Der Mann mit zwei Traumjobs: Flugkapitän und Journalist

Journalist wollte ich schon immer werden. Hätte ich mir diesen Lebenstraum nicht erfüllt, wäre ich auf Plan P umgestiegen: Pilot. Ein Freund von mir hat sich beide Träume erfüllt. Er war „Stern“-Reporter und SWF3-Moderator. Jetzt ist er Airbus-Kapitän bei der Lufthansa. Heute treffen wir uns mal wieder in Montréal.

Vor ein paar Stunden saß er mir noch beim Thailänder gegenüber. Eben dann die SMS: Er hat inzwischen Platz im Cockpit genommen. LH 475. Rückflug nach München. In Montréal war er nur eine Nacht. Wieder einmal. Die Stadt meines Herzens fliegt er häufig an. Joerg liebt Montréal. Er würde gut hierher passen. Ein Kerl, knorrig wie ein kanadischer Ahornbaum. Warum sehen Piloten eigentlich immer aus, wie sich Hänschen Piloten vorstellt? Ein Gesicht voll gelebtes Leben. Es gibt Frauen, die träumen von solchen Männern. Ich träume von der Karriere, die dieser Mann hingelegt hat.

Einsatz in Harlem: Als 24jähriger Reporter unterwegs mit der Feuerwehr

Mit gerade mal 24 ging er für den „Stern“ nach New York. Für eine Reportage über Feuerwehreinsätze in Harlem. Es war die Zeit, als dort viel „heiß saniert“ wurde. Die Firefighters kamen nicht zur Ruhe. Tag und Nacht im Einsatz. Genau wie Joerg, der rasende Reporter.

Einsatz bei SWF 3: Toller Journalist mit geiler Stimme

Vorher schon hatte er beim Südwestfunk angedockt. SWF3 war damals die erste Radio-Adresse für die meisten Jugendlichen in Deutschland. Mit diesem Sender bin ich groß geworden. Und mein Kumpel Joerg hinterm Mikro. Wahnsinn. Mehr geht nicht, wenn du jung bist, eine geile Stimme hast und reden kannst wie ein Weltmeister. Wir hatten damals viel miteinander zu tun. Ich lieferte für Joerg die Korrespondenten-Beiträge aus Kanada und Alaska. Er moderierte sie an.

Einsatz Cockpit: Seine Bordansagen klingen noch immer wie damals beim Radio

Toll reden kann Joerg noch immer. Aber er sitzt jetzt nicht mehr im Rundfunkstudio, sondern im Cockpit. Von dort aus macht er die Bordansagen. Er ist Kapitän geworden. Bei der Lufthansa. Im Airbus A 340. Ein Kollege war zufällig mal auf einer Maschine, als Joerg das Kommando im Cockpit hatte: „Seine Bordansagen klingen noch immer wie damals bei SWF3“. Nur: Jetzt interviewt Joerg nicht mehr Popstars und Politiker. Er kündigt Sonnenuntergänge und Windgeschwindigkeiten an. Lebt immer noch sein pralles Leben.

Einsatz weltweit: Schanghai, Rio, Alaska, Montréal …

Joerg fliegt nur noch Langstrecken. China. Indien. Südamerika. Kanada. Neulich hat er seinen Sohn mit nach Alaska genommen. Zum Fischen. Zwei Brummer von Lachsen hat der Kleine aus dem Fluss gezogen. Da strahlt der Papa.

Tolles Leben? Schon. Jetlag? Klar. Aber da muss ein Käpt’n durch. Noch Träume? Ja. Weniger fliegen. Mehr Zeit für den Sohn. Und regelmäßiger Schlaf.

Mein Mitleid für meinen Kumpel hält sich in Grenzen. Zwei Traumjobs in einem Leben – wer hat das schon? Und ich dachte, ich hätte den Sechser im Lotto gezogen. Merke: Steigerungsmöglichkeiten gibt es immer.

 

Buschpilot am Ende der Welt

25 Jahre lang habe ich für die ARD aus Kanada, Alaska und anderen Teilen der Welt berichtet. Meine Reportagen lesen Sie von Zeit zu Zeit hier im Blog. Die Texte wurden nicht aktualisiert.

