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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Und was machen Sie so nachts?

Eigentlich wollte ich mich heute mit einem Kumpel beim Portugiesen zum Mittagessen treffen. Wir machen das öfter mal. Dann tafeln wir ein wenig und reden viel. Und hinterher haben wir natürlich die Welt gerettet, klar.

Den Termin für heute musste mein Freund absagen. Er hatte nämlich kurzfristig für 03:45 Uhr einen Krankenhaustermin für den Bluttest bekommen. Viertel vor vier Uhr morgens. Könnte gut sein, dass er dann später beim Mittagessen eingenickt wäre.

Ganz unrecht ist es mir gar nicht, dass mein Lunch-Date abgesagt hat. Ich habe nämlich heute auch einen Krankenhaustermin. Um 20 Uhr geht’s im General Hospital in die Röhre. Freitagabend, 20 Uhr.

Ich stelle mir gerade vor, wenn uns älteren Herren jemand zuhört:

„Was machst Du denn so am Freitagabend?“

„Naja, um acht lege ich mich kurz in die Röhre, danach geht’s ins Bett. Und du?“

„Ich war heute früh um Viertel vor vier zum Bluttest im Krankenhaus. Muss mich erst mal ausruhen.“

Eigentlich wollte ich einen fröhlichen Blog über das kanadische Gesundheitswesen schreiben und wieviel Respekt ich vor den Männern und Frauen habe, die für wenig Geld Tag und Nacht arbeiten, um für uns da zu sein.

Doch dann ist mir der Spaß vergangen. Wie es der Zufall will, lese ich eben:

EINE KOMMISSION SCHLÄGT FÜR DIE ABGEORDNETEN DES QUEBECER LANDTAGS EINE GEHALTSERHÖHUNG UM 21 PROZENT VOR.

Geht’s noch?

Ja, es geht noch schlimmer. Wie sieht’s eigentlich bei den Quebecer Krankenschwestern finanziell so aus?

Schlecht. Es gibt viel zu wenige von ihnen und die verdienen dann auch noch viel zu wenig Geld. Als sie neulich mit Streik gedroht haben, hat ihnen die Quebecer Regierung ein tolles Angebot gemacht: 9 Prozent mehr Lohn, verteilt auf die nächsten 5 Jahre.

Na super. Jetzt wissen wir endlich, wo hier die Prioritäten liegen.

Während die einen Wasser predigen und Wein trinken, stehen die anderen morgens um 03:30 Uhr auf der Matte, um meinem Kumpel Blut abzuzapfen. Oder um mich am Freitagabend in die Röhre zu stecken, wenn andere feiern gehen.

Friday Night Fever. Ich könnte mich wegschmeißen vor Lachen.

Die Hitze nach dem Eissturm

Zu heiß, zu kalt – oder doch gerade richtig? Das mit der perfekten Kleidung müssen wir noch üben.

Noch vor einer Woche bibberten wir hier mitten im schlimmsten Eissturm seit 25 Jahren. Gestern ist der Sommer ausgebrochen. Vielleicht besser: der „kleine Sommer“. So nennen die Mallorquiner eine vorübergehende Warmwetterperiode mitten im Winter.  Das Thermometer kletterte in Montreal heute auf rekordverdächtige 27 Grad Celsius. Zeit, um das eBike aus dem Winterschlaf zu küssen.

Abstauben, ein paar Atü Luft nachpumpen, Gepäcktasche festzurren, die frisch geladene Batterie anschließen – und los geht’s. Wenn’s schon zum Gehen nicht mehr reicht, dann soll die schlaffe Beinmuskulatur wenigstens beim Treten aktiviert werden.

Auf- und Absteigen sind eine Tortur. Aber sitzt man erst einmal im Sattel, fühlt man sich wie King of Kotlett.

Die größte Herausforderung ist nicht die körperliche Anstrengung. Die hält sich bei einem eBike mit Zuschaltmotor ohnehin in Grenzen. Es ist vielmehr die Frage: Was ziehe ich an? Kann man dem Thermometer überhaupt trauen?

