Reise in den dritten Frühling

bannerWas für ein Geschenk: Erst durften wir drei Monate Frühling auf Mallorca miterleben. Dann wurden wir mit drei Wochen Frühjahr im Allgäu verwöhnt. Jetzt freuen wir auf „Springtime in Canada“. Fast vier Monate in Europa gehen zu Ende.

Noch nie seit meiner Auswanderung nach Kanada vor 38 Jahren war ich so lange am Stück in meiner alten Heimat. Es war eine wunderbare Erfahrung.

In oft atemberaubendem Tempo versuchten wir, so viel wie möglich unter einen Hut zu bringen. Manchmal war es fast zu viel. Wir besuchten Familie, Freunde, Verwandte und frühere Kollegen und nahmen uns die Zeit, alte Kontakte wieder zu reaktivieren.

Fast hätte ich vergessen, wie zauberhaft die Gegend ist, aus der ich stamme. Oberschwaben, das Allgäu, Bayern, der Bodensee, der Hegau an der Schweizer Grenze, das benachbarte Österreich und auch das Remstal bei Stuttgart.

Beim Abschied von Europa kommen gemischte Gefühle auf. Vieles ist mir so vertraut, dass es sich fast anfühlt, als hätte ich es nie hinter mir gelassen. Der tägliche Gang zum Bäcker, die Begegnungen mit Kollegen und Freunden, mit denen sich nicht nur wunderbar feiern, sondern auch vortrefflich diskutieren lässt.

Aber es gab auch Momente, die mich daran erinnerten, wie sehr ich doch die kanadische Freiheit lieben und schätzen gelernt habe. Das Schöne ist, dass es im Koffer der Erinnerungen Platz für alles gibt.

Von Januar bis April am Mittelmeer, dazwischen ein Kurzbesuch beim Freund in Marseille, danach drei Wochen Allgäu – vier Monate sind eine lange Zeit, um vom Sohn und von guten Freunden in Montréal getrennt zu sein. Und natürlich vermisse ich auch mein Montréal selbst. Es ist und bleibt die Stadt meines Herzens. Die Reise in den dritten Frühling kann kommen.

Die letzte Bildergalerie vor unserer Abreise besteht aus Aufnahmen von unserem gestrigen Ausflug nach Bayern. Beim Klick auf das Bannerfoto werden Sie sehen: Ganz zum Schluss wurden noch ein paar Klischees bedient.

Wie wär’s damit: Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelpürree im Schatten von Schloss Neuschwanstein in den bayerischen Alpen.

Tschüss Europa! Hello Canada! Vielleicht bis zum nächsten Jahr.

 

Vor 50 Jahren begann mein Traum

VOR 50 JAHREN FING ALLES AN: Von links nach rechts: Oskar Beck, Uschi Entenmann, Uli Reinhardt, Herbert Bopp, Ingrid Eißele.

Der 1. Mai 1968 war ein Mittwoch. Über den Weinbergen des Remstals ging ein warmer Frühlingsregen nieder. Der Fußweg von meinem möblierten Zimmer zur Redaktion der Waiblinger Kreiszeitung dauerte eine halbe Stunde und führte an der Bahnhofswirtschaft vorbei.

Männer mit lustigen Hüten tranken auf nassen Holzbänken ihr Viertele. Ich tippte lässig mit der rechten Hand an meine karierte Schlägermütze. Die Männer grumselten irgend etwas von „Wo kommt der denn her?“ und ich ging meines Wegs, schnurstracks in die Zukunft.

So begann der Tag, an dem sich der Traum meines Lebens erfüllt hatte. Es war der Tag, an dem ich Journalist geworden bin. Das heißt: Noch war ich Redaktionsvolontär, damit fängt jede ordentliche journalistische Ausbildung an.

 Mein Volontariat begann am 1. Mai 1968 in Waiblingen im Remstal.

Das moderne Redaktions-, Druckerei- und Verlagsgebäude an der Siemensstraße 11 hatte ich nur einmal zuvor betreten. Es war der Tag, an dem ich mich bei meinem künftigen Chefredakteur vorgestellt hatte. Richard Retter blieb bis zu seinem Lebensende mein Freund.

An meinem ersten Arbeitstag in der Redaktion fielen mir zwei Dinge auf: Fast Jeder rauchte (ich auch). Und: Es standen unzählige Flaschen Wein und Bier auf den diversen Schreibtischen (auf meinem – noch – nicht).

