Und immer wieder Mallorca

Wir haben Spanien in den vergangenen vier Wochen kreuz und quer durchreist. Mit dem Bus, der Bahn, dem Flieger. Und 150 Kilometer sogar zu Fuß. Und wo ist es am schönsten? Keine Frage: Auf Mallorca.

Málaga: Tolles Klima. Gute Restaurants. Nette Ecken. Meer? Strand? Schon, aber … hmm. Eher nicht so.

Sevilla: Wunderschöne Stadt. Geschichte ohne Ende. Flamenco-Feeling an jeder Ecke. Architektur zum Verlieben. Touristen zum Zerquetschen. Und weit und breit kein Meer.

Cáceres: Steine mit Geschichten. Plazas und Palmen. Freundliche Menschen und gesalzene Preise auch ohne Strände.

Salamanca: Geschichte, Geschichte, Geschichte. Kathedralen. Studenten. Vor allem aber viele Touristen, dafür kein Meer.

Madrid: Madrid!!! Eine Stadt zum Verlieben. Cool. Stylisch. Hipp. Und kulinarisch ein Büffet von Leckereien. Aber wo, bitte, geht’s hier ans Meer?

Mallorca: All das und ein bisschen mehr. Vor allem Meer. Und Essen. Und Trinken. Und Architektur. Und Geschichte. Und Klima. Und …

Und Freunde, die einem das Leben erst viel zu spät zugespült hat.

Seit ein paar Stunden sind wir wieder hier.

Zum elften, zwölften oder dreizehnten Mal? So genau weiß ich es nicht mehr.

Was ich aber weiß: Mallorca fühlt sich gut an. Ein bisschen wie daheim. Deshalb bleiben wir jetzt erst einmal für ein paar Wochen hier.

Die Angst vor Corona reist mit

Es wäre gelogen, wenn wir behaupten würden, das Coronavirus lasse uns kalt. Wir sind seit mehr als einem Monat auf Reisen und werden auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass es mit der Leichtigkeit vorbei ist. Aber sollen wir uns deshalb in Panik versetzen lassen?

Keine Frage: Wir gehören zur absoluten Risikogruppe. Über 60 und dazu – zumindest in meinem Fall – eine chronische Vorerkrankung: das perfekte Rezept für eine Ansteckung. Da helfen auch Statistiken wenig, die das Gegenteil behaupten: Ein bisschen Angst reist ständig mit.

Klar, wir könnten gegen Aufpreis unseren Rückflug nach Kanada vorverlegen. Und dann? Auch dort sind wir vor einer Ansteckung nicht gefeit. Aber zumindest wären wir in einem uns vertrauten Umfeld, falls es tatsächlich zur Quarantäne kommen sollte.

Dass die Ansteckungsgefahr auf Reisen größer ist als daheim, ist keine Frage. Aber daheim ist für uns am anderen Ende der Welt – und da müssen wir erst einmal hinkommen.

Auffallend ist, dass die Zahl der Touristen tatsächlich abgenommen hat. Vor allem Reisende aus asiatischen Ländern sind hier in Spanien so gut wie gar nicht zu sehen. Und wenn, dann tragen sie Schutzmasken im Gesicht.

Mir ist bisher niemand bekannt, der sich am Coronavirus angesteckt hat und ich hoffe, dass es so bleibt. Aber ich kenne jemand, die unmittelbar davon betroffen ist:

Eine kubanische Bekannte auf Mallorca, deren Freund in Italien studiert, musste tatenlos zusehen, wie im Voraus gebuchte Flüge, einer nach dem anderen, storniert wurden – und zwar in beide Richtungen.

Das ist bitter und das Paar tut mir leid. Aber auch hier: Man/frau ist machtlos.

Wir tun, was wir unter den komplizierten Umständen tun können. Wir achten penibel auf Hand- und Gesichtshygiene und versuchen, Massenansammlungen zu meiden.

Auch das ist leichter gesagt als getan.

