Eine Ode an die Laugenbrezel

Brezeln. Dort, wo ich herkomme, im Südwesten Deutschlands, wo Bayern, Schwaben, Schweizer, Franzosen und Österreicher nur einen Steinwurf voneinander entfernt leben, gehören sie zum Alltag, fast schon zu den Grundnahrungsmitteln.

Man isst sie zum Frühstück, zur Mittagssuppe, zum Nachmittagskaffee und natürlich zum „Vesper“, zusammen mit Bratkartoffeln und einem Wurstsalat dazu oder einfach nur mit frischer Butter bestrichen.

Doch was macht ein Schwabe in der kanadischen Brezel-Diaspora? Er sucht nach einer Bäckerei, die noch richtige Laugenbrezeln backt, die schmecken wie daheim. Ich habe diese Bäckerei gefunden. Sie heißt „Bretzel & Compagnie“ und liegt versteckt im italienischen Viertel Saint-Léonard, tief im Nordosten von Montréal.

Für eine Liebe, die buchstäblich durch den Magen geht, nahmen wir heute eine – hin und zurück – 40 Kilometer lange Pilgerreise mit Bus, Metro und zu Fuß auf uns, nur um die heilige Quelle der göttlichen Brezel zu erreichen.

Manchmal, nur manchmal, greift die Frau an meiner Seite auch selbst zu Mehl, Wasser und Salz und knetet daraus mit viel Liebe einen Teig. Dieser wird kunstvoll zu einer Brezel geschwungen, kurz in ein heißes Wasserbad mit „Baking Soda“ getaucht und nach einem heißen Ausflug in die Backröhre in ein goldbraunes Prachtwerk verwandelt.

Eine perfekte Brezel sei „wie eine liebevolle Umarmung“ habe ich neulich gelesen: „In der Mitte ein herrlich weicher, dicker Bauch zum Reinkuscheln und außen zwei knusprig-dünne Ärmchen, die dich sanft festhalten.“ Weniger poetisch: Die Brezelform muss stimmen.

Ich kann es den Menschen, denen Brezeln nichts bedeuten, nicht verdenken, unsereins in unserer rastlosen Jagd nach diesen verschlungenen Juwelen aus Teig, Lauge und Salz für leicht verrückt zu halten. Aber jeder, der wirklich ein Herz für Brezeln hat, versteht, dass ein echter Schwabe bis ans Ende der Welt marschieren würde für diesen goldenen Knoten des Glücks.

Guten Appetit!

Besonders lecker: Laugenbrezel mit Röstkartoffeln und Wurstsalat.

Spiegel, Fenster und lecker essen

Gespiegelt: Eingang zum „Eaton Centre“ an der Rue Ste-Catherines
„Just hanging out“, sagte der Fensterputzer beim Fotografieren.
Kaffee mit Klavier: Das gibt’s nur im Café Indigo
Zweisprachigkeit in Québec: So geht’s auch.
Schwäbischer geht’s nicht: Kartoffelsalat à la Lore mit Fleischküchle auf dem Blech.
Afghanisch essen: Leicht und bekömmlich.
Nelson Mandela sprach am 19. Juni 1990 bei einem Besuch in Montreal, nur wenige Monate nach seiner Freilassung nach 27 Jahren Haft. Dabei besuchte er auch die bei Afroamerikanern beliebte „Union United Church.“ Zur Erinnerung an seinen Besuch entstand dieses Mural.
Keine Woche ohne „Poppy“
Und hier noch eine Gastkolumne im Mallorca Magazin: Uber gibt’s jetzt auch auf der Insel.

Blamage beim Schumi-Interview

Michael Schumacher im Juni 2003 in Montreal. © Bopp

Wenn an diesem Wochenende in Montreal wieder die besten Rennfahrer der Welt an den Start gehen, fällt mir ein denkwürdiges Interview mit Michael Schumacher ein.

Lange bevor ich das Glück hatte, mit dem ARD-Experten-Team zusammenarbeiten zu dürfen, habe ich als freier Korrespondent bereits über mehrere Formel-1-Rennen in Montreal berichtet. Eines davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Nicht, weil Michael Schumacher wieder einmal gewonnen hatte, sondern weil ich mich ausgerechnet bei ihm mit einer besonders doofen Interviewfrage als F1-Banause blamiert habe.

Ein großer Fan der Formel 1 war ich ohnehin nie: zu laut, schlecht für die Umwelt und hin und wieder tödlich, aus Gründen, die man nicht so richtig nachvollziehen kann. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, üben Autorennen bis heute eine gewisse Faszination auf mich aus.

