Ein bisschen fühlt es sich an wie die Fortsetzung des Urlaubs, den wir im März wegen Corona abbrechen mussten. Wir dürfen wieder ohne schlechtes Gewissen spazieren gehen, ab Montag öffnen viele Geschäfte. Friseure und Zahnärzte kommen auch bald dran. Und seit heute ist es uns hier sogar erlaubt, sich mit bis zu zehn Leuten zu treffen, sofern sie aus nicht mehr als drei Familien stammen und zwischen den einzelnen Parteien jeweils zwei Meter liegen.
Das war die – mit Abstand – beste Nachricht seit Beginn der Pandemie vor mehr als zwei Monaten.
Abgesehen davon hat sich an der dramatischen Situation, zumindest zahlenmäßig, nicht wirklich viel geändert. Die Provinz Quebec ist nach wie vor das Covid-19-Epizentrum Kanadas. Und die Stadt Montreal gilt inzwischen auf der Corona-Skala als die siebt gefährlichste Stadt der Welt.
Die täglichen Pressekonferenzen von Justin Trudeau in Ottawa sind zu einem Ritual geworden, das viele aus bizarren Gründen vermissen werden – ich gehöre auch dazu.
Der kanadische Premierminister schafft es mit seiner sympathisch-empathischen Art, den von der Pandemie verunsicherten Menschen etwas in ihre Wohnstuben zu zaubern, was in turbulenten Zeiten wie diesen abhanden gekommen war: Beschaulichkeit, Ruhe, Stabilität, Hoffnung. Aber auch Seriösität und immer wieder finanzielle Hilfen in schwindelerregnder Höhe.
Die tägliche „Justin Show“ ist wie Balsam für die von Covid-19 geschundenen Seelen der Kanadier.
Dagegen wirken die – ebenfalls täglichen – Pressekonferenzen der Quebecker Regierung chaotisch. Es fehlt der rote Faden und es wird mit Zahlen operiert, die nicht selten geschönt sind, wie erst heute wieder ein Kolumnist der Montreal Gazette nachweisen konnte. Beständigkeit sieht anders aus, Vertrauen erst recht.
Der Quebecker Regierung, so scheint es, ist die Kontrolle über diese Pandemie längst entglitten.
Doch am heutigen Tag, an dem die Temperaturen an der 30-Grad-Marke gekratzt haben, ging ein fast hörbares Aufatmen durch die lange Zeit eingesperrte Bevölkerung.
Ein Spaziergang entlang des Lachine-Kanals, einer kilometerlangen grünen Lunge mitten in der Großstadt, ganz bei uns in der Nähe, fühlte sich fast an wie früher. Nur die Masken, die inzwischen viele der Spaziergänger, Radfahrer und Inlineskater tragen, erinnern daran, dass ein furchtbares Virus seinen Schrecken noch lange nicht verloren hat.
Die Disziplin der meist jungen Menschen, die sich tagtäglich entlang dieser beliebten Freizeitmeile versammeln, erstaunt mich immer wieder. Wo ist das Laissez-Faire-Verhalten, für das die Frankokanadier in „La Belle Province“ bekannt sind?
Ganz offensichtlich haben die meisten inzwischen den Schuss gehört. Nur wenn die Abstandsregeln auch weiterhin eingehalten werden, besteht für die arg gebeutelten Montrealer noch eine überschaubare Chance, es heil in die zweite Jahreshälfte zu schaffen.
An uns soll es nicht liegen.
Ein Blick auf den Kalender genügt und mir wird erneut klar, wie sehr sich die Welt in den letzten Wochen und Monaten verändert hat. Heute, am 18. Mai 2020, wären wir planmäßig aus Spanien zurückgekommen.
Bestellst Du schon, oder kochst Du etwa noch? Nie seit meiner ganzen Kanada-Zeit – und das sind immerhin schon 40 Jahre – habe ich so viele Menschen so viele Mahlzeiten bestellen sehen. Schon klar: Die Restaurants sind geschlossen und Kochen ist nicht jedermanns Sache.

Lassen Sie sich von dem Foto oben nicht blenden. Nichts ist normal hier. Selbst die Gartenstühle auf einer begrünten Verkehrsinsel unterhalb der Pilgerkirche St.Joseph sind gewöhnlich nicht dort. Die Stadt Montreal hat sie aufgestellt, um den Bewohnern einen Hauch von Normalität vorzugaukeln.
Zwei bis dreimal in der Woche, manchmal auch öfter, läuft bei uns Corona-TV. Dann wird live vom Esstisch aus gesendet. Die Einschaltquoten sind überschaubar: Zwei, höchstens drei Zuschauer – mehr würden nur stören. Denn Corona-TV ist Privatfernsehen im Wortsinne: Über Videochat bleiben wir mit unseren Freunden in Kontakt.