Was den Pilger so antreibt

JAKOBSWEG, Tag 10 – 20 Kilometer von Villafranca Montes de Oca nach Atapuerca

FÜR ELKE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Es war einer dieser Morgen. Du reibst dir die Augen, blickst noch leicht verkatert von dem gemeinsamen Nachtmahl mit dem koreanisch-kalifornisch-australisch-walisisch-taiwanesischen Pilger-Wanderzirkus als erstes auf den Rucksack neben deinem Hostel-Bett und fragst dich klammheimlich nach dem Sinn und Zweck dieser Reise.

Dann öffnest du das Fenster und siehst hinter der Dorfkirche unverschämt blutrot die Sonne aufgehen, hörst der singenden Amsel zu, die vom Krähen des Hahnes abgelöst wird und dir wird in diesem Augenblick klar:

Du bist genau richtig hier und willst an diesem Sonntagmorgen nirgends in der Welt lieber sein als in diesem Flecken Erde mit dem wunderbar klingenden Namen Villafranca Montes de Oca, irgendwo in der Tiefe Spaniens.

Du weißt, dass auch heute wieder ein Tag auf dich wartet, der so anders ist als alle anderen Tage deines 70 Jahre lang gelebten Lebens. Es ist der Tag eines Pilgers auf dem 670 Kilometer langen Fußweg von Pamplona nach Santiago de Compostela.

Zwei Fragen werden dir auf dieser Wanderung immer und immer wieder gestellt – von Einheimischen, aber auch von anderen Pilgern: Wo kommst du her? Und: Was treibt dich an?

Die erste Frage ist schnell beantwortet. Wir kommen aus Kanada, auch wenn wir zur Überraschung Vieler muttersprachlich Deutsch sprechen.

Die Antwort auf Frage Nummer zwei ist da schon etwas komplizierter.

100 Pilger, 200 Gründe. Die meisten der jungen Pilger, die uns bisher begegnet sind, erzählen etwas von Selbstfindung, meistens in Verbindung eines Studien- oder Berufswechsels.

John zum Beispiel, der kernige Schotte mit den coolen Tattoos, ist von Beruf Bauschreiner. Keine schlechte Berufswahl, wenn du gerne in der frischen Luft bist und gut mit Holz kannst.

Aber nach zehn Jahren auf dem Bau sei er es leid, sagt John, in den zugigen schottischen Wintermonaten Balken zu verschrauben, die er hinterher nie mehr zu Gesicht bekommen wird. Etwas Bleibendes würde er gerne schaffen, sagt er und verrät mir, dass er darüber sonst nicht einmal mit seinen Kumpels spricht. „Out of my comfort zone“, seien Gespräche dieser Art. Hier auf dem Camino habe er kein Problem, darüber zu sprechen. Der Camino habe ihn frei gemacht.

Die junge koreanische Theologie-Studentin, die wir vor ein paar Tagen in Los Arcos getroffen haben, glaubt zwar an Gott. Ob sie ihr Leben jedoch tatsächlich als Pastorin fristen werde, stehe noch in den Sternen. Vielleicht bringt ja der Camino die Erleuchtung?

James aus Los Angeles, ein hübscher Kerl mit asiatischen Eltern, hat auf einer privaten Uni studiert und seinen Abschluss in Business-Informatik gemacht. „Aber will ich wirklich mein Leben lang mit Geld arbeiten?“, fragt er sich und mich gleichzeitig. Und kennt auch schon die Antwort: „Nein, eher nicht“. Stattdessen würde er lieber als Krankenpfleger etwas Sinnvolles tun. Vom Jakobsweg erhofft er sich eine Entscheidungshilfe.

Georges aus Ohio, 62 Jahre alt, ist zusammen mit seinem 60jährigen Bruder auf dem Camino unterwegs. Die Beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl man sie leicht für Zwillinge hält.

Georges glaubt an Gott und den Heiligen Geist. John schwört mehr auf den Geist des Weines und leert vor dem nächsten Berggipfel schon mal eine Flasche im Stehen.

Bei John war vor ein paar Monaten eine Herzinsuffizienz diagnostiziert worden. Statt die schon lange geplante Pilgerwanderung abzublasen, entschied er: Jetzt erst recht! Sicher ist sicher: Auf die Idee, ein Pfund Vitamintabletten im ohnehin schon viel zu schweren Rucksack zu verstauen, muss man allerdings erst einmal kommen.

