Die netten Leute vom Camino

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Gipfeltreffen ohne Gipfel: Pilger beim morgendlichen Bar-Besuch

JAKOBSWEG, Tag 8 – 25 Kilometer von Santo Domingo de Calzada nach Belorado

FÜR BERND D.

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Es ist Mittag und die Sonne schickt glühende Pfeile auf den Camino. Der Rucksackgurt schneidet sich ins Schulterfleisch. An den Waden hängt der Muskelkater wie eine Stahlklammer. Auf der Stirn bilden sich fette Wassertropfen, die deine Bandana innerhalb von Minuten zum durchtränkten Schweißtuch machen. Und bis zum nächsten Hostel in Belorado sind es noch immer 16 Kilometer.

Warum tut man sich das an?, könnte man sich fragen.

Könnte man, aber man tut es nicht. Nicht ein einziges Mal habe ich in den vergangenen acht Tagen auch nur für den Bruchteil einer Sekunde die Frage gestellt, ob man nicht doch lieber im klimatisierten Großraumbus die restliche Strecke nach Santiago de Compostela zurücklegen soll. Und das ist die Wahrheit.

Die Wahrheit ist auch, dass mich der heutige Tag mehr geschlaucht hat als all die anderen zuvor. Vielleicht lag es daran, dass es weniger zu sehen gab als sonst.

Die Landschaft hat sich drastisch verändert. Von den fruchtbaren Feldern, Weinbergen und Wiesen, die uns noch bis gestern als Augenschmaus dienten, war heute nicht mehr viel übrig. Stattdessen erinnerten uns hauptsächlich Kartoffelfelder daran, dass auch entlang des Caminos kein Manna vom Himmel fällt, sondern die Natur die Menschen ernähren muss.

Es ist ein feiner Menschenschlag, der sich hier niedergelassen hat. Geerdete Männer und Frauen, die den Pilgern gegenüber, die hier schon seit dem Mittelalter unterwegs sind, größten Respekt zollen.

Wo wollt ihr hin? Wo kommt ihr her? Was, schon mehr als 200 Kilometer seid ihr zu Fuß gelaufen? Trinkgeld? Kommt nicht in die Tüte. Spar dein Geld, Pilger! Du wirst es noch gebrauchen können. Holt euch frisches Trinkwasser, gleich um die Ecke steht der Dorfbrunnen. Und überhaupt, hier ist ein Geheimtipp: Wenn ihr nach der Brücke links abbiegt und nicht geradeaus weiter marschiert, spart ihr gut und gerne einen Kilometer.

So geht das jeden Tag zu auf dem Jakobsweg. Und immer wieder wird uns Buen Camino! zugerufen. Von der alten Frau, deren Welt am Fensterbrett ihres baufälligen Steinhauses aufhört, bis zum Teenager, der mit seinem Moped mehr Krach macht als fünf Fernlaster hintereinander.

Ach ja, die Fernlastzüge. Stundenlang sind wir heute eine wenig attraktive Strecke der Autobahn Longroña – Burgos entlang marschiert. Man hätte ob der monotonen Topografie einschlafen können. Aber nichts da! Immer wieder ließen Trucker aus ganz Europa ihre Hörner aufheulen, als sie uns entdeckten. So, als wollten auch sie uns Buen Camino zubrüllen.

Wie verbringt man eigentlich die vielen, manchmal einsamen Stunden auf staubigen Wegen, ohne gaga zu werden?

Lore zieht sich über die Handy-Kopfhörer einen Allgäu-Krimi mit Kommissar Kluftinger ins Ohr. Ich bediene mich derweil an meiner Playlist. Wieviel Leonard Cohen am Stück erträgt ein Mensch? Sehr viel, stelle ich fest. Er ist halt mal „my man“.

Menschen, die uns auch heute wieder auf dem Camino begegnet sind. Wo fange ich an? Bei Ellie aus Wales, die zusammen mit James aus Los Angeles, Jonas aus der Pfalz, Linda aus Vancouver Island und Andrew aus Melbourne die Morgensonne vor einer Bar genießen.