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Ein Österreicher erfüllt sich seinen Traum vom Fliegen    (Sendung: Juni 2001)

Heute gehen wir in die Luft. Für eine Reportage über den Alltag eines Wasserflugzeug-Piloten. Klaus Horky stammt aus Linz an der Donau. An der kanadischen Westküste hat er sich seinen Lebenstraum erfüllt. Ich treffe ihn in Tofino auf Vancouver Island.

Sanft wie ein Papierflieger setzt die einmotorige „Cessna“ mit 98 Stundenkilometern auf dem betonharten Wasser auf. Das metallische Zischen unter den Schwimmkufen hat etwas Beruhigendes. Jetzt hat auch der Propeller aufgehört, sich zu drehen. Klaus Horky, Mitte 50, nimmt die Baseballmütze vom Kopf. Im Cockpit ist es heiß. Horky tupft sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. Dann er erzählt er, während er die Instrumente noch einmal checkt, wie ihm ein paar Monate zuvor die Wasserlandung nicht ganz so gut gelungen ist wie eben. „Ein Crash?“- „Sagen wir mal: Eine ziemlich harte Landung“. Später erzählt mir der alte Haudegen: „Man könnte auch sagen: überschlagen“.

Cessna-180

Mit harten Landungen kennt sich Klaus Horky aus. Sie gehören zum Berufsalltag eines jeden Wasserflugzeug-Piloten. Seit mehr als 30 Jahren ist Klaus Horky aus Linz an der Donau Buschpilot in der kanadischen Wildnis. Von Vancouver-Island aus beliefert er die Bewohner der entlegenen Inseln mit Post, fliegt Ärzte auf Indianerreservate und Umweltschützer in die abgeholzten Regenwälder. Und dann: Immer wieder die Touristen. Vor allem Wale wollen sie sehen. Die ziehen auf dem Weg von Mexiko nach Alaska unmittelbar an der Küste von Tofino vorbei.

Whale Watching vom Ufer aus kannte ich bereits von früheren Besuchen in British Columbia. Auch in Tadoussac in Québec, wo der St.-Lorenz-Strom in den Saguenay River mündet, hatte ich spektakuläre Walbegegnungen. Und in Maine, vor der Küste vor Bar Harbor. Aber das, was mir Klaus Horky an diesem Tag am westlichsten Zipfel Kanadas zeigte, hatte ich noch nie erlebt. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaust, wenn ich die Szenen Revue passieren lasse: Tonnenschwere Tiere, die sich fast spielerisch in den Wellen aufbäumen und dann meterhohe Fontänen in die Luft blasen: Mehr Natur geht nicht.

Der Weg nach Tofino ist weit und beschwerlich: Von Vancouver aus mit der Fähre rüber nach Nanaimo auf Vancouver Island. Dann mit dem Wagen die Küste entlang. Hinter Qualicum Beach fangen die Regenwälder von Clayoquot Sound an. Stunden und Stunden Autofahrt -dann endlich liegt es da, als wäre nichts gewesen: Ein Fischerdorf mit dem rauen Charme der Westküste.

Für einen, der in Ottensheim aufgewachsen ist und von seinen Eltern nach Linz in eine kaufmännische Lehre geschickt wurde, damit er „später mal was Rechtes wird“, ist Klaus Horky ganz schön schräg geraten:  Militärdienst in Hoersching. Dann die Segelflieger-Lizenz und schließlich ab für acht Monate nach Schweden. Aber das war’s irgendwie auch nicht.  1967 wanderte er nach Kanada aus.

„Lass uns da rüber fliegen“, schreit er mir unter dem Lärm der Cessna zu. „Dort drüben nistet ein Weißkopfadler.“ Behutsam zieht Horky das Wasserflugzeug ein paar Fuß nach unten. Tatsächlich: Ein Adler hat es sich in einer Baumkrone gemütlich gemacht. Extras wie diese sind es, die Klaus Horky bei „Tofino Air“ den Ruf als Spitzenflieger eingebracht haben. Von den sechs Piloten, die bei dem Charterunternehmen auf Vancouver Island angestellt sind, hat Klaus Horky nicht nur die meisten Flugstunden auf dem Buckel. Keiner kennt sich im Busch besser aus als der Linzer in Kanada.

