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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Irgendwann kommen wir an …

Rückflug von Lissabon nach Montreal: Eis, so weit das Auge reicht

Es sagt sich so leicht: Wir sind wieder da. Ja, wir sind seit ein paar Tagen wieder in Montreal. Aber sind wir wirklich angekommen? Nicht so richtig. Die sechs Wochen auf dem Camino sind noch überall gegenwärtig.

Dabei sind wir nicht allein. Ji hyun, die junge Koreanerin, die eine Zeitlang mit uns gepilgert ist und die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, schreibt: „Ich bringe es nicht übers Herz, meine Camino-Apps von meinem Handy zu löschen. Wir werden für immer Pilger sein!“ Und überhaupt: „I will love you guys forever!“

So ähnlich fühlen auch wir. Auch Lore und ich haben noch keine der Apps von unseren Smartphones gelöscht, die uns auf dem Camino stets den richtigen Weg gezeigt haben. Vielleicht trifft es ja zu, was eine Camino-erfahrene Blogleserin geschrieben hat: „Nach dem Camino ist vor dem Camino“.

Der Winter in Montreal muss gnadenlos gewesen sein. Härter als sonst und länger als gewöhnlich. Das Gras ist spärlich grün und längst nicht alle Bäume haben ausgeschlagen. Blühende Blumen muss man mit der Lupe suchen.

Lac Dufresne als Facebook-Post: Der Frühling lässt auf sich warten.

So ist das eben, wenn man sich ein nordisches Land zum Leben ausgesucht hat. Noch setzt beim Blick auf den Kalender keine Panik ein. Aber ganz im Ernst: In dreieinhalb Monaten ist der Sommer hier schon wieder vorbei. Das gibt zu denken.

Auf dem Lac Dufresne, so wird uns berichtet, liegt noch Eis, das nur sehr langsam auftaut. Das Blockhaus muss also noch warten.

Nach und nach beantworte ich noch immer Mails, die uns nach unserer Pilgerreise durch Spanien erreicht haben. Auch mit ein paar Freunden habe ich mich bereits getroffen. Dabei ist mir klar geworden, dass ich mit meiner Erzählkunst jedes Mal an meine Grenzen komme.

Als Storyteller, so müsste man meinen, findet man für alles Worte. Diesmal muss ich passen. Unser Camino-Abenteuer in treffsichere Sätze zu packen, ist schlicht nicht möglich. Man muss es erlebt, gespürt, gerochen und auch erlitten haben, um zu verstehen, was so eine Pilgerwanderung über fast 900 Kilometer bedeutet.

Wir schlafen schlecht und träumen viel. Von Menschen, die uns auf dem Jakobsweg begegnet sind. Von Herbergen, die plötzlich nicht mehr da sind, nachdem wir sie nach einem kräftezehrenden Tag endlich erreicht hatten. Von brennenden Füßen, die im Schlamm stecken und von Störchen, die so tief fliegen, dass man glaubt, sie mit Händen fassen zu können.

Das Abenteuer Camino zu verarbeiten, das wurde uns auch von anderen Pilgern bestätigt, dauert. Geduld ist etwas, das sich auf dem Jakobsweg wunderbar antrainieren lässt. Also üben wir uns darin.

Irgendwann wird das mit dem Ankommen schon klappen. Bis dahin sage ich – nein, nicht Buen Camino – sondern einfach nur Tschüss!

PS: Sämtliche Camino-Blogposts sind jetzt gebündelt auf einer Unterseite nachzulesen. Die Seite heißt JAKOBSWEG 2019 und ist unter dem Bannerfoto oben zu finden.

Leben nach dem Camino

Wir waren gewarnt worden: „Der Camino wird Euer Leben verändern“, hieß es von Menschen, die es wissen müssen.

Schon möglich. So richtig ist nichts mehr wie vorher. Die Erschöpfung nach sechs Wochen Pilgern setzt erst jetzt so richtig ein. Fast 900 Kilometer zu Fuß hinterlassen Spuren bei Menschen um die 70.

Im Moment sitzen wir im Zug von Porto nach Lissabon. Von dort geht unser Flieger zurück nach Montréal. Schön, einfach mal dem Lokführer die Navigation zu überlassen und nicht ständig nach der Jakobsmuschel mit dem gelben Pfeil Ausschau halten zu müssen.

