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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Wie Max uns in Atem hielt

MAX UND MICHELLE: Happy End am Samstagabend.

Gute Menschen, schlechte Menschen. Und mittendrin ein Hund namens Max. Max ist der Hund von Cassians Freundin Michelle. Das liebste Tier – nach unserer Bella natürlich -, das der Hundehimmel je auf diese Erde geschickt hat.

Der Tag hatte, wie die meisten Tage in meinem Leben, mit einer ausgedehnten Stadtwanderung begonnen. Über den Mont-Royal mit seinen verwunschenen Ecken und wunderbaren Aussichten. Danach Mittagessen beim Portugiesen und Cappuccino bei der immerzu lächelnden Taiwanesin an der Rue Prince-Arthur.

Schön war’s, aber auch ein bisschen anstrengend. Zehn Kilometer zu Fuß in der Großstadthitze packt auch ein Camino-Wanderer mit seinen 72 Jahren nicht mehr einfach so weg. Zeit, um nach Hause zu gehen.

Kurz vor der Wohnung dann die Textnachricht von Cassian: „IN MICHELLES APARTMENT IST EINGEBROCHEN WORDEN. MAX IST VERSCHWUNDEN!“

Der Gedanke daran, dass am hellichten Nachmitag in eine Wohnung eingebrochen worden sein soll, war abscheulich genug. Dass seither aber auch noch ein Hund wie vom Erdboden verschuckt war, ein Tier, das auch uns lieb geworden ist, war kaum auszuhalten. Wer je im Leben ein Haustier besessen hat, weiss, wovon ich rede.

Jetzt begann eine beispiellose Großfahndung.

Im Auto und zu Fuß suchte, wie es schien, die halbe Stadt nach Max. In Westmount und St. Henri, in Pointe St. Charles und Griffintown. Facebook und Instagram strengten sich an, Max zu finden – ohne Erfolg.

Flyers wurden gedruckt und aufgehängt und an völlig unbekannte Menschen verteilt, Dutzende von ihnen. Und alle versprachen sie, nach Max Ausschau zu halten. Und hielten ganz offensichtlich Wort.

Max, der liebe, sonst so häusliche Max, wurde zum Phantom. Und die Vier-Millionenstadt zum Heuhaufen, in dem es eine Stecknadel zu suchen galt.

Er sei an der Uni-Klinik, weit draußen im Westen, gesehen worden, hieß es. Dann wieder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt bei uns in der Nähe. Auch über die Bahnschienen an der Rue St. Ambroise war er wohl gerannt.

Und dann ein freundlicher Mann mit der Horrornachricht: „Tut mir leid, Ihr Hund ist vorhin von einem Auto angefahren worden“.

Entsetzlicher geht’s nun wirklich nicht. Aber das war zum Glück nur die halbe Wahrheit.

Die ganze Wahrheit war: Max hatte versucht, die Atwater Avenue zu überqueren, eine bei Tag und Nacht vielbefahrene, vierspurige Fahrbahn, die an der Markthalle vorbeiführt. Zwei Autos mussten scharf abbremsen und streiften sich dabei wohl auch ein ganz kleines bisschen, während Max unverletzt in Richtung Altstadt weiterrannte.

Zweimal habe ich ihn gesehen, jeweils nur für ein paar Sekunden. Und weg war er.

Eine junge Frau hatte ihn von ihrem Balkon in St. Henri aus entdeckt, kam zur Haustür heraus gerannt, als sie mich mit den Plakaten in der Hand sah, nur um mir zu sagen: „Hier war er eben noch, ich schwöre, er ist eben um diese Ecke gerannt.“

Und dann der Mann, um die fünfzig, nicht ganz schlank wie ich, spurtete eine Straße nach der anderen ab. Von Ost nach West, von Süd nach Nord – ohne Erfolg.

„Du suchst einen Schäferhund?“, fragte mich eine ältere Frau mit Pudel nach gut zwei Stunden. „Er ist gerade an mir vorbei in Richtung Alt-Montreal gelaufen“.

Das Netzwerk funktionierte – und immer wieder klingelte das Handy, kam eine SMS oder lief ein Passant auf mich zu, der den Flyer gelesen hatte.

Cassian war, wie ich, zu Fuß unterwegs, Lore im Auto, Michelle joggend, ganz viele Leute, denen ich die Flyers unter die Nase gehalten hatte – alle suchten sie jetzt nach dem lieben, inzwischen bestmmt total verängstigten Max. Dank der zahlreichen Augenzeugenberichte konnten wir jetzt zumindest die Stadtteile eingrenzen, in denen sich unser Sorgenkind aufhalten muss.

