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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Urlaubs-Ende: Danke und tschüss!

Diesen Blogpost schreibe ich bei 33.5 Grad Außemtemperatur auf dem Beifahrersitz. Wir sind auf der Heimreise. Im Moment fahren wir durch einen Teil Québecs, der zu den schönsten gehört. Der Golf des St. Lorenz-Stroms zur rechten, Milchfarmen zur linken. Und immer wieder Wald, Wald, Wald.

Wir haben die maritimen Provinzen Nova Scotia und New Brunswick nur schweren Herzens verlassen. Wir werden wiederkommen.

Es ist gut, zwischendurch Dinge aus der Ferne zu betrachten, die einem nach vielen Jahren allzu vertraut geworden sind. Der Sprachenstreit in Québec, die Unerbittlichkeit, mit der die Regierung auf die Eigenständigkeit ihrer „Nation“ pocht – das alles macht einem das Leben als Zugewanderter oft nicht einfach.

Wir haben uns ein bisschen in die Leichtigkeit von Nova Scotia verliebt: In seine Menschen, seine Küsten, seine Strände, seine Architektur, seine Gastronomie, seine Lebensart.

Menschen am Meer ticken anders als Binnenländler wie wir. Ihr Horizont scheint sich den Regeln des Ozeans anzupassen. Weit, groß, stolz, stark.

Schade, dass wir zum Schluss unserer Reise noch ausgebremst wurden. Wir hätten gerne noch ein paar Tage am Ufer des St.-Lorenz-Stroms verbracht, in Dörfern wie Rivière-du-Loup, Cacouna, Saint-Jean-Port-Joli oder Trois-Pistoles.

Aber auch nach stundenlangem Surfern waren keine bezahlbaren Übernachtungs-Möglichkeiten mehr zu finden. Wir sind nicht die Einzigen, die ausgehungert nach Tapetenwechsel gesucht haben.

Der erste Urlaub nach unserer Rückkehr aus Mallorca im März 2020 geht also zu Ende. Lore war und ist eine großartige Kapitänin auf unserem Schiff auf Rädern, das wegen meiner eingeschränkten Sehfähigkeit nur mit halbem Segel gefahren werden konnte.

Cassian war, ehe er nach einer Woche nach Montreal zurückfliegen musste, ein wunderbarer Reisebegleiter. Und auch unser Autole kriegt am Ende dieser 4000 Kilometer langen Reise einen Kuss auf den Kühler. Bis auf den vorlauten Bordcomputer, der glaubte, uns immer wieder zu Ruhepausen überreden zu können, gab es nichts zu meckern.

Genau 441 Kilometer sind es noch nach Montreal, lese ich eben mit halbem Auge auf dem Navi. Ich merke, wie in mir wieder ein Kribbeln hochzieht. Meine morgendlichen Spaziergänge auf den Boulevard-Saint-Laurent, über die Rue St. Denis, quer über den Alten Hafen, den täglichen Gang durch die Markthalle, Chinatown, den Blick vom Schlafzimmerfenster aus über den Lachine-Kanal – darauf freue ich mich sehr.

Aber gefehlt hat mir während der vergangenen zwei Wochen: nichts, nada, niente.

Ich glaube, man nennt es einen gelungenen Urlaub.

Danke, dass sich so viele neuen Blogleser für die täglichen Geschichten interessiert haben. Mir war es eine Freude, meine Gedanken, Erfahrungen und Eindrücke mit Tausenden von Menschen in aller Welt zu teilen.

Die Pickup-Parade von Bathurst

Wir sind auf der Heimreise. Viel gab es auf der siebenstündigen Fahrt von Baddeck/Nova Scotia bis zu unserer ersten Übernachtungsstation in Bathurst/New Brunswick nicht zu sehen. Dafür bot die Kneipe an der Main Street, wo wir unsere Kaltgetränke zu uns nahmen, umso mehr.

In weniger als einer Stunde fuhren Pickup-Trucks in allen Farben, Besetzungen und Variationen an uns vorbei. Auch wenn es ein Donnerstagabend war, umgab uns ein Hauch von Saturday Night Fever.

Pickups gehören zur nordamerikanischen Kleinstadtkultur wie McDonald’s, Bingo-Abende und Treffen der Kriegsveteranen in den Legion Halls.

Travis, unser Kellner, meinte, im Sommer gehe hier jeden Abend die Post ab. Das sieht dann so aus:

Und hier noch einer auf dem Parkplatz unseres Motels in Bathurst.