Tofino - Foto: JWyatt

Gegen elf Uhr morgens kommt ein freundlicher Mann mit geröteten Wangen auf dem Boardwalk daher geschlürft. Dr. John Armstrong ist Arzt. Viermal pro Woche verlegt er seine Sprechstunde in die Indianerreservate rund um Tofino. Heute geht es nach A-Housset. Dort leben 1200 Indianer vom Stamme der Nuu-Cha-Nultch. Die „Nootkas“, wie Armstrong seine Patienten liebevoll nennt, teilen die Probleme der meisten kanadischen Ureinwohner: Alkoholismus, Drogenmissbrauch.

In A-Housset kommt noch eine unverhältnismäßig hohe Zahl an Teenager-Schwangerschaften dazu. Und dann die zunehmend falsche Ernährung der Indianer. Hamburger statt Hummer. Lollipops statt Lachs. Die drastische Umstellung macht viele Indianer krank. Der Organismus der Nootka-Indianer hatte sich im Laufe der Jahrhunderte an den Genuss von Meeresfrüchten gewöhnt.

Auf dem Rückflug von „Flores Island“ unterbricht ein Krächzen aus dem Bord-Lautsprecher die Beschaulichkeit: „Auf Hot Springs Cove wartet Jenny“. Jennifer Miller ist Ende zwanzig und Sozialarbeiterin. Klaus Horky kennt ihre Geschichten schon. Die meisten von ihnen sind traurig und haben kein Happy End. Wie es Jennifer Miller fertig bringt, unter dem ohrenbetäubenden Lärm der „Cessna“ einzuschlummern, bleibt mir ein Rätsel. Ohne Klaus, den Buschflieger, wäre sie aufgeschmissen, sagt Jenny. Als Transportmittel blieben ihr da allenfalls noch Kajak oder Kanu.

Und dann: Horky, der Postillion: Ein Leinensack mit der Aufschrift „Canada Post – Special Destinations“ wartet auf dem Pier in Tofino darauf,  ausgeflogen zu werden. Klaus Horky macht das. Hebt den Sack auf, schleudert ihn lässig ins Cockpit – und ab geht die Post: Meares-Island, Hot Springs, noch einmal nach Vargas rüber und zurück. Vierzig Minuten später sind wir wieder in Tofino.

Vorher erklärt mir Horky noch das, was Wasserflugzeug-Piloten eine „Beethoven-Landung“ nennen. Sobald die Schwimmkufen Kontakt mit der Wasseroberfläche haben, hüpft die Maschine erst mal auf und ab: Da-Da-Da-Daaaa. Beethovens Fünfte lässt grüßen. Mit einem Buschpiloten als Dirigent, dessen Konzertsaal das Cockpit einer Cessna ist.

Klaus Horky ist seit Ende 2011 im Ruhestand. Die Zeitung „Gabriola Sounder“ hat zu seinem Abschied einen Artikel veröffentlicht.


Kein Schmu: Ich kann zaubern!

magic_herby (1)In Kanada ist der Winter lang. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen. Ich habe mir etwas Zauberhaftes ausgedacht und mich bei der „Magic Academy“ eingeschrieben. Jetzt kann ich Wasser verschwinden lassen und ein Seidentuch aus dem Mund zaubern. Nur das mit den Jungfrauen zersägen habe ich noch nicht raus.

Ballon-Trick

„Magic Academy“ ist ein großes Wort für ein kleines Zimmer, das an den Zauberladen angrenzt. Aber Nordamerikaner lieben nun mal große Worte. Also bin ich seit ein paar Jahren Absolvent der „Akademie der magischen Künste“. Mein Zauberlehrer heißt Guy und ist im Hauptberuf Anwalt. Das Zaubern hat er von seinem Vater gelernt. Der war Polizist.

„Magic Herby“: Bei besonderen Anlässen mit Zylinder

Ein anderer Zauberschüler ist bei der Montrealer Mordkommission. Außerdem saßen in meinem Lehrgang noch eine Redakteurin der Lokalzeitung und ein Ingenieur namens Pierre. Seitdem Pierre das Zauber-Zertifikat in der Tasche hat, nennt er sich „Pierrot le Magicien„. Wenn ich mein Zauberer-Jackett anziehe, hefte ich mir ein Schild ans Revers, auf dem „Magic Herby“ steht. So einfach ist das hier.

Bei besonderen Anlässen setze ich einen Zylinder auf. Dass ich mit Jackett zaubere, muss sein. Meine Zuschauer können lange darüber rätseln, was ich in welcher Tasche verschwinden lasse.