Und dann, die Sonne war gerade am Untergehen und es wurde langsam Nacht, Michelles Entwarnung per SMS: „Wir haben ihn!‘

Max war in die Hände seines Frauchens gelaufen. Buchstäblich. Irgendwo zwischen Markthalle und dem Alten Hafen. Einige Kilometer weit weg von der geplünderten Wohnung.

Fast 17 Kilometer zeigte mein Streckenzähler auf dem Handy inzwischen an. Erschöpfung machte sich breit. Aber der beste noch lebende Hund der Welt ist wieder da! Und unsere Bella, wäre sie nicht schon vor Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, wäre stolz auf uns gewesen.

Danke, ihr guten Menschen da draußen, wer immer ihr auch seid. Ohne euch hätte es an diesem verrückten 9/11-Samstag kein Happy End gegeben,

Nach Little Italy auf den Markt

Montrealer Märkte sind bekannt. Im Norden der Marché Jean-Talon, im Süden der Atwater Market. Im Osten dann der Marché Maisonneuve. Dazwischen jede Menge kleine und nicht so kleine Märkte mit einem kulinarischen Angebot, das vom Lobster bis zum Käsekuchen reicht.

Wir haben uns heute nach einer ausgiebigen Stadtwanderung in die U-Bahn gesetzt und sind zum Jean-Talon-Markt gefahren. Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich dort oben, am nördlichen Ende des Blvd. St. Laurent, war. Man hat ja einen der schönsten Märkte unmittelbar vor der Haustür. Warum also dann in die Ferne reisen?

Warum? Weil unser Nachbar-Markt, der Marché Atwater, zwar wunderschön ist (und leider auch ganz schön teuer), weil es aber eben auch noch andere Märkte gibt, die es sich zu besuchen lohnt.

Der Marché Jean-Talon liegt mitten in Little Italy, das Angebot ist entsprechend südländisch geprägt. Umgeben von Trattorien, Pizzerien und Ristorantes aller Preisklassen, liegt dieser überdachte Markt, den es schon seit 1933 gibt.

Um diese Jahreszeit legen sich die Marktändler besonders ins Zeug. Erntefrische Tomaten, die wegen der Einwecksaison korbweise verkauft werden, Paprikaschoten in allen Farben und Gemüsearten, von denen ich einige nicht einmal vom Hörensagen kannte.

Besonders beliebt ist um diese Jahreszeit Knoblauch aus Québec, der die Stände in Form von hübschen Girlanden ziert.

Zur Stärkung zwischendurch ofenfrische Pasta bei „Pizza Motta“, einem Feinkost-Italiener, der schon bei meiner Ankunft in Montreal vor 40 Jahren Tradition hatte.

Viel Spaß beim Durchklicken der Fotos und: Buon appetito!

Meine Mama, die Trendsetterin

Meine Mutter, seit 64 Jahren selig, benützte einmal einen Satz, der mich als Teenager nachhaltig beeindruckt, ja vielleicht sogar verstört hat. Dieses „geile Gesprange“ müsse jetzt endlich aufhören, sagte sie.

Dabei war meine erste Freundin Mucha, auf die sich dieser Satz bezog, alles andere als „geil“ im Wortsinne. Und gleich gar nicht passte der Begriff zu meiner Mutter, die einer ländlich-sittlichen Familie von Schreinern und Landwirten entstammte.

Dass Mutter das G-Wort nicht wörtlich meinte, sondern als Synonym für alles, was mit „unstet“, „übereifrig“ oder auch „hektisch“ zu tun hat, kam mir erst viel später. Dass Mama damals ein Wort benutzte, das heute voll salonfähig ist und längst nicht mehr nur von Jugendlichen benutzt wird, macht sie im Nachhinein zur Trendsetterin.

Heute ist alles geil: Das neue Auto, das tolle Essen, der neue Freund. Ob Jeans, Jacke oder Hose – geil ist geil. Selbst „Geiz ist geil“, wie eine bekannte Elektronikhandelskette Anfang der 2000er-Jahre in einem Slogan feststellte.

Warum ich ausgerechnet heute darauf komme? Daran ist wieder einmal Peter schuld. Mein guter, alter, weiser Freund schrieb mir vor ein paar Tagen diese Mail mit der Betreffzeile „Jugendsprache“:

“Herberto, ich habe heute ein sprachliches Problem. Ein befreundeter Buchautor möchte wissen, wie man am besten das berühmte „T’es con!“ übersetzt. Ich habe ihm einiges geantwortet, weiss aber nicht, wie das heutige Jugendliche von 16 bis17 zu ihrem Vater sagen würden. Es ist ziemlich stark im Französischen. Mein Vater hätte mich umgebracht…. aber heute geht ja alles. Hast du einen Vorschlag? Was typisch Postmodernes? Trottel, Arschloch usw. ist vielleicht nicht mehr cool. Ich habe mal „Hirni“ gehört. Kennst du das?”

