Smiling Jack ist tot

Warum müssen eigentlich die Guten immer so früh gehen? Da hatte Kanada endlich mal einen Politiker am Start, der die Schnarchnasenpolitik der Konservativen Regierung aufmischen konnte – und jetzt ist er tot. Mitten in den Sommerferien. Mit gerade mal 61.

Jack Layton: Tot mit 61 – Foto: CP

Scheißkrebs. Jack Layton war für viele von uns der ganz große Hoffnungsträger für die etwas andere Bundespolitik in Kanada. Er kämpfte gegen Asbest und für die Rechte der Indianer. Die dreckschleudrigen Teersandfelder in Alberta waren ihm ein Gräuel. Mehr Kontrastprogramm zur Politik des blässlichen konservativen Regierungsschefs Stephen Harper geht nicht.

Lieber Chinatown als Villa

Jack Laytons NDP hatte es im Mai zum ersten Mal in der Geschichte der Partei geschafft, die Rolle der offiziellen Opposition zu übernehmen. Doch statt in der prunkvollen Residenz des Oppositionsführers zu domizilieren, behielten Jack und seine aus China stammende Frau Olivia Chow lieber ihr Häusle in der Torontoer Chinatown. Solche Männer braucht das Land.

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Welcome … und Goodbye – Foto: CP

Ein Hardcore-Sozialdemokrat des linken Flügels war er. Aufrecht, umsichtig, einfühlsam, „caring„, wie es heute in fast allen Nachrufen heißt. Noch vor drei Wochen hatte ein spindeldürrer und vom Krebs gezeichneter Smiling Jack im Fernsehen verkündet, er werde rechtzeitig zur neuen Legislaturperiode im September wieder in Ottawa sein. Das hat er nicht geschafft – was für ein Jammer. Jack Layton gehörte der Neuen Demokratischen Partei (NDP) an und sorgte sich wie kaum ein Politiker vor ihm um dieses Land mit all seinen schwierigen Facetten.

So kannten wir ihn: „Just call me Jack“

Ich bin diesem wunderbar optimistischen Menschen drei Mal in meinem Leben begegnet. Einmal als Journalist, vor dem Bundesparlament in Ottawa. Das zweite Mal im vorletzten Wahlkampf, mitten im Winter. Da fror sich der arme Kerl bei minus 25 Grad in seiner Strickweste einen ab, während wir uns im Parka versteckten. Mister Layton – „just call me Jack“ wie er immer sagte – Jack Layton hatte unbedingt darauf bestanden, eine Rede im Freien zu halten, damit möglichst viele Menschen ihn in der Mittagspause hören konnten.

Unsere Freundin Marjolaine hat Jack viel zu verdanken

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Marjo im Parlament – Foto: CP

Das letzte Mal sah ich Jack Anfang Mai 2011. Marjolaine, eine gute Freundin von uns, hatte für die NDP kandidiert (und später einen Sitz im Bundesparlament gewonnen). Marjo hatte sich anstecken lassen vom Charisma dieses Mannes. „Endlich ein Politiker, dem man über den Weg trauen kann“, sagte sie damals. So hatten viele gedacht, die in Jack Layton den neuen Stern am Polithimmel sahen – mit Recht, wie sich herausstellte. Allein in der Provinz Québec brachte er es fertig, die Anzahl der NDP-Sitze von gerade mal einem auf 58 zu erhöhen – das hatte es in Kanada noch nie gegeben. Ab sofort war Jack Layton selbst bei den sonst so anglo-kritischen Québeckern „Le Bon Jack„. Sie liebten ihn. Als die Wahlkampagne sich dem Ende zuneigte, rief Marjolaine uns an und bat darum, ihr ein wenig Schützenhilfe zu geben und bei einer für sie sehr wichtigen Veranstaltung dabei zu sein.

Tränen der Rührung – und schließlich ein Lächeln

Da stand sie nun, strahlte und hatte Tränen der Rührung in den Augen, als sie all ihre Freunde im Saal sah. Marjos Tränen müssen Jack an diesem Nachmittag ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Er war sichtlich stolz, als er in der Montréaler Oststadt sein Team vorstellte. Darunter so eine aufrechte, engagierte und, wie sich später herausstellte, auch erfolgreiche Wahlkämpferin wie unsere Freundin Marjolaine Boutin-Sweet.

