Brief an einen „Brother in Pain“

Wir sind uns vor einigen Jahren nach einem Fernsehauftritt in Köln begegnet. Sie waren zu Gast in einer TV-Talkshow , ich saß im Publikum. Es ging damals um das Thema “Forever Young” oder so ähnlich. Im Anschluss an die Sendung haben wir uns noch lange über Gott, die Welt und auch über deutsche Schlagermusik unterhalten.

Dass Sie ausgesprochen charmant und liebenswert sind, hatte ich schon früher über Sie gelesen. Dass Sie aber auch ein sehr kluger, nachdenklicher und empathischer Mann sind, hat mich ehrlich gesagt ein wenig überrascht. Ich kannte Sie ja bis dahin lediglich als Sänger von Schlagern wie “Ein Bett im Kornfeld” oder „Barfuss durch den Sommer“.

Trotz unseres unterschiedlichen Musikgeschmacks gibt es jetzt eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und mir. Leider. Wir leiden beide an einer Krankheit, die sich >PERIPHERE POLYNEUROPATHIE< nennt. 

Diese Nervenkrankheit ist so kompliziert wie der Name. Und: Es ist eine verteufelte Krankheit. Sie befällt meistens zuerst die Füße und wandert dann über die Unterschenkel nach oben. Bestenfalls wird sie vom Knie ausgebremst.

Es kann aber auch sein, dass sie sich auf andere Gliedmaßen ausbreitet, etwa Hände und Finger. Kommt dann noch, wie bei mir, ein beidseitiges Hüftleiden dazu, ist endgültig Schluss mit lustig.

Eine Heilung gibt es nicht, das muss ich Ihnen nicht sagen. Polyneuropathie verläuft progressiv und ist nicht mehr rückgängig zu machen.

Unsere Mobilität, das wissen Sie, ist stark eingeschränkt. Deshalb, so vermute ich, haben Sie jetzt auch Ihr Karriere-Ende verkündet. Ich möchte mir nicht vorstellen, Sie auf der Bühne vor Tausenden von Menschen performen zu sehen, wenn Sie Schmerzen haben und befürchten müssen, das Gleichgewicht zu verlieren.

Wenn man uns Neuros so daherwatscheln sieht, könnte man glauben, wir hätten einen zu viel getankt. Ich weiss nicht, wie Sie sich fortbewegen. Bei mir helfen zwei Wanderstöcke, das Gleichgewicht zu halten. Ausserdem drosseln sie die schlimmsten Schmerzen. Den Rest besorgen Medikamente.

À propos Wanderstöcke: Noch vor drei Jahren bin ich mit acht Kilo Gepäck auf dem Rücken fast 900 Kilometer den Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela gewandert. Heute brauche ich zwei Stöcke, um von meiner Wohnung zur gegenüberliegenden Markthalle zu gehen.

Was mich wundert: Ich kann mit relativ geringen Schmerzen schwimmen und radfahren. Aber beim Gehen ohne Stöcke machen die Beine nicht mehr mit.

Fahren Sie Rad? Bei mir ist es so, dass ich jetzt immer langsamer werde und schon kleine Steigungen nicht mehr schaffe. 

Ein eBike muss her, so viel ist klar. Im Fahrradladen um die Ecke hatte ich Anfang der Woche eins probegefahren und bei dem astronomischen Preis ganz unverbindlich noch um Bedenkzeit gebeten. Am nächsten Tag war das Elektro-Fahrrad verkauft. Sie komme mit der Lieferung nicht mehr nach, klagte die Geschäftsinhaberin. Plötzlich steigen alle vom Kettenrad aufs Elektro-Bike um.

Ich glaube nicht, dass das mit unserer Krankheit zu tun. Es ist einfach ein Trend. Und der ist – ähnlich wie die Polyneuropathie – nicht mehr aufzuhalten.

Lieber Herr Drews, melden Sie sich doch einfach, wenn Sie mal Gesprächsbedarf haben. Dann gehören wir halt auch zu den Männern über 70, die nur noch über Krankheiten reden. Um ältere Menschen, die nur noch das Thema Krankheiten kennen, ging es übrigens in der Fernsehendung, bei der Sie damals auftraten.

Wenn Sie mit mir lieber über die schöneren Dinge des Lebens plaudern möchten, reden wir eben über Mallorca. So wie Sie liebe auch ich diese Insel und habe dort zwölf Winter hintereinander verbracht. Ein Glück, dass wir damals fast alle Gipfel der Tramuntana erklommen haben – ohne Stöcke und ohne Beschwerden.

Wir sind jetzt also „Brothers in pain”. Und als Brüder im Schmerz müssen wir zusammenhalten!

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute. Bleiben Sie zuversichtlich und – Achtung, Kalauer! – werfen Sie die Flinte nicht gleich ins Kornfeld. 

Herzlichst, Ihr Herbert Bopp