
Gestern war der Québecer Nationalfeiertag. Grund genug, einmal auf die Lage von La nation québécoise zu schauen. Einer der Hauptgründe, warum ich mich vor über 40 Jahren für Montreal entschieden habe, war der französische Charakter dieser Stadt. Ich komme aus dem Südwesten Deutschlands, wo Frankreich, Österreich und die Schweiz gleich um die Ecke liegen. Die Vorstellung, in einer Provinz zu leben, in der Französisch den Ton angibt, hatte was.
Mit den Jahren habe ich allerdings gelernt, dass Sprache in Québec weit mehr ist als ein Mittel zur Verständigung. Sie ist politisch derart aufgeladen, dass mir die Freude am Französischsprechen manchmal regelrecht verleidet wird.
Natürlich stehe ich voll und ganz hinter dem Gedanken, dass Französisch in Québec gesprochen, gepflegt und gefördert werden muss. Das schreibt schon die Geschichte dieser „Belle Province“ vor. Was ich bis heute nicht verstehe, ist, warum die Stärkung des Französischen so oft auf Kosten des Englischen geht.
Ich lebe gerne in Québec und liebe vieles hier: seine Sprache, seine Kultur, seine Menschen, sein joie de vivre und – selbstverständlich – seine Küche. Was ich nicht mag, ist der Versuch, Sprache als politisches Werkzeug einzusetzen und damit den fast 1,5 Millionen englischsprachigen Québecern das Gefühl zu geben, weniger dazuzugehören.
Meine Muttersprache ist Deutsch. Ich spreche fließend Englisch und kann mich problemlos auf Französisch unterhalten. Gerade weil ich weder anglophon noch frankophon aufgewachsen bin, glaube ich, dieses Thema mit einer gewissen Distanz betrachten zu können.
Und aus dieser Perspektive läuft hier definitiv etwas schief.
In meinen Augen sollte die Regierung die Menschen dafür gewinnen, Französisch zu sprechen – nicht sie dafür bestrafen oder ausgrenzen, dass sie Englisch sprechen. Sprachinspektoren loszuschicken, die nachmessen, ob die französische Beschriftung eines Ladens groß genug ist, oder Restaurantbesitzer zu zwingen, ihren Namen zu ändern, weil er angeblich „zu englisch“ klingt, halte ich für den falschen Weg.
Ein aktuelles Beispiel, dass hier etwas verkehrt läuft, ist die Entscheidung, während des laufenden Québecer Wahlkampfs keine englischsprachige TV-Debatte der Parteichefs zu veranstalten. Es sendet das falsche Signal und vertieft den Graben zwischen den beiden Sprachgemeinschaften, anstatt Brücken zu bauen.
Und neue Gräben braucht in Zeiten wie diesen niemand.