Jetzt ist er tot und ich, wir, das Land – wir alle werden ihn schrecklich vermissen. Dass Jack Layton in Hudson aufgewachsen ist, dem Dorf, in dem ich lebe, mindert auch nicht meinen Schmerz.

Farewell Jack! Keep on smiling.

Wildwassersurfer und Papayasalat

Kajaker auf dem Lachine-Kanal

Wenn man seit fast 30 Jahren in derselben Stadt lebt, muss man sich schon etwas überlegen, um nicht in eine touristische Routine zu verfallen. Die Fahrt über den Mont Royal bietet sich immer an. Von dort aus hat man einen begnadeten Blick über die Innenstadt, bis hinter die amerikanische Grenze nach Vermont und New York. Und natürlich gibt es den Botanischen Garten, das Olympiastadion,  die historische Altstadt und das Planetarium. Nicht zu vergessen „Schwartz„, den besten Smoked Meat-Diner im ganzen Land. Wer aber das etwas andere Montréal erleben möchte, das schräge, schrille und, ja, auch das manchmal etwas abgefuckte Montréal, sollte die ausgetretenen Pfade verlassen und sich auf eine Wanderung begeben, die in keinem Reiseführer steht. Kommen Sie einfach mit.

Trendy: Das Quartier St. Henri

Schwenkbrücke und Skyline von Montréal

Wir fangen an im Stadtteil St. Henri, dem ehemals ärmsten der amen Arbeiterviertel von Montréal. Heute gehört St. Henri zu den trendigsten „Quartiers“ der Stadt. Die Mischung aus stillgelegten Fabrikanlagen und Lagerhäusern,  Stripschuppen und ehemaligen Boxkneipen, Tante-Emma-Läden, Szenenbars und schicken Lofts hat St. Henri den Ruf als das Montréaler In-Viertel schlechthin eingebracht. Das Herz von St. Henri ist der Atwater Market, eine Markthalle nach Pariser Vorbild. Sie liegt ganz in der Nähe des Lachine-Kanals, der in den St.-Lorenz-Strom führt. Noch bis 1970 verkehrten hier Frachtkähne, die Kohle, Erz, Getreide und Metall in die Großen Seen beförderten, oder sogar bis nach Europa. Heute hat der „Canal Lachine“ keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Dafür tummeln sich jetzt Kanus, Kajaks, Motor- und Tretboote im nicht sehr appetitlichen Wasser.

Lecker: Papayasalat und Braised Pork

Wie sehr uns der Ausgangspunkt unserer Wanderung, der Atwater Market, immer wieder fasziniert, zeigt ein Blick auf den Entfernungs-App im iphone. Wir sind gerade mal 830 Meter gewandert, aber schon eineinhalb Stunden unterwegs. Schuld daran sind die offenen Sommerküchen vor der riesigen Markthalle. Eine davon interessiert uns ganz besonders. Die drei „Satay Brothers“ sind asiatische Jungs aus St. Henri. Sie betreiben die Brutzelstube zusammen mit ihrer Mutter. Für sechs Dollar gibt’s einen wunderbaren Papaya-Salat mit Erdnüssen und frischem Koriander. Etwa gleich wenig kostet das „Braised Pork Sandwich“ mit Kohlsalat und einer Chilisauce – lecker. Noch ein Teilchen vom besten Bäcker der Stadt – und die Wanderung kann erst so richtig losgehen.

 Exquisit: Die Wohnwaben von „Habitat 67“

Habitat 67: Schöner Wohnen in der Wabe

Vorbei an ausgemusterten Fabrikhallen und Lagerhäusern, unter Schwenkbrücken hindurch, deren Mechanismus seit 30 Jahren eingerostet ist, geht es ca. 5 Kilometer dem Lachine-Kanal entlang. Links das unerhört tolle Panorama der Innenstadt, hinter die sich massig der Hausberg von Montréal türmt, der Mont Royal. Vorbei auch an der Malzfabrik und der „Five Roses„-Mühle mit den riesigen Getreidesilos. Ein Stück geht’s noch am Hafen entlang, bis rechts die Wohnanlage „Habitat 67“ auftaucht. Dieses wabenförmige Bauwerk ist architektonisch einmalig. Der damals erst 26jährige Architekturstudent Moshe Safdie aus Haifa hatte den Koloss aus Glas und Beton 1967 für die Weltausstellung „Man and his World“ entworfen. Obwohl Wind und Wetter dem faszinierenden Wohnkomplex heftig zugesetzt haben, gehören die exquisiten Wohnwaben auch heute noch zu den ungewöhnlichsten Bauwerken der Neuzeit.

