„Mein Land, das ist kein Land. Es ist der Winter“ – Auf Französisch („Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“) klingt das, was der Quebecer Barde Gilles Vigneault in seinem Chanson meinte, ein bisschen versöhnlicher. Aber man kann es drehen und wenden wie man will:Der Winter in Kanada kann wunderschön sein, manchmal grausam, aber immer fotogen.
Ob am Lac des Deux Montagnes, wo wir heute Eisfischern und Windsurfern zusahen, oder auf dem zugefrorenen St.-Lorenz-Strom, wo Familienväter liebevoll Eisbahnen für die Kinder bauten – optisch hat alles seinen Reiz.
Doch mitten im hundertsten Lockdown, einschließlich nächtlicher Ausgangssperren, fühlt sich der kanadische Winter weniger romantisch an. Manchmal wirkt er wie ein Korsett, das dir die Luft zum Atmen nimmt, dass es fast schon weh tut.
„We are winter people„, sagen unsere kanadischen Freunde, wenn sich draußen der Schnee türmt und das Eis unter den Sitefeln knirscht.
„We are summer people„, sage ich dann schon mal und wünschte mir, das für uns derzeit unerreichbare Mallorca wäre nicht am anderen Ende der Welt und Corona würde endlich den Weg zur Hölle antreten.
Aber wie immer machen wir das Beste daraus. Ein paar Fotos aus unserem Viertel und von ein bisschen außerhalb – zu mehr hat es an diesem bitterkalten Sonntagnachmittag nicht gereicht. Bei minus 22 Grad lässt du den Finger keine Sekunde zu lang am Auslöser.
Morgen geht’s weiter. Für die Nacht ist ein Schneesturm angekündigt. Um die 30 cm Neuschnee soll es geben. Pittoresk wird’s allemal.
Wer nicht hören will, muss zahlen: Ungeimpfte in der Provinz Quebec werden künftig zur Kasse gebeten. Etwas aufgeregt war er schon, der Ministerpräsident, als er eben vor der Presse die jüngsten Maßnahmen verkündete: Wer sich nicht impfen lässt, muss “eine beträchtliche Summe” an Sonderabgaben entrichten, wenn er seine Steuererklärung abgibt.
Wie diese “beträchtliche Summe” aussehen könnte, wollte François Legault nicht präzisieren, noch nicht. Aber 50 Dollar seien in seinen Augen noch keine beträchtliche Summe, 100 auch nicht.
Ethisch und juristisch könnte es noch einige Hürden geben, bis das Gesetz an den Start gebracht wird. Dass es demnächst inkraft tritt, daran ließ der Quebecer Regierungschef keine Zweifel. „Wir müssen handeln!“
Die Logik hinter der Ankündigung klingt schlüssig. Wenn 10 Prozent der Bevölkerung ungeimpft sind, aber 50 Prozent aller Krankenhausbetten von Ungeimpften bevölkert werden, ist das den Millionen Geimpften gegenüber nicht mehr zuzumuten.
Keiner habe Verständnis dafür, dass lebensnotwendige Operationen verschoben werden müssen, weil Ungeimpfte Personal und Betten überfordern, sagte Gesundheitsminister Christian Dubé am Nachmittag vor der Presse.
Die Situation in der Provinz Quebec spitzt sich mit jedem Tag mehr zu. Zwar sind die Inzidenzen rein zahlenmäßig in den letzten Tagen gesunken, die Zahl der PatientInnen, die wegen Covid-Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert werden, steigt jedoch rapide.
Wie prekär die Lage ist, zeigt auch ein plötzlicher Personalwechsel an der Spitze des Pandemie-Krisenteams: Der bisherige Gesundheitsdirektor, der die Regierung berät – vergleichbar mit Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut -, hatte gestern überraschend seinen Rücktritt eingereicht. Ein Interimsnachfolger wurde heute der Presse vorgestellt.
Ob Empathie, politisches Kalkül oder gar versuchte Erpressung – als Signal taugt die Drohung mit der Kohle allemal. Ministerpräsident Legault kennt seine Pappenheimer: Nachdem vor einigen Tagen angekündigt worden war, dass nur noch Geimpfte Zugang zu den staatlichen Alkohol- und Cannabis-Läden haben, bildeten sich vor den Impfzentren plötzlich wieder Schlangen.
Im Oktober wird in Quebec neu gewählt. Bislang muss Ministerpräsident Legault mit seiner Coalition Avenir Québec (CAQ) Umfragen zufolge nicht um seine Wiederwahl fürchten. Das könnte sich jedoch ändern, wenn die Regierung ihre manchmal chaotische Pandemiepolitik nicht bald in die Spur zurückbringt.