“Ja”, schrieb ich zurück, “Hirni kenne ich”. Aber auch noch ein paar andere fielen mir dazu noch ein. (Achtung! Political correctness kurz ausschalten): Spasti (von Spastiker) Du Opfer! Schnarchnase …

“Wunderbar’, antwortete Peter. “Du hast den Nagel mitten ins Gesicht getroffen. Genau sowas suche ich. Das Problem ist nur, das so ein ephemerer Ausdruck in zwei bis drei Jahren wieder völlig von der jugendlichen Bildfläche verschwunden ist”.

Da wäre ich mir nicht so sicher, lieber Peter – siehe oben: Mutters “geil” lebt noch immer.

Übrigens: Bei “ephemer” musste ich erst einmal den Fremdwörter-“Oxford Languages” bemühen: “Ephemer = nur kurze Zeit bestehend; flüchtig, rasch vorübergehend und ohne bleibende Bedeutung.”

Sagt Oxford. Ich bleibe dabei: Meine Ummendorfer Mama war Trendsetterin.

Geil, oder?

Happy Birthday ohne Kerzen

Die Zeit der Sommerurlaube geht zu Ende – und die fielen in diesem Jahr sehr unterschiedlich aus. Wir sind im eigenen Land geblieben und haben zwei wunderbare Wochen in Nova Scotia verbracht. Freunde von uns sind trotz Covid ins Ausland gereist, was völlig legitim ist, für uns aber trotzdem nicht infrage kam. Gelernt habe ich dabei eins: Der Umgang mit Corona ist so chaotisch wie die Verbreitung des Virus selbst.

Eine frühere Nachbarin kam gerade aus Los Angeles zurück, wo ein Teil ihrer Familie lebt. Im Flieger von Montreal nach L.A. habe sie fünf Stunden die Maske nicht vom Gesicht genommen, weder gegessen noch getrunken, um sich ja nicht anzustecken. Die Ankunft in Kalifornien war ernüchternd: Die Wenigsten tragen Masken, geöffnet ist alles. Aber im Restaurant durfte unsere Freundin wegen Covid-Gefahr die Geburtstagskerze nicht ausblasen.

In keinem der Restaurants, die wir während unseres zweiwöchigen Urlaubs an der kanadischen Atlantikküste besuchten, wurden Salz und Pfeffer zum Essen gereicht. Schon klar: Beim Sternekoch gilt nachträgliches Würzen ohnehin als kulinarische Todsünde. Aber im Diner? Im Frühstücksrestaurant? „Geht leider nicht“, beschied uns eine Kellnerin. „Sonst müssten wir jedesmal die Salz- und Pfefferstreuer desinfizieren“.

Der Neffe aus Wien kommt gerade aus Italien zurück und meldet:

„Von den anscheinend strengen Corona-Regeln merkt man hier – abgesehen von der Maskenpflicht und den Hygienemaßnahmen – überhaupt nichts. Bis auf unseren Besuch im Aquarium wollte niemand unsere Impfnachweise sehen – obwohl dies anscheinend in jedem Hotel und jedem Restaurant Pflicht ist. Und auch da mussten wir nur kurz unsere Impfnachweise dem Kontrolleur vor die Nase halten. Nicht dass die jemand mit den Ausweisen abgeglichen hätte! Es ist ein Irrsinn, da hält man sich mehr als ein Jahr an jede Regel, dann kommt ein Impfstoff und ist in kürzester Zeit in der westlichen Welt in ausreichender Menge verfügbar – und die Leute lassen sich nicht impfen. Und wir laufen sehenden Auges in die vierte Welle“.

Ein Kumpel aus England fährt zurzeit mit dem Fahrrad über die Lande. Er meidet Hotels, übernachtet im Zelt und hält sich auch sonst strikt an die Hygieneregeln. Und muss in der Zeitung lesen, dass sich allein beim EM-Endspiel im Wembley Stadion mehr als 3000 Fußball-Fans mit dem Virus infiziert haben.

Hier in Montreal wird in zehn Tagen der Impfpass eingeführt und schon seit Wochen gehen die Gegner auf die Barrikaden und entblöden sich auch nicht, zum Vergleich den Judenstern in die Diskussion (und die Demos) einzubringen.

Nur weiter so, Ihr Verweigerer. Dann verzichten wir eben bei meinem hundertsten Geburtstag noch immer aufs Kerzenblasen.

