Die vielen Bars meines Herzens

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Im Sommer mit Terrassen-Bewirtung: “ La Drinkerie“ in St. Henri.

Jeder hat ja so seine Stammkneipe. Oder zumindest ein Lokal, in dem er abhängt und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Heute: Von Biberach bis Montreal – ein Besuch in den Kneipen meines Herzens.

Biberach: „Der Stecken“

Die erste meiner Stammkneipen, die diese Bezeichnung verdient, war die Biberacher Weinstube zum goldenen Rebstock. Wir nannten das Lokal immer nur „den Stecken“. Ich erinnere mich an mit dunklem Holz getäfelte Wände und an zwei Schwestern mittleren Alters, die immer schlecht gelaunt waren, aber ihr Herz trotzdem auf dem rechten Fleck trugen. Ich erinnere mich auch an Nächte, in denen uns nach einem harten Rockn’n-Roll-Gig unserer Band im nahe gelegenen Keller der „Outlaws“ noch lange nach Mitternacht Bier und Käsebrötchen „im Stecken“ serviert wurden.

Waiblingen: „Der Stadl“

Die nächste Stammkneipe war die Diskothek „Heustadel“ in Waiblingen bei Stuttgart. Ich war damals als rasender Reporter oft bis spät in die Nacht unterwegs. Der Heustadel – „dr Stadl“, wie wir ihn nannten -, schien immer geöffnet zu haben. So jedenfalls kommt es mir im Nachhinein vor. Die Wirtsleute waren jung und brauchten nicht nur das Geld, sondern auch die Streicheleinheiten. Lobte man dann wieder einmal die coole Musik, das freundliche Ambiente oder auch nur die Getränkeauswahl, gab es schon mal ein paar Freibier. Ich lobte schon immer gern.

Winnipeg: Bei „Gisèle“

Dann kam Winnipeg/Manitoba, wo die Kneipenszene eher dürftig war. In der Nähe de Redaktion, für die ich damals schrieb, gab es ein schreckliches Hotel ohne Namen, zu dem auch ein Bier-Pub gehörte. Dieses Etablissement zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass dort bereits zur Mittagspause eine etwas füllige Dame namens „Gisèle“ auf einer provisorischen Bühne ein Schaumbad nahm. Die meisten der fast durchweg männlichen Kneipenbesucher – die meisten davon Indianer – warteten darauf, bis Gisèle endlich dem Schaumbad entstieg und so den einen oder anderen Blick auf besonders begehrenswerte Körperteile freigab, während wir, die Gäste, Bier tranken und Fish-and-Chips verschlangen. Irgendwie muss man sich ja in der kanadischen Präre die Zeit vertreiben.

Leutkirch: Der „Mohren“

Wieder zurück im Allgäu, gab es dann eine Fülle von Stammkneipen. Eine davon ist der „Mohren“ in Leutkirch, der erst vor einigen Monaten den Besitzer wechselte. Manfred und Christine Pferdt haben es jahrzehntelang verstanden, nicht nur das Beste aus Küche und Keller auf den (Stamm-)tisch zu zaubern, sondern auch bestens ihre Gäste zu unterhalten, so dass sie gerne wiederkamen. Die meisten jedenfalls.

Ulm: Die Kneipe im Fischerviertel

In Ulm, wo ich nur für kurze Zeit lebte, hatte ich eine entsprechend kurzlebige Stammkneipe, deren Namen ich vergessen habe. Sie befand sich im „Fischerviertel“, in einem wunderschönen Fachwerkhaus. Nicht vergessen habe ich: Es herrschte dort Abend für Abend ein Frauenüberschuss, der mir zu jener Zeit sehr gelegen kam. Denn als Polizei- und Gerichtsreporter (und Junggeselle!) blieb mir oft nur wenig Zeit für tiefere Bekanntschaften.

Hudson: „Château du Lac“

Eine wunderschöne Bar war (ist?) auch das Château du Lac in dem Dorf Hudson, in dem wir 25 Jahre gewohnt haben. Sie befand sich ganz in der Nähe des Lac du Deux Montagnes und erinnerte an gute, alte Zeiten, als Montrealer Sommerfrischler am Wochenende gerne mal aufs Land fuhren. Irgendwann wechselte das Château du Lac den Besitzer. Es gehörte jetzt plötzlich einem skurrilen, freundlichen älteren Mann, den ich schon as Gast kennengelernt hatte. Der Mann war Flugkapitän bei Air Canada und wohnte in Hudson. Nach seinen Langstreckenflügen kam er regelmäßig „ins Chât“ und erklärte als Stammgast der Dorfjugend die Welt. Als der Käpt’n dann in den Ruhestand ging, kaufte der den Laden einfach auf und stand jetzt als Kneipenbesitzer hinter der Theke. Dass im Château du Lac auch die Sänger-Karriere unseres Freundes Matt Holubowski begann, muss an dieser Stelle auch erwähnt werden.