Der junge Postbote im Aufzug (ja, der Lift funktioniert wieder) hatte mich gewarnt. „Viel zu warm, deine Klamotten“, meinte er zwischen 6. Stock und Tiefgarage. „Die Jacke wirst du spätestens an der Charlevoix-Brücke ausziehen“.

Der ältere Herr, der mich Minuten später beim Aufsteigen beobachtet, macht sich Sorgen um mich: „Sie werden frieren!“

Der Postbote hatte recht. Schon nach weniger als einem Kilometer steht mir der Schweiß auf der Stirn.

Wer einmal über das Kopfsteinpflaster der Montrealer Altstadt geradelt ist, weiss, wie wertvoll ein gut gepolsterter Sattel (oder Hintern) sein kann. Aber auch das ist nur ein kleiner Preis für so viel wiedergewonnene Freiheit.

Es wurden dann doch um die 35 Kilometer. Noch ging es nicht in den Hexenkessel Innenstadt. Ich solle mir beim ersten Mal nicht zu viel zumuten, hatte mich mein häufiger Mitradler Marc per SMS aus der Ferne gewarnt. Dr. Marc hat Recht. Er ist Kardiologe und kennt sich mit körperlichen Grenzerfahrungen aus.

Marc selbst hatte übrigens sein Fahrraddebüt fast gleichzeitig wie ich, aber weit im Norden von Ontario. Auf dem Foto, das er mir schickt, sehe ich im Hintergrund viel Eis und Schnee.

Meine eBike-Premiere23 hat wunderbar geklappt. Traurig war allerdings der Anblick der vielen abgeknickten Bäume – Erinnerungen an den Eissturm vor einer Woche.

Heute geht’s in die zweite Runde. Vielleicht doch wieder Innenstadt?

Die etwas anderen Feiertage

WIR SIND WIEDER UNTER STROM: Nach drei Tagen und Nächten ohne Elektrizität hat uns die Welt wieder.

Noch funktioniert der Aufzug in den 6. Stock nicht und die Folgen des Eissturms sind vor allem in der Stadt noch lange nicht ausgestanden.

Aber hier auf dem Land erinnert kaum noch etwas an den Blackout’23, der mehr als eine Million Haushalte in Montreal und Umgebung lahmgelegt hat.

Viele unserer Freunde sind an diesem kalten Wochenende noch immer ohne Heizung, ohne Licht, ohne warme Mahlzeiten.

Ihnen gelten unsere ganz besonderen Ostergrüße. Aber auch allen anderen wünschen wir:

Frohe Ostern – Joyeuses Pâques – Happy Easter – Felices Pascuas.

Eissturm – und kein Ende in Sicht

TRÜGERISCHE RUHE im Farmhaus: Draußen tobt noch immer der Sturm.

Manchmal kannst du einfach nicht gewinnen. Als vor genau 48 Stunden bei einem Eissturm in Montreal der Strom ausfiel, sind wir aufs Land geflüchtet. Hier, so dachten wir, sei die Welt noch in Ordnung. War sie auch – bis vor vier Stunden. Jetzt haben wir auch hier keine Stromversorgung mehr.

Fürs Internet wird der Datenplan des Handys strapaziert. Geladen werden die mobilen Geräte im Auto.

In Montreal haben noch immer eine halbe Million Menschen keinen Strom. Auch unsere Stadtwohnung liegt noch immer im Dunkeln, textet mir eben eine Nachbarin. Nicht einmal die Notaggregate liefern Strom für die Beleuchtung der Gänge, Treppenhäuser und Tiefgaragen. Es fehlt an Diesel. Der ist offensichtlich in Montreal knapp geworden.

Dutzende von Menschen seien mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, entnehme ich den Nachrichten. Sie hatten ihre Diesel-Aggregate im Wohn- oder Schlafzimmer benützt und nicht für die entsprechende Entlüftung gesorgt.

In der Farm lässt es sich auch ohne Elektrizität einigermaßen gut leben. Für eine wohlige Wärme bei diesen kalten April-Temperaturen sorgt ein Holzofen. Darauf wird Suppe gekocht und Kaffeewasser heiß gemacht – es fehlt uns an nichts.