Becher-Trick

Bescheidenheit ist nicht die Tugend des Zauberers. Deshalb gleich mal vorneweg: Ich kann ein paar echt tolle Tricks. Zum Beispiel nehme ich die Zeitung von heute, forme einen Trichter daraus und gieße Wasser rein. Dann falte ich die Zeitung einfach auseinander und blättere darin. Und es entweicht kein Tropfen Wasser. Dann der Knaller: Ich blase einen ganz normalen Luftballon auf und steche eine Stricknadel rein. Nichts. Nicht mal heiße Luft. Pure Magie.

Vor einigen Jahren war ich im Mekka aller Zauberer, dem „Magic Castle“ in Los Angeles. Es ist eine alte Villa in den Bergen von Hollywood. David Copperfield hat dort seine ersten Tricks zum Besten gegeben. Ich war nur Zuschauer. Wer im „Magic Castle“ Einlass begehrt, muss Referenzen haben. Mich hatte mein Zauberlehrer empfohlen. Einlass ist erst ab Mitternacht. Kleiderordnung: Ganz in Schwarz. Du klopfst am Portal an und eine ausgestopfte Eule streckt dir ihr Ohr entgegen. Da flüsterst du dein Zauberwort rein – und auf wundersame Weise öffnet sich die Tür. Jedes Zimmer ist einem anderen Medium gewidmet: Zaubern mit Münzen, Seidentüchern, Seilen und Spielkarten. Die Nacht im „Magic Castle“ gehört zu den Highlights meiner Zauberer-Karriere.

Kinder lieben Zauberer. Aber nicht jeder Magier zaubert gerne vor Kindern. Zwerge haben einen sicheren Instinkt dafür, wie man einen Zauberer aus dem Konzept bringt. Beim Zaubern dreht sich alles um Timing. Und Ablenkung. Kinder kennen das perfekte Timing, wie sie dich ablenken können. Nie habe ich mehr unter meinem Zylinder geschwitzt als bei Kindergeburtstagen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich mein Hobby ausgerechnet in Montréal entdeckt habe. Harry Houdini, der berühmteste aller Zauberer, ist hier vor 85 Jahren gestorben.

Das kranke Gesundheitssystem

Ich helfe gern. Ich spende auch gern. Kleider, Möbel, Spielzeug, Geld. Aber ich lasse mich ungern in die Pflicht nehmen. Ist es wirklich meine Aufgabe, Geld zu spenden, damit mein Krankenhaus einen neuen Cat-Scanner kaufen kann? Nein. Aber ich spende trotzdem. Sich dem moralischen Druck zu entziehen, der hier auf Spender ausgeübt wird, ist schwer.

John F. Kennedy hatte gut reden: „Ask not what your country can do for youask what you can do for your country“. Genau: Ich frage mich dauernd, was ich für mein Land tun kann. Für zwei Länder sogar. Als Mensch mit einem deutschen und einem kanadischen Pass fühle ich mich beiden Ländern gegenüber verpflichtet, mein Scherflein beizutragen. In Deutschland habe ich damit kein Problem. Ich finde, auch wenn die Meckerer Schlange stehen: Das deutsche Gesundheitssystem funktioniert im Großen und Ganzen wunderbar.

Nicht so in Kanada. Hier krankt es. Und genau deshalb fällt es mir schwer, dem kanadischen System mit meinem sauer verdienten Geld noch weiter auf die Sprünge zu helfen. Beispiel: Ich warte seit drei Monaten auf einen simplen Schilddrüsen-Scan. Es gibt im „besten Gesundheitssystem der Welt“, wie das offizielle Kanada sich gerne selbst beweihräuchert, durchaus genügend Scanner. Viele davon übrigens mit Spenden finanziert. Ist es nicht Aufgabe des Staates, für Equipment, Personal und überhaupt für die ärztliche Versorgung seiner Menschen zu sorgen? Immerhin lebe ich in einer Provinz, die den höchsten Einkommenssteuersatz in ganz Nordamerika kassiert.

Auch Menschen, die so ein Gerät bedienen könnten, gibt es genug. Nur: Sie werden nicht eingesetzt, weil das Geld für ihre Bezahlung fehlt. Also warte ich. Und befinde mich damit in guter, aber trauriger Gesellschaft. Viele können nicht so lange warten wie ich.

