
IN EIGENER SACHE
Ich denke, es wird einmal Zeit, ein paar Dinge aufzuklären. „Wie kommt es“, höre ich oft, „dass du dich beim Gehen mit Stöcken bewegst und doch täglich deine Runden auf dem eBike drehst?“ Am Sonntag zum Beispiel: 100 Kilometer auf dem Rad, aber nur 204 Schritte zu Fuß.
Dies zu verstehen, ist nicht ganz einfach – und zu erklären gleich gar nicht. Meine erheblich eingeschränkte Mobilität beim Gehen ist zwei verschiedenen Krankheiten geschuldet. Die eine heißt Polyneuropathie, die andere Stenose.
Bei der Polyneuropathie handelt es sich um eine Schädigung des Nervensystems. Bei der Stenose um eine Verengung des Wirbelkanals. Der Wirbelkanal beherbergt das Rückenmark, das gemeinsam mit dem Gehirn das zentrale Nervensystem bildet.
Die Polyneuropathie führt zu einer Art Muskellähmung von den Fußsohlen bis oberhalb der Knie. Sie ist, zumindest bei mir, nicht mit Schmerzen verbunden. Ich weiß aber, dass es PNP-Patienten gibt, die höllische Schmerzen empfinden. Ein Blick in meine eigene Familie genügt.
Dagegen führt die Polyneuropathie fast immer zu Gehbehinderungen, weil die Schritte durch das defekte Nervensystem nicht mehr kontrollierbar sind. Manche PNP-Patienten kommen daher, als hätten sie ständig einen zu viel getrunken. Die Stöcke sorgen für das Gleichgewicht. Sie helfen aber auch, den Druck auf die Beine und den Rücken abzufedern.
Meine Schmerzen beim Gehen kommen von der Stenose. Weil der Rückenmarkkanal verengt ist, können die Nerven nicht mehr ungehindert durch die Wirbelsäule gleiten. Man könnte sagen: sie ecken an.
Beim Radfahren, speziell auf dem eBike, machen sich beide Einschränkungen so gut wie nicht bemerkbar. Die unkontrollierten Schritte fallen weg, weil die Füße ja auf den Pedalen ruhen. Die Anstrengung beim Treten hält sich in Grenzen.
Die Wirbelkanal-Verengung hat eingeklemmte Nerven zur Folge. Durch die Körperhaltung beim Radfahren verschwinden die Schmerzen vorübergehend. Leicht gebeugt klaffen die Wirbel auseinander und machen damit Raum frei für die Nerven. Dadurch wird der Druck auf sie geringer und die Schmerzen verschwinden.
Mehrmals im Jahr bekomme ich Cortison-Injektionen ins Rückgrat, die letzte erst vor ein paar Tagen. Die schmerzlindernde Wirkung der Spritze hat mich ermutigt, die bisher längste Radtour in Angriff zu nehmen,
Radfahren auf dem eBike ist für mich also nicht nur Hobby. Es ist auch Therapie. „Bewegung, Bewegung, Bewegung“ sagen einhellig der Neurologe, der Orthopäde und der Neurochirurg. Bewegung hatte ich ein Leben lang jede Menge – durch regelmäßige Wanderungen und Stadtspaziergänge.
Die Einschränkungen sind deshalb besonders bitter. Vor vier Jahren sind wir noch fast 900 Kilometer auif dem Jakobsweg marschiert. Heute schaffe ich es selbst mit Stöcken gerade noch von der Wohnung zur gegenüberliegenden Markthalle.
Wie steht es mit den Heilungschancen?
Die Polyneuropathie ist unheilbar und verläuft fortschreitend. Bei vielen Patienten endet sie im Rollstuhl.
Die Wirbelkanal-Verengung manifestiert sich bei mir an drei verschiedenen Stellen. Jede von ihnen würde einen chirurgischen Eingriff erfordern. Kein Arzt kann mir anschließend ein Leben ohne Schmerzen garantieren.
Was jedoch sicher ist: Jede der Operationen würde eine längere Zeit der Konvaleszenz erforderlich machen. Es würden Jahre mit einer Einschränkung der Lebensqualität auf mich zukommen.
Ich werde demnächst 75. Meine Tage sind also gezählt. Reisen sind wegen der Einschränkungen kaum mehr möglich. Wenn’s geht, möchte ich es während der verbleibenden Jahre trotzdem noch richtig krachen lassen.
Am liebsten auf dem eBike. Wenn da nur das Auf- und Absteigen nicht wären …