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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Märchenwald – und kein bisschen Regen

JAKOBSWEG, Tag 37 – 16 Kilometer von Palas de Rei nach Melide

FÜR RESE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Manchmal dauern Wunder ein bisschen länger. Zum ersten Mal seit vier Tagen sind wir trockenen Fußes in unserer Herberge angekommen. Und haben dazuhin einen zauberhaften Wandertag durch Märchenwälder hinter uns.

Man wird echt bescheiden, wenn man seit mehr als fünf Wochen durch Spanien pilgert. In der Dorfkneipe von Melide, wo wir heute die Nacht verbringen, tat Lore mir eben fast ein bisschen leid.

Zwei schicke Engländerinnen, die den Camino mit Gepäck-Transfer und vorgebuchten Hotels absolvieren, saßen geschminkt, gepudert und sogar frisch massiert neben uns, während Lore Lippenstift, wenn überhaupt, seit Wochen allenfalls in homöopathischen Dosen aufträgt.

Jedes Gramm Gewicht zehrt an den Kräften. Außerdem fehlt morgens die Zeit zur großen Maske. Und überhaupt, sagt die Frau an meiner Seite, passe Schminken nicht wirklich zum Geist des Camino.

Ich lass‘ das jetzt einfach mal so stehen.

Am kommenden Dienstag werden wir voraussichtlich in Santiago de Compostela eintreffen. Eine Woche später landen wir in Montréal. Dann ist die kosmetische Fastenzeit vorbei.

Wie wir die Zeit zwischen Ende der Pilgerwanderung und Rückflug nach Kanada verbringen werden, wird sich zeigen. Ein bisschen Entspannung mit Verwöhnprogramm in einem hübschen Hotel irgendwo in Portugal wäre nicht schlecht.

Aber noch sind wir mit unseren Schneckenhäusern auf dem Rücken unterwegs und nicht wir, sondern der Camino bestimmt unseren Tagesablauf.

Der beginnt von jetzt an ein wenig später als bisher, so gegen zehn. Dann sind die Massen an Pilgern schon unterwegs und wir fühlen uns ein bisschen wie zu Beginn unserer Wanderung, als wir den Camino oft viele Stunden für uns allein hatten.

Fasziniert verfolgen wir seit einigen Tagen die veränderte Dynamik des Camino. An fast jeder Bar entlang des Jakobswegs stehen jetzt Taxis für Pilger bereit, die nicht mehr können, nicht mehr wollen oder einfach keinen Bock mehr auf das Leben on the road haben.

Ich muss sagen, dass wir während des nasskalten Wetters der letzten Tage mehr als einmal mit der Option geliebäugelt haben, in ein kuscheliges Taxi zu steigen anstatt uns eine weitere Schlammschlacht mit dem Camino zu liefern. Aber die Pilgerehre hat gesiegt und wir sind treu und brav unsere Kilometer abgelaufen.

Neben den Taxifahrern, deren Visitenkarten sich in jeder Bar, jeder Herberge und an jeder Ladenkasse stapeln, finden sich auch Hilfsmittel anderer Art für Pilger in Not.

Zum Beispiel Apotheken-Automaten mit Erste-Hilfe-Utensilien für verletzte Pilger. Das Sortiment, das in den Metallkästen mit Bezahlmechanismus angeboten wird, ist beeindruckend:

Von Wundsalben über Blasenpflaster bis hin zu Nagelscheren, Kniemanschetten und Kompressen für größere Verletzungen ist auf Knopfdruck alles zu haben.

Der Bedarf ist groß. Wir haben in den letzten Wochen Verletzungen bei Mitpilgern gesehen, für die der Automat nicht reicht.

Ein nicht mehr ganz junges Paar aus den USA verbrachte unabhängig voneinander sechs Tage im Krankenhaus. Sie wegen einer Knieverletzung, die sich entzündet hatte. Er wegen einer kaputten Schulter, die auf das Konto des zu schweren Rucksacks ging.

Wir sind bisher von schwerwiegenden Verletzungen dieser Art verschont geblieben. Die Füße sind das Kapital des Pilgers. Deshalb werden sie jeden Morgen sehr zeitaufwändig mit Vaseline eingesalbt und in zwei paar Spezialsocken gepackt.