Die Krise nach der Krise

An freien Plätzen fehlt es nicht in den zahlreichen Restaurants, die wir während unserer Reise durch Nova Scotia ansteuern. Und doch gibt es oft lange Wartezeiten. Was fehlt, ist das Personal. Vor allem im Service, aber auch in der Küche mangelt es hinten und vorne an Kräften. Eine Form von Long-Covid, wie sie wohl keiner erwartet hätte.

Viele der Restaurants sind noch immer geschlossen, obwohl sie unter Sicherheitsauflagen längst öffnen dürften. Diejenigen, die den Tisch gedeckt haben, kämpfen mit Personal-Problemen.

Ein Beispiel von vielen: Ein schnuckeliges Frühstücksrestaurant am Hafen von Halifax. Auf den wenigen bunten Tischen stehen Eggs-Benedict, Lachs-Omelettes und Bacon-and-Eggs.

Lecker, da geh’n wir rein!

Wenn das nur so einfach wäre: “Tut mir leid”, sagt die freundliche Bedienung. “Mehr Gäste schaffe ich nicht alleine”. Also bleiben die meisten Tische leer, die fleißige Kellnerin weiss vor Arbeit trotzdem nicht, wo ihr der Kopf steht.

“Viele der ServiererInnen sind nach der Wiedereröffnung der Restaurants nicht mehr zurückgekommen”, klagt Trish, eine kernige Neuschottländerin, die an der Küste aufgewachsen ist und noch immer in der Gegend von Mahone Bay lebt. Sie arbeitet als Bedienung in einem Fischrestaurant am Hafen von Lunenburg. Ein bisschen versteht sie ihre KollegInnen, die nicht mehr zurüchgekommen sind,

“Warum sollen sie sich auch den ganzen Tag abrackern?”, sagt sie. “Geld kriegen sie doch auch ohne Arbeit”.

Das stimmt, zumindest ein bisschen.

Nachdem der kanadische Premierminister Justin Trudeau zu Beginn der Pandemie den Notfall-Fond für ArbeitnehmerInnen (CERB) eingeführt hatte, die durch Corona ihre Jobs verloren hatten, wurden Millionen von Schecks unters Volk geschickt. Männer und Frauen, die plötzlich keine Arbeit mehr in der Service-Industrie fanden, sollten nicht mittellos dastehen.

Für die meisten der Betroffenen ging die Rechnung auf. Mit ein bisschen Nebenverdienst, wie Masken nähen, Gartenarbeit oder Essen-Lieferungen, ließ es sich (über)leben. Nur: Die Restaurants und Kneipen sind seit langem wieder geöffnet. Trotzdem denken viele, die jahrelang im Service beschäftigt waren, nicht daran, wieder an ihre Arbeitsstellen zurück zu kehren.

Zwar wurde der ursprüngliche Notfall-Fond inzwischen abgeschafft. Der Übergang von der Corona-Hilfe zur Arbeitslosenunterstützung verläuft unbürokratisch und bringt den meisten AntragsstellerInnen kaum weniger Geld als die Corona-Hilfe.

Trudeaus Politik ist nicht unumstritten, weil sie bei manchen zu wenig Ansporn zur Arbeit bietet. Gut denkbar, dass dem Premierminister diese Lässigkeit bei den nächsten Wahlen, die jederzeit ausgerufen werden können, vor die Füße fällt.

Was für manche ein politisches Problem ist, für viele ein existenzielles, war für uns manchmal einfach lästig. Die häufige Warterei vor Lokalen hat während unseres sonst wunderbaren Urlaubs an der Atlantikküste für ein paar Frustmomente gesorgt. Reservierungen nehmen übrigens nur wenige Plätze entgegen.

Aber es fehlt in den Restaurants nicht nur an Menschen. Auch manche Lebensmittel und Güter werden knapp. Wegen Covid durften beispielsweise lange Zeit keine Kartoffeln das kanadische “potatoe paradise” Prince-Edward-Island verlassen.

Die Folge: Die Bewohner der kleinen Nachbarinsel von Nova Scotia blieben auf ihren matschig gewordenen Kartoffeln sitzen, während in Nova Scotia plötzlich ein Überangebot an Fischen und anderen Meeresfrüchten entstand.

Mit den wirtschaftlichen und versorgungstechnischen Nebenwirkungen von Long-Covid werden besonders die Bewohner der kleinen Atlantikinseln noch einige Zeit leben müssen.

Die Touristen strömen trotzdem wieder in Massen in die begehrten Urlaubsziele am Meer. Seit kurzem dürfen zweifach geimpfte US-Bürger wieder über die amerikanisch-kanadische Grenze nach Kanada einreisen.

Umgekehrt ist es allerdings noch nicht soweit. Joe Biden macht weiterhin die Schotten dicht. Und Justin Trudeau kommt immer mehr in Erklärungsnot über die politische Einbahnstraße, der er da zugestimmt hat.