Aber es läuft bestens für den amerikanischen Autohändler. Nur neulich schwächelte er im Aufstieg gewaltig. Ums Haar hätte er aufgegeben. Dann geschah das Unfassbare:

Wie auf wundersame Weise von einem heftigen Rückenwind angeschoben, erreichte er problemlos den Gipfel.

Als er später seiner Frau am Telefon von dem Powerschub berichtete, verriet sie ihm, dass genau zu dem Zeitpunkt, als der Rückenwind ihm Flügel gab, seine komplette Yoga-Klasse im heimischen Ohio für ihn gebetet habe.

Natürlich werde er jetzt schon aus Dankbarkeit den Camino zu Ende wandern, sagt John.

Wir haben in den letzten zehn Tagen Dutzende dieser Geschichten gehört. Einige davon kann ich nachvollziehen, andere sind halt, naja, gute Geschichten eben.

Und wir so? Was treibt uns an, am frühen Morgen das warme Herbergsbett zu verlassen und ein weiteres Mal den Rucksack zu schnüren, wo doch in diesem begnadeten Teil Spaniens der Wein so gut schmeckt?

Die Antwort darauf ist eher unspektakulär. Sie hat in unserem Fall nichts mit Glaubensfragen zu tun, aber viel mit Wohlfühlen, Gesundheit und täglich neuen Herausforderungen.

Wer sich stundenlang dem Gipfel entgegen schleppt und anschließend ein Grinsen im Gesicht hat, muss irgend etwas richtig gemacht haben. Ein Glücksgefühl beschleicht dich. Und wieder eine Herausforderung gemeistert. Diese geht zwei Menschen im Rentneralltag nämlich manchmal ab.

Schon allein deshalb freuen wir uns auf Morgen. Burgos erwartet uns, eine der größten Städte entlang des Caminos.

Gute Nacht aus Atapuerca. Und Buen Camino!

Frühstück mit einem Urgestein

JAKOBSWEG, Tag 9 – 14 Kilometer von Belorado nach Villafranca Montes de Oca

FÜR HAJO

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Dass wir heute zum ersten Mal weniger als 20 Kilometer gewandert sind – es waren knapp über 14 – hat mehrere Gründe. Zum einen zwackte seit dem frühen Morgen eine Blase am linken Fersen. Dann kam auch noch Knie dazu.

Und dann kam Jørgen.

Wir treffen uns in der Cantina beim Frühstück, irgendwo hinter dem Dorf Belorado.

Unsere gewöhnliche Abreise-Routine war etwas aus dem Ruder geraten. In Belorado, wo wir die Nacht in einem zauberhaften Hostal verbracht hatten, wollte uns zu so früher Stunde am Samstagmorgen keine Bar Frühstück servieren.

Und das geht schon mal gar nicht bei einem, der den Begriff „Schlechtbrot“ geprägt hat. Bekomme ich nämlich morgens nach dem Aufstehen nicht gleich ein Stück Brot zu essen, ist der Tag schon gelaufen und mir wird schlecht. Oder so ähnlich.

Jedenfalls marschierten wir mit leerem Magen, dafür einem Hund im Schlepptau, durch die frische Natur. Prompt rächte sich mein ausgehungerter Körper und verpasste mir besagte Blase.

Glücklich ist der Pilger, der mit einer Privat-Chirurgin verreist. Frau Dr. Lore setzte Nadel, Jod und Pflaster an – und gut war’s.

Wenig später erstrahlte dann auch noch einer Fata Morgana gleich besagte Cantina mit Jørgen als einzigem Gast.

Jørgen geht auf dem Camino ein legendärer Ruf voraus und natürlich hatten auch wir schon von diesem Pilger gehört.

Er ist nämlich 81 Jahre alt und wandert den Jakobsweg seit neun Jahren. Ein freundlicher Riese, der die Ruhe weg hat. Däne eben.

Man kennt Jørgen entlang dem Camino. Und natürlich kennt Jørgen jeden Stein. „Man kann süchtig werden“, sagt er, während er eine Portion Eier mit Schinken und Kartoffeln verdrückt.

Das erste Mal ist er den Jakobsweg 2010 einer Freundin zuliebe gewandert. Die wollte den Camino nicht solo gehen und Jørgen willigte eher widerwillig ein.

Für die Freundin blieb es übrigens die erste und einzige Pilgerwanderung. Jørgen dagegen konnte einfach nicht genug bekommen.