Größter Risikofaktor vor Antritt der Pilgerwanderung waren bei mir zwei lädierte Knie. Erstaunlicherweise musste ich nur einmal auf Bandagen zurück greifen, als der Abstieg vom Gipfel unerträglich schmerzhaft wurde.

Als äußerst hilfreich erwiesen hat sich beim Wandern die Zickzack-Lauftechnik während des Abstiegs. Dadurch werden die Knie enorm entlastet.

Mit diesen Tipps aus dem Nähkästchen des Pilgers schicken wir hoffentlich schmerzfreie Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Melide!

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Die koreanische Camino-Connection

JAKOBSWEG, Tag 36 – 32 Kilometer von Portomarin nach Palas de Rei.

FÜR FRANZ

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Weil’s irgendwann langweilig wird, haken wir das Wetter ganz schnell ab. Wir sind auch heute wieder bis auf die Knochen nass geworden. 32 geschmeidige Auf-und-Ab-Kilometer sind trotzdem zusammen gekommen. Zweites Dauerthema: Volksmarsch gen Santiago. Auch das illustrieren Bilder besser als Worte – siehe unten.

Deshalb heute mal ein erbaulicheres Thema: Wer läuft eigentlich so den Camino?

Zu einer seriösen Recherche fehlen mir Energie, Zeit und zuverlässige Quellen. Deshalb erlaube ich mir im folgenden den einen oder anderen Schuss aus der Hüfte.

Kaum ein Herkunftsland, das uns während der vergangenen fünf Wochen nicht untergekommen wäre. Ob Brasilien oder Israel, Sibirien, Italien, Polen, Australien, Wales, Irland, Schottland, Norwegen oder Portugal – der Camino ist die UN-Vollversammlung auf Beinen.

Es gibt jedoch wenig Menschen, die mich mehr berührt haben als PilgerInnen aus Korea.

Wir leben in der Vier-Millionenstadt Montréal, die als Schmelztiegel der Nationen gilt. In unserem Freundeskreis gibt es Inder, Vietnamesen, Chinesen, Thailänder und Kambodschaner.

Koreaner kannte ich bisher nur vom Restaurant. Was für ein Versäumnis!

Seitdem wir auf dem Jakobsweg unterwegs sind, hatten wir das Vergnügen, ganz viele von ihnen kennen zu lernen. Alle, durch die Bank, sind eine Bereicherung für unser schon immer multikulturell ausgerichtetes Leben.

Ji hyun, die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, war die erste von vielen. Eine Comic-Zeichnerin mit einem Lächeln, das einen Inuit zum Schmelzen bringt. Und einem Humor, der nach einer 30-Kilometer-Strapaze gute Laune macht.

Byeong Kwan, der sich „BK“ nennt und mit seinem Durchhaltevermögen nach üblen Verletzungen von uns zum „Camino-Helden“ gekürt wurde. Der die Namen von Bundesliga-Spielern so selbstverständlich herunter betet, als handle es sich um koreanische Speisen. Und der über Jeden und Jede – ohne Ausnahme – nur Gutes zu sagen hat. Das trifft ganz besonders auf seine nordkoreanischen Landsleute zu.

Während des ersten Drittels unserer Reise waren Koreaner gefühlt die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe auf dem Camino.

Tatsächlich besagt die Statistik, dass Koreaner im Verhältnis zur Bevölkerungszahl des Landes ausgesprochen häufig auf dem Camino unterwegs sind.

Aber warum?

„BK“ hat uns dieses Phänomen so erklärt:

Wer in Südkorea nicht Buddhist ist und stattdessen einer christlichen Religions-Gemeinschaft angehört, ist in der Regel tief gläubig. Pilgern auf dem Camino gilt als ultimativer Beweis der Religionstreue.

„Mitsou“, selbst Buddhistin, hat eine weitere Erklärung dafür: Im koreanischen Fernsehen läuft zurzeit eine Reality-Show über den Camino.

