Kurz mal nach Venedig rüber

Venise-en-Québec – zu Deutsch: Venedig in Québec – hat mit Venedig ungefähr so viel zu tun wie Ummendorf mit Barcelona. Von Gondolieri keine Spur und auch keine Lagunen weit und breit. Dafür Rentnerschaukeln und Harley-Davidsons, die es dort krachen lassen. In diesem pseudo-italienischen Sehnsuchtsort waren wir heute Nachmittag.

Wenn man viel Zeit auf einer Farm an der amerikanischen Grenze verbringt, die USA aus trumpistischen Gründen aber meidet wie der Teufel das Weihwasser, bleibt einem touristisch nicht allzu viel. Zugegeben: Der schönere Teil dieser Gegend liegt jenseits der Grenze, in Vermont oder im Bundesstaat New York. Aber genau dort wollen wir zurzeit nicht hin.

Also auf nach Venise-en-Québec, kaum eine halbe Stunde von Cassians Farm entfernt, wo auch wir viele Wochen im Jahr verbringen.

Der Weg führt von Saint-Bernard-de-Lacolle immer Richtung Osten durch landwirtschaftliches Gebiet. Sattgrüne Wiesen und Maisfelder. Aber keine Industrie, keine Schnellstraße und von McDonald’s keine Spur.

Das ist die gute Nachricht.

Die nicht so gute: In Venise-en-Québec, am Ostufer des Lac Champlain, muss irgendwann irgendjemand beschlossen haben: Charme-Offensiven jedweder Art sind hier strikt verboten!

Es ist nicht etwa so, dass dieser rund 2.000 Einwohner zählende Ort nicht das Potenzial zu einem schnuckeligen Dorf am Wasser hätte – durchaus. Aber die meist gesichtslosen Häuser entlang der Uferstraße signalisieren dem Besucher, der einen Hauch von Italien erwartet, vom ersten Moment an: Bitte fahren Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen!

Wobei – so ganz ohne ist der Ort dann doch nicht. Immerhin gibt es eine kleine Strandpromenade. Ein Teil davon ist zur Zeit allerdings abgesperrt und wegen Baufälligkeit nicht passierbar.

Etwas verloren an der Hauptstraße von Venise-en-Québec steht sogar ein „Château Blanc“, ein weißes Castello aus dem Jahr 1933. Es heißt, dort habe vor Jahren die organisierte Kriminalität geblüht. Vor allem Bootlegging, also Alkoholschmuggel, soll an der kanadisch-amerikanischen Grenze zur Zeit der Prohibition weit verbreitet gewesen sein.

Auf einen Hauch von Venedig stößt man nach längerem Recherchieren dann doch noch. Im Archiv der Lokalzeitung ist der ehemalige Bürgermeister von Venise-en-Québec stehend in einer wunderschönen Gondel zu sehen.

Ob Monsieur die Kunst der barcarole veneziane beherrscht – jener venezianischen Volkslieder, deren Rhythmus die gleichmäßigen Ruderschläge und das sanfte Schaukeln der Gondel widerspiegelt -, ist nicht bekannt.