Als ich das Foto oben vor 23 Jahren aufgenommen habe, hatte Schumi den Großen Preis von Kanada bereits mehrfach gewonnen. Schumacher war damals der König von Ferrari, und jeder Reporter wollte einen O-Ton von ihm. Auf wundersame Weise, vielleicht dank unseres gemeinsamen schwäbischen Dialekts, ermöglichte mir sein Manager tatsächlich ein Interview.

Während ich nervös in Schumis luxuriösem Motorhome saß, Espresso trank und auf den größten Rennfahrer der Welt wartete, zerbrach ich mir den Kopf über die perfekte Frage. Ein deutscher Kumpel, glühender Formel-1-Fan, hatte mir geraten: „Frag ihn doch mal, warum er sich mit der Casino-Kurve immer so schwertut.“

Casino-Kurve? Okay. Gesagt, getan.

Auf den Ratschlag des Kumpels zu hören, war, wie sich schnell herausstellte, ein großer Fehler. Michael Schumacher machte bei meiner Frage eine kurze Pause, musterte mich von oben bis unten und sagte dann ganz ruhig: „Sie verwechseln mich mit jemand anderem. Ich hatte nie Probleme mit der Casino-Kurve.“

Natürlich hatte Schumi recht. Die berüchtigte Casino-Kurve war ein ständiges Problem für den Kanadier Jacques Villeneuve, ganz sicher aber nicht für Schumacher. Gerade in Montreal galt Schumi als außergewöhnlich stark und präzise.

Der Rest des Interviews verlief auch nicht gerade Pulitzerpreis-verdächtig. Der Beitrag wurde trotzdem gesendet, und die Freundschaft mit meinem deutschen Motorsport-„Experten“ hat den miserablen Ratschlag überlebt.

Heute, 23 Jahre später und längst im Ruhestand, muss ich zähneknirschend gestehen: Mit diesem Interview wurde mein Ruf als kompletter Formel-1-Idiot endgültig besiegelt.

Ich habe danach noch über einige weitere Formel-1-Rennen berichtet, aber Michael Schumacher habe ich nie wieder interviewt. Gut so!

Fotos aus der Fan-Meile in der Rue Crescent und auf der Ste Catherines Street

Foto: Photodr.ca (alle anderen Fotos: © Bopp)

HAPPY PLACE # 2

Vergangene Nacht blieb zum ersten Mal in diesem Jahr das Schlafzimmerfenster geöffnet. Dass uns dann auch gleich ein „American Robin“ mit seinem Gesang beglückte, macht Hoffnung. Bisher war es einfach zu kalt oder zu nass für die Jahreszeit. Die Tatsache, dass sich ein Hauch von Frühling erst so spät im Mai ankündigt, ist selbst für Kanada ungewöhnlich. Aber von jetzt an geht’s schnurstracks in Richtung Sommer.

Poppy weiß jetzt, dass so ein Frisbee-Spiel keine Einbahnstraße ist, sondern dass man den Ring dem Herrchen oder Frauchen wieder zurückbringt, damit das Spiel weitergehen kann. Dass man mit regennassen Pfoten nicht gleich auf die Couch springt, muss die kleine Fledermaus allerdings noch üben. In genau zwei Wochen wird Poppy übrgens ein Jahr alt.

Die Montreal Canadiens sind noch immer in der Playoffrunde und haben gegen die Buffalo Sabres bisher großartig gespielt. Kommen sie tatsächlich in die Endrunde der Playoffs? Meine hockeybegeisterten Freunde sind zuversichtlich und riechen bereits am Stanley Cup.

Die Québecer Separatisten, die unsere „Belle Province“ lieber heute als morgen aus dem kanadischen Staatenbund herausreißen würden, verlieren an Zustimmung. Dagegen haben die Liberalen bei den Wahlen im Herbst gute Chancen, die Regierung zu übernehmen. Ob dann endlich auch die Sprachenpolizei abgeschafft wird, die Geschäften unter Strafandrohung vorschreibt, dass die Auszeichnung der Waren auf Französisch in doppelt so großer Schrift erfolgen muss wie auf Englisch, ist noch ungewiss. Aber man darf ja mal träumen.

Das Montréaler S-Bahn-Netz wurde um 14 Kilometer erweitert. Es umfasst jetzt auch die Vorstädte entlang des Sankt-Lorenz-Stroms im Westen der Insel Montreal: Vier neue Stationen zwischen Pointe-Claire und Sainte-Anne-de-Bellevue werden an diesem Wochenende eröffnet. Die Schnellbahn „REM“ wird nach Fertigstellung 67 Kilometer lang sein und gilt schon jetzt neben Peking und Dubai als eine der größten vollautomatischen Metroanlagen der Welt. Kleine Pannen wie diese werden von den meisten Montrealern weggelächelt: Durch einen Programmierfehler fuhr ein fahrerloser Zug nicht direkt zum Zielbahnhof Deux-Montagnes, sondern bog unplanmäßig in die automatische Waschanlage ab. Die Fahrgäste konnten 30 Minuten lang bestaunen, wie die Waggons shampooniert und abgespritzt wurden.