Mehr Natur geht nicht: Wale, Wiesen, Berge und Meer

Links macht der Bauer Heu, rechts wirft der Fischer seine Lobster-Reusen aus. Irgendwo dazwischen vergnügen sich in einer pittoresken Bucht Wale. Und wäre da nicht der Wagen, der hin und wieder nach mehr Sprit verlangt, könnte man meinen, man sei im Öko-Paradies gelandet.

Der „Cabot Trail“, der mehr als 300 Kilometer durch Cape Breton im Norden von Nova Scotia führt, gehört zu den schönsten Gegenden, die ich in Kanada je gesehen habe. Die Rocky Mountains im Westen mögen gewaltiger sein, die Seen in Manitoba einzigartiger. Aber nirgendwo ist mir bisher diese Mischung aus maritimem Charme und geballter Natur begegnet.

Benannt nach Giovanni Caboto, einem italienischen Seefahrer, der hier 1497 Jahren an Land ging und den Ureinwohnern vom Stamme der MicMac ein freundliches Buen Giorno zurief, schlängelt sich der Rundkurs durch zahlreiche Settlements der indigenen Völker. Vor allem aber führt der Trail durch eine atemberaubend schöne Landschaft.

Das Meer trifft hier auf spätsommerlich gemähte Wiesen. Dörfer mit unaussprechlichen Namen schmiegen sich an spektakuläre Felsen. Und immer mal wieder ein Landhotel, ein Campingplatz, ein Wanderweg oder ein Restaurant, das sich mit Müh’ und Not gerade noch an einem atemberaubend steilen Kliff festklammert – und uns heute den besten Clam Chowder unseres Lebens serviert hat.

Irgendwo an einem Kliff taucht wie aus dem Nichts eine Siedlung auf, bestehend aus lauter

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Igloo am Meer. Komplett mit Fass-Sauna, Dusche und Jacuzzi.

Igloos. Nein, die Inuit waren nicht auch schon hier. Es sind Ferien-Cottages, die komplett mit Dusche, Sauna und Whirlpool zu mieten sind.

So ganz nebenbei spielte die Natur heute den ganzen Tag über noch Kulissenschieber in diesem Theater, das sich Cape Breton nennt. Mal bekamen die Gipfel der Berge Wolkenhütchen aufgesetzt, mal traute sich der Nebel bis runter ins Tal. Wenn aber dann die Sonne schien, was sie fast den ganzen Tag tat, dann brannte sie sich fast unbarmherzig ins Schiebedach.

Bei Temperaturen von um die 28 Grad haben wir einen ungewöhnlich heißen Tag in dieser nicht gerade von der Sonne verwöhnten Region erwischt.

Nicht weiter schlimm. In Montreal stöhnten die Menschen heute unter einer Hitzeglocke von 40 Grad. Wir können es mit unserer Rückreise erwarten.

Nicht nur wegen der Temperaturen.

DER CABOT TRAIL (rot markiert): 300 Kilometer Schönheit pur.

Cape Breton – ein kanadisches Juwel

Wer an einem milden Augustabend auf der Terrasse eines Landhotels an der kanadischen Atlantikküste sitzt, in dem schon der Erfinder des Telefons, ein gewisser Mr. Alexander Graham Bell, genächtigt hat, darf ruhig mal ein Grinsen aufsetzen, das vielleicht nicht besonders fotogen ist, dafür aber von Herzen kommt.

Wenn der Blick dann noch über das spätsommerliche Meer wandert, wird das Grinsen zum Lachen.

Ich glaube, man nennt es Reiseglück, was wir zurzeit erleben.

Wir sind in Cape Breton angekommen, einem weiteren Höhepunkt auf unserer Reise durch die kanadische Atlantikprovinz Nova Scotia. Halifax haben wir – nicht ganz ungern – am Morgen hinter uns gelassen.

Dreieinhalb Autostunden später sind wir in dem Dorf Baddeck gelandet. Vorbei an Seen, Inseln und Meeresengen. Vor allem aber vorbei an Wald, Wald und nochmal Wald. Cape Breton gilt als das eigentliche Juwel der Provinz Nova Scotia. Hier treffen sich Fisch und Lobster, Wald und Wiesen, Berge und Täler, Meer und Seen – ein Mikrokosmos aus einer anderen, wunderbaren Welt.

Es ist im Laufe vieler Jahre schon der vierte Versuch, Cape Breton zu erkunden. Dreimal zuvor hatte uns das zickige Wetter, für das die kanadische Atlantikküste bekannt ist, ausgebremst.

