Bilanz einer Corona-Chaos-Reise

IMG_5667Ein Blick auf den Kalender genügt und mir wird erneut klar, wie sehr sich die Welt in den letzten Wochen und Monaten verändert hat. Heute, am 18. Mai 2020, wären wir planmäßig aus Spanien zurückgekommen.

Mit dem Air Transat-Flug TS107 aus Malaga wären wir um 13:50 Uhr in Montreal gelandet. Es hätte das Ende einer dreimonatigen Winterreise durch Spanien werden sollen.

Hätte, hätte, Fahrradkette: Dass wir bereits seit zwei Monaten wieder in Kanada sind, kam so:

Nach unserem vorzeitig abgebrochenen Camino auf der Via de la Plata hatten wir noch eine Rundreise durch Spanien gemacht. Statt auf dem spanischen Festland zu bleiben, machten wir von Madrid aus noch einen Abstecher nach Mallorca. Geplant war, nach einigen Wochen von Palma aus nach Malaga zurück zu fliegen und von dort aus die Heimreise nach Montreal anzutreten.

Doch in Spanien, also auch auf Mallorca, hatte der Corona-Virus bereits wenige Tage nach unserer Ankunft Mitte März zu einem Lockdown geführt. Wir waren gezwungen, die Insel so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Nur wohin?

Aufs spanische Festland konnten wir wegen der Einschränkungen im Flugverkehr nicht wieder zurück. Andere europäische Airports anzufliegen, war aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr möglich.

Frankfurt war die einzige Alternative. Auch wenn wir dort noch gezwungen waren, bis zum Abflug nach Montreal in einem sündhaft teuren Hotel auszuharren, blieb uns keine andere Möglichkeit.

Diese ganze Aktion hat uns nicht nur Nerven, sondern auch logistische Klimmzüge und vor allem viel Geld gekostet hat.

Aber wir sind gesund. Ein Covid-19-Verdacht konnte durch einen Corona-Test entkräftet werden. Wäre der Test positiv verlaufen, hätte es keinen von uns weiter gewundert. Schließlich waren wir mitten im Gewühle, als in Madrid die schlimmste Corona-Welle Spaniens und eine der schlimmsten in ganz Europa ausbrach.

Aber wir haben Glück gehabt und sind dankbar, dass wir dieses Chaos heil überstanden haben.

Dass wir bereits am 19. März und nicht wie geplant erst am 18. Mai zurückkehren mussten, haben sich manche Anbieter teuer bezahlen lassen.

Hotelstornierungen, gecancelte Flüge, Bahntickets und schließlich der vorzeitige Rückflug mit einer ungeplanten Neubuchung mit Air Canada von Frankfurt nach Montreal – das alles nagte heftig am Budget.

Als sich der erste Corona-Schock erst einmal gelegt hatte, ging nach der Rückkehr die Schreiberei los. Wer ersetzt was? Wieviel ist von wem zu erwarten?

Dabei kristallisierte sich im Laufe der Tage und Wochen heraus, wie unterschiedlich im Tourismusgewerbe das Geschäftsgebaren ist.

Die besten Erfahrungen haben wir mit MAWISTA gemacht, bei der wir eine Krankenversicherung für speziell im Ausland lebende Deutsche abgeschlossen hatten. Sie hat uns innerhalb von 24 Stunden den kompletten Differenzbetrag der nicht angetretenen Reisetage zurückerstattet.

Auch Booking.com zeigte sich kulant, allerdings erst nach einigem Schreib-Hickhack. Inzwischen wurden die Kosten für im Voraus bezahlte, aber nicht abgewohnte Hotelnächte voll zurückerstattet.

Die spanische Airline Vueling, die uns von Palma zu unserem Montreal-Flug nach Malaga bringen sollte, weigert sich, uns den Flugpreis zurück zu erstatten. Dafür gibt es einen Gutschein für Flüge, die noch dieses Jahr gebucht und spätestens bis Ende 2021 angetreten sein müssen. Nicht fair, aber es ist wie es ist.

Am wenigsten kulant zeigt sich jedoch bisher die kanadische Fluggesellschaft Air Transat.

Den von Anfang an geplanten Air Transat-Rückflug von Malaga nach Montreal konnten wir wegen des Lockdowns nicht antreten. Wir mussten also umbuchen – auf einen Flug, den wir aus den oben genannten Gründen gar nicht antreten konnten.

