Eine Truckerin geht in Rente

TRUCKER-ROMANTIK: Schon schön, aber …

Wie eine, die ein Leben lang Brummis durch die Welt kutschierte, sieht sie nun wirklich nicht aus. Dabei hat Maggy – schwarzer Strohhut, schwarze Jeans, schwarze Bluse und schwarze Sonnenbrille –  lässig ein paar Millionen Kilometer in ihren Rigs runtergerissen, die sie zwischen Neufundland und New Mexico bewegt hat. Getroffen habe ich die Truckerin in einem Straßencafé am Alten Hafen.

Frisch in Rente, genießt sie den Sommernachmittag in der Montrealer Altstadt. “Meine Güte”, sagt sie, “ich bin so oft durch Montreal gefahren, aber zu einem Eisbecher an der Place Jacques Cartier hat es nie gerecht”. 

Jetzt hat sie mehr Zeit als ihr manchmal recht ist. Die nützt sie unter anderem, um endlich Französisch zu lernen. Denn “on the road” war auch dazu keine Zeit. Jede Minute im Sattel zählt.

Ihren Lebensmittelpunkt hatte Maggy die meiste Zeit ihres Lebens in Ontario. Von dort hat sie LKW-Ladungen von Konserven, Südfrüchten, manchmal auch edle Hölzer, Trockenmilch und Eisengestelle kreuz und quer durch Kanada und die USA geschippert.

Angefangen hatte sie die Trucker-Karriere mit Anfang 30. Damals war sie noch verheiratet, ebenfalls mit einem Trucker. Die Ehe zerbrach, die Liebe zur Landstraße hielt. “Die wochenlange Enge in der Fahrerkabine ist nicht gut für eine Beziehung”, sagt sie.

Bitter sei sie nicht. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Das älteste davon, eine Tochter, kam vor ein paar Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben. “Sie wurde auf ihrem Motorrad zwischen zwei Trucks eingequetscht”, sagt sie und reibt sich ein paar Tränen aus den Augen.

Der Anfang in einem 30-Tonner war schwer. “Als Frau wurdest du damals noch beim Einparken auf dem Autohof von anderen Truckern angefeuert“. 

Ins Schwitzen sei sie davon häufig gekommen, sagt sie. Aber den Triumph, einen Kollegen zum Rückwärtsfahren hinters Steuer zu lassen, habe sie keinem gegönnt. Irgendwie sei sie doch immer dort gelandet, wo sie hin musste.

Und was macht man so, während frau Mehlsäcke von Winnipeg/Manitoba nach Salt Lake City/Utah und kalifornische Trauben vom Nappa Valley nach Calgary transportiert? Man sei beschäftigt, sagt Maggy. Mit Karten lesen, Rückfragen am Walkie-Talkie beantworten, mit Reifen checken und mit Frachtbriefen durchgehen.

So jedenfalls war das damals.

Heute hat das Navi die Landkarte ersetzt, statt Walkie-Talkie wird am Handy telefoniert oder es werden Text- und Sprachnachrichten verschickt. Und Frachtbriefe werden abends noch kurz in der Schlafkabine bearbeitet.

Ist sie froh, dass sie das Rentenalter erreicht hat? Ja und nein. Sie vermisst den manchmal rauen Charme der Trucker-KollegInnen. Und sie vermisst die kleinen Nebenstrecken, die sie manchmal fuhr, wenn sie zu früh am Ziel war.

Nach Kalifornien habe sie in den Schulferien öfter mal die Kids mitgenommen. “Der Hänger blieb auf dem Autohof, denn den Pacific Highway durftest du nur mit der Zugmaschine fahren”. Also ging es im Rig kurz mal zum Strand, anschließend wurden noch ein paar Hotdogs auf den Grill geworfen – und zurück ging’s zum Lkw-Parkplatz. 

In der Schlafkabine war für alle Platz. Geduscht und gefrühstückt wurde am nächsten Morgen in der Raststätte – und los ging’s zum Lagerhaus, wo schon die neue Fracht wartete.

“Hört sich romantisch an”, sage ich und erinnere mich an die Spedition in Ummendorf, bei der ich als Schüler einen Ferienjob als Tankwart hatte. Da konnte Truckerromantik auch so aussehen, dass sich ein Lkw-Fahrer morgens um sieben nach dem nächsten Bordell erkundigte. Bei mir! Als Sechzehnjährigem! In Ummendorf!

“Romantisch?,” sagt Maggy. “Sagen wir mal so: Solange du deine Kids auf Tour mitnehmen konntest, die Gallone Diesel noch ein paar Cents kostete und die Duschkabine mit Rabattmarken bezahlt wurde, die es für Stammkunden an der Tankstelle gab, konnte so eine Fahrt schon auch romantisch sein”.

Heute, meint Maggy, wäre es Stress pur. Staus, enorme Tankrechnungen, Reparaturen, Umleitungen, Unfälle, Polizeikontrollen.

“Alles zu seiner Zeit”, sagt die ehemalige Kapitänin der Landstraße im schwarzen Strohhut. “Alles zu seiner Zeit”, wiederholt sie sich leise. Und reibt sich wieder ein Tränchen aus dem Trucker-Auge.

PS: Ein Foto von Maggy gbt’s leider nicht. So viel Privatsphäre muss sein.