Jedes Jahr um diese Zeit schnallt sich der pensionierte Lehrer seinen Zehn-Kilo-Rucksack auf den Buckel und zieht los. 35 Kilometer legt er täglich im Schnitt zurück. Eine für uns kaum zu schaffende Strecke. Dabei sind wir neben Jørgen mit 66 bzw. 70 Jahren junge Hüpfer.

Für ihn sei der Camino immer wieder ein social event, sagt Jørgen. Menschen aus aller Welt kennen zu lernen und sich gleichzeitig sportlich in der frischen Luft zu betätigen – diese Kombination sei schwer zu toppen.

Er müsse jetzt leider gehen, sagt Jørgen irgendwann und verschwindet aufrechten Schrittes in Richtung Burgos. Er treffe sich nämlich später noch mit zwei Pilgern aus Brasilien und Italien. Versprochen ist versprochen.

Aus dem Tag ohne Schlechtbrot ist also doch noch etwas richtig Schönes geworden.

Und es kommt noch besser. Eben, beim Einchecken in ein gepflegtes Hostel, treffen wir die australisch-walisisch-kalifornische Truppe von gestern. Auch sie machen heute halblang. Schließlich ist Wochenende. Da darf der Pilger auch mal einen Gang zurückschalten.

Nur Jonas fehlt, der Junge aus Deutschland. Er musste über Burgos und Bilbao vorzeitig in die Pfalz zurück. Jetzt zieht die Karawane eben ohne ihn weiter.

Wir genießen unseren bisher einfachsten Wandertag und pflegen gleichzeitig unsere kleine Wunden.

Passt gut: Das Hostel mit dem traumhaften Blick über Allgäu-Wiesen wurde 1377 als Pilgerhospital gebaut.

Tiefenentspannte Grüße aus Villafranca Montes de Oca. Und Buen Camino!

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Die netten Leute vom Camino

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Gipfeltreffen ohne Gipfel: Pilger beim morgendlichen Bar-Besuch

JAKOBSWEG, Tag 8 – 25 Kilometer von Santo Domingo de Calzada nach Belorado

FÜR BERND D.

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Es ist Mittag und die Sonne schickt glühende Pfeile auf den Camino. Der Rucksackgurt schneidet sich ins Schulterfleisch. An den Waden hängt der Muskelkater wie eine Stahlklammer. Auf der Stirn bilden sich fette Wassertropfen, die deine Bandana innerhalb von Minuten zum durchtränkten Schweißtuch machen. Und bis zum nächsten Hostel in Belorado sind es noch immer 16 Kilometer.

Warum tut man sich das an?, könnte man sich fragen.

Könnte man, aber man tut es nicht. Nicht ein einziges Mal habe ich in den vergangenen acht Tagen auch nur für den Bruchteil einer Sekunde die Frage gestellt, ob man nicht doch lieber im klimatisierten Großraumbus die restliche Strecke nach Santiago de Compostela zurücklegen soll. Und das ist die Wahrheit.

Die Wahrheit ist auch, dass mich der heutige Tag mehr geschlaucht hat als all die anderen zuvor. Vielleicht lag es daran, dass es weniger zu sehen gab als sonst.

Die Landschaft hat sich drastisch verändert. Von den fruchtbaren Feldern, Weinbergen und Wiesen, die uns noch bis gestern als Augenschmaus dienten, war heute nicht mehr viel übrig. Stattdessen erinnerten uns hauptsächlich Kartoffelfelder daran, dass auch entlang des Caminos kein Manna vom Himmel fällt, sondern die Natur die Menschen ernähren muss.

Es ist ein feiner Menschenschlag, der sich hier niedergelassen hat. Geerdete Männer und Frauen, die den Pilgern gegenüber, die hier schon seit dem Mittelalter unterwegs sind, größten Respekt zollen.

Wo wollt ihr hin? Wo kommt ihr her? Was, schon mehr als 200 Kilometer seid ihr zu Fuß gelaufen? Trinkgeld? Kommt nicht in die Tüte. Spar dein Geld, Pilger! Du wirst es noch gebrauchen können. Holt euch frisches Trinkwasser, gleich um die Ecke steht der Dorfbrunnen. Und überhaupt, hier ist ein Geheimtipp: Wenn ihr nach der Brücke links abbiegt und nicht geradeaus weiter marschiert, spart ihr gut und gerne einen Kilometer.