Für den ursprünglich geplanten Rückflug erhielten wir einen Gutschein. Wollen wir ihn einlösen? Können wir ihn überhaupt innerhalb der Zwei-Jahresfrist einlösen? Und wenn ja: Es ist so gut wie sicher, dass Fliegen künftig erheblich teurer wird. Der Gutschein ist also mit einem erheblichen Wertverlust verbunden.

Die Umbuchungsgebühr für den nie angetreten Flug beträgt 1200 Dollar. Diese Summe könne nicht zurückerstattet werden, beschied uns Air Transat. Auch eine Reisegutschrift in dieser Höhe sei nicht möglich.

Wirklich? Eine rein administrative Gebühr, für die keinerlei Leistung erbracht wurde? Wie kleinlich und geldgierig. Und juristisch übrigens äusserst umstritten.

Im Geschäftsleben redet man von guten und schlechten „corporate citizens“. Air Transat gehört für mich eindeutig zu den ganz besonders miesen.

Notiz an mich selbst: Keine Neubuchungen mehr bei einer Fluggesellschaft, die unverschuldet in Not geratene Passagiere auch noch abzockt!

Mit Corona kam die Lieferitis

IMG_3545.jpgBestellst Du schon, oder kochst Du etwa noch? Nie seit meiner ganzen Kanada-Zeit – und das sind immerhin schon 40 Jahre – habe ich so viele Menschen so viele Mahlzeiten bestellen sehen. Schon klar: Die Restaurants sind geschlossen und Kochen ist nicht jedermanns Sache.

Wenn jetzt schon dein Stamm-Diner bei dir um die Ecke einen Lieferdienst anbietet, muss die Not groß sein – und zwar auf beiden Seiten: Beim Kneipen-Besitzer und beim Kunden.

Ob frittierte Zwiebelringe, Pommes, Dill-Gurken oder das Quebecker Nationalgericht PoutineThe Green Spot liefert neuerdings aus.

In einer Stadt mit mehr als 5000 Restaurants ist der Appetit groß. Denn müssten alle Restaurants über Nacht komplett zumachen, würde nicht nur ein wirtschaftliches Chaos entstehen, sondern auch ein kulinarisches.

Publikumsverkehr ist nicht gestattet, Take Out und Essen auf Rädern schon. Der Montrealer isst gern. Und wenn „le resto“, wie er seinen Esstempel liebevoll nennt, nicht mehr geöffnet ist, muss eben der Lieferdienst her.

Davon gibt es hier Dutzende. Von Uber-Eats bis Feodora, mit zahlreichen Einzelkämpfern

IMG_2092

Frisch aus der Pfanne: Schnitzel bei Bopps

dazwischen. Und der Liefermarkt läuft wie geschmiert.

Chez Ma Tante bietet Poutine und Hotdogs an. Le Petit Alep hat’s mit der syrischen Küche und La Khaīma brutzelt Mauretanisches und liefert dann frei Haus.

Auch Lebensmittel lassen sich viele Montrealer lieber vor die Haustür stellen anstatt vor der Ladentür Schlange zu stehen. Er erwarte jeden Moment eine neue Lieferung, textet mir gerade mein Kumpel Jean, „schon die dritte Lieferung in acht Tagen“.

Und wir so?

Gehen einmal pro Woche tüchtig einkaufen. Dann wird gekocht – und zwar jeden Tag.

IMG_2091

Hausgemacht: Lores Kartoffelsalat

Dabei darf es schon mal ein bisschen mehr sein. So wie eben, als dampfende Kässpätzle auf dem Tisch standen.

Italiener, habe ich heute gelesen, haben während des Lockdowns im Schnitt zwei Kilo zugelegt. Viel weniger dürften’s auch bei mir nicht sein.

Lebensmittel-Lieferungen hatten wir noch nie und auch den Essensdienst haben wir noch nie bemüht. Und zwar wirklich noch nie, auch vor der Corona-Krise nicht.

Dabei habe ich kein grundsätzliches Problem mit Food to Go. Es schmeckt mir einfach nicht außerhalb des Restaurants, wo es frisch gekocht wird. Ein Chicken Tikka Massala, das beim Stamm-Inder nicht heiß aus der Küche serviert wird, sondern erst auf den Liefertruck gepackt werden muss, verliert nicht nur seinen Geschmack, sondern auch seinen kulinarischen Charme.

All denen, die sich nicht daran stören, dass Pho Bo mit dem Radl kommt, wünsche ich guten Appetit!

Im Epizentrum des Elends

IMG_2106Lassen Sie sich von dem Foto oben nicht blenden. Nichts ist normal hier. Selbst die Gartenstühle auf einer begrünten Verkehrsinsel unterhalb der Pilgerkirche St.Joseph sind gewöhnlich nicht dort. Die Stadt Montreal hat sie aufgestellt, um den Bewohnern einen Hauch von Normalität vorzugaukeln.

