Nach 41 Tagen am Ziel

JAKOBSWEG, Tag 41 – 23 Kilometer von O Pedrouzo nach Santiago de Compostela.

FÜR MARGA ❤️

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wir sind am Ziel – und es fühlt sich seltsam an. War’s das wirklich? Die Füße sagen: Es reicht! Und auch der Rucksack verlangt nach 41 Tagen Schwerstarbeit nach einer Pause.

Nur wir sind hin- und hergerissen, weil wir uns im Moment gar nicht so richtig vorstellen können, wie ein Leben ohne Pilgern aussieht.

Können wir morgen früh wirklich ausschlafen bis in die Puppen? Wollen wir das überhaupt? Oder zieht es uns mit dem ersten Singen der Amsel wieder auf den Camino?

Eben kommen wir von der Pilgermesse zurück. Sie fand wegen Bauarbeiten leider nicht in der berühmten Kathedrale von Santiago de Compostela statt, sondern in der Kirche Santa Maria in einer Seitenstraße, abseits vom Touristenrummel, der uns hier empfangen hat.

Und ja: Wir haben alle Kerzenwünsche erfüllt. Ihr wisst, wer gemeint ist. Ihr könnt euch darauf verlassen, wir haben niemanden vergessen.

Die Ankunft heute Nachmittag in Santiago de Compostela verlief erstaunlich emotionslos. Vielleicht lag es daran, dass wir unendlich lange durch die nicht sonderlich charmante Vorstadt wandern mussten, ehe wir den Stadtkern erreichten.

Eine „Whiskey-Nachtbar“, ein Tattooshop, jede Menge „China Bazaars“ und eine Zellstoff-Fabrik sind nicht unbedingt das, was der Pilger zuerst erwartet, nachdem er 41 Tage unterwegs war, um hier anzukommen.

Der Weg war das Ziel – und nicht das Ziel selbst, soviel steht fest.

Der Weg führte uns heute über oft eintönige Wiesen und Felder. Das, was die Landschaft an Charme vermissen ließ, machten die Gerüche wett, die wir den ganzen Tag einatmen durften. Wer noch nie stundenlang durch Eukalyptus-Wälder spaziert ist, weiss nicht, was er verpasst hat.

Wenn sich unser letzter Pilgertag allzu emotionslos anhört, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Einen Gänsehaut-Moment gab es kurz vor Santiago:

Vor uns schleppte sich ein junger Pilger unter offensichtlich größten Schmerzen mühsam seinem Ziel entgegen. Er hatte sich vor ein paar Tagen eine üble Knöchelverletzung zugezogen. Man musste nicht einmal genau hinschauen, um zu sehen, wie der arme Kerl litt.

Als wir auf gleicher Höhe waren, kamen wir mit dem Jungen ins Gespräch. Jude heiße er, „wie der Beatles-Song“. Er komme aus North Carolina und sei den ganzen Weg von St. Jean bis hierher gelaufen, sagte er uns mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Lore fackelte nicht lange und schenkte ihm ihre Wanderstöcke, die sie vor genau sechs Wochen in Pamplona neu gekauft hatte.

Jude war gerührt. Und er lief von diesem Moment an mit den Trekking Poles um Längen besser. Unsere Namen wollte er wissen und auch ein Selfie hätte er gerne mit uns für die Mama, daheim in North Carolina.

Die heißt übrigens Laurie. Wie Lore, nur amerikanisch.

Google sagt, dass wir seit dem 22. März genau 878 Kilometer gewandert sind. Durch endlos lange Täler und über mehr als 1300 Meter hohe Berge. Wir haben mit vollem Körpereinsatz gegen Stürme angekämpft und sind durch Schlammlawinen gestapft.

Wir waren bei Eisregen, Hitze, Hagel und Schnee unterwegs. Wir haben geschwitzt, als wir durch ein ausgetrocknetes Flussbett marschiert sind und gefroren, als uns der Regen in der Meseta stundenlang ins Gesicht peitschte.

Aber wir haben nie gelitten, denn es war einzig und allein unsere Wahl, den Camino zu gehen. Und: Wir haben uns nicht ein einziges Mal gestritten.

Man könnte sagen, dass es die schönste, aber auch intensivste Zeit unserer 35jährigen Ehe war.

Allen, die uns auf dieser einzigartigen Reise begleitet und unterstützt haben, möchten wir an dieser Stelle von Herzen danken.

Wir haben euren Rückenwind gespürt und konnten ihn oft gut gebrauchen.