Ellie verrät mir, wer sie auf die Idee mit dem Camino gebracht hat. Es war die 75jährige Oma. Die war so verzückt, als sie den Jakobsweg vor ein paar Jahren mit ein paar Freundinnen zurückgelegt hatte, dass sie ihre Enkelin so lange mit Geschichten vom Camino verzauberte, bis das Mädchen endlich anbiss.

„Here I am“, lacht mir Ellie das sorglose Lachen der Jugend zu, jung genug, um den Arbeitsprozess für ein paar Monate unterbrechen zu können, ohne deshalb Konsequenzen für den Rest des Lebens befürchten zu müssen.

Und Andrew? Der 61jährige Australier in der Runde? Highschool-Lehrer sei er, erzählt er mir. Er gönnt sich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub. Und wandert den Jakobsweg.

Ein Spanier auf dem Klapprad auf dem Weg nach Santiago, John aus Schottland beim Bier – alles Menschen mit Geschichten, die wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit für heute unerzählt bleiben müssen.

Es ist kurz nach 21 Uhr in dem richtig coolen, richtig preiswerten Privathostel, das wir eben noch auf den letzten Drücker gefunden haben. Die Stempel in unseren Pilgerpässen bilden langsam ein kleines, dokumentarisches Gesamtkunstwerk

Bleibt mir gewogen, liebe Blogleserinnen und -leser. Gute Nacht und Buen Camino aus Belorado.

Die 1. Woche ist geschafft!

JAKOBSWEG, Tag 7 – 24 Kilometer von Nájera nach Santo Domingo de Calzada

FÜR HASSO

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Wo ist nur die Zeit geblieben? Vor genau einer Woche hatten wir unsere Pilgerwanderung in Pamplona begonnen. Ein bisschen Bammel verspürten wir schon. Wir konnten schließlich nicht wissen, worauf wir uns da einlassen würden.

Sieben Tage später haben wir keine Zweifel mehr: Der Camino ist für uns schon jetzt das Abenteuer unseres Lebens. Dabei haben wir noch nicht einmal ein Viertel des Wegs bis nach Santiago de Compostela zurückgelegt.

Die 24 Kilometer von Nájera nach Santo Domingo de Calzada waren wieder von Anfang an ein Augenschmaus.

Nachdem wir drei Tage hintereinander die für ihren hervorragenden Wein weltweit bekannte Rioja-Gegend durchwandert haben, sind wir inzwischen in einem sehr landwirtschaftlich geprägten Flecken Spaniens gelandet.

Fernlastzüge aus ganz Europa stauten sich am Ortseingang von Santo Domingo, wo riesige Mengen an Kartoffeln verladen wurden. Auch die Rapsfelder geben Zeugnis von der landwirtschaftlichen Nutzung dieser Gegend.

Nach einer anstrengenden Wanderung ein Bett für die Nacht zu finden, ist jeden Tag eine neue Herausforderung. Das Ritual wiederholt sich Abend für Abend. Nach der Ankunft in der jeweiligen Stadt setzen wir uns erst einmal in eine Bar und beratschlagen unsere Optionen.

Es gibt im Grunde genommen drei Möglichkeiten:

Christliche Pilgerheime, die pro Bett um die 7 Euro kosten.

Kommunale Pilgereinrichtungen, die geringfügig teurer sind.

Private Hostels, die etwas mehr Komfort bieten, zum Beispiel private Duschen. 

Man bezahlt zwar etwas mehr dafür, aber die damit verbundene Privatsphäre ist es uns wert. Mehr als 55 Euros haben wir noch nie für ein Doppelzimmer hingelegt, meistens waren es weniger.

Wie so ein Pilgertag aussieht? Nach einer Woche haben wir schon eine ordentliche Routine entwickelt:

Wir wachen auf, wenn der erste Hahn kräht, die ersten Hunde bellen oder eisige Luft durchs offene Fenster strömt, so wie heute Morgen in der Kloster-Herberge.

Nach einer kleinen Internet-Session im Bett gibt’s eine kurze Katzenwäsche. Geduscht wird immer am Vorabend, so dass wir frühmorgens keine Zeit verlieren.