Wildwasser-Surfen auf dem St. Lorenz-Strom

Unmittelbar hinter dem spektakulären Bau verläuft der St-Lorenz-Strom. Dort, wo der bis zu vier Kilometer breite Fluss am wildesten ist, geht so richtig die Post ab. Die reißende Strömung ist an dieser Stelle von der Straße aus so gut wie nicht zu sehen und schon deshalb ein absoluter Geheimtipp für Surfer und Wildwasser-Kajakfahrer. Wenn da nicht ab und zu Sehleute wie wir vorbei kämen.

Wahnsinn: Eine Insel aus 15 Millionen Tonnen Erdaushub

Weiter geht’s über die Casino-Brücke auf die Île Notre-Dame, eine künstliche Insel im St-Lorenz-Strom. Sie war in den 60er-Jahren entstanden, nachdem die Stadt beim Bau der Montréaler U-Bahn nicht mehr wusste, wohin mit 15 Millionen Tonnen Erdaushub. In zehn Monaten war die Insel fertig. Heute beherbergt sie den Circuit Gilles Villeneuve, bekannt als die Formel-Eins-Rennstrecke, auf der jeden Sommer der Große Preis von Kanada ausgetragen wird.

Blick von der Brücke: Skyline von Montréal

Einen Besuch im Casino, unmittelbar an der Rennstrecke, ersparen wir uns. Dafür geht’s schnurstracks und immer noch zu Fuß weiter am St.-Lorenz-Strom entlang, bis zur Île Sainte-Hélène. Der Weg führt durch einen kleinen Märchenwald mit einer grottenartigen Wasserlandschaft, vorbei am größten Schwimmbad der Stadt bis hin zu La Poudrière. Das ist ein ehemaliger Pulverturm; in den 50er-Jahren wurde dort das semiprofessionelle Deutsche Theater Montréal gegründet. Den Vergnügungspark La Ronde können wir getrost links liegen lassen. Der Kick, der uns jetzt bevorsteht, bietet mehr Thrill als jede Achterbahn.

Brücken-Thrill: Besser als jede Achterbahnfahrt

Die Jacques-Cartier-Brücke

Wir überqueren den St.-Lorenz-Strom über die Jacques-Cartier-Brücke. Diese monströse Metallkonstruktion, benannt nach dem Entdecker Kanadas, ist mehr als 2.6 Kilometer lang und erreicht in der Mitte die Höhe des Ummendorfer Kirchturms, schwindelerregende 66 Meter. Wir haben Glück: Von der höchsten Stelle aus sehen wir direkt auf ein bulliges Frachtschiff die Brücke passieren. Leider kein Smutje, der Kartoffeln schält und auch von einem Gitarre spielenden Matrosen keine Spur. Seefahrer-Romantik geht anders. Dass Fußgänger und Radfahrer einen oben offenen, fast kavernenartigen Eisenkäfig passieren müssen, um ans andere Brückenende zu gelangen, hat einen eher tragischen Hintergrund: Bis zum Bau des Sicherheitsgeländers hatten sich jedes Jahr bis zu zehn Menschen durch einen Sturz von der Brücke das Leben genommen.

Langsam und auch ein bisschen träge bewegen wir uns jetzt in Richtung Innenstadt. Im Stadtteil Hochelaga (politisch inkorrekt: Gay Village) setzen wir uns zum people-watching den Drugstore, eine Kneipe, die eigentlich aus zwei Kneipen besteht: Links die Getränke, rechts die Speisen. Jeweils ein Kellner kommt an unseren Tisch, der eine bringt den Wein, der andere die Fritten. Auch abgerechnet wird hinterher getrennt. „Zahlen bitte!“ im Doppelpack.

Grafitto auf der Rue Ontario

Sechzehn Kilometer zeigt der Streckenmesser inzwischen an. Es sind gut fünf Stunden vergangen seit unserem Auftaktsbesuch in der Markthalle. Die letzten vier Kilometer schleppen wir uns bei immer noch 28 Grad durch die Innenstadt, deren Skyline wir noch kurz zuvor stundenlang vom anderen Flussufer aus gesehen hatten. Die rush hour hat begonnen. Nichts wie weg hier, zurück nach St. Henri. Dorthin, wo unser Auto steht und die alten Fabriken vor sich hin schlummern und die Satay-Brothers gerade den nächsten Papaya-Salat servieren.

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