Auch auf dem Arbeitsplatz, der mir zugeteilt worden war, saß ein schlacksiger Mann und rauchte. Er begrüßte mich zwischen zwei hektischen Zügen und breitete Dutzende von Papierfotos vor uns auf. „Welches würdest du nehmen“?, fragte er mich. „Das hier“, sagte ich und tippte mit dem Finger auf ein Bild, das mehrere Männer und Frauen zeigte, die Transparente zum „Tag der Arbeit“ vor sich hertrugen. Der Fotograf stimmte mir zu. Er hieß Dieter.  An seinen Nachnamen kann ich mich nicht mehr erinnern.

Unter Anleitung des diensthabendenden Sonntagsredakteurs tippte ich auf der schweren Schreibmaschine eine mehrzeilige Bildunterschrift unter das Foto und setzte dahinter in Klammern „heb“. Das war von jetzt an mein Autoren-Kürzel. Ich hatte „hebo“ vorgeschlagen, so hatten mich meine Kumpels in Biberach genannt. Aber „hebo“ ging nicht. Erlaubt waren höchstens drei Buchstaben. Dann also „heb“.

Fünf Jahre blieb ich bei der Waiblinger Kreiszeitung, die ihren Mantelteil von den Stuttgarter Nachrichten bezog. Dann verschlug es mich zum erstenmal nach Kanada. Fünf Jahre „heb“ waren genug, um den Journalismus von der Pike auf zu lernen. Ich musste über Mord und Totschlag berichten, über Sexualverbrechen und Oberbürgermeisterwahlen. Ich war bei Gemeinderatssitzungen eingenickt, bei denen es um Farbleitpläne für städtische Garagen ging. Und auch eine Reportage über die „Waiblinger Hausfrau des Jahres“ wurde von mir verlangt. Alice Schwarzer hätte mir den Kopf abgerissen.

Fünfzig Jahre später sitze ich mit zwei Frauen und zwei Männern an einem Wirtshaustisch in Weinstadt im Remstal. Es sind Kolleginnen und Kollegen aus alten Zeiten. Uschi und Ingrid kamen erst später zur Zeitung. Uli und Oskar waren fast von Anfang an dabei.

Uschi Entenmann leitet heute die Reportagenagentur „Zeitenspiegel“, schreibt für fast alle namhaften Publikationen, einschließlich GEO. In Havanna baute sie die kubanische Niederlassung der Agentur auf und lebte mehrere Jahre auf der Karibikinsel. Wenn sie nicht gerade schreibt, managed oder reist, spielt sie Saxophon in einer Jazzband.

Ingrid Eißele, ebenfalls eine erfahrene Journalistin mit weltweiten Reporter-Einsätzen, leitet heute das „stern“-Büro für Baden-Württemberg. Eine wunderbare Kollegin mit einfühlsamen Texten und klugen Interviews, die in vielen renommierten Publikationen erschienen sind.

Oskar Beck ist eine der Edelfedern im deutschen Sportjournalismus. Seine Reisen haben ihn rund um den Globus geführt. Er hat über Olymische Spiele, Weltmeisterschaften und andere Events berichtet und lebt heute auf der Schwäbischen Alb und in Miami/Florida. Die nächste Fußball-WM in Russland wird ohne „Ocke“ stattfinden: „Wo Putin ist, gehe ich nicht hin“. Einmal Revoluzzer, immer Revoluzzer.

Uli Reinhardt hat nach seiner Zeit als Fotograf bei der Waiblinger Kreiszeitung zusammen mit anderen mutigen Kreativen die feine Reportage-Agentur Zeitenspiegel gegründet. Inzwischen gehört eine hauseigene Journalistenschule dazu.

Uli erwähnte bei unserem Wirtshaustreff in Wenstadt eher nebenbei, als müsste er kurz mal Brezeln holen, dass er morgen eine dreiwöchige Reporterreise durch Südafrika, Kenia und Nigeria antreten werde. Der Mann ist über 70, sein Energiepegel noch immer enorm. Auch ein Autounfall, bei dem er sich vor ein paar Monaten eine schwere Rückenverletzung zugezogen hatte, schaffte es nicht, ihn auszubremsen. Der Unfall passierte übrgens in Irland. Genau dort war ich mit Uli, kurz nach unserem Kennenlernen vor 50 Jahren, wochenlang unterwegs.

Gestandene Journalisten, die eines gemeinsam haben: Die Zeit bei der Waiblinger Kreiszeitung. Der Wichtigste fehlte leider in unserer Runde: Richard Retter, dem alle von uns so viel zu verdanken haben.