Ganz wichtig ist die Fußinspektion. Kleine Wunden oder gar Blasen müssen sofort behandelt werden. Eine Infektion könnte unsere kompletten Pläne zerstören.

Die Füße sind das Kapital des Pilgers. Deshalb wird ihnen eine auserlesene Pflege zuteil. Sie werden jeden Morgen mit Vaseline eingecremt. Auf die bei Jakobswanderern so beliebte Hirschtalgsalbe haben wir bisher verzichtet. Mit Vaseline laufen wir seit Jahren gut.

Neu für uns sind die Perlonstrümpfe unter den Wandersocken. Mir haben sie bisher gute Dienste geleistet und auch Lores Blase auf der Fußsohle ist trotz der langen Strecken so gut wie abgeheilt.

Wir fühlen uns also trotz der körperlichen Strapazen wunderbar.

Ohne Muskelkater geht so eine Gewalttour allerdings bei den wenigsten ab. Entsprechend ähnelt sich die Choreografie der müden Krieger, wenn sie sich abends noch aus den Hostels in die Dörfer wagen. Man erkennt sie sofort am schrägen Gang.

Beim Frühstück in irgendeiner Bar besprechen wir dann die Tagesstrecke. Es gibt inzwischen ganz gute Apps, die Streckenabschnitte einschließlich Übernachtungsmöglichkeiten vorschlagen. Zu sehr sollte man sich jedoch darauf nicht verlassen.

Die letzte Entscheidung, welches Hostel wir ansteuern, fällen wir immer abends, spontan nach unserer Ankunft vor Ort.

Während der ersten paar Tage war es ein seltsames Gefühl, bis zum Abend nicht zu wissen, wo wir die Nacht verbringen werden. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Schließlich ist bisher immer alles gut gegangen.

Im Vergleich zu den ausschließlich  jüngeren Pilgern – einen 70jährigen Wanderer habe ich bisher nicht getroffen –   liegt unser Tagespensum von 20 bis 25 Kilometer zwar unterm Schnitt. Uns reicht es aber, zumal wir ein wesentlich größeres Zeitfenster zur Verfügung haben als die meisten.

Und natürlich gab es auch heute wieder Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Chris ist einer davon. Er kommt aus Exeter in England und hätte den Camino liebend gerne mit seiner Freundin gemacht. Aber ihre Arbeitspläne erlaubten es nicht. Also wandert Chris allein. Wie eine Trophäe trägt er eine kleine Muschel über dem Rucksack, die ihm seine Liebste zum Abschied geschenkt hat.

Es ist kurz nach 20 Uhr, Schlafenszeit für einen müden Wanderer. Morgen wieder mehr.

Das Tippen ins Smartphone ist für mich noch immer eine große Herausforderung. Deshalb bitte ich auch kleine Schnitzer zu entschuldigen  und natürlich kommen beim Bloggen keine preisverdächtigen Texte zustande. Wer weiß, vielleicht gibt‘s ja irgendwann mal ein Buch darüber.

Gute Nacht, liebe Blogfamilie.

Buen Camino aus Santo Domingo de Calzada!

Camino-Wanderung ins 33. Jahr

JAKOBSWEG, Tag 6 – 23 Kilometer von Navarrete nach Nájera

FÜR ANDREAS

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Heute ist unser Hochzeitstag – und wir schenken uns ein paar Kilometer. Nach 23 muss genug sein. 32 wären besser gewesen. Denn so lange sind wir heute verheiratet. Aber weitere neun KM hätten uns womöglich an unsere Grenzen gebracht. Hochzeitstag, schwerer Tag.

Unser Freund Philipp hat die Symbolik des heutigen Tages wunderbar auf den Punkt gebracht. Unsere Wanderung auf dem Jakobsweg sei „irgendwie ein schönes Sinnbild für den langen Weg, den ihr beiden schon zusammen gegangen seid“.