Das heißt doch: Die Farm wird von einem eigenen Brunnen versorgt, der wiederum eine Elektropumpe benötigt. Klar, daß auch die vom Stromausfall ausser Gefecht gesetzt wurde. Notfall-Rationen von Trinkwasser gehören zur Standardurüstung vieler kanadischer Haushalte.

Sobald der Strom zurückkommt, muss der Brunnen wieder aktiviert werden. Wie? Das hat die Frau an meiner Seite schon jetzt auf YouTube gelernt. Was kann da schon schiefgehen?

Der Blick durchs Fenster versöhnt uns mit der Welt. Ein stahlblauer Himmel schickt Sonne en masse in die wohlig temperierte Stube. Nur der Sturm, der noch immer durch die nahegelegnen Wälder und über die Äcker fegt, brüllt uns zu: Noch seid ihr nicht ganz aus dem Schneider, Freunde!

Ein bisschen mehr Ruhe würde nicht schaden, so kurz vor Ostern. Aber was will man auch von einer Woche erwarten, die schon mit einem Wasserschaden in der Wohnung begonnen hatte? Ein Waschmaschinen-Schlauch war gerissen und hatte das Wohnzimmer teilweise unter Wasser gesetzt.

Aber es gibt für (fast) alles eine Lösung. Man braucht nur Zeit. Eine handwerklich talentierte Frau. Und gute Nerven.

Frohe Ostern allerseits!

Die Flucht vor dem Eissturm

Es ist der schlimmste Eissturm in Kanada seit 25 Jahren – und wir sitzen mal wieder mittendrin. Seit gestern sind allein in der Stadt Montreal mehr als eine Million Menschen ohne Strom. Gefrierender Regen hatte sich bis zu 3 cm dick auf die Elektroleitungen gelegt und die Energieversorgung weitgehend zum Erliegen gebracht.

Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Viele Supermärkte arbeiten mit Notversorgung. Ein Glück: Arbeiten vom Home-Office gehört nach Corona inzwischen bei vielen zum Alltag.

Die meisten Kanadier heizen mit Strom, wir auch. In der wasserreichen Provinz Quebec ist das noch immer die kostengünstigste Energiequelle.

Doch ohne Strom  gibt’s keine Heizung im kalten kanadischen April. Handy, Tablet und Laptop geht der Saft aus. Kochen? Kaffee? Heißes Wasser? Fehlanzeige.

Wer, wie wir, in einem großen Wohnkomplex im Stadtzentrum von Montreal lebt, ist den Regeln einer Gemeinschaft ausgeliefert. Selbst in den Fluren gingen die Lichter aus. Offensichtlich hat auch der Backup-Plan versagt.

Das Tor der Tiefgarage blieb lange Zeit verschlossen. Erst ein krisenerprobter Mitbewohner kannte den „Trick mit der Kette“. Dadurch ist es uns nach Stunden des Wartens gelungen, der Eisfalle zu entkommen.

Inzwischen sind wir aufs Land geflüchtet. Hier lässt es sich am Holzofen aushalten. Wie durch ein Wunder war die Stromversorgung hier durch den Eissturm so gut wie nicht unterbrochen.

In der Stadt dürfte es im Laufe des Freitags wieder Strom geben. Das wären dann zwei Tage und Nächte ohne Elektrizität. Gut eine halbe Million Haushalte müssen bis Samstag warten, ehe sie wieder Strom haben.

Kein Vergleich zum „Jahrhundert-Eissturm“ von 1998. Damals sind 28 Menschen erfroren. Viele von uns hatten drei Wochen keinen Strom.

Viel gelernt zu haben scheint der staatliche Energieversorgungs-Unternehmer „Hydro Quebec“ seither nicht. So werden auch heute noch die meisten Stromleitungen überirdisch verlegt. Selbst in Millionenstädten wie Montreal ragen in den meisten „Quartiers“ hölzerne Strommasten wie Fremdkörper aus der Erde.

Ganz sorgenfrei lebt es sich aber auch hier auf dem Land nicht. Wir müssen die Situation in der Stadt im Auge behalten. Sollte der Stromausfall noch lange anhalten, müsste in der Stadtwohnung irgendwann die Gefriertruhe geräumt werden.