Opernkino: Peter, Carmen und ich

IMG_1276Nein, es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Ganz im Gegenteil: Siebzig Jahre hat es gedauert, bis ich die erste Oper meines Lebens wirklich genossen habe – diesmal nicht im Konzertsaal, sondern im Kino: Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera in New York. Auch wenn ich vor „Carmen“ schon ein paar andere Opern-Aufführungen besucht habe: Dies war ein Erlebnis der besonderen Art.

Es war mein Freund Peter, der mir seit 30 Jahren vorschwärmt, wie zauberhaft so ein Opernbesuch sein kann. Peter kennt die großen Opernhäuser der Welt und dirigiert auch mal eine Arie am Stehpult seines Wohnzimmer-Konzertsaals mit. Jetzt hat er es geschafft: Wir haben’s nicht nur getan. Wir waren begeistert.

Ich werde einen Teufel tun, mich zu einer Opernkritik aufzuschwingen. Deshalb einfach ein paar Impressionen:

Erster Eindruck: So viele Rollatoren und andere Gehhilfen wie bei „Carmen“ habe ich noch bei keiner anderen Kinovorstellung gesehen.

Zweiter Eindruck: Dass es im Kino auch ohne Chipstüten-Geraschel und Popcorn-Geknalle geht, war eine völlig neue Erfahrung.

Dritter Eindruck: Operndiven in Nahaufnahme auf einer Riesenleinwand beim Singen zuzusehen, ist nicht immer eine körperästhetische Delikatesse. Kein Mensch ist so schön, dass man seinen zehn Kubikmeter großen Rachen minutenlang in High Definition betrachten möchte.

Und dann noch eine Frage: Wie sieht es eigentlich mit #metoo in der Oper aus?

Während „Baby It’s Cold Outside“ von vielen Radiosendern plötzlich nicht mehr gespielt wird (der Gastgeber im Lied übt sanfte Gewalt aus, um die Dame am Gehen zu hindern), dürfen Frauen in der Oper noch immer nach Herzenslust begrabscht, geschüttelt, sexistisch betitelt und an Stellen berührt werden, die im richtigen Leben einen #aufschrei verursachen würden.

Ich finde, Klassiker sollten so präsentiert werden, wie sie geschrieben worden sind. Herrn Bizet kannte ich nicht, als er 1875 „Carmen“ komponierte. Aber ich denke mal, er war kein Frauenschänder.

Wenn wir schon beim Thema political correctness sind: „Carmen“ ist in der Oper nichtIMG_1279 etwa ein „Sinti-und-Roma“-Mädchen, wie es politisch korrekt heißen müsste, sondern eine „Zigeunerin“. Rassismus? Ganz und gar nicht. Man wird in einem Klassiker die Dinge doch wohl noch beim Namen nennen dürfen.

Die Welt der Oper ist mir alles andere als vertraut. Deshalb sei mir meine Verwunderung über manches, was mir dort präsentiert wurde, nachzusehen.

Zum Beispiel die Rollenbesetzung. Eine nicht mehr ganz junge, aber bestimmt wunderbare Mezzo-Sopranistin namens Clémentine Margaine spielte in der gestrigen Met-Aufführung die Titelrolle des sehr jungen, sehr wilden Zigeunermädchens. Doch sie war weder jung und wild kam sie mir auch nicht vor. Sie hat einfach nur gut gesungen. Reicht das?

Für einen passionierten Kinobesucher, der mehr Filmschauspieler beim Namen kennt als Operntitel, ist dies zumindest gewöhnungsbedürftig.

Mal so gefragt: Würde etwa die Rolle von James Bond von einem Teenager oder, um bei Extremen zu bleiben, einem Schauspieler im Greisenalter besetzt werden, nur weil er gut spielt? Undenkbar. Aber bei der Oper scheinen andere Gesetze zu gelten, stimmliche und auch andere. Wieder etwas dazu gelernt.

Menschen beim Ausleben ihrer Talente zusehen zu dürfen, ist ein Geschenk. Eine so wunderbare Aufführung wie „Carmen“ zusammen mit Hunderttausenden Menschen in aller Welt zeitgleich live auf einer Montrealer Kino-Leinwand zu erleben, war ein unvergessliches Erlebnis.

Danke, Peter! Merci, Monsieur Bizet! Graçias Carmen!