Wartezeiten von mehr als einem Jahr für einen Termin beim Facharzt, sind hier nicht ungewöhnlich. Ist dann die Diagnose gestellt, kann es weitere sechs Monate dauern, bis die eigentliche Behandlung beginnen kann. Für manche kommt die Hilfe zu spät.

Foto: National PostIn den Notfallstationen der Montréaler Krankenhäuser beträgt die Wartezeit durchschnittlich 20 Stunden. Als neulich der Gesundheitsminister versprach, die Wartezeiten bis zum Jahr 2015 auf zwölf Stunden zu reduzieren, gab es Applaus von allen Seiten. Mir kommt das vor wie ein Hohn. Den meisten meiner kanadischen Freunde nicht. Sie sind stolz auf ihr System.

Ob, wenn und wann ich je in die Röhre komme, werden Sie zeitnah unter „Blog-Updates“ erfahren.

Plötzlich Filmschauspieler

Das ist die Geschichte eines Jungen, der nie davon geträumt hatte, in einem Film zu spielen. Irgendwann stand er dann doch vor der Kamera. Wochenlang. Der Film heißt „Silent Night“. Der Junge ist unser Sohn. Cassian war 14, als er sein Filmdebüt hatte. Heute feiert er seinen 24. Geburtstag.

Filmposter – Cassian r.

Der Anruf kam irgendwann im Sommer. Ob Cassian in den Krieg ziehen möchte. In einem Film. Im Deutschen Theater Montreal war eine Casting-Agentin auf ihn aufmerksam geworden. Cassian strahlt. “Krieg ist zwar schrecklich,” verkűndet der Spross, “aber Filmen ist super.” Wenn man vierzehn ist und von einem Mountainbike träumt, das mehr kostet als Vaters erster Döschwo, dann kann so ein Film-Krieg gar nicht lange genug dauern. So jedenfalls sieht es Cassian. Maggy sieht es auch so. Erwin auch. Und Harald ohnehin. Schauspieler, die es wissen müssen.

Mutter ist sich nicht sicher, ob so eine Filmrolle ins Leben eines Vierzehnjährigen passt. Auch Vater ist unschlüssig. Mutter liest das Drehbuch und hat Tränen in den Augen. Nur Cassian strahlt unter seiner Mähne hervor. Die Mähne! Die muss natűrlich jetzt runter. Das hatte schon die coole Blonde von der Casting-Agentur befohlen. Macht nichts, sagt Cassian. Film ist Film. Krieg ist Krieg. Und Haare wachsen wieder nach. Außerdem werde er seine friedliche Grundhaltung doch nicht für einen Film aufgeben. Auch wenn er demnächst als deutscher Kindersoldat im Fernsehen zu sehen sei. Cassian war zu jener Zeit noch Waldorfschűler. Da ist alles angesagt, nur kein Krieg.

„Man in Black“: Chauffeur und Bodyguard

Die Rolle in einem kanadischen Film hatte Cassian bekommen, weil er ein bisschen Theater-Erfahrung hatte, ziemlich deutsch aussieht und dazuhin fehlerfrei deutsch, englisch und französisch liest, spricht und schreibt. Außerdem kann er ganz gut Stille Nacht singen. Damit war schon mal eine der ergreifendsten Szenen des gleichnamigen Films gebongt.

Szenenfoto aus „Silent Night“ – Cassian 3.v.l.

In Kanada, wo Cassian mit seinen Eltern lebt, stehen vor jeder Schauspieler-Karriere fűnf Buchstaben: ACTRA. “Cassian braucht während der Dreharbeiten einen Schutzengel, eine Art Bodyguard”, bellt die Frau von der Schauspieler-Gewerkschaft in einem Ton, als wűrde sie sich am liebsten selbst um den Job bewerben. Außerdem brauche der Bub einen Privatlehrer am Set, weil er ja den Beginn des neuen Schuljahrs verpasst. Und natűrlich eine Limo mit Chauffeur. Von der Gage gehen 25 Prozent in einen Fond, “damit Ihr Eislauf-Eltern gleich gar nicht auf die Idee kommt, das Geld Eurer Kinder zu verprassen”, hat die Gewerkschafts-Funktionärin zwar nicht so gesagt. Aber todsicher gedacht.