In Wirklichkeit läuft hier alles auf eine nicht endende Katastrophe hinaus. Die Provinz Quebec ist das kanadische Epizentrum der Pandemie. Von den mehr als 4000 Toten in ganz Kanada (Einwohnerzahl: 38 Millionen) sind in Quebec (Einwohnerzahl: 8 Millionen) mehr als 2500 zu beklagen, weit mehr als die Hälfte also. Und es werden kaum weniger. Allein in den letzten 24 Stunden sind 121 an Covid-19 gestorben.

Mein Freund Marcel hat nachgerechnet: Allein in Quebec gibt es im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen bei einer ähnlichen Zahl an Infizierten doppelt so viele Tote.

Trauer ist nicht mehr das richtige Wort für diese Entwicklung, Betroffenheit ohnehin nicht. Wut schon eher. Wut auf die Politik, die hier wieder einmal übelst versagt.

Auch wenn der überaus sympathische Ministerpräsident François Legault bei seinen täglichen Pressekonferenzen kaum einen Versuch unternimmt, die Auswirkungen der Pandemie zu rechtfertigen, im Gegenteil, er entschuldigt sich sogar persönlich dafür, führt kein Weg daran vorbei, dass die Regierungen der vergangenen Jahrzehnte die Zeichen an der Wand zwar gesehen, aber ignoriert haben.

Die Zeichen an der Wand waren: Zu wenig Krankenhausbetten, zu wenig Personal, zu viel Bürokratie und alles in allem ein groteskes Missmanagement der Resourcen.

Der angesehene Journalist Patrick Lagacé trickste seine Leser in seiner heutigen Kolumne für “La Presse” aus. “Wir berichteten neulich, dass die Regierung die Lage in den Notaufnahmestationen der Montrealer Krankenhäuser endlich in den Griff bekommen will”.

Das “neulich” trägt in Wirklichkeit das Datum vom 11. März 1980. So lange schon gelobt eine Regierung nach der anderen Besserung. Aber passiert ist genau: nichts.

Jetzt fliegt dem Staat diese Inaktivität um die Ohren. In einer nie dagewesenen Brutalität rächen sich die Sünden der Vergangenheit.

Es fehlen mehr als 11000 Männer und Frauen in der Alten- und Krankenpflege. In den

Screen Shot 2020-05-07 at 17.40.06

Altenheim bei Montreal: 31 Tote in drei Wochen.

Altenheimen, wo mit Abstand die meisten Todesopfer zu beklagen sind, hat eine regelrechte Flucht des Pflegepersonals eingesetzt. Tausende kehren nicht mehr an ihre Arbeitsplätze zurück. Sie haben Angst, sich anzustecken, sind bereits infiziert oder schlicht zu erschöpft, um ihren Job noch zu verrichten.

Mangelndes Pflegepersonal ist hier seit Jahrzehnten ein Thema, nicht nur in den Krankenhäusern, sondern vor allem auch in den staatlichen und privaten Altenpflegeheimen.

Einer der Hauptgründe für diese Misere ist von jeher die schlechte Bezahlung. Wer am Monatsende mit knapp mehr Geld in der Tasche nach Hause geht als das Sozialamt bezahlt, den bringt die inzwischen übliche Glorifizierung als “Held” oder “Schutzengel” auch nicht weiter.

“Warum wurden diesen Menschen nicht schon viel früher attraktive Arbeitsverträge angeboten?”, heißt die Frage, die sich die Entscheidungsträger in Quebec tagtäglich anhören müssen. Immer häufiger fällt in den Kommentaren namhafter Journalisten das Wort “Misswirtschaft”.

Geld für den bizarren Sprachenstreit zwischen Franko- und Anglokanadiern war immer da. Genug, um eine Sprachenpolizei zu unterhalten, die bis zum heutigen Tag noch immer kontrolliert, ob die französische Bezeichnung der in Läden ausgestellten Waren auch tatsächlich doppelt so groß ist wie die englische. So nämlich schreibt es in dieser Provinz das Gesetz vor.

Jetzt, mitten in der schlimmsten Katastrophe, die das Quebecer Gesundheitswesen je gesehen hat, ist der Jammer groß. Prämien hier, Gehaltserhöhungen dort – Geld spielt plötzlich keine Rolle mehr.

Aber es ist zu spät.