Danke, dass ihr uns als Leserinnen und Leser treu geblieben seid. Auch wenn der Camino-Blog mit diesem Post sein Ende gefunden hat, würde ich mich freuen, wenn ihr auch künftig ab und zu bei den BLOGHAUSGESCHICHTEN anklopft.

In diesem Sinne schicken wir von einem wunderschönen Kloster-Hotel ausnahmsweise sehr luxuriöse Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino auf all euren Wegen aus Santiago de Compostela!

Santiago, wir kommen!

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JAKOBSWEG, Tag 40 – 20 Kilometer von Arzúa nach O Pedrouzo.

FÜR ERWIN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wie fühlt man sich so, wenn das Ziel, von dem man – wie in Lores Fall – ein Erwachsenen-Leben lang geträumt hat, in weniger als 20 Kilometer Entfernung vor einem liegt?

Unsere Gedanken schwirren in diesem Moment ziemlich unsortiert in unseren Köpfen herum. „Ich weiß nur“, sagt Lore, „dass es viel schöner war, als ich es mir vorgestellt hatte“. Zu einer tieferen Analyse fühle sie sich momentan außerstande.

Damit bestätigt sie das, was uns Robert aus Coburg vorhin erklärte. „Die volle Wucht des Camino-Effekts trifft dich erst, wenn du wieder daheim bist, in deinem eigenen Umfeld.“

Hier auf dem Camino liebe jeder jeden. Nach der Rückkehr ins richtige Leben erkenne man bald, dass sich dieses Lovefest nicht im Alltag aufrecht erhalten lassen könne  

Robert, Mitte 50, muss es wissen. Für ihn ist es schon der dritte Camino. Er ist heute in der Hitze Galiciens für einige Stunden mit uns gewandert. Jede seiner Pilgerwanderungen habe Spuren hinterlassen. Und jedesmal ganz unterschiedliche.

Zu einer tiefenpsychologischen Analyse bin auch ich nicht in der Lage, während ich an diesem Montagabend den zweitletzten Camino-Blog in einer sehr modernen Herberge am Stadtrand von O Pedrouzo ins Handy tippe.

Fest steht für mich schon jetzt: Es ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich in meinen 70 Jahren machen durfte. Abenteuer habe ich vor allem in meinem Reporterleben genug erlebt. Aber die Erfahrungen, die man in sechs Wochen auf dem Camino macht, sind mit nichts zu vergleichen.

Die größte Erfahrung ist vielleicht die, dass man seinem Körper viel, sehr viel zumuten kann. Mehr als man je für möglich gehalten hätte.

Grenzen ausloten, auch physische, ist eine der vielen Erkenntnisse, die ich schon jetzt von dieser Reise mit nach Hause nehmen werde.

Aber auch der Kopf wurde während der vergangenen sechs Wochen einem intensiven Training ausgesetzt.

Jeden Tag neue Menschen aus allen Ecken der Welt kennenlernen und sich auf Sprachen und Kulturen einstellen, die man bislang nur aus dem Fernsehen kannte.

42 Nächte hintereinander nie zweimal hintereinander im selben Bett schlafen.

Am Morgen nicht zu wissen, wo du die Nacht verbringen wirst und wo du welche Mahlzeiten zu Dir nimmst und was dich am nächsten Tag erwartet.

Das alles konditioniert Körper, Kopf und Magen in einem Maße, wie du es bisher nicht gekannt hast.

Für mich ist es der ultimative Survivaltest, dem man sich zwar nicht zwingend unterziehen muss, um glücklich älter zu werden. Aber hilfreich ist so ein Realitycheck allemal.

Ich musste während dieser Reise ganz oft an Hape Kerkeling denken, der ja bekanntlich Millionen Menschen für den Jakobsweg sensibilisiert hat. (Wir gehören übrigens nicht dazu. Lores Camino-Pläne gehen auf eine Zeit zurück, da war Kerkeling noch lange nicht weg).

Meine KerkelingMomente sind anders geartet. Sie haben etwas mit Bequemlichkeit zu tun.

Eine Journalistin, die Hape Kerkeling zum Interview traf, schlug vor, man könne das Gespräch ja während eines Spaziergangs machen. Schließlich laufe er ja gerne.

Kerkeling lehnte den Spaziergang entrüstet ab. Er laufe überhaupt nicht gerne, erklärte er der Journalistin. Aber er pilgere gerne.

Ich kann den kleinen Unterschied sehr gut nachvollziehen. 20 Kilometer am Tag auf dem Camino? Kein Problem. Aber vom Hostel aus anschließend noch 100 Meter bis zum Supermarkt laufen, das nervt.

