Ende eines schweren Tages

JAKOBSWEG, Tag 16 –  20 Kilometer von Carrión de Los Condes nach Calzadilla de la Cueza

FÜR MINA

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wenn dir stürmische Winde über 20 Kilometer hinweg unbarmherzig eiskalten Regen ins Gesicht peitschen und du irgendwann nicht mehr sicher bist, ob Santiago vorne, oben, hinten oder unten liegt, fällt Dir schon mal der Satz des lustigen Bayern ein, der dich vor ein paar Wochen in Kuba gefragt hatte: „Hoben‘s wos ausgfressn?“, als du ihm von deinen Camino-Plänen erzähltest. 

Aber dann denkst du an den bitteren, letzten Kampf, den fast gleichzeitig jemand im schwäbischen Oberland ausgetragen – und verloren – hat, und die stürmische Wanderung des heutigen Tages kommt dir im Vergleich dazu vor wie ein Samstagsspaziergang im Park. 

Tatsache ist, dass heute in mehrfacher Hinsicht der schwerste Tag unserer bisherigen Pilgerwanderung war. 

Viele Fotos gibt es heute nicht. Die Strecke war lang, öde und entbehrungsreich. Zwischen dem Kloster in Carrión de los Condes, wo wir übernachtet haben (siehe Fotos weiter unten) und dem 20 Kilometer entfernten Hostel in Calzadilla de la Cueza, in dem wir eben abgestiegen sind, liegt genau: nichts. 

Keine Bar, die zwei durchnässten Pilgern heißen Kaffee und ein Bocadillo servieren würde. Kaum Mitwanderer, mit denen man sich austauschen könnte. Keine Berge, an denen sich die Augen festmachen könnten. Flaches Ackerland und eine bügelbrettartige, präriemäßige Topografie – sonst nichts. 

Nicht einmal das Hörbuch aus dem iPhone schafft es über die Headphones ins Ohr. Der Sturm lässt dem Erzähler keine Chance. Er bläst ihm schlicht die Stimme weg. 

Als dann nach mehrstündigem Kampf gegen die Elemente zuerst ein Kirchturm, dann eine Kirche und wenig später ein ganzes Dorf am Horizont auftauchen, weißt du, dass sich auch dieser Tag wieder gelohnt hat. Auch wenn die Internetleitung eine Katastrophe ist: Schön ist es hier. 

Der Camino ist nichts für zarte Gemüter. Das sollten all diejenigen sich merken, die vielleicht den Jakobsweg auf ihrer Bucketlist haben und diese beschwerliche Tour irgendwann selbst auf sich nehmen möchten. 

Für Reiseromantiker gibt’s geeignetere Ziele. 

Wer jedoch seine Grenzen ausloten möchte, vielleicht sogar in Verbindung mit einem Anlass der Besinnung, ist hier richtig. 

Auch heute wieder nachdenkliche Grüße aus dem spanischen Nirgendwo. 

Und Buen Camino allerseits!

7 Gedanken zu „Ende eines schweren Tages

  1. Bravo! Cheers! Chapeau! & Ole! 👏💐👏💐Not only for your determination in facing the challenges of today, but also for keeping it all in perspective.💖 Without the storm there could be no rainbow. 🌈

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  2. Ihr seid sehr tapfer, mit traurigen Gedanken bei mehr als unwirtlichem Wetter zu laufen und aus dem Vergleich zur Situation den Trost zu ziehen, bzw., festzustellen, dass es Euch gut geht und niemand Euch zwingt, zu tun, was Ihr tut! . Das ist mehr, als bei Gelegenheit ein paar Kerzen anzuzünden! God bless you and „buen camino“.

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  3. Das Einzig Gute an allen Kämpfen ist die Tatsache, daß sie immer enden, und eine andere, bessere Zeit folgt. Wir kennen diese Zukunft nicht, aber wir dürfen aus unserer Lebenserfahrung glauben, daß sie immer besser ist als die Zeit des Kampfes. Kurzum: Auf die Zeit des inneren und äußeren Regens folgt unwiderlegbar Sonne. Diese Sonne wünschen wir Euch morgen, übermorgen, irgendwann. Wir haben Euch soeben zwei Herzens-Sonnentrahlen geschickt. Sie werden Euch bald erreichen.

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  4. Respekt, Herbert und Lore. Ich wäre heute echt nicht gelaufen. Aber Ihr zieht das durch, ich fasse es nicht. Darf ich fragen, was in der Heimat passiert ist? Aber Du willst ja nicht antworten, das verstehe ich. Schon eine absolute Hochleistung, nach jedem Tag noch zu bloggen. Wir sind in Gedanken bei Euch

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