Mein Freund Doug, stets ganz weit vorne, wenn es um politische Szenarien geht, textet mir eben: „I smell fear!“
Nach der gestrigen Ankündigung einer Impf-Steuer findet ein Run auf die Impfzentren statt. Vor allem die Zahl derer, die eine Erst-Impfung suchen, hat in den vergangenen Stunden drastisch zugenommen:
Minus 38 Grad Celsius – so kalt soll es sich morgen früh in Montreal anfühlen. “We are winter people”, sagen Freunde von uns, wenn man sie auf die Eiszeit in Quebec anspricht. Ihnen machen die Temperaturen – übrgens die kältesten seit vier Jahren – nichts aus. Mir schon. Ich wünschte, ich wäre auf Mallorca.
Dort waren wir um diese Jahreszeit zwölf Jahre hintereinander. Dann kam Covid. Mit Covid kam die Kälte, auch die soziale Kälte. Jetzt haben wir Omikron und es ist noch kälter geworden.
Der Kalenderspruch “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung” ist genau das: ein Kalenderspruch, nicht mehr.
BLICK VOM BALKON: Die bisher kälteste Nacht dieses Winters.
Wer sich einmal auch mit noch so guter Kleidung bei minus 38 Grad vor die Tür gewagt hat, weiss, was ich meine. Innerhalb von fünf bis zehn Minuten können Erfrierungen eintreten. Die Behörden warnen davor, morgen ohne Not auf die Straße zu gehen.
Nachts hat sich das Thema ohnehin erledigt: Hier herrscht zwischen 22 und 5 Uhr noch immer ein Corona bedingtes Ausgehverbot.
Besonders hart trifft die Kältewelle Hunderte von Obdachlosen. Längst nicht alle von ihnen haben ein Bett für die Nacht. Viele von ihnen kauern normalerweise um diese Jahreszeit über Heizungsschächten oder in den Vorhallen der Montrealer Metro-Stationen, soweit diese überhaupt nachts geöffnet sind.
Die Ansteckungsquote unter den Wohnsitzlosen ist extrem hoch: Waren es vorige Woche noch 216 von ihnen, infizieren sich inzwischen jeden Tag 50 Neue.
Die logistischen Voraussetzungen der Sozialbehörden sind enorm: Ein Hotel, das die Stadt Montreal eigens für Covid-kranke Wohnsitzlose angemietet hat, ist bereits überfüllt. Immer neue Behausungen müssen gefunden werden, weil ein Ende der Ansteckungskette nicht abzusehen ist.
Die Kapriolen, die das Wetter uns derzeit bietet, passen in die turbulente Zeit, in der wir leben. Die bevorstehende Mini-Eiszeit soll nur einen Tag und eine Nacht anhalten, dann klettern die Temperaturen wieder auf minus 12 Grad. Aber auch die fühlen sich im Wind ganz schnell an wie minus 20. Nächste Woche soll es dann eine Neuauflage der Eiszeit geben.
Das ist weit entfernt von der Rekord-Tiefsttemperatur, die ich in Kanada einmal erlebt habe. Bis vor kurzem hing in meinem Büro eine gerahmte Urkunde. Sie wurde an Journalisten verteilt, die trotz Schneesturms zur Eröffnung des neuen Winnipeger Kongresszentrums gekommen waren.
An diesem Abend hatte es, mit „wind chill factor“, minus 62 Grad Celsius.
Bücher haben in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Daheim, in Ummendorf, waren es die Musterbücher, die mein Vater Kunden zeigte, ehe sie sich für neue Tapeten entschieden. Später, als Schriftsetzerlehrling, waren es Bücher, die ich “im glatten Satz” setzen musste, wie es in dieser längst vergessenen Kunst des typografischen Gewerbes hieß. Die „Mao-Bibel“ gehörte, wie bei jedem 68-er, ohnehin auf jedes Klo.
Im späteren Berufsleben, als der angehende Journalist ein Redaktionsvolontariat bei der Tageszeitung absolvierte, waren es Bücher, die zur Recherche dienten. Darunter Fachbücher über Weinanbau, ein Thema, dem mein damaliger Chefredakteur eine Wichtigkeit zuordnete, die ich zu jener Zeit nicht richtig nachvollziehen konnte.
Aber ich habe meine Journalisten-Ausbildung nun mal im Remstal absolviert, wo Trollinger, Riesling und Lemberger zum Kantinengespräch gehörten wie Porsche, Daimler und Siemens. Stuttgart eben.
Mit der Auswanderung nach Kanada waren es fast zwangsläufig Reiseinformationen über die neue Heimat, auch Sprachbücher für Englisch und Französisch.
Dann, als die neue Heimat zum Zuhause geworden war und der Kopf frei wurde für die einfacheren Dinge des Lebens, waren es Bücher, die man halt so liest, um mitreden zu können: Walser, Grass, Grisham, Steinbeck. Manchmal war es mehr Pflicht als Kür.
Einen Satz des liebenswert-kratzbürstigen Dichters und Malers Fritz Grasshoff, der sich später in unserem Dorf Hudson ansiedelte, würde ich nie wieder vergessen: “Das einzige, das ich lese”, sagte der alte Fritz, „ist das, was ich selbst geschrieben habe”.
