Wie Manitoba ohne Indianer

JAKOBSWEG, Tag 18  –  18 Kilometer von Sahagún nach Calzadilla de los Hermanillos

FÜR MARINA

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Als 24jähriger Jungspund habe ich insgesamt fünf Jahre in der westkanadischen Prärieprovinz Manitoba gelebt. Was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, sind die unendlich scheinende Weite und der unverstellte Blick bis zum Horizont. Heute gab es auf der 18 Kilometer langen Strecke von Sahagún nach Calzadilla de los Hermanillos eine Art Déjà-Vue mit Manitoba.

Besonders aufregend ist so eine Tageswanderung wie die heutige nicht. Dafür aber entspannend und auch nicht sonderlich anstrengend.

Warum wir dann trotzdem nach 18 Kilometern Schluss gemacht haben? Das nächste Dorf ist 24 Kilometer weit weg und damit weit außerhalb unserer Komfortzone.

Aber wir haben es mal wieder gut erwischt. Ein gemütlicher Landgasthof am Ende des Dorfes, mit vorlauten Hähnen in Hörweite und drei Störchen, die über uns kreisen – perfekt für eine Auszeit und einen hoffentlich endlich mal guten Schlaf.

Die Nachtruhe ist für die meisten Pilger, die wir bisher getroffen haben, ein Problem. Fast alle schlafen schlecht. Dabei müsste man meinen, nach einem körperlich so anstrengenden Tagesmarsch würde man todmüde ins Bett fallen und durchschlafen, bis die Hähne krähen.

Aber dem ist offensichtlich nicht so. Ich vermute mal, dass wir alle einfach zu aufgedreht sind und auch voll gestopft mit neuen Eindrücken und täglich neuen Begegnungen. Auch die späten spanischen Essenszeiten tragen nicht unbedingt zu einem ruhigen Schlaf bei.

Auch wenn die heutige Strecke fürs Auge nicht besonders viel hergab, war es wiederum eine wahre Freude, in den taufrischen Morgen hinein zu wandern, vorbei an alten Steineichen, frisch gepflügten Äckern und sattgrünen Wiesen.

Und wären da nicht in weiter, sehr weiter Entfernung die schneebedeckten Berge, hätte man sich glatt in besagtem Manitoba wähnen können. Nur die Indianer fehlten, die einem in der kanadischen Prärie auf Schritt und Tritt begegnen.

Noch eine Gemeinsamkeit zwischen hier und der Prärie: Die Menschen. Ihre Freundlichkeit geht unter die Haut.

Der Barkellner, der den kurzen Weg zum nächsten Laden umständlich auf eine Serviette kritzelt.

Die Apothekerin, die es sich nicht nehmen lässt, mit vor die Tür zu gehen, damit du ja den Camino nicht verpasst.

Die Finca-Besitzer, deren Steinmauer du dir für deine Ruhepause ausgesucht hast und die Dir zuwinken, als würden sie dich am liebsten gleich zu Tisch bitten.

Gastfreundschaft scheint diesen großartigen Menschen in die Wiege gelegt worden zu sein.

Der Himmel zieht sich zu, es sieht nach Regen aus. Sollte der für längere Zeit anhalten, könnten wir morgen ein Problem bekommen.

Das nächste Dorf liegt wie gesagt in 24 Kilometer Entfernung. Zwischen hier und dort: nichts. Keine Bar, kein Hostel und damit kein Schutz bei schlechtem Wetter.

Gut möglich, dass wir bei heftigem Regen noch einen weiteren Tag in diesem kuscheligen Dorfgasthof verbringen werden. Es wäre der erste Ruhetag, den wir uns seit Beginn unserer Wanderung gönnen.

Aber warten wir’s ab. Oder, wie der spanische Herbergspatron vor ein paar Tagen in einer ähnlichen Situation im schönsten Oxford-Englisch sagte: „It is what it is“.

Gelassenheit – auch etwas, das uns der Camino lehrt.

So schicken wir denn an diesem bequemen Montagnachmittag entspannte Grüße in die weite Welt hinaus.

Buen Camino aus Calzadilla de los Hermanillos!

Versöhnt mit Gott und der Welt

JAKOBSWEG, Tag 17  28 Kilometer von Calzadilla de la Cueza nach Sahagún

FÜR GERHEIDE

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Erst krähte der Hahn. Dann lugte frech der Storch aus seinem Nest. Als uns dann noch ein Kuckuck aus dem Wald heraus begrüßte, war klar: Der gestrige Horrortag ist Geschichte. Und wir sind wieder versöhnt mit Gott und der Welt.

