Wenn der Balkon zur Loge wird

UM FÜNF UHR MORGENS erwacht die Stadt.

Über den Wolken, sagt man, müsse die Freiheit grenzenlos sein. Ich behaupte, dass der Blick von meinem Balkon im 6. Stock mehr fürs Auge bietet als jedes Flugzeugcockpit. So hatte sich der kleine Herbert in Ummendorf immer „Wohnen in der Großstadt“ vorgestellt.

Die Wolkenkratzer der Montrealer City grüßen großspurig in Beton und Glas aus der Ferne. Der Fluss, der hier noch Kanal heißt, plätschert behäbig am Haus vorbei – so, als müsse er noch Kraft tanken, ehe er ein paar hundert Meter stadteinwärts vom mächtigen St.-Lorenz-Strom verschlungen wird. Hier darfst du noch ruhen, kleiner Bach. Der Heilige Lorenz weiter unten kennt keine Gnade für schlaftrunkene Wellen, wenn er sich dann in mehr als zwei Kilometern Breite vor dir aufbaut.

Direkt unterm Balkon, im Park ohne Namen, kommen um 5 Uhr morgens die ersten Dosensammler, wühlen in den Recycling-Containern und machen leider nur kleine Beute. Blech gehabt: Die letzten Aluminiumschürfer waren noch kurz vor Mitternacht da. Viel wird nicht recycelt zwischen Mitternacht und Morgengrauen.

Steht die Sonne am Himmel, kommen bald auch die ersten Kinder. Achja, die Kinder. Manche von ihnen könnte man verknuddeln und sofort adoptieren. Andere eher nicht. Gibt es eigentlich so etwas wie die angeborene Schreihalseritis, oder haben Eltern ihnen dieses überschaubare Talent beigebracht?

Und dann die Hundeparade! Schwarze, weisse, dünne, fette, süße, hässliche, laute, leise, stumme. Nichts scheint andere Menschen mehr zu bewegen als Hunde.

Babies und Hunde seien die beste Garantie dafür, neue Menschen kennen zu lernen, hatte Cassians Kinderärztin gesagt, als wir damals neu ins Dorf gezogen waren und keine Menschenseele kannten. Die Frau Doktor hatte Recht. Hunde und Babies sorgen immer für Gesprächsstoff. Wir lernten im Laufe der Jahre viele von ihnen kennen. Hunde und Babies.

Unsere Wohnung im 6. Stock erinnert mich an Ferienwohnungen, wie wir sie zwölf Winter auf Mallorca hatten. Freilichtkino rund um die Uhr.

Wir besitzen ein wunderbares Opernglas. Manchmal würde ich mich einfach gerne ans Balkongeländer stellen und Voyeur spielen. Halten sie Händchen oder tun sie nur so? Ja, er ist mit einer Frau unterwegs. Ob das wohl seine ist? Und da: Ein Umweltferkel, das einfach seine Chipstüte auf dem Gras liegen lässt. Hallo? Geht’s noch?

SCHULAUSFLUG mit anschließendem Bootfahren

Die Frau an meiner Seite sagt, das mit dem Fernglas sei unanständig und gehe gar nicht. An manche Regeln halte ich mich zähneknirschend, weil das Nichteinhalten derselben nur Ärger bringen würde. Also bleibt das Opernglas der Oper vorbehalten, die wir aber so gut wie nie besuchen.

Nur manchmal, wenn das Eichhörnchen in der alten Esche direkt vor unserem Balkon aus seinem Nest kriecht und Morgenluft wittert, lege ich den Feldstecher an und begegne dem flinken Winzling auf Augenhöhe. Was immer das bei meinem bescheidenen Sehvermögen heissen mag.

Direkt unter uns gibt es einen Bootsverleih. Tretboote, die aussehen wie putzige Schwäne. Weisse Boote mit Elektromotor, die vielleicht gerne erwachsen wären und als Yachten übers Mittelmeer segeln würden. Kajaks, Kanus, Familienboote – so ziemlich alles, was schwimmt, ist hier halbstundenweise zu mieten. Manche Leute tun sich schwer, ins Boot zu kommen. Andere wiederum haben Probleme beim Aussteigen. Geschmeidigkeit ist eine Körpertechnik, die manche mehr, manche weniger beherrschen.

Montrealer sind ein sportliches Volk. Jogger, und Radler. Radler, die neben Joggern herfahren, Jogger, die ihre radelnde Frau begleiten. Skateboarder und Inlineskater. Rollschuhe, deren Felgen nachts leuchten wie der Times Square.

Unfassbar, was die Bewegungsndustrie sich alles ausgedacht hat, seitdem wir auf der Ummendorfer Umlach mit angeschnallten Schlittschuhkufen unterwegs waren. Vorausgesetzt der Winter war gnädig genug, die Umlach zufrieren zu lassen.

Hinter dem Park, auf der anderen Kanalseite, tuckert dreimal am Tag ein schwerfälliger Zug über die Stadtkulisse. Zwei Dieselloks schleppen schwer an fünf, sechs Waggons. Ich weiss inzwischen, wohin die Reise geht: In die Getreidemühle, ein paar hundert Meter kanalaufwaerts. Von dort kommt unser täglich‘ Brot, das wir spater bei „Mamie Clafoutis“ oder in der Markthalle gegenüber von uns kaufen.

Morgens, immer zur selben Zeit, wackelt eine Gruppe junger Mütter mit Kinderwagen durch den Park. Sie machen auf Kommando eines verdammt gut gebauten (ich hasse ihn!!!) Kerls ihre täglichen Fitnessübungen. Am Ende des Parks kommt die Karawane zum Stehen. Jetzt werden Yogamatten ausgelegt. Die Mamas üben sich in Meditation. Adonis hat jetzt seinen ganz großen Auftritt.

Showtime!

DIE MAMA-PARADE (Adonis mit rotem Rucksack)
DAS BÄHNLE bringt uns unser täglich‘ Brot
BOOTSVERLEIH mit Kähnen und Schwänen. Im Hintergrund Montreals größte Markthalle.
HIER DARF DER KANAL noch Bach sein