Quebec ist ein wunderbarer Flecken Erde, den ich mir vor fast 40 Jahren ganz bewusst zum Leben ausgesucht hatte. Aber es ist auch ein Flecken, in dem ein defektes System vor sich hinmodert, das keiner mehr aufzuhalten in der Lage ist.

“Wir haben uns schlicht und einfach daran gewöhnt”, schreibt Patrick Lagacé in seiner heutigen “La Presse”-Kolumne. Und er verspricht, die Schwachstellen der Politik auch weiterhin anzuprangern – auch wenn er für seine kritische Berichterstattung jetzt immer mehr Prügel von Lesern bezieht, die der Meinung sind, mitten in einer Pandemie gehöre es sich nicht, das eigene Nest zu beschmutzen.

“Wenn Ihnen das nicht passt”, so der Journalist Lagacé heute, “können Sie ja Regenbogen malen oder sich genüsslich Ihrer Seifenoper widmen”.

Corona-TV: Live vom Esstisch

IMG_2087Zwei bis dreimal in der Woche, manchmal auch öfter, läuft bei uns Corona-TV. Dann wird live vom Esstisch aus gesendet. Die Einschaltquoten sind überschaubar: Zwei, höchstens drei Zuschauer – mehr würden nur stören. Denn Corona-TV ist Privatfernsehen im Wortsinne: Über Videochat bleiben wir mit unseren Freunden in Kontakt.

Wer sein Leben lang als Korrespondent gearbeitet hat, sollte eigentlich wissen, wobei es beim Radio und Fernsehen ankommt. Das Licht darf keine Schatten werfen, der Sound muss stimmen. Deko, Maske und Garderobe hängen vom Thema ab.

Bei Corona-TV spielt das alles keine Rolle. Da hört sich der Ton schon mal an, als komme er direkt aus der Cola-Dose und die Garderobe sieht aus, als hätte der Herrenausstatter bis auf weiteres geschlossen, was ja auch der Wahrheit entspricht. Ein weisses T-Shirt geht immer. Kariertes sorgt für einen rastermäßigen Moiré-Effekt. Und der ist bei Fernseh-Übertragungen tunlichst zu vermeiden.

Ist man bei der Vorbereitung der Sendung nicht achtsam, verdeckt der Schatten des Lampenschirms das Gesicht, was oft kein Schaden ist. So richtig tageslichttauglich ist man in unserem Privatfernsehen ohne Schminke sowieso nicht.

Ist das ungewaschene Geschirr im Hintergrund aus dem Sichtfeld geräumt und das Studio dann endlich sendebereit, kommt die wichtigste Entscheidung: Welche Übertragungstechnik nehmen wir denn heute?

Die Wahl der Programme wird inzwischen zur Qual. Zoom oder Google-Hangout, Facetime oder Whatsapp, Facebook-Messenger oder doch lieber das gute, alte Skype? Kein Problem: Bei der Nerd-Family geht eigentlich alles.

IMG_2035

Traurig, aber schön: Auch Cassian sehen wir fast nur noch auf dem Computer-Bildschirm.

Corona-TV hat den Vorteil, dass man sich zwar auf den Sendebeginn einigt. Der Sendeschluss ist flexibel und liegt an den Machern.

Wahnsinn, wie die Zeit vergeht!

Neben Kochrezepten, Wein-Empfehlungen und Kinder-Geplapper kommen auch staatstragende Themen wie: „Haste Justin Trudeaus neue Haarfarbe gesehen?“ oder: „Schon gehört? Rauchen soll gegen Covid-19 gut sein!“ ins Programm. Immer gut zur Unterhaltung eignen sich auch „Tiger King“, „Tatort“ und die diversen Talkshows.

Den Wahnsinnigen in Washington sparen wir aus. Dafür ist uns die Sendezeit dann doch zu schade.

An Gesprächsstoff hat es uns trotz der doch eher monothematischen Nachrichtenlage bisher nie gefehlt. Das liegt zum einen an unseren durchweg super informierten Chat-Freunden, aber auch an der entspannten bis weinseligen Stimmung, die manchmal gar nicht zum Ernst der Lage passt.

Nicht immer verläuft der Abgang geschmeidig. Da passiert es schon mal, dass der Bildschirm schwärzt, weil der Kumpel mal wieder den schwächelnden Akku in seiner Leistungsdauer überschätzt hatte.

Manchmal kommt die Technik auch mit Hoch- und Breitformat durcheinander. Nein, der Freund  aus Ottawa schläft nicht. Er hat es sich lediglich vorübergehend im Landscape-Modus bequem gemacht.

Perfektes Fernsehen war gestern. Der wahre Charme des Video-Chats liegt in der Imperfektion. Und davon gibt es in unserem Privatfernseh-Sender mehr als genug.