Montreal: „Bar Courcelle“ und „La Drinkerie“

Und jetzt also Montreal. Es gibt ein paar Bars, in denen ich zwar nicht Stammgast im

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„La Drinkerie“: Cool – nicht nur an Sommerabenden.

klassischen Sinn bin. Aber man kennt dort mein Gesicht und weiss, wenn der Rosé warm serviert wird und nicht kalt, gibt’s Ärger. Die „Bar Courcelle“ ist eine dieser Kneipen, nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt. Spätabends geht dort die Post ab. Lokale Rocker und Chansonniers geben sich dort die Klinke. Fällt mir gerade ein: Morgen ist dort Bobby Dove zu Gast. Man sieht sich also.

„La Drinkerie“ ist die hippste aller Bars, die ich so frequentiere. Sie liegt im Montrealer Szenenviertel St. Henri, gleich bei mir um die Ecke. Das Bier ist hausgebraut und heißt wie die Frisur des Barmanns, nämlich „Clean Cut“. Gemütlich ist zwar anders, aber als Hippsterbar ist „La Drinkerie“ eine feine Alternative zu den vom Aussterben bedrohten Tavernen von Montreal. Die riechen nach kaltem Rauch und manchmal auch nach Armut, fast immer jedoch nach Insekten-Vertilgungsmitteln.

Palma de Mallorca: „Bar Borne“

Die schönste, feinste, liebenswerteste Bar von allen, die ich in meinem Leben frequentiert habe, gibt es leider nicht mehr. Es war die „Bar Borne“ an der Plaza de la Reina in Palma de Mallorca. Dort ging ich während meiner zehn Winter auf Mallorca aus und ein. Alfonso war nicht nur Besitzer der Bar, er ist heute auch unser Freund.

Mehr zu Alfonso und der Bar meines Herzens gibt’s  >> hier <<.

Bei dieser Gelegenheit ein Buchtipp: Ein Reporter der New York Times hat „Tender Bar“ geschrieben. Es ist eine wunderbare Reminiszenz an eine Kneipe, in der J.R. Moehringer als Sohn der Barbesitzerin mehr oder weniger aufgewachsen ist. Dort, schreibt er in „Tender Bar“, habe er schon als Kind die Menschen kennengelernt und das richtige Leben.

Mit dem Radl in die Kneipe: „Bar Courcelle“ in St. Henri.

Uli Herzog: „Endstation Biberach“

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Mein Freund Uli Herzog lässt wieder morden. Nach MORD AM SCHÜTZENSAMSTAG und FRAUENDUFT hat mein Uralt-Kumpel aus Altshausen einen neuen Schwabenkrimi geschrieben. ENDSTATION BIBERACH heisst er. Und er verspricht ein Renner zu werden.

Worum es diesmal geht? Lassen wir doch einfach den Klappentext für sich sprechen:

Ein brutaler Gewalttäter, ein argloses Opfer – und mittendrin mal wieder Ludwig Hirschberger. Wer dachte, der pensionierte Profiler habe seine Zukunft bereits hinter sich, muss umdenken: Das sonst so liebenswerte Wiener Schlitzohr zeigt sich in diesem Krimi von einer anderen, perfiden Seite: Um die Frau aus den Fängen des skrupellosen Verbrechers zu befreien, wird Hirschberger zum Psychoterroristen und gräbt tief in der Vergangenheit des Mannes. Dabei gelangen grausame Details ans Licht. Das beschauliche Oberschwaben wird zur Spielwiese eines teuflischen Gangsterdramas.

Uli und ich kennen uns seit mehr als 50 Jahren. Unsere Freundschaft geht auf die

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Der Autor Uli Herzog. Auf dem Foto mit seinem ersten Krimi „Mord am Schützensamstag“.

Zeit zurück, da „Sir Henry and his Outlaws“ noch zu den härtesten Rockbands östlich von Liverpool zählte. Uli war so etwas wie unser Road-Manager, ich einer der Gitarristen.

Jeden von uns hat es später ins Ausland verschlagen. Uli hat jahrzehntelang bei einer bedeutenden Werbeagentur in Wien gearbeitet. Meine Vita ist BlogleserInnen ja hinlänglich bekannt.