Sonntagsbummel in Bad Waldsee

Bei unseren Streifzügen durch den Wilden Süden sind wir gestern in Bad Waldsee gelandet. Das ist kein Zufall. In Bad Waldsee leben liebe Verwandte, die im Laufe der Jahre zu Freundinnen und Freunden geworden sind.

Aber Bad Waldsee hat für mich noch eine andere Bedeutung: Papa, der längst in höheren Sphären lebt, hatte uns als Kinder oft am Wochenende oder auch mal zum Feierabend-Vergnügen nach Bad Waldsee mitgenommen, um dort ein wenig „Bootle“ zu fahren.

Die „Bootle“ gibt es noch immer. Und noch immer kann man sie mieten, um über den idyllischen, kleinen See am Rande der Altstadt von Bad Waldsee zu rudern, zu paddeln oder zu treten.

Allerdings hatte der oberschwäbische Ort damals noch kein „Bad“ vor dem Namen. Ein „Bad“ ist wie ein Ritterschlag im Schwäbischen, fast wie ein Doktortitel. Dass Waldsee inzwischen Bad Waldsee heißt, ist den Moor-, Kneipp- und Thermalbädern des Städtchens geschuldet, das irgendwo zwischen Ulm und Bodensee liegt.

Aber es gibt auch ein dunkles Kapitel in der langen Stadtgeschichte von Waldsee. Die Hexenprozesse hatten zur Folge, dass zwischen 1490 und 1645 mehr als 50 Frauen und auch drei Männer auf dem Galgenbühl verbrannt wurden.

Doch davon war an diesem sommerlich-warmen Sonntag bei der Lieblingscousine und ihrer Familie nicht die Rede. Bei Kaffee und Kuchen und einem herrlichen Blick über den See wurde in verwandtschaftlichen Erinnerungen geschwelgt.

Die Fotos entstanden bei der Fahrt von Leutkirch nach Bad Waldsee und in Bad Waldsee selbst. Dass dort mehr Leben als sonst herrschte, lag am „verkaufsoffenen Sonntag“.

Das Bannerfoto stammt heute ausnahmsweise nicht von mir. Die Lieblingscousine hat es aufgenommen. Sie kennt sich nicht nur im Leben und in der Küche aus. Ihre Kreationen mit der Kamera sind in der Familie schon legendär.

 

Streifzug durch den Wilden Süden Touring Germany’s Wild South

Das Allgäu ist wie eine Wundertüte. Immer, wenn du glaubst, du hättest schon alles gesehen, tut sich wieder eine neue Facette dieser gesegneten Landschaft im Südwesten Deutschlands auf. Heute waren es die schneebedeckten Berge in der Gegend von Oberstaufen. Gestern die blühenden Wiesen zwischen Leutkirch, Ravensburg und Biberach. Lehnen Sie sich zurück, klicken Sie auf das Bannerfoto und genießen Sie diesen fotografischen Streifzug durch meine Heimat.


The “Allgäu” is like a grab bag. Whenever you think you have seen it all, a new facet of this blessed landscape in southwestern Germany appears in front of our eyes. Today it was the snow-capped mountains in the Oberstaufen area near the Austrian border. Yesterday I drove through the blooming meadows between Leutkirch, Ravensburg and Biberach. Lean back, click on the banner picture and enjoy this photographic journey through my homeland.


 

Leben wie Gott in Leutkirch

IMG_4286 2Wer das Glück hat, in seinem Freundeskreis gleich zwei Profiköche zu haben, lebt vielleicht nicht länger, aber besser. Beide haben uns während unserer Allgäu-Tournee mit Köstlichkeiten aus Küche und Keller beglückt.

Rudolf hat sich im Allgäu schon früh einen Namen als ein äußerst innovativer Koch gemacht. Der „Adler“ in Adrazhofen servierte jahrzehntelang Feinstes aus der Region. Als der etwas müde gewordene Küchenchef schon ans Aufhören dachte, spülte ihm das Schicksal noch ein vakant gewordenes Lokal in dem Glasbläserdorf Schmidsfelden ins Leben.

Die „Remise“ wurde schnell zum Geheimtipp unter den Foodies der Gegend. Gehobene Küche für nur ein Dutzend Gäste auf einmal, das Ganze zu fairen Preisen – damit ist Rudolf gut gefahren. Jetzt, mit über 70, hat er die Kochschürze noch lange nicht an den Nagel gehängt. Das Feuer in ihm brennt noch immer, aber gekocht wird nur noch für Freunde, die seine kulinarischen Meisterwerke zu schätzen wissen.