So geht das jeden Tag zu auf dem Jakobsweg. Und immer wieder wird uns Buen Camino! zugerufen. Von der alten Frau, deren Welt am Fensterbrett ihres baufälligen Steinhauses aufhört, bis zum Teenager, der mit seinem Moped mehr Krach macht als fünf Fernlaster hintereinander.

Ach ja, die Fernlastzüge. Stundenlang sind wir heute eine wenig attraktive Strecke der Autobahn Longroña – Burgos entlang marschiert. Man hätte ob der monotonen Topografie einschlafen können. Aber nichts da! Immer wieder ließen Trucker aus ganz Europa ihre Hörner aufheulen, als sie uns entdeckten. So, als wollten auch sie uns Buen Camino zubrüllen.

Wie verbringt man eigentlich die vielen, manchmal einsamen Stunden auf staubigen Wegen, ohne gaga zu werden?

Lore zieht sich über die Handy-Kopfhörer einen Allgäu-Krimi mit Kommissar Kluftinger ins Ohr. Ich bediene mich derweil an meiner Playlist. Wieviel Leonard Cohen am Stück erträgt ein Mensch? Sehr viel, stelle ich fest. Er ist halt mal „my man“.

Menschen, die uns auch heute wieder auf dem Camino begegnet sind. Wo fange ich an? Bei Ellie aus Wales, die zusammen mit James aus Los Angeles, Jonas aus der Pfalz, Linda aus Vancouver Island und Andrew aus Melbourne die Morgensonne vor einer Bar genießen.

Ellie verrät mir, wer sie auf die Idee mit dem Camino gebracht hat. Es war die 75jährige Oma. Die war so verzückt, als sie den Jakobsweg vor ein paar Jahren mit ein paar Freundinnen zurückgelegt hatte, dass sie ihre Enkelin so lange mit Geschichten vom Camino verzauberte, bis das Mädchen endlich anbiss.

„Here I am“, lacht mir Ellie das sorglose Lachen der Jugend zu, jung genug, um den Arbeitsprozess für ein paar Monate unterbrechen zu können, ohne deshalb Konsequenzen für den Rest des Lebens befürchten zu müssen.

Und Andrew? Der 61jährige Australier in der Runde? Highschool-Lehrer sei er, erzählt er mir. Er gönnt sich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub. Und wandert den Jakobsweg.

Ein Spanier auf dem Klapprad auf dem Weg nach Santiago, John aus Schottland beim Bier – alles Menschen mit Geschichten, die wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit für heute unerzählt bleiben müssen.

Es ist kurz nach 21 Uhr in dem richtig coolen, richtig preiswerten Privathostel, das wir eben noch auf den letzten Drücker gefunden haben. Die Stempel in unseren Pilgerpässen bilden langsam ein kleines, dokumentarisches Gesamtkunstwerk

Bleibt mir gewogen, liebe Blogleserinnen und -leser. Gute Nacht und Buen Camino aus Belorado.

Die 1. Woche ist geschafft!

JAKOBSWEG, Tag 7 – 24 Kilometer von Nájera nach Santo Domingo de Calzada

FÜR HASSO

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Wo ist nur die Zeit geblieben? Vor genau einer Woche hatten wir unsere Pilgerwanderung in Pamplona begonnen. Ein bisschen Bammel verspürten wir schon. Wir konnten schließlich nicht wissen, worauf wir uns da einlassen würden.

Sieben Tage später haben wir keine Zweifel mehr: Der Camino ist für uns schon jetzt das Abenteuer unseres Lebens. Dabei haben wir noch nicht einmal ein Viertel des Wegs bis nach Santiago de Compostela zurückgelegt.

Die 24 Kilometer von Nájera nach Santo Domingo de Calzada waren wieder von Anfang an ein Augenschmaus.

Nachdem wir drei Tage hintereinander die für ihren hervorragenden Wein weltweit bekannte Rioja-Gegend durchwandert haben, sind wir inzwischen in einem sehr landwirtschaftlich geprägten Flecken Spaniens gelandet.

Fernlastzüge aus ganz Europa stauten sich am Ortseingang von Santo Domingo, wo riesige Mengen an Kartoffeln verladen wurden. Auch die Rapsfelder geben Zeugnis von der landwirtschaftlichen Nutzung dieser Gegend.

