Kleiner Umweg zum Traumberuf

Er trug Anzug und Krawatte und aus seiner Brusttasche ragte jeden Tag ein andersfarbiges Einstecktuch. Ich trug einen grauen Arbeitsmantel, in dessen Brusttasche sich ein Kugelschreiber und eine Pinzette befanden. Mit dem Kugelschreiber füllte ich abends den Stundenzettel aus, die Pinzette brauchte ich manchmal, um winzige Bleibuchstaben aus dem Setzkasten zu fischen, um mit ihnen im Winkelhagen ein Wort zu formen. Er war um die 60 und Chefredakteur, ich war Teenager und Schriftsetzerlehrling. Ich wollte werden wie er.

Chefredakteur bin ich nie geworden, dafür etwas viel Schöneres, Aufregenderes: Auslandskorrespondent. Ich wette, das wäre der Herr mt den farbigen Einstecktüchern auch gerne geworden.

Der Reihe nach.

Schon als Teenager stand für mich fest: Ich will Reporter werden. Einen Plan B gab es nie, allenfalls einen Plan P: Pilot wäre auch nicht schlecht gewesen. Aber Reporter war besser. Da konnte man schreiben, fragen, fotografieren, reisen, spannende Menschen kennenlernen. Das beste von allem: Man konnte mit all dem sogar noch Geld verdienen.

Als Pilot braucht man gute Augen. Die hatte ich nie. Dafür ein gutes Gespür für Geschichten. Mein Freund Jörg hat übrigens beides. Er ist der Mann mit den beiden Traumberufen.

Ich war zu jung, um zu studieren, als ich den Drang empfand, Journalist zu werden. Vielleicht war ich auch zu dumm. Jedenfalls habe ich nie ein Studienfach an einer Universität belegt, so wie es die meisten meiner späteren Kollegen taten. Dass es mir trotzdem vergönnt war, Jahre später einen Saal voller Redaktionsleiter im Onlinejournalismus zu unterrichten, war eine Kombination von Glück und Timing. Zur richtigen Zeit die richtigen Menschen kennenzulernen, ist eine Gnade, die man nicht studieren kann.

Ich solle doch etwas “Berufsverwandtes” machen, bis ich alt genug für einen Ausbildungsplatz als Redakteur sei. So jedenfalls sah es der Chefredakteur der “Schwäbischen Zeitung” in Leutkirch im Allgäu, den ich mir als Berufsberater ausgesucht hatte.

Was denn so als “beufsverwandt” gelte, wollte ich wissen? “Naja“, sagte der kluge Herr Zodel, “Drucker vielleicht. Oder Papiermeister oder auch Klischograf.” Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, den ganzen Tag Papier sortieren zu müssen oder Sterbebilder für die Angehörigen von Toten drucken zu müssen.

“Schriftsetzer wäre auch nicht schlecht”, sagte Herr Zodel schließlich. “Schriftsteller?”. “Nein”, lachte der Mann mit dem wunderschönen Vornamen Chrysostomus schallend. “Schriftsetzer, nicht Schriftsteller!”.

Ich begriff gar nichts. Ich wollte Schriftsteller werden – oder zumindest so etwas ähnliches -, und sollte vorher Schriftsetzer lernen? 

Machen wir’s kurz: Ich habe eine komplette Lehre als Schriftsetzer absolviert, auf den Tag genau drei Jahre lang. Habe Kinoplakate und pharmazeutische Packungsprospekte druckreif gesetzt, Todesanzeigen fürs Gemeindeblättle und auch Artikel, die von Redakteuren geschrieben worden waren, die ich nur selten zu Gesicht bekam.

Bis auf den Herrn mit den farbigen Einstecktüchern. Der war Leiter der Lokalredaktion in Biberach, wo ich meine Schriftsetzerausbildung absolviert habe. Ihm musste ich die gesetzten Texte vorlegen, ehe sie in Druck gingen.

Den Namen des Herrn habe ich vergessen, aber an sein Büro erinnere ich mich noch genau. Es hatte ein Fenster zum Marktplatz hinaus, wo mittwochs Obst, Wurst, Räucherfisch, Käse und Gemüse verkauft wurden. Direkt vor diesem Fenster stand ein dunkelbrauner Bürostuhl, der eher an einen Thron erinnerte. Dort also domizilierte der Leiter der Lokalredaktion.

