Harter Lockdown weichgespült

Nachdem wir neun Monate lang coronamäßig vor uns hin gewurschtelt haben, kommt jetzt also am Samstag der harte Lockdown in Quebec: Ministerpräsident François Legault spricht von einer “Schocktherapie”. Schon klar: Irgend etwas muss geschehen, sonst kommen wir nie runter von den zweieinhalbtausend Neuinfizierten pro Tag in einer Provinz, die gerade mal 8 Millionen Einwohner hat. Aber so?

Einfach mal zurücklehnen und einsinken lassen: Ich kann zwar eine Reinigungskraft mit ihrem Equipment in meine Wohnung lassen, wo sie dann mit jener Bürste den Dreck abschrubbt, die sie kurz zuvor in ein paar anderen Apartments verwendet hat. Aber mit meinem Kumpel darf ich keinen Spaziergang im Park machen, auch wenn wir die zwei Meter Abstand einhalten und Maske tragen.

Ich darf nicht mit meinem Sohn spazieren gehen, weil wir nicht in dieselbe Familienblase gehören. Wenn mir aber danach ist, kann ich ihn zum Skifahren mit in die Berge nehmen, wo wir dann am Lift in der Schlange stehen.

Ich darf meine Freunde hier um die Ecke nicht besuchen. Wenn mir aber danach ist, fahre ich mit dem Taxi zum Airport, mache zwei Wochen All-inclusive-Urlaub in Kuba und stelle mich mit irgendwelchen Superspreadern ans Büffet.

Geht’s noch?

Wir dümpeln seit unserer Rückkehr aus Spanien im März vor uns hin. Irgendein Lockdown war immer. Mal ein weicher, mal ein harter. Mal darf uns der Sohn empfangen, mal nicht. Wir haben Weihnachten zu zweit gefeiert und Silvester auch.

Mindestens 20 kanadische Politiker, darunter Spitzenpolitiker wie der Finanzminister der Provinz Ontario, hatten es da besser. Sie haben ihre Weihnachtsferien nachweislich in der Karibik, in Mexiko oder Griechenland verbracht.

Und wir? Wagen uns kaum aus dem Haus, weil uns genau diese Politiker nämlich seit fast einem Jahr mit der Mantra nerven: “Stay home!”

Ab Samstag also der ganz harte Lockdown. Im Grunde gibt es dagegen nichts einzuwenden. Die Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und 5 Uhr morgens halte ich aus. Nur: Die Art und Weise, wie diese Maßnahmen kommuniziert werden, machen mich wütend.

Null Transparenz. Schwammige Rhetorik. Keiner blickt mehr irgendwas.

Wie wär’s, wenn wir die politischen Entscheidungsträger in einen längeren Lockdown schicken würden? Vielleicht kämen sie dann mit ein paar brauchbaren und vor allem gut vermittelbaren Vorschlägen wieder aus ihren Corona-Löchern gekrochen.

So wird das jedenfalls nichts mit der neuen Freiheit, nach der wir uns alle so sehnen.