Mit dem Jakobsweg war es heute ein wenig wie mit einer langen Ehe. Wir marschierten über Höhen und durch Tiefen. Die Luft war manchmal dünn und kühl, dann wieder dick und heiß. Um unser Ziel zu erreichen, mussten wir zwischendurch richtig schwer arbeiten – wie in einer langen Beziehung.

Aber die Sonne meinte es immer gut mit uns und wir sind sehr glücklich, an diesem 27. März heil angekommen zu sein: In dem Ort Nájera, aber auch an der Schwelle zum 33. Jahr unsere Ehe.

Was für ein Glück, an der Seite dieser tollen Frau alt werden zu dürfen! Mit ihr zusammen als Siebzigjähriger den Jakobsweg zu wandern, ist das schönste Geschenk, das wir uns gegenseitig machen konnten.

Der Camino stellte uns heute auf eine harte Probe. Ein eisiger Wind blies uns den Großteil des Tages ins Gesicht. Der Blick auf die schneebedeckten Berge, so wunderschön sie auch sein mögen, ließ die gefühlte Temperatur trotz des strahlenden Sonnenscheins noch weiter in den Keller sinken.

Erst um die Mittagszeit ließ der kalte Biss nach und wir fühlten uns wieder wie im Frühsommer.

Abgestiegen sind wir in einem ehemaligen Kloster aus dem 17. Jahrhundert, mit dicken Mauern, mitten im historischen Teil des 8000-Einwohner-Städtchens Nájera.

Gefühlte Geschichte auf einer Pilgerwanderung, die reich an Geschichten ist.

Begegnungen? Klar doch: John aus Schottland zum Beispiel. Ein kernig aussehender Typ, dessen Tattoos seine kräftigen Arme fast schwarz erscheinen lassen. Er will über Santiago de Compostela hinaus wandern, nach Finisterre. In Schottland lebt er am Meer. „I miss the sea“, sagt er mit der Gelassenheit des Mannes, der sich nichts beweisen muss. Deshalb wolle er bis zum Atlantischen Ozean weiter wandern.

Sylvain aus der französischen Beaujolais-Region nördlich von Lyon wandert ein stückweit neben mir her. Er ist Mitte 20 und hat das strahlende Lachen eines jungen Mannes, der mit sich im Reinen zu sein scheint.

Mein Mitwanderer ist seit dem 12. Februar unterwegs. Ich habe einen ziemlich guten Überblick, wieviel Zeit seither verstrichen ist, denn der 12. Februar war mein Geburtstag. Und den habe ich vor einer gefühlten Ewigkeit in Kuba gefeiert.

Der Gedanke, dass dieser Sunnyboy seit dem 12. Februar nicht eine einzige Nacht mehr ein festes Dach über dem Kopf hatte, lässt mich vor Kälte erschaudern. Sylvain übernachtet im Freien, manchmal im Zelt, oft aber auch nur auf Isomatte und Schlafsack.

Ein bizarrer Anblick: Während ich hinter dicken Klostermauern meinen Text ins iPhone tippe, repariert Lore neben mir einen Schuh. Was man halt so an seinem 32. Hochzeitstag macht.

Gute Nacht, liebe Blog-Familie. Buen Camino aus Nájera!

PS: Es erreichen uns noch immer täglich zahlreiche aufmunternde eMails, WhatsApp-, Instagram- und Facebook-Nachrichten – oft von Menschen, denen wir noch nie im Leben begegnet sind. Wir lesen jede einzelne Zeile und freuen uns tierisch darüber. Bitte habt jedoch Verständnis dafür, dass wir sie bei unserem Tagespensum nicht einzeln beantworten können. DANKE!

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Camino: Zum Weinen schön

JAKOBSWEG, Tag 5 – 27 Kilometer von Viana nach Navarrete

FÜR MARIA

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Irgendwann weint auf dem Camino jeder. Als ich diesen Satz in einem Jakobswegführer gelesen habe, verschwendete ich keinen weiteren Gedanken daran. Echt jetzt? Ich und weinen? Gestern Abend war es soweit.

Es passierte in der Dorfkirche von Vania, unserer gestrigen Endstation. Mehr um uns aufzuwärmen als den Heiligen Geist zu empfangen, besuchten wir die Abendmesse. Lore, Carmen unsere mexikanische Camino-Begleitung, und ich.