Nach einer anstrengenden Wanderung ein Bett für die Nacht zu finden, ist jeden Tag eine neue Herausforderung. Das Ritual wiederholt sich Abend für Abend. Nach der Ankunft in der jeweiligen Stadt setzen wir uns erst einmal in eine Bar und beratschlagen unsere Optionen.

Es gibt im Grunde genommen drei Möglichkeiten:

Christliche Pilgerheime, die pro Bett um die 7 Euro kosten.

Kommunale Pilgereinrichtungen, die geringfügig teurer sind.

Private Hostels, die etwas mehr Komfort bieten, zum Beispiel private Duschen. 

Man bezahlt zwar etwas mehr dafür, aber die damit verbundene Privatsphäre ist es uns wert. Mehr als 55 Euros haben wir noch nie für ein Doppelzimmer hingelegt, meistens waren es weniger.

Wie so ein Pilgertag aussieht? Nach einer Woche haben wir schon eine ordentliche Routine entwickelt:

Wir wachen auf, wenn der erste Hahn kräht, die ersten Hunde bellen oder eisige Luft durchs offene Fenster strömt, so wie heute Morgen in der Kloster-Herberge.

Nach einer kleinen Internet-Session im Bett gibt’s eine kurze Katzenwäsche. Geduscht wird immer am Vorabend, so dass wir frühmorgens keine Zeit verlieren.

Ganz wichtig ist die Fußinspektion. Kleine Wunden oder gar Blasen müssen sofort behandelt werden. Eine Infektion könnte unsere kompletten Pläne zerstören.

Die Füße sind das Kapital des Pilgers. Deshalb wird ihnen eine auserlesene Pflege zuteil. Sie werden jeden Morgen mit Vaseline eingecremt. Auf die bei Jakobswanderern so beliebte Hirschtalgsalbe haben wir bisher verzichtet. Mit Vaseline laufen wir seit Jahren gut.

Neu für uns sind die Perlonstrümpfe unter den Wandersocken. Mir haben sie bisher gute Dienste geleistet und auch Lores Blase auf der Fußsohle ist trotz der langen Strecken so gut wie abgeheilt.

Wir fühlen uns also trotz der körperlichen Strapazen wunderbar.

Ohne Muskelkater geht so eine Gewalttour allerdings bei den wenigsten ab. Entsprechend ähnelt sich die Choreografie der müden Krieger, wenn sie sich abends noch aus den Hostels in die Dörfer wagen. Man erkennt sie sofort am schrägen Gang.

Beim Frühstück in irgendeiner Bar besprechen wir dann die Tagesstrecke. Es gibt inzwischen ganz gute Apps, die Streckenabschnitte einschließlich Übernachtungsmöglichkeiten vorschlagen. Zu sehr sollte man sich jedoch darauf nicht verlassen.

Die letzte Entscheidung, welches Hostel wir ansteuern, fällen wir immer abends, spontan nach unserer Ankunft vor Ort.

Während der ersten paar Tage war es ein seltsames Gefühl, bis zum Abend nicht zu wissen, wo wir die Nacht verbringen werden. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Schließlich ist bisher immer alles gut gegangen.

Im Vergleich zu den ausschließlich  jüngeren Pilgern – einen 70jährigen Wanderer habe ich bisher nicht getroffen –   liegt unser Tagespensum von 20 bis 25 Kilometer zwar unterm Schnitt. Uns reicht es aber, zumal wir ein wesentlich größeres Zeitfenster zur Verfügung haben als die meisten.

Und natürlich gab es auch heute wieder Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Chris ist einer davon. Er kommt aus Exeter in England und hätte den Camino liebend gerne mit seiner Freundin gemacht. Aber ihre Arbeitspläne erlaubten es nicht. Also wandert Chris allein. Wie eine Trophäe trägt er eine kleine Muschel über dem Rucksack, die ihm seine Liebste zum Abschied geschenkt hat.

Es ist kurz nach 20 Uhr, Schlafenszeit für einen müden Wanderer. Morgen wieder mehr.

Das Tippen ins Smartphone ist für mich noch immer eine große Herausforderung. Deshalb bitte ich auch kleine Schnitzer zu entschuldigen  und natürlich kommen beim Bloggen keine preisverdächtigen Texte zustande. Wer weiß, vielleicht gibt‘s ja irgendwann mal ein Buch darüber.

Gute Nacht, liebe Blogfamilie.

Buen Camino aus Santo Domingo de Calzada!