Noch ein weiterer Kreis hat sich nach einem halben Jahrhundert wieder geschlossen: Wenn Uli Herzog bei öffentlichen Veranstaltungen aus seinen Krimis liest, wird er musikalisch von Werner Krug begleitet. Werner („Vinzenz“) Krug war Sänger der „Outlaws“. Jetzt begleitet er die Schwabenkrimis mit der Gitarre.

Lore und ich durften das Rohmanuskript von ENDSTATION BIBERACH sichten. Deshalb die Danksagung im Buch.

Wiener Schmäh meets Biberacher Lokalkolorit. Unbedingt lesen!

 

Ein Blog und seine Geschichte

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Der Pilger macht Pause, der Blogger bloggt weiter.

Entschuldigung, aber das Thema Jakobsweg ist noch immer nicht abgehakt. Wie könnte es auch. So ein Abenteuer legt man nicht einfach zu den Akten wie eine bezahlte Rechnung. Was mich anfangs gewundert, im Laufe der Zeit aber regelrecht gerührt hat, ist die Resonanz auf meinen Blog. Noch immer gehen Mails, Whatsapp-Nachrichten und Kommentare dazu auf allen Kanälen ein.

So schreibt eine (mir persönlich nicht bekannte) Userin im MALLORCA FORUM: „Beim gemütlichen Beisammensein haben wir (ca.10 Freunde) Euch auf dem Jakobsweg begleitet. Jeden Tag haben wir auf die neuen Blogpostings gewartet. Und dann kamen die Entzugserscheinungen“.

Da sitzen zehn Leute am Tisch und beschäftigen sich mit unserer Pilgerwanderung? Ich finde das unfassbar schön.

Mein guter Freund Philipp schreibt mir über Whatsapp: „Yvonne hat beim gemeinsamen Abendessen deinen neuesten Beitrag vorgelesen. Die Kids haben Bauklötze gestaunt bei der Passage mit Deinem Trip als 15-Jähriger nach Spanien. Toll, wie sich dieser Kreis schließt“.

Unsere Camino-Abenteuer als Tischgespräch mit Frau und Kindern? Wie cool ist das denn?

„Allergrössten Respekt und herzlichen Glückwunsch! Schade, dass es vorbei ist“, schreibt der Freund aus Köln, der sich jetzt als „Leser auf Entzug“ bezeichnet.

Ich könnte weiter zitieren. Mehr als 100 solcher Kommentare sind bei uns eingegangen.

Erst gestern Abend erreichte mich noch eine Message von einer jungen  Montrealerin, die ich persönlich kaum kenne. Sie schrieb, sie habe über unsere Pilgerwanderung per Instagram erfahren und ihren Eltern, die etwa in unserem Alter seien, davon erzählt. Ihre Eltern seien jetzt total angefixt und würden uns, wenn’s recht ist, gelegentlich kontaktieren, weil sie ein paar Fragen dazu hätten.

Mit anderen Worten: Man hat sich vom Camino-Fieber anstecken lassen.

Ganz ehrlich? Mit dieser Resonanz hatte ich nicht gerechnet. Mir war klar, dass das Feedback auf ein Blog-Tagebuch über den Jakobsweg größer sein würde als ein Posting über Montrealer Schlaglöcher. Aber so viel? Das finde ich noch immer verrückt.

Ich vermute mal, dass es neben dem Thema auch die Regelmäßigkeit war, mit der ich gebloggt hatte. Schließlich gab es während der kompletten Wanderung keinen einzigen blogfreien Tag. „Besser als eine Reality-Show im Internet“ sei das gewesen, schrieb jemand.

Für mich war das allabendliche Bloggen mit zwei Daumen auf dem iPhone weit mehr als nur eine Form der Kommunikation. Es war auch eine Antriebsfeder für den nächsten Morgen, bei Wind und Wetter auf die Piste zu gehen, anstatt den Bus oder das Taxi zu nehmen.

Ich erinnere mich an einen gruseligen Regentag. Zwei Französinnen, die mit uns die Nacht in einer Herberge verbracht hatten, fragten uns nach dem Frühstück, ob sie uns im Taxi zum nächsten Dorf mitnehmen könnten. Bei so einem Wetter jage man schließlich keinen Hund vor die Tür.

Lore und ich mussten keine Sekunde lang überlegen. Natürlich haben wir das freundliche Angebot ausgeschlagen. Wie hätte ich denn meinen Blog-LesererInnen erklären sollen, dass wir gekniffen haben?

So viel zum Thema Eigenmotivation.