Unser Sohn (32) im Altersheim

IMG_3565

Wenn dein Sohn dir erzählt, er gehe ab morgen ins Altersheim, dann machst du dir erst einmal Sorgen. Cassian ist 32, geht täglich joggen und manchmal ins Gym. Für die Midlifecrisis ist es zu früh, für den Ruhestand erst recht. Warum dann das Ganze? Weil er als Freiwilliger in der Corona-Krise aushelfen möchte.

Das Virus tobt hier vor allem unter alten Menschen. Die allermeisten der 983 Todesopfer, die bis heute allein in Montreal zu beklagen sind, werden aus Altersheimen gemeldet.

Viel zu viele Tote also, und viel zu wenig Personal. Und weil er seinen Beruf zurzeit ohnehin nicht ausüben kann, meldete sich Cassian als „Volunteer“ im Altersheim.

Zusammen mit Christine, einer  jungen Mitbewohnerin, geht er frühmorgens

IMG_3566

Einsatz im Altersheim: Cassian und Christine

aus dem Haus, um sich in einem Altersheim im Stadtteil Notre-Dame-de-Grâce nützlich zu machen.

Nach einem Crashkurs bringen er und Christine dann anderen Helferinnen und Helfern bei, wie sie sich mit Schutzkleidung virussicher an- und wieder auskleiden sollen.

Dass unser Sohn die erzwungene Arbeitspause für einen guten Zweck nutzt, macht uns als Eltern stolz. Aber Cassian und Christine sind keine Einzelfälle.

Aus deutscher Sicht vermutlich schwer verstændlich, aber Kanada könnte ohne den Einsatz von Freiwilligen vermutlich kaum existieren. Der Pioniergeist, mit dem dieses Land aus dem Boden gestampft wurde, steckt auch neute noch vielen in den Knochen.

Der Kennedy-Satz „Ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country“, findet hier tagtäglich tausendfach seine Anwendung.

Man streicht Frühstücksbrote für die Kinder des „Day Care Centre“, schneidert Kostüme für das Schultheater. Man backt Weihnachtskekse für den Basar der Schule. Oder man stellt eben seine Zeit und Arbeitskraft für ein Altenheim zur Verfügung, in dem es fast jeden Tag neue Corona-Tote gibt.

Auch Cassian wurde bereits am ersten Tag Zeuge, wie einer von ihnen abtransportiert wurde.

Freiwilligenarbeit hat in Kanada Tradition. „Volunteering“ ist keine Verpflichtung sondern ein Lebenskonzept, das jedem Neu-Kanadier schon bei der Vereidigung schriftlich nahegelegt wird.

„Volunteering makes a tremendous difference to the people around you; be bold and tackle the social issues that you see“.

Dieser Satz ist mir von meiner eigenen Vereidigung zum kanadischen Staatsbürger in Erinnerung geblieben. Mit Freiwilligenarbeit die sozialen Missstände anzukämpfen im Zeichen des Ahornblatts.

Cassian ist in Kanada geboren, eine Vereidigungszeremonie kennt er nur vom Hörensagen. Aber das Bedürfnis einzuspringen, wenn Not am Mann, der Frau oder der Gesellschaft ist, scheint tief in ihm zu sitzen.

Da passt es gut ins Bild, dass übers Wochenende gleich zwei prominente Kanadier ihre Freiwilligendienste angeboten haben:

Der Quebecer Laurent Duvernay-Tardif ist nicht nur Star-Footballer der Super-Bowl-Sieger “Kansas City Chiefs“, er ist auch Arzt. Aber er arbeitet nicht als Mediziner in einem der vom Virus erschütterten Montrealer Altenheime, sondern als Pfleger.

Und auch die Eiskunstläuferin Joannie Rochette, zweifache Medaillengewinnerin bei Olympischen Spielen, stellt ihre Fähigkeiten nicht als Ärztin in den ehrenamtlichen Dienst der Corona-Betreuung, sondern als Altenpflegerin.

„An Ärzten fehlt es uns nicht“, erklärt Ministerpräsident François Legault jetzt schon seit Wochen in fast jeder seiner täglichen Pressekonferenzen. Aber es wird händeringend Pflegepersonal in den Altenheimen gesucht.

Laurent, Joannie, Cassian und Christine und Tausende von anderen Freiwilligen sind dem verzweifelten Appell der Regierung gefolgt.

Und wir sind stolz wie Oskar.

Wie man Schutzkleidung richtig an- und auszieht sehen Sie in  >> diesem Video <<