Die mentalen Vorbereitungen für unseren letzten Camino-Tag laufen. Wir haben inzwischen von allen möglichen Menschen so viele Aufträge erhalten, nach der Ankunft in Santiago Kerzen für sie oder ihre Lieben anzuzünden, dass ich mir hätte Aktien in einer Wachsfabrik kaufen sollen.

Aber natürlich werden wir den Wünschen nachkommen. Nur mehr sollten es jetzt nicht mehr werden.

So schicken wir an diesem etwas melancholischen Abend zündende Grüße in die weite Internet-Welt hinaus und wünschen:

Buen Camino aus O Pedrouzo!

Spanien und die Liebe

JAKOBSWEG, Tag 39 – 17 Kilometer von Melide nach Arzúa.

FÜR GÜNTHER

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Spanien, das wir seit genau 39 Tagen zu Fuß durchqueren, hat in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt. Treue BlogleserInnen kennen die Geschichte natürlich: Als Fünfzehnjähriger bin ich von Ummendorf nach Spanien getrampt, um ein Au-pair-Mädchen wieder zu sehen, in das ich mich unsterblich verliebt hatte.

Die erste Liebe meines Lebens wohnte übrigens nicht weit von hier, in einem Dorf in Galicien.

Auch damals war ich wochenlang mit Rucksack und Schlafsack unterwegs – per Anhalter, aber auch zu Fuß. Immer mit dabei: Meine Gitarre. In vielen Dörfern und Städten spielte ich auf der Straße, um so meine Reise zu finanzieren.

Ein halbes Jahrhundert später habe ich mich vor fünf Jahren  in Spanien erneut verliebt – diesmal ins Wandern.

Die ersten Gehversuche in Wanderstiefeln machte der Montréaler Stadt-Boulevardier im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca, wo wir zehn Winter hintereinander verbracht haben.

Dass ich als Siebzigjähriger dieser Leidenschaft erneut in Spanien nachgehen darf – diesmal mit der Liebe meines Lebens -, betrachte ich als großes Geschenk. Ich werde Lore für immer dankbar sein, dass sie mich ermutigt hat, mit ihr auf dem Jakobsweg zu pilgern.

Auch unser Sohn Cassian war in diesem Zusammenhang ein großartiger  Motivator. Er hatte uns so lange vom Camino vorgeschwärmt, bis wir vorigen Herbst mit der Planung begannen.

Cassian selbst war vor sechs Jahren genau dieselbe Strecke gewandert, die wir am Dienstag in Santiago abschließen werden.

Die hochsommerlichen Temperaturen heute waren genau das, was wir als Motivationsschub für die letzten Kilometer nach Santiago brauchen. Nach den kalten Regentagen fühlte sich die heiße Sonne an wie ein Booster für zwei müde Krieger.

Spanien zeigte sich heute von seiner Schokoladenseite. Kurz vor Schluss wurden wir noch mit einer traumhaft schönen Landschaft verwöhnt. Vor allem aber war es ein Genuss, sich endlich wieder die Sonne auf die Haut brennen zu lassen.

Und auch ein Wiedersehen gab es heute. Vicky aus Hamburg, Mitte 30, war uns vor etwa einer Woche in einem katastrophalen Zustand in einem Bergdorf begegnet. Ihre Füße wund, das Gesicht vom Schmerz gezeichnet. Vicky war in Flipflops unterwegs. Die Wanderschuhe konnte sie damals wegen der Wasserblasen nicht mehr tragen.

Und heute? Strahlte sie übers ganze Gesicht. Sie hatte sich zwischenzeitlich in den Bergen eine zweitägige Ruhepause gegönnt. Den Nagel des geschundenen kleinen Zehs hatte sie – selbst ist die Chirurgin – im Hauruckverfahren entfernt. Wundsalbe drauf, ausruhen. Und weiter ging’s.

Einen Wanderpartner hat Vicky in der Zwischenzeit auch gefunden, einen kernigen Kerl aus Bayern.

Wir saßen am Nachmittag zusammen in der Sonne bei Tonic und Bocadillos und talkten Camino-Talk. Irgendwann kamen wir auf das Thema „Jeder weint zumindest einmal auf dem Camino“ zu sprechen.

Er auch?, wollte ich von Vickys neuem Mitwanderer wissen. Hatte er auch schon seinen Wein-Moment?

„Klar“, sagte der. „Als der FC Bayern neulich verlor, flossen die Tränen“.

So beweint eben jeder den Camino auf seine Art

Noch zweimal schlafen und wir treffen in Santiago ein. Es wird ein bewegender Moment für uns werden. Ob’s Tränen gibt, erfährt meine Blogfamilie natürlich zuerst. Versprochen.

