Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com
Irgendwann, als die bleiche Wintersonne sich langsam hinter den Bergen verabschiedet und der Körper sich unter dem Daunen-Parka, der gefütterten Holzfäller-Weste, dem Merino-Unterhemd und dem Baumwoll-T-Shirt noch immer anfühlt, als müsse da noch etwas kommen, das die Kälte vertreibt, besteht kein Zweifel mehr: Das mit der kanadischen Wintertauglichkeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war.
Man könnte auch sagen: Aus dem Mann, der am 8. Dezember 1973 bei minus 40 Grad klaglos nach Winnipeg/Manitoba ausgewandert war, ist ein Weichei geworden. Zur Ehrenrettung sollte erwähnt werden, dass der Mann im Jahr 1973 gerade mal 24 Jahre alt war. Das Weichei wird in sieben Wochen 70.
Der Mann in mir sagt: Es hat gerade mal minus 20 Grad am Lac Dufresne, wo ist das Problem? Brrrhhh, bibbert das Weichei, wer soll denn diese Affenkälte lebend überstehen! Fakt ist: Mit zunehmendem Alter lässt die Kälte-Resistenz nach. Warum das so ist, verrät uns Frau Google:
„Die Blutgefäße in der Haut verengen sich, der Strom warmen Blutes beschränkt sich auf das Innere des Körpers; dadurch wird weniger Wärme nach außen abgegeben. Zudem kurbeln bestimmte Hormone, wenn es kalt wird, die Wärmeerzeugung des Körpers an. Reicht diese innere Wärmeregulation nicht aus, beginnt der Frierende zu zittern; durch diese rhythmischen Muskelkontraktionen wird zusätzliche Körperwärme produziert. Von einer weiteren Schutzvorrichtung allerdings, dem Sträuben der Pelzhaare, blieb dem Menschen nur der fast unwirksam gewordene Reflex: die Gänsehaut.“
Jetzt wissen wir’s also: Es ist die Gänsehaut, die uns frieren lässt, nicht der kanadische Winter. Oder so ähnlich.
Drei Stunden nach Sonnenuntergang dampft der zu Teewasser geschmolzene Schnee auf dem Holzofen und das Thermometer in der Blockhütte zeigt 21 Grad. Doch das Frösteln ist noch immer da.
Die Alpacca-Mütze sitzt stramm über den Ohren, kniehohe Trapper-Stiefel mit Thermo-Einlage schützen die Beine vor Frostbeulen. Die Handschuhe, die nur mal kurz zum Tippen ausgezogen werden, geben die Sicht auf ganz viel Gänsehaut frei – so ungefähr muss man sich das Making-Of dieses Blogposts vorstellen.
Inzwischen ist es mollig warm in der Hütte und gemütlich ist es sowieso. Und dann diese Ruhe über dem zugeforenen See! Nicht einmal die bibbernde Gänsehaut stört die Idylle im Blockhaus. Irgendwann ertönt zum Takt der klirrenden Zähne dann das Abendlied:
Es gibt in Montreal diesen Buchladen an der Rue-Ste. Catherine, der sich Indigo nennt und noch vor wenigen Jahren ein riesiges Angebot von Buchtiteln führte. Heute, da sich immer mehr Bücherwürmer im Internet eBooks (oder wie in meinem Fall Hörbücher) runterladen, ist die Auswahl von gedruckten Büchern eher bescheiden. Dafür gibt es Musik.
Nicht in Form von CDs oder Vinyl-Platten. Die Musik ist vielmehr hausgemacht, kostenlos und vor allem: spontan.
Im 1. Stock, gleich neben dem zum Buchladen gehörenden Café, steht ein Flügel, der allen zur Verfügung steht, denen nach Klavierspielen zumute ist. Dort habe ich schon prächtige Sonaten vernommen, liebliche Duette von Mutter und Kind. Oder auch, wie neulich, feurige Flamenco-Musik, präsentiert von einem Mexikaner auf Steroid.
Der Mann mag um die 60 gewesen sein und ist, wie er mir sagte, Autodidakt. Noten kann er keine lesen, aber er hat ein gutes Gehör. Immer wenn er in Montreal zu tun habe, verbringe er seine Mittagspause am Indigo-Klavier.