Heute hatten wir unverschämtes Glück: Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, hochsommerliche Temperaturen. Und dann noch – darf man das überhaupt sagen? – ein nicht unangenehmer Nebeneffekt der Pandemie: Kein Massentourismus, keine Verkehrsstaus, keine Schlangen vor den Restaurants.

À propos Restaurants: Das Essen, das wir gerade in dem winzigen Ort Baddeck zu uns genommen haben, war schlicht fantastisch. Selten hat der Fisch so herrlich geschmeckt wie hier, wurden Salat und Gemüse so taufrisch serviert wie im „Telegraph House Restaurant“.

Wer nie Wein aus Nova Scotia getrunken hat, sollte beim nächsten Besuch im Liquor Store nach einer Flasche „Tidal Bay“ verlangen. Wer dann noch verwegen genug ist, einen Schuss „Maple Vodka“ hinterher zu schicken, wird garantiert dafür belohnt, Urlaub daheim zu machen, anstatt der Pandemie zum Trotz in ferne Länder zu reisen. Auch wenn das „Daheim“ gute 14 Autostunden entfernt ist.

Und sonst so? Freuen wir uns auf morgen. Da machen wir uns auf den Weg auf den „Cabot Trail“ – eine ganztägige Rundreise durch eine der schönsten Landschaften, die Kanada zu bieten hat.

Vielleicht freuen Sie sich ja ein wenig mit uns.

Halifax: Unspektakulär schön

BLICK AUS DEM HOTELFENSTER: Downtown Halifax.

Halifax ist, sagen wir mal, nicht ganz das, was man sich unter der Hauptstadt einer wichtigen kanadischen Provinz wie Nova Scotia vorstellt. Die Stadt mit ihren gut 400.000 Einwohnern strahlt eine unspektakuläre Schönheit aus, wie man sie auch in Manitoba, Saksatchewan oder New Brunswick vorfindet. Nur: Halifax liegt am Meer. Und das ist für eine Landratte wie mich schon mal etwas Besonderes.

Nicht Fisch und nicht Fleisch„, hätte Papa Bopp gesagt. Wobei schon eher Fisch, denn es gibt eine ganze Reihe von Seafood-Restaurants, in denen es sich einzukehren lohnt.

Trotzdem haben wir die zwei Tage hier sehr genossen. Halifax ist eine Stadt zum Durchatmen. Nicht hektisch genug für eine Großstadt, nicht cool genug für einen Ferienort. Es ist eine Stadt, die lebt – ob mit oder ohne Touristen. Das gilt besonders für die Kneipenszene. Kaum eine Straßenecke, an der nicht ein Pub zum Verweilen und Auftanken einlädt.

Die Zahl der Touristen hielt sich in Grenzen. Keine Menschenschlangen vor den Lokalen, keine Wartezeiten an der Fähre zwischen der gegenüberliegenden Stadt Dartmouth und Halifax. Alles schön entspannt.

Auch die Überquerung der 102 Meter hohen und 1.3 Kilometer breiten MacDonald Bridge zu Fuß sorgte für Urlaubsfeeling.

Die Innenstadt von Halifax ist mit seiner Mischung aus Glaspalästen und schlichten Holzhäusern architektonisch zwar nicht uninteressant. Aber charmant ist anders. Dass Halifax der wohl bedeutendste Marinehafen Kanadas ist, mag man abends in den Kneipen der Stadt spüren. Tagesbesucher wie wir bekommen allenfalls ein bisschen von der Optik mit, die sich von der Brücke aus bietet.

Vielleicht liegt der mangelnde Charme der Stadt daran, dass Halifax eine äußerst tragische Vergangenheit hat. Vor 104 Jahren, am 6. Dezember 1917, hatte es bei einer Explosion zwischen zwei Schiffen mehr als 2000 Tote gegeben, 9000 weitere Menschen wurden verletzt. Viele Bewohner von Halifax verloren durch die Katastrophe ihr Hab und Gut.

Ein französisches Frachtschiff, voll mit hochexplosiven Materialien, war in der Bucht von Halifax mit einem norwegischen Frachter kollidiert. Die Wucht der Detonation wird häufig mit der Explosion einer Atombombe verglichen.

Die Geschichte von Halifax und der atlantischen Region drumherum ist sehr anschaulich im Maritime Museum of the Atlantic dargestellt. Besonders sympathisch: Das überaus reichhaltig bestückte Museum erhebt keinen Eintrittspreis.