Bis dahin schicken wir trockenen Auges herzliche Pilgergrüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Arzúa!

(Übrigens: Einen kleinen Roman über meine erste Spanien-Reise gibt’s als eBook bei Amazon: DAS GIBT SICH BIS 1970)

Märchenwald – und kein bisschen Regen

JAKOBSWEG, Tag 37 – 16 Kilometer von Palas de Rei nach Melide

FÜR RESE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Manchmal dauern Wunder ein bisschen länger. Zum ersten Mal seit vier Tagen sind wir trockenen Fußes in unserer Herberge angekommen. Und haben dazuhin einen zauberhaften Wandertag durch Märchenwälder hinter uns.

Man wird echt bescheiden, wenn man seit mehr als fünf Wochen durch Spanien pilgert. In der Dorfkneipe von Melide, wo wir heute die Nacht verbringen, tat Lore mir eben fast ein bisschen leid.

Zwei schicke Engländerinnen, die den Camino mit Gepäck-Transfer und vorgebuchten Hotels absolvieren, saßen geschminkt, gepudert und sogar frisch massiert neben uns, während Lore Lippenstift, wenn überhaupt, seit Wochen allenfalls in homöopathischen Dosen aufträgt.

Jedes Gramm Gewicht zehrt an den Kräften. Außerdem fehlt morgens die Zeit zur großen Maske. Und überhaupt, sagt die Frau an meiner Seite, passe Schminken nicht wirklich zum Geist des Camino.

Ich lass‘ das jetzt einfach mal so stehen.

Am kommenden Dienstag werden wir voraussichtlich in Santiago de Compostela eintreffen. Eine Woche später landen wir in Montréal. Dann ist die kosmetische Fastenzeit vorbei.

Wie wir die Zeit zwischen Ende der Pilgerwanderung und Rückflug nach Kanada verbringen werden, wird sich zeigen. Ein bisschen Entspannung mit Verwöhnprogramm in einem hübschen Hotel irgendwo in Portugal wäre nicht schlecht.

Aber noch sind wir mit unseren Schneckenhäusern auf dem Rücken unterwegs und nicht wir, sondern der Camino bestimmt unseren Tagesablauf.

Der beginnt von jetzt an ein wenig später als bisher, so gegen zehn. Dann sind die Massen an Pilgern schon unterwegs und wir fühlen uns ein bisschen wie zu Beginn unserer Wanderung, als wir den Camino oft viele Stunden für uns allein hatten.

Fasziniert verfolgen wir seit einigen Tagen die veränderte Dynamik des Camino. An fast jeder Bar entlang des Jakobswegs stehen jetzt Taxis für Pilger bereit, die nicht mehr können, nicht mehr wollen oder einfach keinen Bock mehr auf das Leben on the road haben.

Ich muss sagen, dass wir während des nasskalten Wetters der letzten Tage mehr als einmal mit der Option geliebäugelt haben, in ein kuscheliges Taxi zu steigen anstatt uns eine weitere Schlammschlacht mit dem Camino zu liefern. Aber die Pilgerehre hat gesiegt und wir sind treu und brav unsere Kilometer abgelaufen.

Neben den Taxifahrern, deren Visitenkarten sich in jeder Bar, jeder Herberge und an jeder Ladenkasse stapeln, finden sich auch Hilfsmittel anderer Art für Pilger in Not.

Zum Beispiel Apotheken-Automaten mit Erste-Hilfe-Utensilien für verletzte Pilger. Das Sortiment, das in den Metallkästen mit Bezahlmechanismus angeboten wird, ist beeindruckend:

Von Wundsalben über Blasenpflaster bis hin zu Nagelscheren, Kniemanschetten und Kompressen für größere Verletzungen ist auf Knopfdruck alles zu haben.

Der Bedarf ist groß. Wir haben in den letzten Wochen Verletzungen bei Mitpilgern gesehen, für die der Automat nicht reicht.

Ein nicht mehr ganz junges Paar aus den USA verbrachte unabhängig voneinander sechs Tage im Krankenhaus. Sie wegen einer Knieverletzung, die sich entzündet hatte. Er wegen einer kaputten Schulter, die auf das Konto des zu schweren Rucksacks ging.

Wir sind bisher von schwerwiegenden Verletzungen dieser Art verschont geblieben. Die Füße sind das Kapital des Pilgers. Deshalb werden sie jeden Morgen sehr zeitaufwändig mit Vaseline eingesalbt und in zwei paar Spezialsocken gepackt.

Größter Risikofaktor vor Antritt der Pilgerwanderung waren bei mir zwei lädierte Knie. Erstaunlicherweise musste ich nur einmal auf Bandagen zurück greifen, als der Abstieg vom Gipfel unerträglich schmerzhaft wurde.