Der Camino, der uns gestern einen eisig-verregneten Tag lang geärgert hatte, war heute ganz lieb:

Strahlend blauer Himmel mit einer super-fotogenen Wolken-Kulisse – das Ganze bei kaum spürbaren Steigungen und einer Landschaft wie gemalt für einen Sonntag.

Dass es schon wieder mehr Kilometer geworden sind, als unseren nicht mehr ganz taufrischen Rentnerknochen recht war, liegt mal wieder an den langen Strecken zwischen den Herbergen.

Sahagún, wo wir eben müde, aber glücklich in einem sauberen Hostel mit Blick auf die Dorfplaza abgestiegen sind, hat uns einen der Pilgerwanderung angemessenen Empfang bereitet:

Die örtlichen Gruppen, die das jährliche „Semana Santa“-Ritual bestreiten, zelebrierten ihre schwermütigen Musikdarbietungen direkt unter unserem Herbergs-Balkon.

Dieses erlesene Verwöhnprogramm gab’s kostenlos und ohne Vorbestellung zu dem ohnehin schon exquisiten Tag. Danke, Jakobus! Gut gemacht.

Neue Pilger-Begegnungen gab es heute nicht. Vielleicht zogen es nach dem anstrengenden Vortag doch ein paar Mitglieder unserer Karawane vor, einen Ruhetag in einer gemütlichen Herberge einzulegen.

Wir haben uns gegen eine Pilgerpause entschieden und sind bisher jeden Tag gewandert.

Wer weiß, ob eine Unterbrechung uns nicht aus dem Rhythmus bringen würde. So lange unsere Kondition reicht und wir von Blasen verschont bleiben, wandern wir einfach weiter.

Morgen haben wir die Hälfte unserer Pilgerwanderung zurückgelegt. Wer hätte das gedacht, als wir vor 17 Tagen in Pamplona los marschiert sind, ohne genau zu wissen, was da auf uns zukommt!

Inzwischen haben wir unser Vagabunden-Dasein längst verinnerlicht. Wann wir wo was essen werden und wo wir die Nacht verbringen, entscheiden wir jeden Tag aufs Neue ganz spontan.

Hungrig zu Bett gegangen ist bisher keiner von uns. Und ein Nachtlager haben wir auch immer gefunden. So gesehen alles gut.

Der Magen knurrt, aber zu unserem Leidwesen servieren die meisten Restaurants in dieser Gegend Spaniens Abendessen nicht vor 20:30 Uhr, also in mehr als einer Stunde.

Ein Glück, dass in diesem eher uncharmanten Flecken sich wenigstens die Bars und Tavernen unserem Biorhythmus angepasst haben.

Füllen wir also die Hohlstunde vor dem Essen mit einem oder mehreren Vinos und wünschen allerseits einen entspannten Sonntagabend.

Buen Camino aus Sahagún!

Ende eines schweren Tages

JAKOBSWEG, Tag 16 –  20 Kilometer von Carrión de Los Condes nach Calzadilla de la Cueza

FÜR MINA

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Wenn dir stürmische Winde über 20 Kilometer hinweg unbarmherzig eiskalten Regen ins Gesicht peitschen und du irgendwann nicht mehr sicher bist, ob Santiago vorne, oben, hinten oder unten liegt, fällt Dir schon mal der Satz des lustigen Bayern ein, der dich vor ein paar Wochen in Kuba gefragt hatte: „Hoben‘s wos ausgfressn?“, als du ihm von deinen Camino-Plänen erzähltest. 

Aber dann denkst du an den bitteren, letzten Kampf, den fast gleichzeitig jemand im schwäbischen Oberland ausgetragen – und verloren – hat, und die stürmische Wanderung des heutigen Tages kommt dir im Vergleich dazu vor wie ein Samstagsspaziergang im Park. 

Tatsache ist, dass heute in mehrfacher Hinsicht der schwerste Tag unserer bisherigen Pilgerwanderung war. 

Viele Fotos gibt es heute nicht. Die Strecke war lang, öde und entbehrungsreich. Zwischen dem Kloster in Carrión de los Condes, wo wir übernachtet haben (siehe Fotos weiter unten) und dem 20 Kilometer entfernten Hostel in Calzadilla de la Cueza, in dem wir eben abgestiegen sind, liegt genau: nichts. 

Keine Bar, die zwei durchnässten Pilgern heißen Kaffee und ein Bocadillo servieren würde. Kaum Mitwanderer, mit denen man sich austauschen könnte. Keine Berge, an denen sich die Augen festmachen könnten. Flaches Ackerland und eine bügelbrettartige, präriemäßige Topografie – sonst nichts. 

