnell noch keinen Kabinendruck im Flieger.

Seit gestern ist er also wieder da, der Winter in Kanada. Mit Eis und Schnee und Räumkolonnen und flinken Eichhörnchen, die vor unserem Fenster frech um die Wette hamstern.

Wir haben das Glück, eine schöne Bleibe mit herrlicher Stadtsicht und Blick auf alte Bäume und einen wunderschönen Park am Wasser zu bewohnen. Das macht „Staycation“, wie hier der Urlaub daheim genannt wird, erträglicher.

Gleich nebenan, vor der Markthalle, riecht es nach frischen Tannenbäumen und bald auch wieder nach gerösteten Kastanien. Dahinter bauen Männer und Frauen in dicken Overalls den Marché de Noël auf.

Wie sich so ein Weihnachtsmarkt auf einer relativ kleinen Fläche mit Corona verträgt, wird sich weisen. Vielleicht sollten wir unseren Glühwein doch lieber eisgekühlt auf dem heimischen Balkon trinken.

Staycation mit Covid braucht nun wirklich keiner.

Zum Glück funktioniert das Erinnerungs-Gen noch gut. Tausende von Urlaubsfotos warten schon seit Jahren darauf, sortiert zu werden. Allgäu, Cuba, Camino-Wanderungen, Cottage, Marseille. Und immer wieder Mallorca.

Und weil das Auge die kleinformatigen Bilder doch nicht mehr so richtig scharf sieht, werden die Fotos eben auf den Fernseher gestreamt. Eine richtig gute Idee ist das allerdings auch nicht immer: Welcher fast 72-Jährige will schließlich sein Pokerface quadratmetergroß in High Definition auf dem Bildschirm sehen?

Ah, ich sehe schon: Die Freuden des Winters …