Als äußerst hilfreich erwiesen hat sich beim Wandern die Zickzack-Lauftechnik während des Abstiegs. Dadurch werden die Knie enorm entlastet.

Mit diesen Tipps aus dem Nähkästchen des Pilgers schicken wir hoffentlich schmerzfreie Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Melide!

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Die koreanische Camino-Connection

JAKOBSWEG, Tag 36 – 32 Kilometer von Portomarin nach Palas de Rei.

FÜR FRANZ

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Weil’s irgendwann langweilig wird, haken wir das Wetter ganz schnell ab. Wir sind auch heute wieder bis auf die Knochen nass geworden. 32 geschmeidige Auf-und-Ab-Kilometer sind trotzdem zusammen gekommen. Zweites Dauerthema: Volksmarsch gen Santiago. Auch das illustrieren Bilder besser als Worte – siehe unten.

Deshalb heute mal ein erbaulicheres Thema: Wer läuft eigentlich so den Camino?

Zu einer seriösen Recherche fehlen mir Energie, Zeit und zuverlässige Quellen. Deshalb erlaube ich mir im folgenden den einen oder anderen Schuss aus der Hüfte.

Kaum ein Herkunftsland, das uns während der vergangenen fünf Wochen nicht untergekommen wäre. Ob Brasilien oder Israel, Sibirien, Italien, Polen, Australien, Wales, Irland, Schottland, Norwegen oder Portugal – der Camino ist die UN-Vollversammlung auf Beinen.

Es gibt jedoch wenig Menschen, die mich mehr berührt haben als PilgerInnen aus Korea.

Wir leben in der Vier-Millionenstadt Montréal, die als Schmelztiegel der Nationen gilt. In unserem Freundeskreis gibt es Inder, Vietnamesen, Chinesen, Thailänder und Kambodschaner.

Koreaner kannte ich bisher nur vom Restaurant. Was für ein Versäumnis!

Seitdem wir auf dem Jakobsweg unterwegs sind, hatten wir das Vergnügen, ganz viele von ihnen kennen zu lernen. Alle, durch die Bank, sind eine Bereicherung für unser schon immer multikulturell ausgerichtetes Leben.

Ji hyun, die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, war die erste von vielen. Eine Comic-Zeichnerin mit einem Lächeln, das einen Inuit zum Schmelzen bringt. Und einem Humor, der nach einer 30-Kilometer-Strapaze gute Laune macht.

Byeong Kwan, der sich „BK“ nennt und mit seinem Durchhaltevermögen nach üblen Verletzungen von uns zum „Camino-Helden“ gekürt wurde. Der die Namen von Bundesliga-Spielern so selbstverständlich herunter betet, als handle es sich um koreanische Speisen. Und der über Jeden und Jede – ohne Ausnahme – nur Gutes zu sagen hat. Das trifft ganz besonders auf seine nordkoreanischen Landsleute zu.

Während des ersten Drittels unserer Reise waren Koreaner gefühlt die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe auf dem Camino.

Tatsächlich besagt die Statistik, dass Koreaner im Verhältnis zur Bevölkerungszahl des Landes ausgesprochen häufig auf dem Camino unterwegs sind.

Aber warum?

„BK“ hat uns dieses Phänomen so erklärt:

Wer in Südkorea nicht Buddhist ist und stattdessen einer christlichen Religions-Gemeinschaft angehört, ist in der Regel tief gläubig. Pilgern auf dem Camino gilt als ultimativer Beweis der Religionstreue.

„Mitsou“, selbst Buddhistin, hat eine weitere Erklärung dafür: Im koreanischen Fernsehen läuft zurzeit eine Reality-Show über den Camino.

Die Einschaltquoten seien enorm. Außerdem sei Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ auch in Korea ein Bestseller. Auch die Verfilmung sei ein Riesenerfolg gewesen.

Und wir so?

Sind wegen des Wetters heute etwas mürbe und ausgelaugt. Wir schleppen ohnehin nur das Allernötigste in unserem Schneckenhaus mit.

Wenn die paar Klamotten dann auch noch seit jetzt vier Tagen ständig nass sind, ist das zwar nicht schön. Aber es gehört eben auch zum Camino. Wie die traumhaft schöne Landschaft, durch die wir heute wieder gewandert sind.

Und die koreanischen Pilger, die unser Leben bereichert haben.

In diesem Sinne schicken wir an diesem feuchten Freitagabend buddhistische, christliche, gläubige und andere Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Palas de Rei.

BK sagt hallo!

„Mitsou“ sagt Prost!

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