Eine norwegische Pilgerin, der ich von meinem Blog erzählt hatte, meinte: Sie würde niemals so einen Blog veröffentlichen. Würden nämlich die von ihr angepeilten Klickzahlen nicht erreicht werden, wäre ihre Eitelkeit erheblich gekränkt. Das wiederum würde ihr die gute Laune verderben.

Das Schöne ist: Ich hatte nie besondere Erwartungen an die Abrufzahlen des Camino-Blogs. Fnanzielle Interessen sind damit ohnehin nicht verbunden. Dass die Klickzahlen das Zehnfache, manchmal das Zwanzigfache eines normalen Blogpostings erreichten, machte mich allerdings dann doch sprachlos.

Aber auch wenn es nicht so viele gewesen wären, hätte mir das Bloggen nicht weniger Spaß gemacht. Schließlich sind die  insgesamt um die 50 Postings ein wunderbares digitales Tagebuch für uns geworden, das uns keiner mehr nehmen kann.

Versprochen: Demnächst geht’s in den BLOGHAUSGESCHICHTEN mit anderen Themen weiter.

Wobei: Warum eigentlich? Ich stelle gerade fest, wie viel Spaß es macht, den Camino noch einmal vom Sofa aus zu wandern. Was stört es mich da, wenn es draußen regnet und stürmt?

Und weil’s so schön war: Hier gibt’s den Camino-Blog als Sammel-Seite.

Irgendwann kommen wir an …

Rückflug von Lissabon nach Montreal: Eis, so weit das Auge reicht

Es sagt sich so leicht: Wir sind wieder da. Ja, wir sind seit ein paar Tagen wieder in Montreal. Aber sind wir wirklich angekommen? Nicht so richtig. Die sechs Wochen auf dem Camino sind noch überall gegenwärtig.

Dabei sind wir nicht allein. Ji hyun, die junge Koreanerin, die eine Zeitlang mit uns gepilgert ist und die wir aus aussprachetechnischen Gründen „Mitsou“ nennen dürfen, schreibt: „Ich bringe es nicht übers Herz, meine Camino-Apps von meinem Handy zu löschen. Wir werden für immer Pilger sein!“ Und überhaupt: „I will love you guys forever!“

So ähnlich fühlen auch wir. Auch Lore und ich haben noch keine der Apps von unseren Smartphones gelöscht, die uns auf dem Camino stets den richtigen Weg gezeigt haben. Vielleicht trifft es ja zu, was eine Camino-erfahrene Blogleserin geschrieben hat: „Nach dem Camino ist vor dem Camino“.

Der Winter in Montreal muss gnadenlos gewesen sein. Härter als sonst und länger als gewöhnlich. Das Gras ist spärlich grün und längst nicht alle Bäume haben ausgeschlagen. Blühende Blumen muss man mit der Lupe suchen.

Lac Dufresne als Facebook-Post: Der Frühling lässt auf sich warten.

So ist das eben, wenn man sich ein nordisches Land zum Leben ausgesucht hat. Noch setzt beim Blick auf den Kalender keine Panik ein. Aber ganz im Ernst: In dreieinhalb Monaten ist der Sommer hier schon wieder vorbei. Das gibt zu denken.

Auf dem Lac Dufresne, so wird uns berichtet, liegt noch Eis, das nur sehr langsam auftaut. Das Blockhaus muss also noch warten.

Nach und nach beantworte ich noch immer Mails, die uns nach unserer Pilgerreise durch Spanien erreicht haben. Auch mit ein paar Freunden habe ich mich bereits getroffen. Dabei ist mir klar geworden, dass ich mit meiner Erzählkunst jedes Mal an meine Grenzen komme.

Als Storyteller, so müsste man meinen, findet man für alles Worte. Diesmal muss ich passen. Unser Camino-Abenteuer in treffsichere Sätze zu packen, ist schlicht nicht möglich. Man muss es erlebt, gespürt, gerochen und auch erlitten haben, um zu verstehen, was so eine Pilgerwanderung über fast 900 Kilometer bedeutet.

Wir schlafen schlecht und träumen viel. Von Menschen, die uns auf dem Jakobsweg begegnet sind. Von Herbergen, die plötzlich nicht mehr da sind, nachdem wir sie nach einem kräftezehrenden Tag endlich erreicht hatten. Von brennenden Füßen, die im Schlamm stecken und von Störchen, die so tief fliegen, dass man glaubt, sie mit Händen fassen zu können.

Das Abenteuer Camino zu verarbeiten, das wurde uns auch von anderen Pilgern bestätigt, dauert. Geduld ist etwas, das sich auf dem Jakobsweg wunderbar antrainieren lässt. Also üben wir uns darin.