Als die Schäfchen von Vania gerade das Abendmahl empfangen hatten und wir fast schon auf dem Sprung waren, wandte sich der Pfarrer an uns.

Er bat uns, an den Altar heran zu treten, begrüßte uns mit Handschlag, fragte nach unseren Herkunftsländern und auch nach dem bisherigen Verlauf unserer Wanderung.

Als er uns gerade einen sicheren, weiteren Camino wünschte, kam aus dem Nirgendwo die pausbäckige Mesnerin. Und überreichte Lore und Carmen je einen geweihten Lorbeerstrauß. Er hat von jetzt an einen Ehrenplatz auf Lores Rucksack.

Einfach so. Fremde aus Kanada und Mexiko waren plötzlich Teil einer nordspanischen Dorfgemeinde geworden. Und sei es nur für ein paar Minuten.

Das war der Moment, in dem nicht nur mich die Emotionen dieses Abends übermannt haben.

Der Camino lässt keinen kalt. Weder den Straßenkehrer, der uns schon von der Ferne einen guten Verlauf der Wanderung wünscht, noch die Frau, die mit schweren Einkaufstüten unterm Arm ein Stück durch die Stadt Longroño mit uns wandert und fast ehrfürchtig zuhört, wie wir ihr den bisherigen Verlauf der Pilgerreise schildern.

Es sind die Menschen, die den Camino zu einer einzigartigen Erfahrung machen.Wie oft wir mit unseren schweren Rucksäcken, unseren Wanderstöcken und der Jakobsmuschel auf dem Rücken von wildfremden Menschen angesprochen wurden, lässt sich nicht mehr zählen.

Natürlich haben nicht nur wir diese Erfahrung gemacht. Jeder und jede, die wir bisher getroffen haben, berichtet von ähnlichen Begegnungen.

Gierke aus Holland hat uns erzählt, dass er bereits zum vierten Mal auf dem Camino wandert. Diesmal geht er einen Teil davon in Begleitung seiner 26-jährigen Tochter, einer frischgebackenen Anwältin.

Toni, ein Consultant aus der Schweiz mit zwölf Angestellten, hat schon 1400 km hinter sich. Er fing mit dem Jakobsweg bereits vor vielen Wochen in der Nähe seines Wohnortes Einsiedeln an. Der Jakobsweg habe ihn vor dem drohenden Burnout bewahrt.

Juan, dessen Vater aus Mallorca stammt, der aber in Kopenhagen lebt und aufgewachsen ist, hat uns eine Zeitlang durch die Weinberge von Rioja begleitet. Nach fast 20 Jahren im gleichen Job brauche eher dringend einen Wechsel, verrät er uns.

Wie es in seinem Leben weitergehen soll, darüber wollte er eigentlich während seiner Pilgerwanderung nachdenken. Aber es sei so viel Schönes passiert bisher, dass er weder Zeit noch Lust hatte, um über berufliche Perspektiven zu reflektieren.

Wir sind in einem bescheidenen, aber freundlichen Hostel in Navarrete abgestiegen. Während ich diese Zeilen ins Handy tippe, bimmeln von der Kirche nebenan die Glocken. Menschen strömen in die Dorfkirche zum Abendgebet.

Es sind auch heute wieder mehr Kilometer geworden als wir vorgehabt hatten. Und wieder war es nicht die Kondition, die uns die Entfernung diktierte. Es sind die Übernachtungsmöglichkeiten entlang des Weges.

Blasen an den Füßen machen Lore auch heute wieder zu schaffen. Kein Wunder nach fast 28 Kilometern. Sie ist tapfer, die Frau an meiner Seite. Von der Apotheke nebenan erhofft sie sich gerade Linderung.

Der Jakobsweg nimmt alles von dir. Er zehrt an deinen Kräften und manchmal denkst du, am Ende deiner Leistungsfähigkeit angekommen zu sein. Aber der Jakobsweg nimmt nicht nur, er gibt auch. Viel mehr als ich es hätte mir erträumen lassen.

Gute Nacht aus Navarrete und Buen Camino!

Sie heißt Maria. Wie die Person, der wir die heutige Strecke gewidmet haben. Diese Maria steht irgendwo am Camino und stempelt Pilgerpässe.

Der Auf-und-ab-Tag

JAKOBSWEG, Tag 4 – 23 Kilometer von Los Arcos nach Viana

FÜR HANS

Wir widmen jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Die Achterbahn des Lebens spiegelte sich am vierten Tag unserer Pilgerwanderung eins zu eins in der Landschaft wider. Es war ein ständiges Auf und Ab. Das einzige, das konstant oben blieb, war unsere Stimmung. Wie könnte man an Tagen wie diesen auch nicht guter Dinge sein?

Daran ändert auch die schmerzhafte Blase unter Lores Fußballen nichts. Mit Nadel, Faden und einem Biss auf die Zähne hat sich die Ärztin in ihr gleich nach der Ankunft in der Pension San Pedro in Viana selbst behandelt.

Viana liegt gut 23 Kilometer von Los Arcos entfernt. Das muss für uns heute als Tagespensum genügen. Im Gegensatz zu den meisten Menschen, denen wir hier begegnen, verfügen wir über den unbezahlbaren Luxus der Zeit.

Sieben Wochen stehen uns insgesamt zur Verfügung. So viel werden wir vermutlich nicht für den Camino brauchen. Aber die Freiheit spielt sich im Kopf ab: Wir könnten, wenn wir wollten.

Nicht nur topografisch ging es heute auf und ab. Auch das Wetter passte sich der Landschaft an. Jacke aus, Jacke an. Reißverschluss rauf, Reißverschluss runter.

Vom kühlen Morgen bis zum heißen Marsch durch die fruchtbaren Täler, in denen vorwiegend Wein angebaut wird – mit Ausnahme von Regen und Schnee war wettermäßig alles dabei. Viel Wind auch, der uns manchmal angetrieben, oft aber auch ausgebremst hat.

Neue Strecke, neue Bekanntschaften. Und auch ein Wiedersehen mit „alten“ Mitwanderern, denen wir schon vor Tagen begegnet waren.

Carmen zum Beispiel, die fröhliche Mexikanerin, haben wir eben auf der 700 Jahre alten Plaza in Vania wieder getroffen. Carmen humpelt uns entgegen. Zu ihrem Schmerz im Knie hat sich eine Knöchelverletzung gesellt. Deshalb aufgeben? Nie und nimmer!

Auch die junge Theologiestudentin aus Südkorea, Tischnachbarin in Los Arcos, ist uns gleich am Ortseingang von Vania in die Arme gelaufen.

Nach Feierabend erkennt man PilgerInnen schon von weitem an Flip-Flops. Der Moment, in dem die Wanderstiefel abgelegt werden können, gehört zu den Wohlfühl-Highlights des Tages.

Sean ist eine Zeitlang neben uns her gewandert. Ein stattlicher Mann aus Dublin, der dringend eine Auszeit brauchte. Sean muss es im Geschäftsleben weit gebracht haben. Im Hafen von Palma de Mallorca liegt sein Segelboot. Auf dem Camino steigt er in Sechs-Euro-pro-Nacht Pilgerherbergen ab. Die Gnade des Mannes, der sich nichts mehr beweisen muss.

Manchmal sind die einfachsten Antworten die besten. Unter einer schattigen Steineiche treffen wir Yvonne, eine nicht mehr junge und auch nicht mehr ganz schlanke Pilgerin aus Alaska. Sie hat den Weg um die halbe Welt ganz alleine angetreten. Was sie hierher bringe, frage ich sie. Ihre Antwort: „Der Camino“.

Der Jakobsweg bringt Menschen nicht nur zusammen. Er reduziert sie auch auf das Wesentliche. Geld, Ruhm, Schönheit? Alles geschenkt.

Worauf es ankommt, sind gesunde Füße und ein klarer Menschenverstand. Alles andere regelt der Camino für dich.

Gute Nacht aus Vania!