
Großartiges erlebe ich in diesen Tagen aus naheliegenden Gründen nicht. Drinnen bremst mich mein schwächelndes Augenlicht aus, draußen tobt Corona. Aber hin und wieder passieren Dinge, die mich zum Schmunzeln, zum Staunen oder auch nur zum Nachdenken bringen. Die will ich hier von Zeit zu Zeit aufschreiben.
Ein frischer Herbstmorgen an der Rue Atwater, kaum 500 Meter von unserer Wohnung entfernt. Mein Fußweg führt mich an der Église Saint-Irénée vorbei, einer Kirche, die mir bislang nur durch fröhliche, aber lautstarke Hochzeiten aufgefallen war. Meistens wurde Latino-Musik gespielt.
An diesem Morgen ist es noch ruhig vor der Kirche. Es ist ein ganz normaler Werktag, mit Hochzeitsfeierlichkeiten ist heute nicht zu rechnen. Durch die halb geöffnete, massive Holztür dringt murmelndes Gebet.
Als einer, der dem lieben Gott nicht immer den Stellenwert einräumt, der ihm vermutlich gebührt, gerate ich nicht in Versuchung, mich den Betenden anzuschließen. Trotzdem bleibe ich für einen Moment stehen.
Plötzlich, aus dem Nichts, spüre ich ein leichtes Rauschen von links. Eine weisshaarige Gestalt, gut zehn Jahre älter als ich, steigt von ihrem Fahrrad. Dass der Mann leicht außer Atem ist, kann seiner Fröhlichkeit nichts anhaben.
“Good Morning!”, weckt er mich unsanft aus meinem Meditationsschlaf, den ich mir vor der Kirche für einen Moment gegönnt habe. “Good Morning”, erwidere ich seinen Gruß nicht weniger freundlich. Den sonst üblichen Smalltalk verkneife ich mir. Der Mann scheint in Eile.

Ob ich ihm einen Gefallen tun könne, keucht er und ringt noch immer um Atem. Meine Antwort wartet er gleich gar nicht ab. Dafür drückt er mir sein Fahrrad in die Arme.
“Könnten Sie bitte gut darauf aufpassen”? sagt er freundlich, aber auch ein bisschen fordernd. “Nur für ein paar Minuten”,
“Gerne”, sage ich, “aber für wie lange”?
“Nicht lange”, sagt der alte Mann. Er gehe nur kurz zum Morgengebet in die Kirche.
Da stehe ich nun und halte an einem Fahrrad fest, das einem Mann gehört, den ich noch nie zuvor gesehen hatte und vermutlich nie wieder sehen werde.
Ich betrachte das weisse eBike und stelle fest, dass es für mich auch langsam Zeit werden könnte, auf elektrisch umzusteigen. Dann fällt mir ein, dass ja meine Zeit selbst für ein stinknormales Zweirad abgelaufen ist. Meine Augen …
Ich beneide den Mann. Kommt auf seinem eBike daher, geht Beten, vertraut mir sein Fahrrad an und bringt mir dadurch ein so gesegnetes Gottvertrauen entgegen, dass es mich fast beschämt.
Nach fünf Minuten, vielleicht waren es auch sieben oder acht, öffnet dieser liebenswerte alte Mann freudestrahlend das schwere Kirchenportal, tritt nach seiner Seelendusche tänzelnd-beschwingt die fünf Steintreppen auf mich zu, bedankt sich überschwänglich für meinen Wachdienst und erklärt dann mit fester Stimme auf der untersten Stufe stehend, als handle es sich um eine Pressekonferenz:
“Ich habe mir lange überlegt, ob ich mir in meinem Alter noch ein 2200 Dollar teures Fahrrad kaufen soll”.
Den Gedanken hatte ich, ehrlich gesagt, während der Warterei auch schon gehegt. Aber ganz offensichtlich aus anderen Gründen.
Während ich eher an der Fitness dieses alten Mannes gezweifelt hatte und daran, ob er überhaupt noch in der Lage sei, so ein Bike zu navigieren, hatte sein Einwand wohl andere Gründe.
“Ich befürchtete nämlich”, sagt meine neue Fahrradbekanntschaft, “mein Rad könnte gestohlen werden”.
Verabschiedet sich mit freundlichem Radlergruß – und weg ist er.
Gottvertrauen ist eine feine Sache, geht es mir durch den Kopf, während ich dem weißen Blitz noch hinterhersehe, ehe er um die Ecke verschwindet.
Aber was kann vor einer Kirche schon schiefgehen?