Nicht einmal das Hörbuch aus dem iPhone schafft es über die Headphones ins Ohr. Der Sturm lässt dem Erzähler keine Chance. Er bläst ihm schlicht die Stimme weg. 

Als dann nach mehrstündigem Kampf gegen die Elemente zuerst ein Kirchturm, dann eine Kirche und wenig später ein ganzes Dorf am Horizont auftauchen, weißt du, dass sich auch dieser Tag wieder gelohnt hat. Auch wenn die Internetleitung eine Katastrophe ist: Schön ist es hier. 

Der Camino ist nichts für zarte Gemüter. Das sollten all diejenigen sich merken, die vielleicht den Jakobsweg auf ihrer Bucketlist haben und diese beschwerliche Tour irgendwann selbst auf sich nehmen möchten. 

Für Reiseromantiker gibt’s geeignetere Ziele. 

Wer jedoch seine Grenzen ausloten möchte, vielleicht sogar in Verbindung mit einem Anlass der Besinnung, ist hier richtig. 

Auch heute wieder nachdenkliche Grüße aus dem spanischen Nirgendwo. 

Und Buen Camino allerseits!

Zwei Kerzen für die Mama

JAKOBSWEG, Tag 15 –  33 Kilometer von Boadillo El Camino nach Carrión de Los Condes

FÜR SCOTT

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.


Manchmal ringt einem der Camino Entscheidungen ab, die einem fast das Herz zerreißen. Traurige Nachrichten aus der oberschwäbischen Heimat. Man würde gerne Trost spenden. Aber wie?

Eine Entscheidung ganz anderer Art war auch schon am frühen Morgen gefragt. Das Wetter: gruselig. Der Himmel: grau in grau. Und Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Als dann noch ein Regenschauer zum Frühstück einsetzte, holten wir zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise vor 15 Tagen die knallroten Ponchos aus dem Rucksack, die wir uns noch in Pamplona zugelegt hatten.

Und dann ein kleines Wunder: Unmittelbar nach dem gemeinsamen Frühstück mit Pilgern aus Frankreich, Simbabwe und Malaysia hörte der Regen auf und wir wanderten los.

In einem Dorf ohne Namen machten wir Halt bei Olga. Olga betreibt dort den einzigen Frisiersalon weit und breit. Mein Pilgerbart hatte Hipsterniveau längst überschritten und musste unbedingt gekürzt werden.

Olga macht das. Eine quirlige Frau mit viel Zeit und vielen Fragen. Woher? Wohin? Warum zu Fuß? Wie lange usw.? Wir kennen das ja inzwischen.

Gekonnt, als würde sie als Damenfriseurin in ihrem Leben nichts anderes tun als Männerbärte stutzen, machte sie sich an die Arbeit. Nach 20 Minuten hatte Olga den Wanderpilger zu einem normalen Menschen zurück getrimmt.

„Was macht’s“?, frage ich.

„Zwei Kerzen für meine Mama“, sagt sie. „Die zündet ihr bitte für sie an, wenn ihr in Santiago de Compstela angekommen seid“.

Dass wir gerührt waren, ist untertrieben. Das mit den Kerzen geht klar, Olga. Versprochen.

Und es regnete immer noch nicht! Deshalb liefen wir und liefen wir und hörten gar nicht mehr auf zu laufen. Und als wir irgendwann das Schild nach Carrión de Los Condes sahen, waren wir uns einig: Da wollen wir hin.

Ein deutscher Pilger hatte uns gestern den Tipp gegeben, in einem umgebauten Kloster aus dem 12. Jahrhundert zu übernachten.

Und genau da sind wir abgestiegen. Und genießen die herrliche Ruhe, nachdem wir den Großteil des Tages an einer lärmigen Landstraße entlang gewandert sind.

33 Kilometer sind daraus geworden – mehr als an jedem anderen Tag bisher.

Wir genießen den Blick in den Klostergarten von unserem Fenster aus. Und wären auch heute wieder die glücklichsten Menschen der Welt – wären da nicht diese traurigen Nachrichten aus der Heimat.

So schicken wir heute nachdenkliche Grüße in die Welt hinaus.

Und wünschen Buen Camino aus dem Monasterio de San Zoilo in Carrión de Los Condes.

Stürmisch in die 3. Woche

JAKOBSWEG, Tag 14 – 23 Kilometer von Castrojeriz nach Boadillo El Camino

FÜR GUDRUN

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Geschafft: Die 2. Woche liegt hinter uns und ich kann mein Glück kaum fassen. Was für wunderbare Erfahrungen wir schon jetzt gemacht haben! Dabei liegt mehr als die Hälfte des Jakobswegs noch immer vor uns.

