Der Kellner spricht das Französisch der Pariser. Die Fleischverkäuferin in den Markthallen parliert neuerdings en français. Und Montrealer Stadtbusfahrer, bisher letzte Bastion der Québecois sprechenden Frankokanadier, hören sich jetzt immer öfter an, als hieße die Endstation Montmartre und nicht McGill-University. Montreal, das sich ohnehin gerne als das „Paris des Nordens“ sieht, wird von Frankreich-Franzosen geradezu überschwemmt.
Was die angesehene Tageszeitung Globe and Mail als „Invasion der Franzosen“ bezeichnet, lässt sich am Montrealer Stadtbild auch ohne Statistik ausmachen: Mehr als 120.000 Franzosen haben sich innerhalb weniger Jahre in Montreal niedergelassen. Das „Plateau Montréal“, eine hippe Wohngegend am Fuße des Hausbergs „Mount Royal“, gilt im Montrealer Sprachgebrauch schon lange als „Petit Paris“.
Französisch – wie aus einer anderen Welt
Viele Montrealer sehen dem Influx mit gemischten Gefühlen entgegen. Durch die hohe Nachfrage steigen Miet- und Immobilienpreise. Außerdem sehen viele Quebecer ihre Muttersprache, das „Québecois“, in Gefahr. Québecois mag sich weniger elegant als Französisch anhören, eher plump und bäuerlich. Aber es ist nun einmal die Sprache, in der sich „les Québecois“ wiederfinden. Das, wie mancher Quebecer glaubt, borniert klingende Pariser Französisch hört sich vor allem in den Ohren der Landbevölkerung wie aus einer anderen Welt an.
Dass Québec mit Frankreich eng verbandelt ist, liegt in seiner Geschichte. Schließlich war es der Franzose Jacques Cartier, der Kanada, das damalige Neufrankreich, 1534 entdeckt hat. Dass sich aber eine so hohe Zahl von Franzosen hier ansiedelt, ist neu.
Schnelldurchgang für Französisch-Muttersprachler
Einer der Gründe dafür liegt in einer Gesetzesänderung, wonach verstärkt französisch-sprachige Fachkräfte für die Provinz Québec gesucht werden. Das Timing passt: Die französische Wirtschaftskrise mit einer Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 25 Prozent ist für viele Franzosen die Gelegenheit in einem französischsprachigen Land auf dem nordamerikanischen Kontinent einen Neuanfang zu wagen.
In den neuen Bestimmungen, die es Franzosen ermöglicht, im Schnellverfahren Wohn- und Arbeitsgenehmigung für Quebec zu bekommen, spielt ein Faktor die ganz große Rolle: Französische Sprachkenntnisse. Bei den Genehmigungsquoten gilt, wie auch für das kanadische Einwanderungsverfahren, ein Punktesystem. Beispiel: Ein Ehepaar benötigt 54 Punkte. 44 davon gibt es allein durch gute französische Sprachkenntnisse.
Auch der Nachwuchs wird im notorisch kinderarmen Quebec als Einreisefaktor hoch bewertet. Pro Kind gibt es bis zu 8 Pluspunkte.
Eine aktuelle Darstellung des Punktesystems ist der Tabelle entnehmen:





