Frohes Fest aus dem Bloghaus!

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Mit einem clickfrischen Szenenfoto aus der „Nutcracker“-Vorstellung im Montrealer Place-des-Arts wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN frohe Weihnachten. Danke, dass Sie diesem Blog seit mehr als sieben Jahren und nach fast 700 Beiträgen noch immer die Treue halten. Bleiben Sie mir gewogen und lassen Sie sich überraschen. Es erwartet Sie einiges im neuen Jahr.

 

 

Kurzbesuch bei Madame Kitsch

Leidend liegt der geschundene Herr Jesus in einem Bett von Lilienblättern unterm Ladentisch. Wie mit letzter Kraft hält er noch eine Visitenkarte in der linken Hand – so, als wolle er sagen: „Schaut her, Jüngerinnen und Jünger, hier gibt’s was zu kaufen!“

Zu kaufen gibt’s bei Kitsch’nSwell jede Menge. Die Heiligenfigur selbst ist allerdings unverkäuflich. Da ist Boutiqen-Besitzerin Karine Gauthier eigen.

Jesus unterm Ladentisch. Das geht Karines Mutter dann doch zu weit.

Karine ist in den Siebzigern geboren, aber ihr Herz schlägt für die Fifties. Ob Samthüte oder Perlmutt-Aschenbecher, bunte Glasketten, ausgestopfte Tiere oder Kirschmund-Broschen – ihr Retro-Laden am Montrealer Boulevard St. Laurent ist wie ein Museum, nur lustiger.

Und die Museums-Leiterin, sprich: Boutiquen-Besitzerin, ist das Coolste, Abgedrehteste, Schrägste, das mir seit langer Zeit begegnet ist. Ein, zwei vergnügliche Stunden mit diesem bunten Vogel zu verbringen ist wie Kino.

Die Retro-Boutique liegt am Boulevard St. Laurent, meiner Lieblingsstraße in Montréal.

Wer in einer Hippsterstadt wie Montréal auffallen möchte, muss sich schon etwas Besonderes einfallen lassen. Als Kitsch’nSwell vor ein paar Jahren zu verkaufen war, schlug Karine Gauthier zu. Dabei hatte sie als Taxidermistin zwar Erfahrung mit ausgestopften Wildtieren. Aber ein Geschäft hatte sie bis dahin noch nie geleitet. Gleich gar nicht so einen abgedrehten Laden wie diesen.

In die Wiege gelegt worden ist Karine Gauthier der Hang zum Schrägen allerdings nicht. Sie stammt aus der tiefsten Provinz. Die Saguenay-Region liegt 600 Kilometer nordöstlich von Montréal und ist vor allem durch seine Walbeobachtungs-Touren auf dem St. Lorenz-Strom bekannt.

Vor der Blockhütte im Busch, wo sie aufgewachsen ist, sagen sich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht, sondern auch Bären, Elche und Wölfe. Das mit der Taxidermie habe sich einfach so ergeben, sagt Karine. Tiere – lebendige und tote – gab es in der Wildnis schließlich en masse.

Von verrückten Sachen habe sie schon als Kind geträumt, erzählte mir Karine heute Nachmittag. Klamotten, Spielzeuge, Designerkram, Lampen. Dass sie mit Mitte vierzig allerdings einen Straßenkreuzer fährt und regelmäßig zu der größten Retro-Kitsch-Messe der Welt nach Las Vegas reist, war ihr nun wirklich nicht in die Wiege gelegt worden.

Ganz selten bekommt Karine Besuch von ihrer Mutter, die noch immer in der Wildnis lebt. „Sie findet mich ziemlich crazy“. Aber wie das halt so mit Müttern ist, man nimmt die Kinder wie sie sind.

Nur das mit dem Jesus Christus in der Glasvitrine unterm Ladentisch gefalle ihr gar nicht.

Das Sortiment von Kitsch’nSwell finden Sie  >> hier im Online-Shop <<  Von dort aus sind auch die INSTAGRAM– und FACEBOOK-Accounts mit Fotos und Videos zu erreichen.

Mehr Text und Fotos zu meiner Lieblingsstraße in Montréal gibt’s  >> HIER  <<

Schmankerln aus dem „Heustadl“

Man kommt um diese Jahreszeit ja gerne mal ins Grübeln. Vor allem, wenn nicht nur Weihnachten vor der Tür steht, sondern in wenigen Wochen auch der Siebzigste droht.

Mit Lausbubengeschichten will ich Sie heute nicht langweilen – die gibt’s an anderer Stelle in diesem Blog. Aber wenn Sie mir gestatten, dann nehme ich Sie mit auf eine kleine Erinnerungstour nach Waiblingen im Remstal. Dort begann im Mai 1968 meine journalistische Laufbahn.

Als Redaktionsvolontär bei der Waiblinger Kreiszeitung hatte man ein tolles Leben. Man genoss viele Freiheiten, durfte lokale Models interviewen und über die „Hausfrau des Jahres“ schreiben (ja, die gab’s damals wirklich). Und man konnte sich mit ein bisschen Ruhm bekleckern, wenn man „gute Geschichten“ an Land zog, wie das der damalige Chefredakteur Richard Retter nannte.

Eine dieser Geschichten ging so:

Im „Heustadl“, der Diskothek meines Vertrauens, spielte sich meistens gegen Mitternacht das richtige Leben ab. Einmal stand ein streitbarer Kollege im Mttelpunkt des Geschehens, der sich öffentlich mit dem Ehemann einer Frau zoffte, der gegenüber der Kollege seine Ritterlichkeit demonstrieren wollte.

Mein Kumpel, der edle Ritter, musste sich schließlich geschlagen geben – und zwar im Wortsinn, denn es kam zu einer faustdicken Keilerei. Ob die Ritterlichkeit des Kollegen von der Frau später belohnt wurde, soll hier keine Rolle spielen. Eine gute Geschichte gab es allemal.

Da es in der Redaktion nur wenige Geheimnisse gab, erfuhr auch der Chefredakteur davon. Prompt setzte er mich daraufhin auf das Thema an: „Wie sicher sind Waiblingens Lokale?“. Die Antwort wusste ich schon, noch ehe ich mit meinen Recherchen begann: Eigentlich sind Waiblingens Lokale sehr sicher. Es sei denn, man macht sich an die Ehefrau eines stadtbekannten Schlägers heran.

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Eine andere Geschichte, die in der Waiblinger Unterwelt spielte, ging so:

Man schrieb das Jahr 1968 und hörte immer nur von Sex, Drugs und Rock’n Roll. Vor allem das Thema Drogen hatte in einer Kleinstadt wie Waiblingen etwas Mystisches, Verruchtes. California Dreaming war weit weg und ich kannte bis dahin keinen, der direkt mit Drogen in Kontakt gekommen war.

Das änderte sich in einer Nacht im – Sie haben es erraten – „Heustadl“:

Zwei Typen, Mitte 20, fingen im Gespräch mit mir an, mit ihren Drogenerfahrungen zu prahlen. Endlich Informationen aus erster Hand! Sie wären durchaus bereit, mir ihre Halluzinationen im LSD-Rausch zu schildern. Auch würden sie über ihre Kontakte mit Drogendealern berichten, anonym versteht sich. Das Ganze habe allerdings seinen Preis: 50 D-Mark Info-Honorar für jeden und die Jungs würden mir alles Wissenswerte aus der Waiblinger Drogenszene berichten.

Kurz vor Mitternacht also ein Anruf beim Chefredakteur: Kann ich? Soll ich? Darf Ich? Und vor allem: Wer soll das bezahlen?

„Lass anschreiben bei Peter.“ Peter war der Diskothekenwirt und ein Bekannter meines Chefredakteurs. Also rückte Peter zwei Fünfziger heraus, denn als Volontär bei der Lokalzeitung war man zu jenen Zeiten mit einem Monatssalär von knapp 400 D-Mark nicht immer liquide.

Für insgesamt hundert Mark  führten mich also die beiden Kerle in jener denkwürdigen Nacht im „Heustadl“ in die dunkle Welt der Drogen ein. Die Geschichte in der Zeitung las sich flott. Ob alles stimmte, was mir die Jungs erzählten, wage ich heute zu bezweifeln.

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Drogen waren trotz – oder vielleicht gerade wegen – der frühzeitig erworbenen intimen Kenntnis der Szene nie so mein Ding. Bier, Wein und Schnaps schon eher. Und weil der „Heustadl“-Wirt, siehe oben, mit dem Zeitungs-Chef bekannt war, floss das Freibier oft in Strömen.

Es war Winter in Waiblingen und der Löschweiher am Stadtrand war erstmals seit langem wieder zugefroren. Was also lag da näher, als mit anderen Disco-Eseln um Mitternacht aufs Eis zu fahren, um nach dem Rhythmus aus dem Autoradio mit dem Döschwo den Wiener Walzer zu schlittern. Der 2 CV hat es überlebt, ich auch.

Wie so oft monierte meine Zimmervermieterin, eine resolute Witwe namens Herb, am nächsten Morgen, dass meine Ente mal wieder mit zwei Rädern auf dem Trottoir stehe. In verkehrsrechtlicher Hinsicht kümmerte mich der Vorwurf wenig. Dass sich, wie Witwe Herb mir aber versicherte, schon einige Passanten darüber beschwert hätten, dass „der junge Herr von der Zeitung“ wohl glaube, Sonderrechte genießen zu dürfen, ließ mich alles andere als kalt. Ich gelobte Besserung.

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Einer der „Heustadl“-Stammgäste war ein spillriger Kerl namens Ewald. Er besaß einen Opel-Kadett und war von Beruf Käsevertreter. Wie ich ihn um seinen Job beneidete! Morgens holte er bei seiner Firma wunderschöne Käseplatten ab, garniert mit Weintrauben und Schleifchen und immer ein gutes Fläschchen dazu. Damit ging er auf Tour.

In seinem missionarischen Eifer bot er mir an, mir an einem meiner freien Tage das Remstal und die weitere Umgebung von Stuttgart zu zeigen. An jedem Edeka-Laden machten wir Halt, um die neuen Käsesorten zu kredenzen. Interessanter als die Brie-, Chèvre- Sauermilch- und anderen Sorten waren die dazu gehörenden Weinproben. Ich liebte diese Käserundfahrten, auch wenn sie nicht immer gut endeten.

Und da wir nicht immer den gewünschten Gesprächspartner im Lädele antrafen, mussten wir so manche Käseplatte wieder einpacken und dem häuslichen Verzehr zuführen. Zusammen mit dem Fläschen, versteht sich, das der Leiter der Käseabteilung auch abgekriegt hätte, wäre er an diesem Tag bloß auffindbar gewesen.

Genug Käse geredet für heute. Mehr Schmankerln aus Waiblingen und sonst wo gibt’s ein andermal.

 

So geht Einwanderungs-Politik: Herzlich willkommen in Kanada!

Es gibt Themen, die lassen einen ein Leben lang nicht mehr los. Bei mir ist es das Thema Einwanderung. Meine erste Einwanderung nach Kanada erfolgte am 8. Dezember 1973, also vor ziemlich genau 45 Jahren. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Europa bin ich im Oktober 1980 erneut nach Kanada ausgewandert. Seither lebe und arbeite ich hier.

Losgelassen hat mich das Thema Einwanderung nie mehr. Eigentlich auch klar, wenn man so direkt davon betroffen ist. So richtig hochgekocht ist es in meinem Kopf aber erst wieder in den letzten Jahren. Die Flüchtlings-Debatte in Deutschland hat in mir viele Emotionen geweckt.

Das fängt schon bei der Wortwahl an: Sind es nun „Flüchtlinge“, „Flüchtende“, „Immigranten“, „Einwanderer“ oder „Zuwanderer“?

Meine Meinung: Wenn man die richtige Einstellung zu einem Thema hat, dann ist die Terminologie ziemlich egal. Wichtig ist doch, wie man mit dem Thema selbst umgeht. Die kanadische Bevölkerung empfindet „Menschen von woanders“ nicht als Problem, sondern als Notwendigkeit. Es ist das Ergebnis einer geregelten Zuwanderungspolitik.

Das Punktesystem für Neueinwanderer in Kanada funktioniert. Es hat schon funktioniert, als ich damals eingewandert bin. Pluspunkte für Sprachkenntnisse und den Nachweis eines Arbeitgebers. Punkte auch für Sponsoren, die dem Staat versprechen: Wir passen auf, dass der Neueinwanderer, den ihr ins Land holt, nicht aus der Reihe tanzt!

Ich finde: In diesem Punkt ist Kanada einfach großartig. Hier wird nicht um den heißen Brei geredet. Man hält sich nicht an sprachlichen Feinheiten auf sondern hat nur ein Ziel:

Man möchte möglichst vielen Hilfesuchenden möglichst viel Hilfe zuteil werden lassen. Unbürokratisch, schnell und neidfrei. Zukunftsorientiert und nicht rückwärtsgerichtet.

Kanada sieht Neueinwanderer als Gewinn an und nicht als Bürde. Und genau so sollte es sein.

Mir ist unerklärlich, dass es in Deutschland zwar ein Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gibt, aber noch immer kein vollwertiges Ministerium. Und das bei dem Thema, das wohl den meisten Deutschen mit am meisten auf den Nägeln brennt: Flüchtlinge und Einwanderer.

Was machen unsere Politiker eigentlich, wenn sie auf ihre berühmten „Fact Finding Missions“ gehen? Geben sich die vielen Abgeordneten, Minister, Staatssekretäre und auch Regierungschefs, die ich im Laufe der Jahrzehnte hier bei irgendwelchen Konsulats- und sonstigen Empfängen getroffen habe, wirklich damit zufrieden, lediglich Teil der Häppchenfraktion zu sein, für die solche Empfänge ausgerichtet werden? War’s das?

Alle Fotos © Bopp

Hören sie eigentlich zu, wenn ihnen von den Erfolgen der kanadischen Einwanderungspolitik erzählt wird? Von Flüchtlingen, die schon nach wenigen Wochen eine Wohnung oder gar eine Arbeitsstelle haben? Vor Kanadiern, die alles tun, um Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen. Egal, ob sie eine Kopfbedeckung tragen oder nicht. Egal, mit welcher Hautfarbe sie geboren wurden und welcher Religon sie angehören.

Der Großteil der kanadischen Bevölkerung hat erkannt: Wir brauchen Menschen wie sie. Ohne sie blutet unser Land aus, ohne sie kann unsere Wirtschaft nicht blühen.

Weihnachten steht vor der Tür und Sie können mir eine große Freude machen, indem Sie sich den folgenden Hörfunkbeitrag anhören. Meine Kollegin Antje Passenheim hat ihn gerade für die WDR-Sendung „NEUGIER GENÜGT“ recherchiert und gesprochen. Nehmen Sie sich bitte die Zeit. Es lohnt sich:

Ein Selfie mit dem Christkind

Josef zückt das Handy zum Selfie. Maria formt das Victory-Zeichen. Die Heiligen Drei Könige beliefern das Jesuskindlein mit Amazon-Paketen auf dem Segway. Willkommen in der Montrealer Hipster-Krippe!

Zu sehen ist die schräge Hüttenszene zurzeit im Oratoire St.Joseph, einer riesigen Pilgerstätte im Norden der Stadt. Dort werden jedes Jahr zu Weihnachten 100 Krippen aus aller Welt ausgestellt. Aus Porzellan und Holz, aus Messing und Kork, aus Stoff, Stroh und Pappe.

Und jetzt eben ein Stall mit Photovoltaik-Dach, eine Maria mit einem Becher Starbucks-Kaffee in der Hand und einem Schaf, das glutenfreies Heu frisst. Versteht sich von selbst, dass die Kuh biofreundlich aufgewachsen ist.

Bethlehem digital – warum nicht? Jesus sei ja hoffentlich nicht nur für diesen einen Moment auf die Welt gekommen sondern auch für die nachfolgende Ewigkeit, sagte mir heute Nachmittag ein Junge, der mit seiner Schulklasse vor Ort war. Und zur Ewigkeit gehören eben auch Selfies und Amazon-Pakete.

Ganz unumstritten ist die Hipster-Krippe nicht. Es hagelt Proteste aus vielen Richtungen. Aber die Katholische Kirche, die das Pilgerzentrum unterhält, denkt bislang nicht daran, die Szene aus dem Ausstellungsangebot zu nehmen. Im Gegenteil: Die Hipster-Krippe ist zum Medienspektakel geworden, es wird mit einem Besucherrekord gerechnet.

 Die Kult-Krippe ist zwar die am meisten Beachtete, aber bei weitem nicht die Einzige, die zurzeit im Oratoire St. Joseph ausgestellt wird. Eine kleine Auswahl der anderen Krippen aus aller Welt finden Sie weiter unten.

Venezuela

Schweiz

Nepal

Bangladesch

Israel

Zambia

Lesoto

Burkina Faso

Nigeria

Ghana

Unbekannt

Ägypten

Brasilien

Costa Rica

Weissrussland

Malta

Unbekannt

Drei Millionen Pilger besuchen jährlich das Oratoire St. Joseph in Montréal. Die Aufnahme ist heute Nachmittag (12. Dezember 2018) entstanden.                             Fotos: © Bopp

Falls Ihnen das Foto vom Oratoire St. Joseph bekannt vorkommt: Richtig! Hier spielte sich auch die Story vom gestohlenen Herzen ab, von der hier vor langer Zeit mal die Rede war.