Aber dann: „Ich wäre bereit, jetzt weiter zu wandern“, meinte Lore heute früh beim Packen. Ich auch.

In Santiago hatten wir uns nach der Ankunft ein feines Hotel in einem ehemaligen Kloster gegönnt. Den Pool konnten wir leider nicht nutzen. Im Pilger-Rucksack war kein Platz für die Badehose.

Santiago selbst war schnell abgehakt. Die berühmte Kathedrale war wegen Bauarbeiten geschlossen. Der Rest? Touristenprogramm, das so gar nicht in den Pilgermodus passte, in dem wir uns noch immer befanden.

Und noch immer befinden.

Während der Busfahrt von Santiago über Muxía nach Finisterre schauten wir etwas wehmütig den Pilgern hinterher, die den 80 Kilometer weiten Weg bis ans Ende der Welt zu Fuß zurück gelegt hatten.

Bei uns wäre dafür die Zeit knapp geworden. Ich wollte unbedingt noch Porto sehen. (Lore kannte es von früheren Reisen).

Was für eine zauberhafte Stadt! Die Architektur, die zahlreichen historischen Stätten, das Lebensgefühl – das alles war schon sehr beeindruckend. Und das Ganze noch bei hochsommerlichen Temperaturen – Herz, was willst du mehr?

Nichts willst du mehr. Eher weniger.

Die drückende Schwüle, zusammen mit Massen an Touristen, wie ich sie nicht einmal aus Palma kenne – das alles hatte fast etwas Bedrohliches an sich.

Wer sechs Wochen in der Natur unterwegs war, braucht Zeit, die neue Wirklichkeit einsacken zu lassen.

Und jetzt? Arbeiten wir daran, dass das nicht einsetzt, wovor uns viele „Caministen“ gewarnt haben.

„Passt auf, dass Ihr nicht in ein tiefes Loch fallt!“, schreibt erst heute wieder ein Blogleser aus Aachen in einem Kommentar, den ich eben freigeschaltet habe.

Überhaupt: Die Kommentare!

Gut hundert sind im Laufe der Zeit bei uns eingegangen. Von Freunden, aber auch von wildfremden Menschen aus aller Welt. Wir haben jeden von ihnen gelesen. Nach und nach werde ich versuchen, sie alle zu beantworten. Danke für jeden von ihnen!

Übrigens: Danke auch für die vielen besorgten Nachfragen wegen des Unwetters in Montréal. Aber dort, wo wir wohnen, sind wir nicht vom Hochwasser bedroht.

Die Zeit fliegt. Vor dem Zugfenster rast halb Portugal an uns vorbei. Die iberische Halbinsel haben wir jetzt auf alle möglichen Arten durchquert:

Mit dem Flieger von Lissabon nach Bilbao. Mit dem Bus von Bilbao nach Pamplona und dann wieder von Santiago nach Porto. Und jetzt eben mit der Bahn von Porto nach Lissabon.

Doch nichts hat uns so berührt, ja fürs Leben geprägt, wie die Wanderung auf dem Jakobsweg.

Irgendwie habe ich das Gefühl, das Abenteuer könnte nächsten Winter weitergehen. Es gibt schließlich viele Caminos, nicht nur den Jakobsweg.

Und Mallorca läuft uns nicht davon.

S A N T I A G O:

MUXÍA, NEGREIRA und  FINISTERRE:

P O R T O:

L I S S A B O N 

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Nach 41 Tagen am Ziel

JAKOBSWEG, Tag 41 – 23 Kilometer von O Pedrouzo nach Santiago de Compostela.

FÜR MARGA ❤️

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wir sind am Ziel – und es fühlt sich seltsam an. War’s das wirklich? Die Füße sagen: Es reicht! Und auch der Rucksack verlangt nach 41 Tagen Schwerstarbeit nach einer Pause.

Nur wir sind hin- und hergerissen, weil wir uns im Moment gar nicht so richtig vorstellen können, wie ein Leben ohne Pilgern aussieht.

Können wir morgen früh wirklich ausschlafen bis in die Puppen? Wollen wir das überhaupt? Oder zieht es uns mit dem ersten Singen der Amsel wieder auf den Camino?

Eben kommen wir von der Pilgermesse zurück. Sie fand wegen Bauarbeiten leider nicht in der berühmten Kathedrale von Santiago de Compostela statt, sondern in der Kirche Santa Maria in einer Seitenstraße, abseits vom Touristenrummel, der uns hier empfangen hat.