Als wir gestern Abend von einer Besichtigungstour durch Madrid ins Hotel zurück wollten, waren wir gezwungen, uns einen Weg durch Hunderttausende von Demonstrierenden zu pflügen, die am Weltfrauentag auf die Straße gegangen waren.

Und morgen geht’s wieder auf den Flughafen, dann in den Flieger und schließlich wieder in ein großes Hotel – diesmal auf Mallorca.

Wir sind nicht dumm und Helden spielen wollen wir gleich gar nicht. Aber wir sind die geborenen Optimisten.

Um nicht ständig in Panik zu geraten, haben wir uns einen vorsichtig-positiven Fatalismus zugelegt.

Wird schon gutgehen. Ganz bestimmt sogar.

Madrid? Madrid! Madrid!

Als Montréaler denkt man ja schon mal, man wohne in der coolsten, hippsten, schönsten und spannendsten Stadt der Welt. Und dann kommt dieses Madrid daher und schmeißt alles über den Haufen.

Madrid ist einfach der Hammer. Ich weiß, dass ich diesen Begriff neulich schon für Sevilla verwendet habe. Auch eine tolle Stadt. Aber Madrid? Wahnsinn.

Wenn schon Vergleiche, dann vielleicht dieser hier: Madrid ist eine Mischung aus Paris, Buenos Aires, New York und, naja, Montréal.

Diese elegante Coolness – kein Widerspruch – zieht mich jetzt schon seit zwei Tagen in ihren Bann.

Das fängt an bei dem Hotel, das wir uns zum fairen Preis in einem der angesagtesten Viertel der Stadt sichern konnten. Und hört auf bei den unfassbar vielen Bars mit einer meist jungen, fröhlichen und gut aussehenden Klientel.

Diese Vibe, diese erfrischende Dynamik, die sechseinhalb Millionen Madrileños versprühen – das alles hat mich total beeindruckt.

Lore eben in der Bar: „Die Stadt Deiner Träume, oder?“ Ich so: „Ja, schon…“ Sie: „Okay, nicht nur zum Überwintern, das ganze Jahr über?“

Da wiederum bin ich mir dann doch nicht so sicher. Wenn schon nicht Montréal, dann irgendwas mit Meer.

Vermutlich würde mich das Tempo Madrids an meine Grenzen bringen.

Wo manche Bars erst morgens um zwei öffnen und die meisten Kneipen bis vier Uhr früh auf haben, müsste selbst ein bekennender Stadt-Boulevardier wie ich als 71-Jähriger irgendwann die Reissleine ziehen.

Aber man darf ja ein bisschen träumen, oder?

Wovon – das entnehmen Sie bitte den Bildern. Dass sie heute, am Internationalen Frauentag entstanden sind, ist unschwer zu erkennen.

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Der Tag danach: Alles gut!

Jakobus weint – und wir lachen wieder. Unsere Entscheidung, die Via de la Plata nicht zu Ende zu wandern, fühlt sich gut an. Und die Reaktionen darauf gehen ans Herz.

Neben den Kommentaren hier im Blog gab es auch auf anderen Kanälen ein Feedback.

So kürt uns mein Kumpel Uli aus dem Oberschwäbischen fast zu Helden:

„Es ist bewundernswert, wenn es Menschen gibt, die öffentlich bekennen, dass sie erkannt haben, dass sie eine Aufgabe nicht meistern können, weil sie nicht zu meistern ist. Ich halte das für wahre Stärke!“, schreibt er auf Facebook.