Dann kam die Zeit, als ich genau das tat: Ich malträtierte Computertasten, um eigene Bücher entstehen zu lassen. Eines davon, “Das gibt sich bis 1970”, schaffte es zwar nie in die Bestsellerlisten, gekauft wurde es aber trotzdem tausendfach. Auch mein „Mutmacher für Freie Journalisten“ wird noch immer fleißig bestellt.
Und jetzt? Wo das wichtigste gelesen, das meiste durchdiskutiert ist, wo man sich weder selbst noch anderen etwas beweisen muss, bleibt Zeit, sich der Kür zuzuwenden. Das sind Bücher, die man immer wieder gerne in die Hand nimmt, um darin zu blättern. So wie eben nach dem Frühstück.
Mein absolutes Lieblingsbuch trägt den schlichten Titel “Camino 2019″.
Es ist bei keinem Verlag erschienen, kann von keiner Plattform runtergeladen werden. Es ist ein Fotobuch, wie man es im Internet basteln und dann bestellen kann. Mit Bildern von unserer gemeinsamen Wanderung auf dem Jakobsweg – damals, als Corona noch eine Biermarke war und man Omikron mit einer Großmutter aus dem Königshaus assoziierte. Ganz billig ist der Spaß nicht: Bei Google Photobook kostet so etwas zwischen 20 und 125 $ – je nach Umfang und Austattung (Hard- oder Softcover, Anzahl der Fotos etc.)
Weil es mein Camino-Büchlein nicht zu kaufen gibt, stelle ich Ihnen, den Leserinnen und Lesern dieses Blogs, heute einen Link zur Verfügung, der so etwas wie “Best-of-Camino” heißen könnte.
Eine Bildersammlung vom größten, schönsten, längsten, anstrengendsten Abenteuer meines Lebens finden Sie >> HIER <<
So langsam geht es in der Provinz Quebec ans Eingemachte. Wenn jetzt schon die Kunden der staatlichen Alkohol- und Cannabis-Shops nur noch nach Vorlage des Impfpasses einkaufen dürfen, muss es schlimm bestellt sein um Covid. Genau so ist es: Die Zahlen gehen durch die Decke – und die Regierung kommt langsam ins Straucheln.
Vom 18. Januar an dürfen bei der Société des Alcools du Québec (SAQ) und der Société Québécoise du Cannabis (SQDC) Alkoholika und Marihuana nur noch an Kunden mit Impfpass verkauft werden.
Das tut weh: Mehr als 20 Prozent aller Quebecer, vermutlich noch weitaus mehr, konsumieren regelmäßig Cannabis, das es in den zahlreichen Drugshops ganz legal zu kaufen gibt. Vom Alkoholkonsum ganz zu schweigen. Da sind die meisten Quebecer ganz Franzosen und lassen sich die Flasche nicht nehmen.
Auch für den Impfausweis gelten künftig verschärfte Bestimmungen: Gültig ist der nur noch, wenn er auch den 3. Pieks beinhaltet.
Doch mit dem Boostern in Quebec ist es so eine Sache.
Weil wegen Personalmangels viel zu lange gewartet wurde, bis endlich die dritte Dosis geimpft werden konnte, kommen die völlig überarbeiteten HelferInnen in den Impfzentren nicht mehr hinterher.
Auch auch die Intervalle zwischen der 2. und 3. Impfung betrugen noch bis vor wenigen Tagen sechs Monate. Für viele Teile der Welt gelten längst drei Monate als ausreichend.
Gekämpft wird jetzt an allen Fronten: Weil die offiziellen Testzentren völlig überlastet sind, aber immer noch nicht genügend Heim-Schnelltests zur Verfügung stehen, ist die Dunkelziffer vor allem der mit Omikron Infizierten hoch.
Einige der großen Tageszeitungen sind dazu übergegangen, nicht mehr wie bisher die täglichen Inzidenzen zu veröffentlichen. Stattdessen wird die Zahl der auf den Intensivstationen verstorbenen Patienten bekanntgegeben. Die Statistik liest sich von Tag zu Tag erschütternder.
Das medizinische Pflegepersonal in den Krankenhäusern arbeitet seit fast zwei Jahren treu und brav rund um die Uhr. Dass diese Männer und Frauen jetzt schon im zweiten Jahr Urlaubssperren aufgebrummt bekommen, ist zum großen Teil auf die Impfidioten noch immer Ungeimpften zurückzuführen.
Sie machen mehr als die Hälfte derer aus, die Krankenhausbetten in Anspruch nehmen, die dringendst für andere Patienten benötigt werden. Tausende von Operationen, darunter auch Krebs-Ops, mussten bereits storniert werden, um Krankenhaus-Kapazitäten für Covid-Erkrankte zu schaffen.
Für diejenigen, die den Schuss noch immer nicht gehört haben, feuerte der Quebecer Gesundheitsminister Christian Dubé jetzt eine neue Salve ab:
“Wenn Ihnen als Ungeimpfte unsere Entscheidungen nicht passen”, sagte der Minister mit arg strapazierter Stimme, „habe ich einen Vorschlag“:
“Lassen Sie sich einfach impfen! Sofort und ganz umsonst.”