Camino-Wanderung ins 33. Jahr

JAKOBSWEG, Tag 6 – 23 Kilometer von Navarrete nach Nájera

FÜR ANDREAS

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Heute ist unser Hochzeitstag – und wir schenken uns ein paar Kilometer. Nach 23 muss genug sein. 32 wären besser gewesen. Denn so lange sind wir heute verheiratet. Aber weitere neun KM hätten uns womöglich an unsere Grenzen gebracht. Hochzeitstag, schwerer Tag.

Unser Freund Philipp hat die Symbolik des heutigen Tages wunderbar auf den Punkt gebracht. Unsere Wanderung auf dem Jakobsweg sei „irgendwie ein schönes Sinnbild für den langen Weg, den ihr beiden schon zusammen gegangen seid“.

Mit dem Jakobsweg war es heute ein wenig wie mit einer langen Ehe. Wir marschierten über Höhen und durch Tiefen. Die Luft war manchmal dünn und kühl, dann wieder dick und heiß. Um unser Ziel zu erreichen, mussten wir zwischendurch richtig schwer arbeiten – wie in einer langen Beziehung.

Aber die Sonne meinte es immer gut mit uns und wir sind sehr glücklich, an diesem 27. März heil angekommen zu sein: In dem Ort Nájera, aber auch an der Schwelle zum 33. Jahr unsere Ehe.

Was für ein Glück, an der Seite dieser tollen Frau alt werden zu dürfen! Mit ihr zusammen als Siebzigjähriger den Jakobsweg zu wandern, ist das schönste Geschenk, das wir uns gegenseitig machen konnten.

Der Camino stellte uns heute auf eine harte Probe. Ein eisiger Wind blies uns den Großteil des Tages ins Gesicht. Der Blick auf die schneebedeckten Berge, so wunderschön sie auch sein mögen, ließ die gefühlte Temperatur trotz des strahlenden Sonnenscheins noch weiter in den Keller sinken.

Erst um die Mittagszeit ließ der kalte Biss nach und wir fühlten uns wieder wie im Frühsommer.

Abgestiegen sind wir in einem ehemaligen Kloster aus dem 17. Jahrhundert, mit dicken Mauern, mitten im historischen Teil des 8000-Einwohner-Städtchens Nájera.

Gefühlte Geschichte auf einer Pilgerwanderung, die reich an Geschichten ist.

Begegnungen? Klar doch: John aus Schottland zum Beispiel. Ein kernig aussehender Typ, dessen Tattoos seine kräftigen Arme fast schwarz erscheinen lassen. Er will über Santiago de Compostela hinaus wandern, nach Finisterre. In Schottland lebt er am Meer. „I miss the sea“, sagt er mit der Gelassenheit des Mannes, der sich nichts beweisen muss. Deshalb wolle er bis zum Atlantischen Ozean weiter wandern.

Sylvain aus der französischen Beaujolais-Region nördlich von Lyon wandert ein stückweit neben mir her. Er ist Mitte 20 und hat das strahlende Lachen eines jungen Mannes, der mit sich im Reinen zu sein scheint.

Mein Mitwanderer ist seit dem 12. Februar unterwegs. Ich habe einen ziemlich guten Überblick, wieviel Zeit seither verstrichen ist, denn der 12. Februar war mein Geburtstag. Und den habe ich vor einer gefühlten Ewigkeit in Kuba gefeiert.

Der Gedanke, dass dieser Sunnyboy seit dem 12. Februar nicht eine einzige Nacht mehr ein festes Dach über dem Kopf hatte, lässt mich vor Kälte erschaudern. Sylvain übernachtet im Freien, manchmal im Zelt, oft aber auch nur auf Isomatte und Schlafsack.

Ein bizarrer Anblick: Während ich hinter dicken Klostermauern meinen Text ins iPhone tippe, repariert Lore neben mir einen Schuh. Was man halt so an seinem 32. Hochzeitstag macht.

Gute Nacht, liebe Blog-Familie. Buen Camino aus Nájera!

PS: Es erreichen uns noch immer täglich zahlreiche aufmunternde eMails, WhatsApp-, Instagram- und Facebook-Nachrichten – oft von Menschen, denen wir noch nie im Leben begegnet sind. Wir lesen jede einzelne Zeile und freuen uns tierisch darüber. Bitte habt jedoch Verständnis dafür, dass wir sie bei unserem Tagespensum nicht einzeln beantworten können. DANKE!

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