Stuttgart-Omi aus dem Mallorca Forum: „Ich gratuliere, dass Ihr für Euch bestimmt die richtige Entscheidung getroffen habt. Man muss schon über den eigenen Schatten springen, sich selbst einzugestehen, dass ‚man sich mit einer Idee vergalloppiert“ hat. Ich habe keinerlei Zweifel, dass Ihr auch die 1.000 km geschafft hättet. Wenn, ja wenn alles andere eben gestimmt hätte. Aber es scheinen sich einige kleine Unstimmigkeiten eben zu einer größeren zu addieren. Deshalb ist es am besten, wenn Ihr die Euch verbleibende Zeit besser zu Dingen und Unternehmungen nutzt, die Euch im Moment mehr Spaß machen und dadurch auch mehr Gewinn bringen.Könnte mir vorstellen, dass das Meer, an das Ihr nun noch wollt, auf einer bestimmten Insel liegt!?! Genießt die Zeit und seid stolz auf die zurückgelegten 150 km!!! Und an neuem Ort kommen ja vielleicht noch welche dazu.“

Armando aus Mallorca postet ebenfalls auf Facebook: „Hab deine Geschichten über den Camino sehr gerne gelesen, haben sie mich doch ein wenig an unseren erinnert. Genießt es in Madrid und am Meer. Der Camino läuft nicht davon.“

„So I’m not the only one who didn’t finish the Camino„, schreibt Izadora, eine Mitpilgerin, die inzwischen in ihr Heimatland Brasilien zurückgekehrt ist. „Too ooo hard and toooooooooooooo long!“

Marcel aus Köln textet: „Das ist wohl die richtige Entscheidung. Was bringt es, sich auf dem Camino zu quälen, wenn sich der Mehrwert in Grenzen hält.“

Björn, ein Kumpel aus Mallorca: „Ich denke, ihr habt alles richtig gemacht. Immer etwas ausprobieren und wenn man merkt, es ist doch nicht so, wie gedacht, dann einfach den Plan ändern. Wobei mir die „Abendlektüre“ jetzt schon ein wenig fehlen wird.“

Claudia, eine begeisterte Mallorca-Wanderin: „Och schade, aber jeder muss seinen Weg finden… Daher trotzdem 👏“

Gitta, die schon viele Caminos hinter sich hat und erst vorgestern wieder einige Etappen auf der Via de la Plata in Angriff genommen hat: „Ihr müsst doch auch keine Dinge tun, die keinen Spaß machen.“

Carlo aus Bayern haben wir letztes Jahr auf dem Camino Frances kennengelernt. Er schreibt;

„Schade, aber so wie Du geschrieben hast war es kein Spass. Ohne Bars und andere Pilger hätte ich auch keinen Bock! Meine Frau und ich machen nächstes Jahr den portugiesischen Jakobsweg. Der soll sehr schön sein an der Küste entlang und nur 250 km lang. Vllt. ist das noch eine Variante für euch?“

Peter aus Santa Barbara/Kalifornien: „Sounds like a common sense decision. Unless you are a total masochist. I believe, any activity needs a component of fun. Great decision!“

Birgit, eine Bekannte aus dem Mallorca Forum: „Schade, ich bin so gerne mit Euch mitgewandert und habe auch mitgelitten, so bildlich wie Du wieder mal alles beschrieben hast. Aber es soll ja Spaß machen und keine Qual, ich bin mir sicher, wir hören bald wieder fröhliche Geschichten aus den schönsten Ecken Spaniens und vielleicht gibt es ja auch noch ein Finish mit ein paar Butterbrot Wanderungen auf unserer Lieblingsinsel! Who knows? Viel Spaß, Ihr Backpacker!“

Mein wunderbarer Freund Peter aus Sherbrooke, Philosoph vor dem Herrn: „Also leichte Kehrtwendung in Südosten – in Madrid und später in südlicher Sonne macht ihr den Camino zum Jardino und werdet die aufgestauten Frustrationen schnell abstreifen. Du hast es ja immer wieder betont, Herberto, dass ihr nichts mehr beweisen müsst, und das hat wohl auch eure Entscheidung motiviert. Nun heisst es: entspannen, Seele baumeln lassen und die geplagten Beine auf sanften Tourismus einstellen. So hätten wirs bestimmt auch gemacht, denn man hat ja doch immer einen „PLan B“ im Hinterköpfchen. Komisch, wir haben beide angesichts dieser Neuigkeit unwillkürlich etwas aufgeatmet, denn jetzt sehen wir euch wieder lächeln und ins dolce-far-niente übergehen.“

Mario aus Leipzig: „Beim nächsten Mal wandert Ihr den Lutherweg. Ich garantiere Dir, gutes Essen und Trinken wird nicht fehlen.

