Zwei Kerzen für die Mama

JAKOBSWEG, Tag 15 –  33 Kilometer von Boadillo El Camino nach Carrión de Los Condes

FÜR SCOTT

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Manchmal ringt einem der Camino Entscheidungen ab, die einem fast das Herz zerreißen. Traurige Nachrichten aus der oberschwäbischen Heimat. Man würde gerne Trost spenden. Aber wie?

Eine Entscheidung ganz anderer Art war auch schon am frühen Morgen gefragt. Das Wetter: gruselig. Der Himmel: grau in grau. Und Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Als dann noch ein Regenschauer zum Frühstück einsetzte, holten wir zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise vor 15 Tagen die knallroten Ponchos aus dem Rucksack, die wir uns noch in Pamplona zugelegt hatten.

Und dann ein kleines Wunder: Unmittelbar nach dem gemeinsamen Frühstück mit Pilgern aus Frankreich, Simbabwe und Malaysia hörte der Regen auf und wir wanderten los.

In einem Dorf ohne Namen machten wir Halt bei Olga. Olga betreibt dort den einzigen Frisiersalon weit und breit. Mein Pilgerbart hatte Hipsterniveau längst überschritten und musste unbedingt gekürzt werden.

Olga macht das. Eine quirlige Frau mit viel Zeit und vielen Fragen. Woher? Wohin? Warum zu Fuß? Wie lange usw.? Wir kennen das ja inzwischen.

Gekonnt, als würde sie als Damenfriseurin in ihrem Leben nichts anderes tun als Männerbärte stutzen, machte sie sich an die Arbeit. Nach 20 Minuten hatte Olga den Wanderpilger zu einem normalen Menschen zurück getrimmt.

„Was macht’s“?, frage ich.

„Zwei Kerzen für meine Mama“, sagt sie. „Die zündet ihr bitte für sie an, wenn ihr in Santiago de Compstela angekommen seid“.

Dass wir gerührt waren, ist untertrieben. Das mit den Kerzen geht klar, Olga. Versprochen.

Und es regnete immer noch nicht! Deshalb liefen wir und liefen wir und hörten gar nicht mehr auf zu laufen. Und als wir irgendwann das Schild nach Carrión de Los Condes sahen, waren wir uns einig: Da wollen wir hin.

Ein deutscher Pilger hatte uns gestern den Tipp gegeben, in einem umgebauten Kloster aus dem 12. Jahrhundert zu übernachten.

Und genau da sind wir abgestiegen. Und genießen die herrliche Ruhe, nachdem wir den Großteil des Tages an einer lärmigen Landstraße entlang gewandert sind.

33 Kilometer sind daraus geworden – mehr als an jedem anderen Tag bisher.

Wir genießen den Blick in den Klostergarten von unserem Fenster aus. Und wären auch heute wieder die glücklichsten Menschen der Welt – wären da nicht diese traurigen Nachrichten aus der Heimat.

So schicken wir heute nachdenkliche Grüße in die Welt hinaus.

Und wünschen Buen Camino aus dem Monasterio de San Zoilo in Carrión de Los Condes.

11 Gedanken zu „Zwei Kerzen für die Mama

  1. Hola soy Olga me alegro mucho de poder participar en tu aventura que espero que haya sido muy agradable y gratificante y si vuelves por aquí ya sabes dónde estamos.

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  2. Macht Spass zu Lesen, lieber Herr Bopp!
    Wünsche noch eine gute Zeit auf Schusters
    Rappen und kommen Sie gut ans Ziel.
    Herzliche Grüsse aus Sevilla!

    Gefällt 1 Person

  3. Wir denken an Euch und zünden für Eure Heimatmenschen eine der beiden Euch bekannten Kerzen (ying) und für Euch beide die zweite (yang) an. Europäische Entfernungen können manchmal viel weiter sein als der Weg von Kanada ins Schwäbische.

    Gefällt 1 Person

  4. Wunderschöner Text.

    Und Hut ab vor Eurer heutigen Laufleistung. Denkt immer an die Kerzen!
    You’lll never walk alone.

    LG
    Prensal

    Gefällt 1 Person

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