Die Einschaltquoten seien enorm. Außerdem sei Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ auch in Korea ein Bestseller. Auch die Verfilmung sei ein Riesenerfolg gewesen.

Und wir so?

Sind wegen des Wetters heute etwas mürbe und ausgelaugt. Wir schleppen ohnehin nur das Allernötigste in unserem Schneckenhaus mit.

Wenn die paar Klamotten dann auch noch seit jetzt vier Tagen ständig nass sind, ist das zwar nicht schön. Aber es gehört eben auch zum Camino. Wie die traumhaft schöne Landschaft, durch die wir heute wieder gewandert sind.

Und die koreanischen Pilger, die unser Leben bereichert haben.

In diesem Sinne schicken wir an diesem feuchten Freitagabend buddhistische, christliche, gläubige und andere Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Palas de Rei.

BK sagt hallo!

„Mitsou“ sagt Prost!

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Wetter: Unverändert gruselig

JAKOBSWEG, Tag 35 – 28 Kilometer von Sarria nach Portomarin.

FÜR RICKY

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wir haben’s doch nicht getan. Das Pilgergewissen hat uns keine Ruhe gelassen. Deshalb sind wir heute früh nicht etwa mit dem Bus von Sarria nach Portomarin gefahren, sondern im strömenden Regen losgewandert.

Jetzt, 28 Kilometer später, sitzen wir wieder einmal völlig durchnässt in einem sehr bescheidenen Hostel und warten darauf, bis die paar Klamotten, die wir mit uns schleppen, aus dem Trockner kommen.

Lassen wir das mit dem Wetter. Nur so viel: Es nervt. Nach drei Tagen mit fast ununterbrochen Regen, Schnee und Sturm sehnen wir uns nach Wärme und Sonne. Morgen vielleicht?

Dem Wetterbericht nach eher nicht.

Ob wir vielleicht doch etwas ausgefressen hätten?, unkt der Freund aus Köln und nimmt dabei Bezug auf den lustigen Bayern, der uns in Kuba genau diese Frage gestellt hatte, nachdem wir ihm im Februar von unseren Camino-Plänen erzählt hatten.

Es ist wie es ist. Und überhaupt hat uns niemand auf den Jakobsweg geprügelt, auf dem wir heute seit genau fünf Wochen unterwegs sind. Die Entscheidung, dieses Abenteuer auf uns zu nehmen, haben wir bislang trotz einiger Frustmomente keine Sekunde lang bereut.

Man wächst an seinem Rucksack und den spürt man zunehmend weniger, wie wir heute beide unabhängig voneinander festgestellt haben. Wer dermaßen mit dem Wetter zu kämpfen hat wie wir in den letzten Tagen, kommt überhaupt nicht dazu, sich über solche Kleinigkeiten wie zu schwerer Rucksack, Wasserblasen an den Füßen oder Muskelkater aufzuregen.

Wenn uns etwas nervt, dann sind es die unglaublich vielen Menschen, die inzwischen auf dem Camino unterwegs sind.

Kein Vergleich zu den ersten Wochen, als wir manchmal stundenlang alleine waren, ehe uns andere Pilger begegneten. Oft verlor man sich dann zwar wieder aus den Augen, freute sich aber riesig, wenn man sich dann Tage später wieder begegnete.

Inzwischen kann man von Glück reden, wenn man ab und zu noch mit einem „Buen Camino“ begrüßt wird. Die meisten Menschen ziehen grußlos an einem vorbei.

Trifft man sich in einer Bar am Wegesrand, gibt es dort ein Geschubse um die besten Plätze „wie in einer Skihütte in der Hochsaison“, wie Lore heute feststellte.

Meistens sind es Tagestouristen oder Späteinsteiger, denen die letzten 100 Kilometer vor Santiago genügen, um nach der Ankunft kurz ihre Pilgerurkunde in Empfang nehmen zu können.

„Man fühlt sich zwischen all den Wandertouristen plötzlich als nichts Besonderes mehr“, schreibt mir Andrew aus Melbourne über WhatsApp, der wie wir fast 800 Kilometer auf dem Camino zurückgelegt hat.

