Tagebuch eines Trampers

Immer der Gitarre lang: Circa 1965 auf dem Weg nach Süden.

Trampen. Herrlich! Am Straßenrand stehen, Daumen hoch und raus in die Welt, immer der Nase nach. Nach Marseille oder Madrid, nach Paris und Bologna. Und irgendwann sogar nach Mailand, dort, wo im San-Siro-Stadion gerade die Beatles die Menge rockten. Von der am Hügel gelegenen Jugendherberge aus konnte man sie sehen, hören und, ich wette, wenn man wollte, sogar riechen. Und alles für lau. Wahnsinn.

Warum trampt eigentlich heute keiner mehr? Dieser Frage ging in einem hinreißend schönen Artikel für die Süddeutsche Zeitung ein Kollege namens Alex Rühle (57) nach. Er stellte sich in Bayern an den Straßenrand, mit einem selbst gemalten Schild in der Hand: „Überall“. Und dann – Daumen hoch und quer durch Deutschland.

Nach einer Woche landet er, mit kaum Gepäck und doch voll gepackt mit Erfahrungen, die nur ein Tramper machen kann, ganz hoch im Norden, am Meer.

So wie wir damals, meine Kumpels und ich, manchmal auch ich alleine. Nur landeten wir nie im Norden. Unsere Daumen zeigten immer nach Süden. Immer der Sonne nach oder in Richtung einer verlorenen Liebe, irgendwo im Nirgendwo an der spanisch-portugiesischen Grenze.

Achtung, Opa erzählt aus dem Krieg: Im Gegensatz zu uns damals, ach ja, damals, traf der SZ-Reporter Alex Rühle keinen anderen Hitchhiker, mit dem er sich hätte austauschen können. Echt jetzt? In ganz Deutschland keine zwei Tramper, die sich ihr Daumenlatein teilen?

Tja, warum trampt eigentlich heute keiner mehr? Alex Rühle hat schlüssige Begründungen für das Verschwinden der Tramperkultur: „Interrail, Flixbus, Mitfahrportale. Die Leute haben ab dem 18. Geburtstag eigene Autos und brauchen auch keine Gesprächspartner mehr, seit es in all diesen Autos Freisprechanlagen gibt.“

Stimmt. Gab’s in den Sixties alles nicht. Aber damals wie heute gab es Menschen, die dich am Straßenrand aufklaubten, dir ihre Geschichte erzählten und sich für deine Abenteuer interessierten.

Wie du von einem Mann namens Jesus irgendwo auf der spanischen Hochebene zu seiner Frau Maria gebracht wurdest, die für dich kochte, dir die Wäsche wusch und die Socken stopfte, ehe Jesus persönlich dich 24 Stunden später wieder an einem Pfirsichfeld an der Straße absetzte.

Oder der Zigeuner – sorry, sagt man nicht mehr. Also noch mal: Oder als ein Angehöriger der Sinti und Roma dich kurz vor Marseille in seinen Mercedes einsteigen ließ und, weil es schon dunkel wurde, mit zu sich und anderen Sinti, Romas und Omas in ein Feldlager nahm, auf dem schon ein Spanferkel über dem offenen Feuer brutzelte. Und du deine Gitarre auspacktest, die du ja immer dabei hattest, weil du damit das bisschen Geld eingespielt hast, das so eine Reise kostet. Du hast dann also Oh When the Saints gespielt, während die Sinti, die Romas und die Omas ums Feuer tanzten und dir eine unvergessliche Nacht unter dem Himmel Südfrankreichs bescherten.

Alex Rühle berichtet in seiner Reportage nicht von Lust, Liebe und Spanferkeln über dem offenen Feuer. Dafür erzählt er in einem fantastischen Storytelling, das nicht viele beherrschen, von Begegnungen mit Lehrerinnen und Truckern, von Menschen in Anzügen und hübschen Sommerkleidern und von einem Italiener, der auch nach 30 Jahren im Allgäu noch ein „Va bene“ raushaut, als säße er noch immer auf einer Piazza in Brindisi, um dort wie jeden Tag seinen Espresso zu schlürfen.

SZ-Autor Alex Rühle: „Ein Geschenk“ © Rühle

Seine Reise durch Deutschland habe er als „Geschenk“ empfunden, schreibt mir der Autor Rühle eben, nachdem ich ihn kontaktiert und zu seinem großartigen Artikel beglückwünscht hatte.

„Die ganze Tramp-Woche fühlt sich für mich im Nachhinein an wie ein großes Geschenk, die Landschaften, aber vor allem die Begegnungen, so interessant, großherzig, überraschend und ja, teils auch verstörend, aber auch das war jedes Mal interessant.“

Genau. Ein Geschenk. Das war es auch, dass es mir damals, als Siebzehnjährigem, in Angoulême nichts ausmachte, dreizehn Stunden am Straßenrand zu stehen, ehe mich eine Französin in ihrem Döschwo aufgabelte, mich zu sich nach Hause nahm und in ihrem gemütlichen Heim bekochte.

Dreizehn Stunden auf den nächsten Lift zu warten war ein Klacks. Heute kriege ich die Krise, wenn ich mehr als fünf Minuten in der Warteschlange stehe, um in der Boulangerie auf meine frischen Croissants zu warten. Beim Trampen relativiert sich vieles, auch die Zeit.

Warum trampt eigentlich keiner mehr? Diese Frage stelle auch ich mir an diesem Morgen in Montreal zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren. Einen Teil der Antwort kennen wir jetzt ja – siehe oben.

Wenn Sie es genau wissen wollen, empfehle ich Ihnen den Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Ich kann ihn hier nicht verlinken, denn er versteckt sich hinter der Bezahlschranke.