Und ja: Wir haben alle Kerzenwünsche erfüllt. Ihr wisst, wer gemeint ist. Ihr könnt euch darauf verlassen, wir haben niemanden vergessen.

Die Ankunft heute Nachmittag in Santiago de Compostela verlief erstaunlich emotionslos. Vielleicht lag es daran, dass wir unendlich lange durch die nicht sonderlich charmante Vorstadt wandern mussten, ehe wir den Stadtkern erreichten.

Eine „Whiskey-Nachtbar“, ein Tattooshop, jede Menge „China Bazaars“ und eine Zellstoff-Fabrik sind nicht unbedingt das, was der Pilger zuerst erwartet, nachdem er 41 Tage unterwegs war, um hier anzukommen.

Der Weg war das Ziel – und nicht das Ziel selbst, soviel steht fest.

Der Weg führte uns heute über oft eintönige Wiesen und Felder. Das, was die Landschaft an Charme vermissen ließ, machten die Gerüche wett, die wir den ganzen Tag einatmen durften. Wer noch nie stundenlang durch Eukalyptus-Wälder spaziert ist, weiss nicht, was er verpasst hat.

Wenn sich unser letzter Pilgertag allzu emotionslos anhört, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Einen Gänsehaut-Moment gab es kurz vor Santiago:

Vor uns schleppte sich ein junger Pilger unter offensichtlich größten Schmerzen mühsam seinem Ziel entgegen. Er hatte sich vor ein paar Tagen eine üble Knöchelverletzung zugezogen. Man musste nicht einmal genau hinschauen, um zu sehen, wie der arme Kerl litt.

Als wir auf gleicher Höhe waren, kamen wir mit dem Jungen ins Gespräch. Jude heiße er, „wie der Beatles-Song“. Er komme aus North Carolina und sei den ganzen Weg von St. Jean bis hierher gelaufen, sagte er uns mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Lore fackelte nicht lange und schenkte ihm ihre Wanderstöcke, die sie vor genau sechs Wochen in Pamplona neu gekauft hatte.

Jude war gerührt. Und er lief von diesem Moment an mit den Trekking Poles um Längen besser. Unsere Namen wollte er wissen und auch ein Selfie hätte er gerne mit uns für die Mama, daheim in North Carolina.

Die heißt übrigens Laurie. Wie Lore, nur amerikanisch.

Google sagt, dass wir seit dem 22. März genau 878 Kilometer gewandert sind. Durch endlos lange Täler und über mehr als 1300 Meter hohe Berge. Wir haben mit vollem Körpereinsatz gegen Stürme angekämpft und sind durch Schlammlawinen gestapft.

Wir waren bei Eisregen, Hitze, Hagel und Schnee unterwegs. Wir haben geschwitzt, als wir durch ein ausgetrocknetes Flussbett marschiert sind und gefroren, als uns der Regen in der Meseta stundenlang ins Gesicht peitschte.

Aber wir haben nie gelitten, denn es war einzig und allein unsere Wahl, den Camino zu gehen. Und: Wir haben uns nicht ein einziges Mal gestritten.

Man könnte sagen, dass es die schönste, aber auch intensivste Zeit unserer 35jährigen Ehe war.

Allen, die uns auf dieser einzigartigen Reise begleitet und unterstützt haben, möchten wir an dieser Stelle von Herzen danken.

Wir haben euren Rückenwind gespürt und konnten ihn oft gut gebrauchen.

Danke, dass ihr uns als Leserinnen und Leser treu geblieben seid. Auch wenn der Camino-Blog mit diesem Post sein Ende gefunden hat, würde ich mich freuen, wenn ihr auch künftig ab und zu bei den BLOGHAUSGESCHICHTEN anklopft.

In diesem Sinne schicken wir von einem wunderschönen Kloster-Hotel ausnahmsweise sehr luxuriöse Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino auf all euren Wegen aus Santiago de Compostela!

Santiago, wir kommen!

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JAKOBSWEG, Tag 40 – 20 Kilometer von Arzúa nach O Pedrouzo.

FÜR ERWIN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wie fühlt man sich so, wenn das Ziel, von dem man – wie in Lores Fall – ein Erwachsenen-Leben lang geträumt hat, in weniger als 20 Kilometer Entfernung vor einem liegt?