2 Gedanken zu „Opernkino: Peter, Carmen und ich

  1. Na, da muss ich ja wohl…
    Also ich bin der Schuldige, der Sündenpeter, der den Herbert und die Lore zum Opernkino verführt hat, ohne das definitive „JA“ abzuwarten, das allein heute das Tor zum Paradies öffnet.
    Beide waren begeistert, ich bin erleichtert und werde nun nicht ob meines veralteten Musikgeschmacks gerügt oder gar verlästert.
    Dein Artikel, Herbert, hat mir gut gefallen, weil er die gestellten Fragen gleich selber beantwortet und die aufkommenden Klischees (wenn auch nicht immer ganz überzeugend) in die Kulissen verweist. Die Ausflüge in die political correctness sind wohl heute obligatorisch, um auch den letzten der zahlreichen Blog-Fans zufrieden zu stellen; mir hängen sie seit eh und je zum Halse raus, weshalb ich jede Auseinandersetzung mit dieser Pseudo-Philosophie für verlorene Liebesmüh halte.
    Abschliessend komme ich zum Thema: Auch wir – Laurette und ich – waren sehr angetan von dieser CARMEN-Aufführung, deren musikalische Qualität höchsten Ansprüchen genügte. Ich habe sogar, wie es häufig im Opernkino passiert, mehrmals spontan mit applaudiert. Zugegeben, Carmen hätte etwas rassiger (!) sein können, aber dieses kleine Manko wurde durch die herrliche Stimme und ihr überzeugendes Spiel (die erstaunliche Fähigkeit, simultan singen, tanzen und mimen zu können) voll aufgewogen. Da gibts bei etlichen wohlbeleibten Tenören und diversen Divas in reiferen Jahren ganz andere Unzulänglichkeiten. Das akzeptiere ich (wenn auch nicht immer) in der Oper, aber nicht bei James Bond, das ist klar. Der läuft auch nicht LIVE, sondern der wird von Masken- , Kostüm- und Trickspezialisten wochenlang aufgemotzt, bis er/sie einigermassen präsentabel ist.
    Warum gibt es so wenig junge Opernsänger und -sängerinnen auf den grossen Bühnen? Weil die Ausbildung lange dauert, weil die Stimme langsam reifen muss, weil der Aufstieg bis zur MET viele Jahre dauern kann…
    Warum gehen so viele alte Leute (wir zählen auch dazu) in die Oper? Weil das im Moment unter den Jüngeren weder „cool“, noch „hip“ noch „in“ ist. Ich habe mir gerade sagen lassen, dass meine Vinylplatten (jede Menge Oper!) wieder langsam im Kommen sind. Da müssen wir wohl auf den nächsten Modetrend warten, bis sich die Jungen um die letzten Plätze im Opernkino schlagen.
    Übrigens: Falls ihr Karten für das Wagner-Festival in Bayreuth haben wollt, müsst ihr euch ca. drei Jahre vorher anmelden, wobei allerdings niemand garantieren kann, dass der Altersdurchschnitt auf der Bühne Hollywoodkriterien erfüllt.

    Peter, Opernkonsument

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  2. Mir ging es als Kind ähnlich wie Dir. Aus versorgungstechnischen Gründen verbrachte ich viel Lebenszeit in dunklen Zuschauersälen und hinter der Bühne, weil meine Großtante als Chormitglied mit Kleinstrollen am Hessischen Staatstheater in Kassel ihrem Beruf nachhing. Dadurch kenne ich viele Opern in Einzelteilen samt der Bewertungskritik durch „KollegInnen“ hinterher.
    Theater lebt durch Imagination. Jede Kamera verdirbt diese, wenn sie sich nicht an der Optik der Theaterbesucher orientiert. Jede nähere Einstellung entspricht dem Verrat eines Zaubertricks. Die ersten Besucher sitzen mindestens 10 m von der Bühne entfernt ( Bühne + Orchestergraben).
    Jede jüngere Stimme (unter 25) ist bei allem Frühunterricht noch in der Gestaltungszeit. Gute und stimmgewaltige Sängerinnen, die nicht nur die erforderliche Stimm-Modulation bis zur letzten Reihe des Theaters mitbringen, sind selten unter 30 Jahren zu finden. Sie brauchen Lebenserfahrung im guten wie im traurigen. Dem Aussehen dient die Maske, die i.d.R. ab der ersten Reihe völlig der Imagination für
    das Gesamterlebnis aus Gesang, Schauspiel und Orchester genügt.
    Weil mir die Imagination dank meiner Jugend früh flöten ging, bin ich heute nur noch im Schauspiel des Theaters zu finden, wenn überhaupt.
    Über die „sexistische“ Form des Theaters regen wir uns gottlob erst auf, seit wir die Prüderie einiger auch meiner amerikanischen Familienmitglieder und ihrer puritanischen Kleinkirchen-bezogenen Werte übernommen haben. Das gibt sich nach der nächsten Sintflut/Krieg oder welchem zerstörerischen Geschehen auch immer, das Menschen zusammen schweißt. Am Theater, dessen Mitglieder deshalb schon immer als „leichtlebig“ galten, muß es genau so sein, weil der zuschauende Mensch sich in seiner Immagination in solchen Rollen gedanklich austoben darf. Durch das in 80 oder 90 Prozent tragische Ende wird er auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt und braucht seine Phantasien nicht im richtigen Leben auszutoben.
    Insoweit freut es mich für Dich, lieber Herbert, daß Du trotzdem ein froh machendes Erlebnis hattest. Mir wäre es versagt geblieben. Ich weiß nur nicht genau, ob es mir gefehlt hätte.

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