Aber der Camino gehört allen und jeder soll auf seine Art die Erfüllung finden, die er sucht. Nur würde ich mir wünschen, dass auch die Kurzzeitpilger dem Jakobsweg den nötigen Respekt zollen.

Sich an einer Dorfkirche gegenseitig abzulichten, wie man die Kirchenglocken zum Läuten bringt, indem man sich an die Seile hängt, ist sicherlich nicht in Jakobus‘ Sinne.

Vielleicht geht uns an regnerisch-kalten Tagen wie diesen aber auch einfach die nötige Gelassenheit ab, um mit der neuen Wirklichkeit auf dem Camino umzugehen.

So erhoffen wir uns für morgen freundlichere Mitpilger, weniger Regen und wenn’s geht mal wieder Sonne und trockene Wanderklamotten.

In diesem Sinne schicken wir versöhnliche Grüße in die hoffentlich trockenere Welt da draußen und sagen:

Buen Camino aus Portomarin.

Wir sind endlich in Rente!

Seit heute weniger als 100 Kilometer bis Santiago.

Unterwegs auf dem Schlammino

JAKOBSWEG, Tag 34 – 19 Kilometer von Samos nach Sarria

FÜR JOHN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt  


Die gute Nachricht: Es hat heute nicht geschneit. Die nicht so gute: Es hat geregnet. Die noch weniger gute: Es hat nur einmal geregnet, nämlich den ganzen Tag. Und jetzt die schlechte Nachricht: Morgen soll das Wetter noch gruseliger werden als heute. Und jetzt?

Der heutige Marsch auf dem Camino wurde zu einer stundenlangen Schlammschlacht. In einem Dorf ohne Namen war der Pilgerpfad wegen eines Erdrutsches zeitweise geschlossen. Ein Wohnhaus war teilweise abgebrochen. Rettungstrupps waren im Einsatz. Fotos davon gibt’s leider nicht. Wir hatten mit unserem eigenen Weiterkommen zu kämpfen.

Aber wir haben die Schlacht gewonnen! Jetzt sind wir zwar nass bis auf die Haut, aber heil, hungrig und zufrieden in einer hübschen **Herberge in Sarria angekommen.

Nach den extrem anstrengenden letzten beiden Tagen wollten wir heute eigentlich eine entspannte 10-Kilometer-Strecke von Samos nach Sarria zurücklegen. Doch Google spinnt!

Es wurden erstens 19 Kilometer daraus und zweitens ist es alles in allem ziemlich unentspannend, seinen 70 Jahre alten Luxuskörper stundenlang im strömenden Regen durch den Schlamm zu schleppen.

Und weil das Wetter morgen erst richtig gruselig wird – strömender Regen und dazuhin noch richtig kalt -, sind wir im Moment etwas ratlos. Einen Tag Pause in Sarria einlegen, das mit 13tausend Einwohnern zu den größeren Orten am Camino gehört? Oder von hier aus zum ersten Mal eine Tagesstrecke mit dem Bus zurücklegen?

Zu Fuß werden wir die Etappe nach Portomarin wohl nicht schaffen können. Das Wenige, das wir dabei haben, ist völlig durchnässt. Und jetzt gehen uns auch noch die trockenen Klamotten aus.

Außerdem ist die Rutschgefahr auf den verschlammten Pfaden nicht zu unterschätzen. Ein Sturz und der Camino könnte für uns – Achtung, Wortwitz! – gelaufen sein.

Dabei hatte der Tag heute früh in Samos trotz des Dauerregens ausgesprochen freundlich angefangen. Im Gespräch mit dem Kneipier in der Frühstücksbar konnte ich endlich eine Friseurin ausmachen, die mir den Pilgerbart stutzt – nicht zum ersten Mal, wie sich treue BlogleserInnen erinnern.

Damals war es eine wunderbare Frau namens Olga, die mir in einem Dorf ohne Namen den Bart schnitt und als Bezahlung um zwei angezündete Kerzen für die Mama bat, wenn wir dann in Santiago ankommen.