Unsere Gedanken schwirren in diesem Moment ziemlich unsortiert in unseren Köpfen herum. „Ich weiß nur“, sagt Lore, „dass es viel schöner war, als ich es mir vorgestellt hatte“. Zu einer tieferen Analyse fühle sie sich momentan außerstande.

Damit bestätigt sie das, was uns Robert aus Coburg vorhin erklärte. „Die volle Wucht des Camino-Effekts trifft dich erst, wenn du wieder daheim bist, in deinem eigenen Umfeld.“

Hier auf dem Camino liebe jeder jeden. Nach der Rückkehr ins richtige Leben erkenne man bald, dass sich dieses Lovefest nicht im Alltag aufrecht erhalten lassen könne  

Robert, Mitte 50, muss es wissen. Für ihn ist es schon der dritte Camino. Er ist heute in der Hitze Galiciens für einige Stunden mit uns gewandert. Jede seiner Pilgerwanderungen habe Spuren hinterlassen. Und jedesmal ganz unterschiedliche.

Zu einer tiefenpsychologischen Analyse bin auch ich nicht in der Lage, während ich an diesem Montagabend den zweitletzten Camino-Blog in einer sehr modernen Herberge am Stadtrand von O Pedrouzo ins Handy tippe.

Fest steht für mich schon jetzt: Es ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich in meinen 70 Jahren machen durfte. Abenteuer habe ich vor allem in meinem Reporterleben genug erlebt. Aber die Erfahrungen, die man in sechs Wochen auf dem Camino macht, sind mit nichts zu vergleichen.

Die größte Erfahrung ist vielleicht die, dass man seinem Körper viel, sehr viel zumuten kann. Mehr als man je für möglich gehalten hätte.

Grenzen ausloten, auch physische, ist eine der vielen Erkenntnisse, die ich schon jetzt von dieser Reise mit nach Hause nehmen werde.

Aber auch der Kopf wurde während der vergangenen sechs Wochen einem intensiven Training ausgesetzt.

Jeden Tag neue Menschen aus allen Ecken der Welt kennenlernen und sich auf Sprachen und Kulturen einstellen, die man bislang nur aus dem Fernsehen kannte.

42 Nächte hintereinander nie zweimal hintereinander im selben Bett schlafen.

Am Morgen nicht zu wissen, wo du die Nacht verbringen wirst und wo du welche Mahlzeiten zu Dir nimmst und was dich am nächsten Tag erwartet.

Das alles konditioniert Körper, Kopf und Magen in einem Maße, wie du es bisher nicht gekannt hast.

Für mich ist es der ultimative Survivaltest, dem man sich zwar nicht zwingend unterziehen muss, um glücklich älter zu werden. Aber hilfreich ist so ein Realitycheck allemal.

Ich musste während dieser Reise ganz oft an Hape Kerkeling denken, der ja bekanntlich Millionen Menschen für den Jakobsweg sensibilisiert hat. (Wir gehören übrigens nicht dazu. Lores Camino-Pläne gehen auf eine Zeit zurück, da war Kerkeling noch lange nicht weg).

Meine KerkelingMomente sind anders geartet. Sie haben etwas mit Bequemlichkeit zu tun.

Eine Journalistin, die Hape Kerkeling zum Interview traf, schlug vor, man könne das Gespräch ja während eines Spaziergangs machen. Schließlich laufe er ja gerne.

Kerkeling lehnte den Spaziergang entrüstet ab. Er laufe überhaupt nicht gerne, erklärte er der Journalistin. Aber er pilgere gerne.

Ich kann den kleinen Unterschied sehr gut nachvollziehen. 20 Kilometer am Tag auf dem Camino? Kein Problem. Aber vom Hostel aus anschließend noch 100 Meter bis zum Supermarkt laufen, das nervt.

Die mentalen Vorbereitungen für unseren letzten Camino-Tag laufen. Wir haben inzwischen von allen möglichen Menschen so viele Aufträge erhalten, nach der Ankunft in Santiago Kerzen für sie oder ihre Lieben anzuzünden, dass ich mir hätte Aktien in einer Wachsfabrik kaufen sollen.

Aber natürlich werden wir den Wünschen nachkommen. Nur mehr sollten es jetzt nicht mehr werden.

So schicken wir an diesem etwas melancholischen Abend zündende Grüße in die weite Internet-Welt hinaus und wünschen:

Buen Camino aus O Pedrouzo!