Unsere Kommunikation verlief nicht unfreundlich, aber wortkarg. Er war der Schreiber, ich sein Setzer. Er hatte das Einstecktüchlein, ich die Pinzette. Er war das, was ich werden wollte. Er musste in seinem Leben vermutlich nie auf “etwas Berufsverwandtes” zurückgreifen, ehe er den Beruf des Redakteurs erlernen konnte.

Er war mein stiller Held. Und wusste es vermutlich bis zu seinem Lebensende nicht.

Hin und wieder, wenn die Redaktionsstube leer war und der Thron verwaist, setzte ich mich für ein paar Sekunden in den dunklen Stuhl, den Zeitungsartikel in der Hand, den ich zwar gesetzt, aber nicht geschrieben hatte. Mein Blick führte durchs Fenster auf den Marktplatz, über den Gigelberg, am Weissen Turm vorbei, über die Stadtgrenze hinaus. Und ich träumte von anderen Städten, von anderen Ländern, von anderen Menschen und fremden Sprachen. 

Ich träumte davon, Journalist im Ausland zu werden.

Ich bin es geworden. Genau drei Jahre nach Beginn meiner Schriftsetzerlehre trat ein verwegener, mutiger, wunderbar unkonventioneller Redaktionsleiter namens Richard Retter in mein Leben. Er war der Mann, der mir mein neues, aufregendes Dasein als Journalist ermöglichte. Ich durfte unter seiner Anleitung ein Redaktions-Volontariat in Waiblingen bei Stuttgart absolvieren. Nach zwei Jahren konnte ich mich Redakteur nennen.

Der Rest ist Geschichte. Aus dem Lokalredakteur wurde der Reporter. Aus dem Reporter der Korrespondent. Aus dem Korrespondent mit Tausenden von Live-Beiträgen im Radio ein, wie ich hoffe, angesehener Kollege, dem man zutraute, Journalistinnen und Journalisten namhafter ARD-Sender und Medienschulen das kreative Schreiben im Internet beizubringen.

Chrysostomus Zodel starb zu früh, und hat nie erfahren, dass ich seinen Ratschlag von der “berufsverwandten” Ausbildung genau so befolgt hatte wie von ihm vorgeschlagen. Der wortkarge Herr mit dem Einstecktüchlein in Biberach hätte sich vermutlich für den Rest der Laufbahn des Schriftsetzerlehrlings gar nicht interessiert. 

Nur Richard Retter durfte die Früchte seiner mutigen Entscheidung noch genießen. Ein paarmal besuchte er uns hier in Kanada. Als er vor einigen Jahren mit 80 gestorben ist, hatte ich einen Mentor und Freund verloren. 

In einer ruhigen Minute, während wir im Wintergarten unserer Hauses in Hudson saßen und Rotwein tranken, lüftete Richard Retter ein Geheimnis, das längst keines mehr war.

“Dir ist schon klar, Herbert”, sagte er und blickte versonnen in sein Glas, “heute hättest du mit deiner berufsverwandten Lehre ohne Uni-Abschluss gar keine Chance mehr, Journalist zu werden”.

Schon klar, Chef. Aber gestern war gestern und heute ist heute.

Eine Universität habe ich übrigens doch noch besucht. Nicht als Student sondern als Dozent. Das Internationale Journalismus Zentrum der Donau-Universität Krems bei Wien engagierte mich für mehrere Lehrgänge, um angehende OnlinejournalistInnen auszubilden.

4 Gedanken zu „Kleiner Umweg zum Traumberuf

  1. Den Beruf des Schriftsetzers gibt’s ja auch schon lange nicht mehr. Auch da hat die Digitalisierung zugeschlagen. Irgendwie schade, ich mochte die alten Heidelberg Druckmaschinen , die noch fast wie Dampfmaschinen aussahen 😃. Mein Vater hatte eine kleine Druckerei, die Buchdruck Machine war da aber auch schon ein Relikt aus alten Zeiten.

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