Aber gut 320 Kilometer sind wir schon gelaufen – mehr als wir für die ersten beiden Wochen eingeplant hatten. Auch dass wir heute schon wieder eine neue spanische Provinz – Palencia – erreichen würden, hat uns selber überrascht.

Der heutige Tag war wieder einmal typisch Camino, wo Glück und Leid, Fluch und Segen oft ganz nahe beieinander liegen.

Beim Abschied von Castrojeriz, wo wir mit unserer Herberge wieder einmal unverschämtes Glück hatten, zeigte das Thermometer minus 3 Grad an. Das ist um diese Jahreszeit selbst daheim in Kanada ungewöhnlich kalt.

Als dann Tom aus Wyoming, mit dem wir gestern Abend gegessen hatten, laut Wetter-App Regen und sogar Schnee für die nächsten drei Tage prophezeite, wäre das eigentlich Grund genug für ein Stimmungstief gewesen. Aber wir sind Pilger und keine Schönwetter-Touristen. So gesehen: Alles gut.

Der Aufstieg gleich hinter dem Dorf Castrojeriz war heftig. 12 Prozent Steigung auf eine Strecke von über 1000 Metern bei stürmischen Winden – ein Sonntagsspaziergang ist anders.

Aber schließlich hatten wir den heutigen Camino-Tag einer Frau gewidmet, die in ihrem Leben mehr als genug leiden musste. Was werden wir uns da beklagen?

Bar-Besuch in einem Dorf ohne Namen. High Noon an der langen Theke, an der man sich in seinem Kopfkino leicht Hemingway im Gespräch mit John Wayne, Wyatt Earp und Humphrey Bogart vorstellen kann.

Stattdessen begrüßt uns ein deutscher Pilger mit dem schwersten Rucksack, der uns bisher begegnet ist: 20 Kilo! Nein, keine Zeit für Komplexe, auch wenn ich mit meinem 8 Kilo dagegen eindeutig den Kürzeren ziehe.

Achso, der deutsche Schwertransporter auf zwei Beinen war übrigens bereits auf dem Rückweg von Santiago de Compostela. „Der Camino, müsst ihr wissen, ist nämlich keine Einbahnstraße“.

Danke für den Hinweis, aber wir wollen erst einmal hin, ehe wir an den Rückweg denken. Zweimal Camino hintereinander steht bei all der Freude, die wir bisher am Pilgern empfinden, nicht auf dem Programm.

Wenig später dann das emotionale Highlight des Tages: „Mitsou“ ist wieder da!

Sitzt da einfach auf einem Feldstein, wie vor gut eineinhalb Wochen, als wir sie schon einmal in einem Dorf ohne Namen aufgegabelt hatten.

Mitsou heißt nicht wirklich Mitsou, sondern hat einen wunderschönen koreanischen Namen, denn ich mir weder merken und gleich gar nicht aussprechen kann. Aber weil uns die Cartoon-Zeichnerin aus Südkorea an eine „Mitsou“ in Montréal erinnert, hat sie nichts dagegen, dass wir sie so nennen.

Wir hatten uns Sorgen gemacht um Mitsou. Nachdem wir sie vor etwa zehn Tagen in Los Arcos aus den Augen verloren hatten, war sie immer mal wieder Gesprächsthema zwischen Lore und mir.

Als uns dann vor ein paar Tagen ein anderer Pilger von einer „jungen Koreanerin“ erzählte, die er „irgendwo hungrig aufgefunden“ hatte, war unsere Sorge um dieses liebenswerte Mädchen noch größer.

Was für eine Freude, dass wir sie also heute gesund und munter wieder gefunden haben.

Das mit dem richtigen Essen muss Mitsou allerdings noch üben: Während unserer gemeinsamen Wanderung in den Abend hinein gestand sie uns, dass sie ausser einer Orange zum Frühstück wieder nichts gegessen habe.

Ein Tag mit Happy End also. Und mit einem Herbergszimmer zum Verlieben. Mit einem Blick aufs gegenüber liegende Kirchendach, auf dem in zehn Meter Entfernung von uns ein Storch brütet.

(Keine Bange, liebe Christa. Dein Wort in Gottes Ohr).

Die Welt ist voller Wunder – und ich bin sicher, es kommen in den nächsten Wochen noch einige dazu.

Für heute grüßen wir den Rest der Welt mit herrlich zufriedenen Grüßen.

Buen Camino aus Boadillo El Camino!

Mit „Mitsou“ on the road

Wiedersehen mit „Mitsou“