Montreal Memories: So fing’s an

Manchmal holt dich die Vergangenheit ein – ob du willst oder nicht. Vor ein paar Tagen zum Beispiel: Auf dem Rückweg von einem Krankenhaus-Termin führte mich mein Spaziergang eher zufällig durch eine Straße im Stadtteil Notre-Dame-de-Grâce. Im ersten Stock dieses Hauses hatte ich meine erste Wohnung, als ich vor ziemlich genau 44 Jahren nach Montreal kam.

Das Glücksgefühl, in einer Stadt angekommen zu sein, die so vielen meiner Wünsche und Träume entsprach, ist schwer zu beschreiben. Dabei kannte ich keine einzige Person in Montreal und war nur ein Jahr zuvor für ein paar Tage dort gewesen, als ich für deutsche Medien über die Weltkonferenz zum Thema Asbest berichtete. Ich wohnte damals noch in Winnipeg, Manitoba, und hatte mich auf Anhieb in Montreal verliebt.

Mehr als vier Jahrzehnte später bin ich immer noch hier. Wir haben in der Zwischenzeit in verschiedenen Stadtteilen und auch in dem Dorf Hudson außerhalb von Montreal gewohnt, sogar zehn Winter in Palma de Mallorca – aber Montreal ist immer die Stadt meines Herzens geblieben.

Während der ersten Wochen in meiner neuen Heimat sog ich jede Faser dieser Stadt auf. Tagelang fuhr ich mit der U-Bahn von einem Stadtteil zum anderen und merkte mir den Namen jeder einzelnen Metrostation. Aber – auch das gehört zur Wahrheit: Manchmal war ich enttäuscht, wie düster es über der Erde aussah, wenn ich hoffnungsvoll an Stationen mit wohlklingenden Namen wie Jolicœur, Rosemont oder Beaubien ausstieg.

Als Rentner ohne berufliche Verpflichtungen könnte ich heute ortsunabhängig überall auf der Welt leben. Trotzdem habe ich mich ganz bewusst entschieden, hierzubleiben. Ich lebe gerne in Kanada und ich liebe Montreal – auch wenn hier bei weitem nicht alles perfekt ist, vielleicht gerade deshalb.

Zwei fremde Sprachen – Englisch und Französisch – zusätzlich zu deiner Muttersprache können eine Herausforderung sein. Aber sie bieten auch die Möglichkeit, in einer spannenden Stadt zu leben, in der aus französischem Savoir-vivre, kombiniert mit dem North American Way of Life, eine Mischung entsteht, die es weltweit nicht so oft geben dürfte. Boulangerie meets McDonald’s – was willst du mehr?

Montreal mit all seinen Cafés, Bistros, Kneipen und engen Gässchen in der Altstadt – das alles erinnert mich Tag für Tag an meine europäischen Wurzeln und bietet mir gleichzeitig die Möglichkeit, in einem tollen Teil der Welt zu leben.

Zwei Sprachen, zwei Kulturen, Hunderte von Nationen – das Ganze mit 250 Kirchen und 20-mal so vielen Restaurants vor der Haustür – ergibt zusammen ein Stadtbild, das an eine Mischung aus Paris und New York erinnert.

Montreal ist eine Stadt der Festivals: Jazz-, Zirkus-, Comedy-, Magier-, Chor- Fitness- und Filmfestivals, dazu die Formel 1 im Sommer und Ski-Weltcups im Winter in den Bergen von Mont-Tremblant, zwei Stunden nördlich von hier.

All das ging mir bei meinem Spaziergang durch den Kopf, als ich neulich an dem Gebäude mit der Nummer 2035 vorbeischlenderte – so lautete meine erste Postanschrift in Montreal.

Und auch daran musste ich denken: Als mir der ältere Hausbesitzer schon kurz nach meiner Ankunft in Montreal das Gebäude zum Kauf anbot, für gerade mal 110.000 Dollar – schon damals ein Schnäppchen. Inzwischen dürfte das Haus gut und gerne 1,2 Millionen wert sein. Die Zeit war damals noch nicht reif für langfristige Investitionen. Leider.

Verpassten Gelegenheiten sollte man nicht nachweinen. Die Zeit in dem Haus mit der Nummer 2035 und den Magnolien in den Vorgärten kann mir keiner mehr nehmen.

Montreal: Lebensmittelpunkt seit mehr als vier Jahrzehnten Fotos: © Bopp