Die heutige Bartpflegerin hieß Loretta und stammt aus Paraguay. Nach Galicien war sie gekommen, weil ihre Schwester vor 13 Jahren in Spanien unterwegs war und mit dem Auto verunglückte. Loretta flog von Südamerika nach Europa, um ihrer Schwester zu Hilfe zu kommen. Dabei lernte sie in Samos ihren jetzigen Mann kennen – und blieb.

Was kann romantischer sein, als sich den Pilgerbart von einer Friseurin trimmen zu lassen, die sich der Liebe wegen am anderen Ende niedergelassen hat?

So – und wir jetzt? Vielleicht könnte Sankt Jakobus ja bei seinem Bruder Petrus ein Wort für uns einlegen, damit wir morgen doch wandern können und nicht fahren müssen.

In diesem Sinne senden wir hoffnungsfrohe Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Sarria!

Schnee. Regen. Hagel. Camino.

JAKOBSWEG, Tag 33 –  24 Kilometer von Fonfría nach Samos

FÜR LINDA

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Heute sind wir durch eine der bisher schönsten Gegenden gewandert. Oder sagen wir mal so: Es hätte so schön sein können. Leider hat es geschneit. Und gehagelt. Und geregnet. Und gestürmt. Der April macht eben auch in Galicien, was er will.

Lore trotzdem: „Es war wie im Märchen“. Ich: „Morgen machen wir mal einen Tag halblang“.

Nach mehr als einem Monat on the road und knapp 120 Kilometer vor Santiago, leisten wir uns morgen den Luxus, unsere tragbaren Schneckenhäuser bereits nach 10 Kilometern abzulegen und in Sarria Pause zu machen.

Sarria ist für galizische Verhältnisse so etwas wie der Nabel der Welt. Es hat 14.000 Einwohner und bietet eine Auswahl von Herbergen, wie wir sie schon lange nicht mehr hatten.

Morgen, liebe Freunde, übernachten wir ZWEI STERNE. Schon gebucht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Aber erst mal zu heute:

Ein Blick von unserem Herbergszimmer in den Friedhof von Fonfría: Gruselig.

Die Gräber sind mit Schnee bedeckt. Erinnerungen an kanadische Winter werden wach. Müssen wir uns das wirklich antun?

Nein, müssen wir nicht. Aber wir tun’s trotzdem. Und schnallen unsere Schneckenhäuser auf den Rücken und wandern los, als wären wir heimatlos.

Sind wir ja auch zurzeit. Aber der Camino ist auch so etwas wie Heimat für uns geworden. Neue Heimat. Schöne Heimat. Manchmal kalte, manchmal heiße Heimat. Heute nasse Heimat.

Aber da müssen wir durch. Durch den Schnee, den Regen, den Hagel. Die nasse Heimat. Wobei: Vor Kälte und Schnee fürchten wir Kanadier uns nicht. Es ist die Rutschgefahr beim Abstieg, die uns zögern lässt. Aber da gehen wir durch.

Und durch eine Märchenlandschaft, die auch im Regen noch so schön ist, dass du niederknien möchtest. Ums Haar hätte ich genau das getan, als ich beim Abstieg von 1300 auf 530 Höhenmeter ins Rutschen kam.

Aber natürlich hätt auch heute wieder alles jot jejange, wie meine Kölner Freunde sagen würden.

Was die Landschaft von heute betrifft: Sie war so unwirklich schön, dass man zeitweise glaubte, man spiele pilgern vor einer Theaterkulisse.

Ein verwunschenes Dorf nach dem anderen. Dann rein in die Eukalyptus-Wälder, vorbei an Bärlauch-Gewächsen, deren Anblick allein schon eine verdauungstechnisch unruhige Nacht verspricht. Knoblauch wirkt. Auch bei Pilgern.

Während ich hier in einer Bar ohne Namen in einem Dorf namens Samos diesen Text ins Handy tippe und nebenher Häppchen mit Sardinen und lokalem Käse verdrücke, spüre ich ein weiteres Mal so etwas wie Dankbarkeit in mir hochziehen.

So schicken wir inzwischen schneefreie Grüße in die weite Welt hinaus und sagen:

Buen Camino aus Samos!

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