IMG_3992.jpgAls wir neulich im Rudolfschen Privathaus zum mehrgängigen Dîner eingeladen waren, wurden wir mit einem Aufstrich begrüßt, den er aus der „Schwobabohna“ kreiert hatte. Die „Schwabenbohne“ gilt als aussterbene Spezie. Rudolf hatte sie am frühen Morgen auf dem Ravensburger Wochenmarkt ergattert. Es folgte ein Avocado-Mousse mit Staudensellerie. Artischocken und gegrillte Paprikaschoten, die wir auf Mallorca gerne als „Pimientos de Padrón“ essen, bildeten das Ende des Anfangs.

Dann ging es erst richtig los. Auch der weitere Gang war vegetarisch angehaucht: Ein Risotto ganz ohne Käse, das trotzdem cremig (auf schwäbisch: „schlonzig“) schmeckt. Die stundenlang geschmorten „Schweinsbäckle“ danach galten als Zugeständnis an die Fleichesser unter uns. Das Ganze wurde auf einem leckeren Spargelbett serviert.

Übrigens war es nicht das erste Mal, dass Rudolf uns mit einer privaten Koch-Session verwöhnte. Vor einigen Jahren gab es Mallorca-Küche vom Allgäu-Koch.

Unser Freund Manni vom „Brauereigasthof Mohren“ in Leutkirch hat erst neulich einmanni Gericht auf seine reichhaltige Speisekarte gesetzt, das wie für mich gemacht ist. Manfred, nicht nur in der Küche ein Schöngeist, nennt es „Schwäbische Trilogie“. Es besteht aus einem Krautwickel, einer kleinen Portion Kässpätzle mit gerösteten Zwiebeln und zwei Maultaschen, deren Hackfleischfüllung es in sich hat. Dazu ein paar Spritzer Bratensauce und einen Teller mit frischen Salaten.

Beim privaten Dinner, das Christine, die Frau an Mannis Seite, im niegelnagelneuen Haus für uns kreiert hatte, ging es kulinarisch nicht weniger kreativ zu. Ein raffinierter Gemüse-Fleisch-Auflauf, bei dem feinstes Entrecôte die Hauptrolle spielte, lachte mich gestern Abend dermaßen frech an, dass ich auch beim zweiten Anlauf nicht nein sagen konnte.

Dazu gab es von Sohn Ludwig ausgesuchte Weine. Ludwig, ein veritabler Winzer mit Hang zum Sommelier, wird demnächst im „Mohren“ eine Verköstigung seiner Weine anbieten. Tochter Milena serviert derweil im nahegelegenen „Rössle“, auch „Haselburg“ genannt, eine nicht weniger gute Küche.

Wer behauptet, bei den Schwaben werde nur Deftiges serviert, sollte sich einmal an den aufwändig und wunderschön gedeckten Tisch meiner Nichte Sabine setzen. Ein liebevoll zubereitetes Carpaccio an einem Bett von tiefschwarzem Linsenkaviar (oder waren es Kaviarlinsen?) belebte den Gaumen schon mal aufs Feinste, ehe es dann mit diversen Salätchen und Antipasto in Richtung Hauptspeise ging: Gebratene Hühnerkeulen in einer olivenlastigen Weinsauce, die angenehm an das „Mont Ventoux“ erinnerte, das Lore zu besonderen Anlässen kredenzt, dann allerdings mit Lammfleisch und Wildem Reis aus Kanada.

Auch unterwegs strecken wir gerne unsere kulinarischen Fühler aus. So ließen Vater und Sohn sich neulich im „Schwanen“ in Metzingen köstliche Kalbsmaultaschen schmecken. Dazu gab es einen raffiniert angerichteten gemischten Salat, dessen Kernstück, der Kartoffelsalat, erst dann sichtbar wurde, wenn die fein gehobelte, längliche Scheibe der Salatgurke entfernt wurde, die als Rundform diente, um den Salat zusammen zu halten.

Und sonst so? Die Schweinshaxe, mit der sich Cassian im bayerischen Nachbarort Kempten herumschlug, sollte an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben. Der Kampf endete mit einer Entschuldigung bei der Kellnerin, die das von Kraut und Sauce gezeichnete Tischtuch nach der Messer-und-Gabel-Schlacht vermutlich einem dreifachen Waschgang unterziehen musste.