Rüdiger vom Deutschen Reiseradio: „Ganz bestimmt die richtige Entscheidung. Geniesst jetzt die Sonne!“

Andrea aus Ulm: „Ich kann Euch zu dieser Entscheidung nur beglückwünschen und hoffe, dass jetzt viele schöne interessante Begegnungen und Entdeckungen auf Euch warten.“

Theresia, eine Mallorca-Verbindung: „Alles kann, – nichts muss. Vielen Dank für deine Reisegeschichten„.

Torsten, ein Radiokollege und Buchautor aus Hamburg: „Dann wäre im kommenden Jahr eigentlich mal wieder Überwintern auf Mallorca dran. Eigennützig wäre ich dafür! Let‘s Bosch!

Und dann ist da wieder mein rheinischer Freund Stefan, der das Ganze kurz und bündig auf den Punkt bringt: „Gut, dass Ihr die Quälerei aufgehört habt‘!“

Es gibt noch Dutzende weiterer Rückmeldungen, für die ich mich sehr herzlich bedanke. Schön, dass Ihr uns begleitet habt- und dies hoffentlich auch künftig tun werdet.

Zufriedene Backpacker-Grüße aus dem Zug zwischen Salamanca und Madrid!

Herbert und Lore

Und dann mal tschüss, Camino!

Es hat einfach von Anfang an nicht richtig gepasst: Regen, Wind und Kälte statt spanische Sonne. Keine Dörfer zwischen den ohnehin viel zu langen Etappen. Essenszeiten, die uns nach anstrengenden Tageswanderungen mehr als einmal mit knurrendem Magen einschlafen ließen. Und fehlende Kontakte zu anderen Pilgern, auf die wir uns so gefreut hatten.

Nach sechs Wandertagen und mehreren Etappen im Bus haben wir uns schweren Herzens entschlossen, nicht mehr auf den Camino zurückzukehren.

Stattdessen reisen wir morgen mit dem Zug von Salamanca für einige Tage nach Madrid. Anschließend geht’s noch eine Zeitlang ans Meer – und damit hoffentlich wieder in die Sonne.

Wir sind durchgefroren und erschöpft. Die Via de la Plata hat uns unsere Grenzen aufgezeigt. Mit ihren 1000 Kilometern war sie zu lang, zu unwirtlich und alles in allem so gar nicht das, was wir uns vorgestellt hatten.

Andere mögen bei Strecken wie diesen sportliche und körperliche Genugtuung empfinden. Für uns war fast jeder Tag nur Strapaze. Da nutzte auch die knallgelbe Mutmacherjacke nichts mehr. Es war einfach zu viel.

Wir sind Genuss-Wanderer und keine Langstreckenläufer. Und jetzt ist gut.

Bei allen, die uns über diesen Blog begleitet haben, aber auch via Facebook und Instagram, möchten wir uns von Herzen bedanken.

Bitte bleiben Sie mir und den BLOGHAUSGESCHICHTEN gewogen. Danke!

Sechs Tage intensives Wandern liegen hinter uns. 1000 Kilometer sind es nicht geworden. Aber gut 150 sind für zwei um die Siebzigjährige auch nicht ohne.

Weiter unten gibt’s noch ein paar Fotos von unserem heutigen Rundgang durch Salamanca. Die beiden Kathedralen, die geschichtsträchtigen Universitätsgebäude – das alles hat uns tief beeindruckt.

Aus den Pilgern sind jetzt eben Rucksack-Touristen geworden. Zwei Backpackers unterwegs in Spanien, das uns mit seinen wunderbaren Menschen für immer in bester Erinnerung bleiben wird.

In diesem Sinne: Adios und bis bald!

Herbert und Lore