Irgendwann wird das mit dem Ankommen schon klappen. Bis dahin sage ich – nein, nicht Buen Camino – sondern einfach nur Tschüss!

PS: Sämtliche Camino-Blogposts sind jetzt gebündelt auf einer Unterseite nachzulesen. Die Seite heißt JAKOBSWEG 2019 und ist unter dem Bannerfoto oben zu finden.

Leben nach dem Camino

Wir waren gewarnt worden: „Der Camino wird Euer Leben verändern“, hieß es von Menschen, die es wissen müssen.

Schon möglich. So richtig ist nichts mehr wie vorher. Die Erschöpfung nach sechs Wochen Pilgern setzt erst jetzt so richtig ein. Fast 900 Kilometer zu Fuß hinterlassen Spuren bei Menschen um die 70.

Im Moment sitzen wir im Zug von Porto nach Lissabon. Von dort geht unser Flieger zurück nach Montréal. Schön, einfach mal dem Lokführer die Navigation zu überlassen und nicht ständig nach der Jakobsmuschel mit dem gelben Pfeil Ausschau halten zu müssen.

Aber dann: „Ich wäre bereit, jetzt weiter zu wandern“, meinte Lore heute früh beim Packen. Ich auch.

In Santiago hatten wir uns nach der Ankunft ein feines Hotel in einem ehemaligen Kloster gegönnt. Den Pool konnten wir leider nicht nutzen. Im Pilger-Rucksack war kein Platz für die Badehose.

Santiago selbst war schnell abgehakt. Die berühmte Kathedrale war wegen Bauarbeiten geschlossen. Der Rest? Touristenprogramm, das so gar nicht in den Pilgermodus passte, in dem wir uns noch immer befanden.

Und noch immer befinden.

Während der Busfahrt von Santiago über Muxía nach Finisterre schauten wir etwas wehmütig den Pilgern hinterher, die den 80 Kilometer weiten Weg bis ans Ende der Welt zu Fuß zurück gelegt hatten.

Bei uns wäre dafür die Zeit knapp geworden. Ich wollte unbedingt noch Porto sehen. (Lore kannte es von früheren Reisen).

Was für eine zauberhafte Stadt! Die Architektur, die zahlreichen historischen Stätten, das Lebensgefühl – das alles war schon sehr beeindruckend. Und das Ganze noch bei hochsommerlichen Temperaturen – Herz, was willst du mehr?

Nichts willst du mehr. Eher weniger.

Die drückende Schwüle, zusammen mit Massen an Touristen, wie ich sie nicht einmal aus Palma kenne – das alles hatte fast etwas Bedrohliches an sich.

Wer sechs Wochen in der Natur unterwegs war, braucht Zeit, die neue Wirklichkeit einsacken zu lassen.

Und jetzt? Arbeiten wir daran, dass das nicht einsetzt, wovor uns viele „Caministen“ gewarnt haben.

„Passt auf, dass Ihr nicht in ein tiefes Loch fallt!“, schreibt erst heute wieder ein Blogleser aus Aachen in einem Kommentar, den ich eben freigeschaltet habe.

Überhaupt: Die Kommentare!

Gut hundert sind im Laufe der Zeit bei uns eingegangen. Von Freunden, aber auch von wildfremden Menschen aus aller Welt. Wir haben jeden von ihnen gelesen. Nach und nach werde ich versuchen, sie alle zu beantworten. Danke für jeden von ihnen!

Übrigens: Danke auch für die vielen besorgten Nachfragen wegen des Unwetters in Montréal. Aber dort, wo wir wohnen, sind wir nicht vom Hochwasser bedroht.

Die Zeit fliegt. Vor dem Zugfenster rast halb Portugal an uns vorbei. Die iberische Halbinsel haben wir jetzt auf alle möglichen Arten durchquert:

Mit dem Flieger von Lissabon nach Bilbao. Mit dem Bus von Bilbao nach Pamplona und dann wieder von Santiago nach Porto. Und jetzt eben mit der Bahn von Porto nach Lissabon.

Doch nichts hat uns so berührt, ja fürs Leben geprägt, wie die Wanderung auf dem Jakobsweg.

Irgendwie habe ich das Gefühl, das Abenteuer könnte nächsten Winter weitergehen. Es gibt schließlich viele Caminos, nicht nur den Jakobsweg.

Und Mallorca läuft uns nicht davon.

S A N T I A G O:

MUXÍA, NEGREIRA und  FINISTERRE:

P O R T O:

L I S S A B O N 

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