Streifschuss? Davon hatte uns bisher keiner etwas erzählt

Der “Bodyguard” heißt Sven und sieht kaum älter aus als Cassian. Der Fahrer ist ein Man in Black, trägt viele Tattoos, Ohrringe und immer eine Sonnenbrille. Er fährt eine schwarze Limousine. Der Privatlehrer heißt Joel und war schon mal in Deutschland. Der Arzt, der Cassian fűr seine Filmtauglichkeit untersucht, will wissen, ob der Junge denn auch riskante Szenen zu spielen habe. “Streifschuss”, sagt die Producerin beiläufig. Davon hatte uns bisher keiner etwas erzählt.

Ein Sommertag, der heißeste des Jahres: Winter am Set. Aus Hängematten fallen dicke Schneeflocken. Vor jedem Blockhaus-Fenster steht ein Schnee-Mann und zieht auf Kommando am Strick. Beim Schűtteln schneit es Styroporflocken. Draußen hat es 31 Grad im Schatten.

Hilfe! Man hat unser Kind gestohlen!

Entrėe der műden Krieger. Cassian ist der Gefreite Peter Heinrich, ein blonder Wehrmachtssoldat mit Milchgesicht. Zu jung fűr den Krieg, zu alt fűr Tränen. Also schweigt er meistens. Schweigen wird im Film gut bezahlt: 1200 Dollar am Tag und mehr. Űberstunden extra. Das ist keine Statistenrolle. Richtig großes Kino. In den Drehpausen verschwindet der Gefreite Peter Heinrich mit dem Privatlehrer im Wohnwagen und büffelt Hausaufgaben. “Peter”, steht an der Trailer-Tűr. “Unser Kind heißt Cassian”, moniert der Film-Vater bei der Producerin. “Aber bei uns heißt Cassian eben Peter”, sagt die. Hilfe! Man hat unser Kind gestohlen!

Während der nächsten Wochen läuft unser Sohn zu disziplinarischer Höchstform auf. Kein Meckern, wenn der Wecker um fűnf klingelt. Kein Jammern, wenn die Dreharbeiten bis in die Nacht dauern. Der Fahrer mag hundeműde sein, der Schutzengel abgekämpft. Cassian ist fit und immer gut gelaunt.

Linda Hamilton

Linda Hamilton ist nicht ganz unschuldig daran. Sie spielt im Film die Hauptrolle. Und ein bisschen auch in Cassians Leben. „Wusstet ihr, dass Linda mit dem ‚Titanic‘-Regisseur verheiratet war, diesem James Cameron?“, fragt er beim Essen. Jetzt wussten wir’s. Und auch, wieviel Frau Hamilton von Herrn Cameron nach der Scheidung als Abfindung bekommen hatte. Vieeeel.

Irgendwann hat unsere Lokalzeitung von den Dreharbeiten Wind bekommen. Aufmacher mit Bild: „Cassian shines in Silent Night“. Die Verkäuferin im Supermarkt beglückwünscht die Filmmutter zum Erfolg des Sprosses. In Cassians Schule hängt der Zeitungsausschnitt am Schwarzen Brett. Im Radio spricht einer über „This talented local actor named Cassian.“ Im Zimmer unseres Sohnes stapeln sich langsam die Fahrrad-Prospekte. Und überhaupt rufen neuerdings ziemlich viele Mädels bei uns an.

Mit einem kleinen Teil der Filmgage erfüllt sich Cassian später einen Traum: Mit seinem brandneuen Mountainbike legt er den Alpencross zurück. Von München nach Italien. Von der Restgage zehrt Cassian noch heute.

Alle Jahre wieder kommt „Silent Night“ im Fernsehen

„Silent Night“ war der erste und einzige Film, in dem Cassian mitgespielt hat. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit kommt er im kanadischen Fernsehen. Wir sehen ihn fast immer. Und fast immer verdrücken wir eine Träne. Auch in anderen Teilen der Welt wird „Silent Night“ regelmäßig gezeigt. Neulich bekam Cassian Post von einem Mädchen aus Malaysia. Es wollte ein Autogramm. Eine Karriere als Filmschauspieler hat Cassian übrigens nie angestrebt. Das finden wir toll. Arbeitslose Tom Cruises gibt es genug.

Dass er überhaupt die Chance hatte, in einem Film mitzuspielen, ist einem befreundeten Schauspieler namens Harald Winter zu verdanken. Der hatte Cassian damals für die Rolle vorgeschlagen.

Danke, Harald. Und: Happy Birthday, Cassian!

Den Link zum Film gibt’s   >> H I E R <<