Spanien und die Liebe

JAKOBSWEG, Tag 39 – 17 Kilometer von Melide nach Arzúa.

FÜR GÜNTHER

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Spanien, das wir seit genau 39 Tagen zu Fuß durchqueren, hat in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt. Treue BlogleserInnen kennen die Geschichte natürlich: Als Fünfzehnjähriger bin ich von Ummendorf nach Spanien getrampt, um ein Au-pair-Mädchen wieder zu sehen, in das ich mich unsterblich verliebt hatte.

Die erste Liebe meines Lebens wohnte übrigens nicht weit von hier, in einem Dorf in Galicien.

Auch damals war ich wochenlang mit Rucksack und Schlafsack unterwegs – per Anhalter, aber auch zu Fuß. Immer mit dabei: Meine Gitarre. In vielen Dörfern und Städten spielte ich auf der Straße, um so meine Reise zu finanzieren.

Ein halbes Jahrhundert später habe ich mich vor fünf Jahren  in Spanien erneut verliebt – diesmal ins Wandern.

Die ersten Gehversuche in Wanderstiefeln machte der Montréaler Stadt-Boulevardier im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca, wo wir zehn Winter hintereinander verbracht haben.

Dass ich als Siebzigjähriger dieser Leidenschaft erneut in Spanien nachgehen darf – diesmal mit der Liebe meines Lebens -, betrachte ich als großes Geschenk. Ich werde Lore für immer dankbar sein, dass sie mich ermutigt hat, mit ihr auf dem Jakobsweg zu pilgern.

Auch unser Sohn Cassian war in diesem Zusammenhang ein großartiger  Motivator. Er hatte uns so lange vom Camino vorgeschwärmt, bis wir vorigen Herbst mit der Planung begannen.

Cassian selbst war vor sechs Jahren genau dieselbe Strecke gewandert, die wir am Dienstag in Santiago abschließen werden.

Die hochsommerlichen Temperaturen heute waren genau das, was wir als Motivationsschub für die letzten Kilometer nach Santiago brauchen. Nach den kalten Regentagen fühlte sich die heiße Sonne an wie ein Booster für zwei müde Krieger.

Spanien zeigte sich heute von seiner Schokoladenseite. Kurz vor Schluss wurden wir noch mit einer traumhaft schönen Landschaft verwöhnt. Vor allem aber war es ein Genuss, sich endlich wieder die Sonne auf die Haut brennen zu lassen.

Und auch ein Wiedersehen gab es heute. Vicky aus Hamburg, Mitte 30, war uns vor etwa einer Woche in einem katastrophalen Zustand in einem Bergdorf begegnet. Ihre Füße wund, das Gesicht vom Schmerz gezeichnet. Vicky war in Flipflops unterwegs. Die Wanderschuhe konnte sie damals wegen der Wasserblasen nicht mehr tragen.

Und heute? Strahlte sie übers ganze Gesicht. Sie hatte sich zwischenzeitlich in den Bergen eine zweitägige Ruhepause gegönnt. Den Nagel des geschundenen kleinen Zehs hatte sie – selbst ist die Chirurgin – im Hauruckverfahren entfernt. Wundsalbe drauf, ausruhen. Und weiter ging’s.

Einen Wanderpartner hat Vicky in der Zwischenzeit auch gefunden, einen kernigen Kerl aus Bayern.

Wir saßen am Nachmittag zusammen in der Sonne bei Tonic und Bocadillos und talkten Camino-Talk. Irgendwann kamen wir auf das Thema „Jeder weint zumindest einmal auf dem Camino“ zu sprechen.

Er auch?, wollte ich von Vickys neuem Mitwanderer wissen. Hatte er auch schon seinen Wein-Moment?

„Klar“, sagte der. „Als der FC Bayern neulich verlor, flossen die Tränen“.

So beweint eben jeder den Camino auf seine Art

Noch zweimal schlafen und wir treffen in Santiago ein. Es wird ein bewegender Moment für uns werden. Ob’s Tränen gibt, erfährt meine Blogfamilie natürlich zuerst. Versprochen.

Bis dahin schicken wir trockenen Auges herzliche Pilgergrüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Arzúa!

(Übrigens: Einen kleinen Roman über meine erste Spanien-Reise gibt’s als eBook bei Amazon: DAS GIBT SICH BIS 1970)