
Manchmal holt dich die Vergangenheit ein – ob du willst oder nicht. Vor ein paar Tagen zum Beispiel: Auf dem Rückweg von einem Krankenhaus-Termin führte mich mein Spaziergang eher zufällig durch eine Straße im Stadtteil Notre-Dame-de-Grâce. Im ersten Stock dieses Hauses hatte ich meine erste Wohnung, als ich vor ziemlich genau 44 Jahren nach Montreal kam.
Das Glücksgefühl, in einer Stadt angekommen zu sein, die so vielen meiner Wünsche und Träume entsprach, ist schwer zu beschreiben. Dabei kannte ich keine einzige Person in Montreal und war nur ein Jahr zuvor für ein paar Tage dort gewesen, als ich für deutsche Medien über die Weltkonferenz zum Thema Asbest berichtete. Ich wohnte damals noch in Winnipeg, Manitoba, und hatte mich auf Anhieb in Montreal verliebt.
Mehr als vier Jahrzehnte später bin ich immer noch hier. Wir haben in der Zwischenzeit in verschiedenen Stadtteilen und auch in dem Dorf Hudson außerhalb von Montreal gewohnt, sogar zehn Winter in Palma de Mallorca – aber Montreal ist immer die Stadt meines Herzens geblieben.
Während der ersten Wochen in meiner neuen Heimat sog ich jede Faser dieser Stadt auf. Tagelang fuhr ich mit der U-Bahn von einem Stadtteil zum anderen und merkte mir den Namen jeder einzelnen Metrostation. Aber – auch das gehört zur Wahrheit: Manchmal war ich enttäuscht, wie düster es über der Erde aussah, wenn ich hoffnungsvoll an Stationen mit wohlklingenden Namen wie Jolicœur, Rosemont oder Beaubien ausstieg.
Als Rentner ohne berufliche Verpflichtungen könnte ich heute ortsunabhängig überall auf der Welt leben. Trotzdem habe ich mich ganz bewusst entschieden, hierzubleiben. Ich lebe gerne in Kanada und ich liebe Montreal – auch wenn hier bei weitem nicht alles perfekt ist, vielleicht gerade deshalb.
Zwei fremde Sprachen – Englisch und Französisch – zusätzlich zu deiner Muttersprache können eine Herausforderung sein. Aber sie bieten auch die Möglichkeit, in einer spannenden Stadt zu leben, in der aus französischem Savoir-vivre, kombiniert mit dem North American Way of Life, eine Mischung entsteht, die es weltweit nicht so oft geben dürfte. Boulangerie meets McDonald’s – was willst du mehr?
Montreal mit all seinen Cafés, Bistros, Kneipen und engen Gässchen in der Altstadt – das alles erinnert mich Tag für Tag an meine europäischen Wurzeln und bietet mir gleichzeitig die Möglichkeit, in einem tollen Teil der Welt zu leben.
Zwei Sprachen, zwei Kulturen, Hunderte von Nationen – das Ganze mit 250 Kirchen und 20-mal so vielen Restaurants vor der Haustür – ergibt zusammen ein Stadtbild, das an eine Mischung aus Paris und New York erinnert.
Montreal ist eine Stadt der Festivals: Jazz-, Zirkus-, Comedy-, Magier-, Chor- Fitness- und Filmfestivals, dazu die Formel 1 im Sommer und Ski-Weltcups im Winter in den Bergen von Mont-Tremblant, zwei Stunden nördlich von hier.
All das ging mir bei meinem Spaziergang durch den Kopf, als ich neulich an dem Gebäude mit der Nummer 2035 vorbeischlenderte – so lautete meine erste Postanschrift in Montreal.
Und auch daran musste ich denken: Als mir der ältere Hausbesitzer schon kurz nach meiner Ankunft in Montreal das Gebäude zum Kauf anbot, für gerade mal 110.000 Dollar – schon damals ein Schnäppchen. Inzwischen dürfte das Haus gut und gerne 1,2 Millionen wert sein. Die Zeit war damals noch nicht reif für langfristige Investitionen. Leider.
Verpassten Gelegenheiten sollte man nicht nachweinen. Die Zeit in dem Haus mit der Nummer 2035 und den Magnolien in den Vorgärten kann mir keiner mehr nehmen.