Auch heute, am 2. Weihnachtsfeiertag, versammelte sich wieder ein bunt gemischtes Publikum am Flügel. Ein Junge mit Knoten im Haar spielte mit Hingabe alles, was ihm gerade einfiel. Zwei Mädchen asiatischer Herkunft zelebrierten fernöstliche Melodien. Ein Mutter-und-Tochter-Duett versuchte einen guten Eindruck zu machen, brachte aber sonst nichts Bedeutendes zuwege.
Wenn Sie sich ein paar der heute gespielten Stücke anhören möchten, klicken Sie einfach auf das Video im Banner. Bild- und Tonqualität sind leider nicht herausragend. Viellicht haben Sie ja trotzdem Spaß am Zuhören.
Es ist nicht die Qualität der dort gespielten Stücke, die mich immer wieder in ihren Bann zieht. Ich bin vielmehr fasziniert von der nicht vorhandenen Scheu, mit der dort vor allem junge Menschen ihre Talente zur Schau stellen. Motto: Was habe ich denn zu verlieren, wenn ich nicht den richtigen Ton erwische?
Der Andrang der Hobby-Pianisten ist groß und die Pausen zwischen den einzelnen Darbietungen entsprechend kurz, nicht länger als zwei, drei Minuten.
Damit das Klavierspiel im Buchladen nicht zur Katzenmusik verkommt, hat Indigo einen Klavierstimmer angestellt, der sein Finetuning mit großen Gesten und sehr öffentlich zelebriert.
Bücher und Musik, hausgemacht und kostenlos – wer könnte da widerstehen?
Mit einem clickfrischen Szenenfoto aus der „Nutcracker“-Vorstellung im Montrealer Place-des-Arts wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der BLOGHAUSGESCHICHTEN frohe Weihnachten. Danke, dass Sie diesem Blog seit mehr als sieben Jahren und nach fast 700 Beiträgen noch immer die Treue halten. Bleiben Sie mir gewogen und lassen Sie sich überraschen. Es erwartet Sie einiges im neuen Jahr.
Leidend liegt der geschundene Herr Jesus in einem Bett von Lilienblättern unterm Ladentisch. Wie mit letzter Kraft hält er noch eine Visitenkarte in der linken Hand – so, als wolle er sagen: „Schaut her, Jüngerinnen und Jünger, hier gibt’s was zu kaufen!“
Zu kaufen gibt’s bei Kitsch’nSwell jede Menge. Die Heiligenfigur selbst ist allerdings unverkäuflich. Da ist Boutiqen-Besitzerin Karine Gauthier eigen.
Jesus unterm Ladentisch. Das geht Karines Mutter dann doch zu weit.
Karine ist in den Siebzigern geboren, aber ihr Herz schlägt für die Fifties. Ob Samthüte oder Perlmutt-Aschenbecher, bunte Glasketten, ausgestopfte Tiere oder Kirschmund-Broschen – ihr Retro-Laden am Montrealer Boulevard St. Laurent ist wie ein Museum, nur lustiger.
Und die Museums-Leiterin, sprich: Boutiquen-Besitzerin, ist das Coolste, Abgedrehteste, Schrägste, das mir seit langer Zeit begegnet ist. Ein, zwei vergnügliche Stunden mit diesem bunten Vogel zu verbringen ist wie Kino.
Die Retro-Boutique liegt am Boulevard St. Laurent, meiner Lieblingsstraße in Montréal.
Wer in einer Hippsterstadt wie Montréal auffallen möchte, muss sich schon etwas Besonderes einfallen lassen. Als Kitsch’nSwell vor ein paar Jahren zu verkaufen war, schlug Karine Gauthier zu. Dabei hatte sie als Taxidermistin zwar Erfahrung mit ausgestopften Wildtieren. Aber ein Geschäft hatte sie bis dahin noch nie geleitet. Gleich gar nicht so einen abgedrehten Laden wie diesen.
In die Wiege gelegt worden ist Karine Gauthier der Hang zum Schrägen allerdings nicht. Sie stammt aus der tiefsten Provinz. Die Saguenay-Region liegt 600 Kilometer nordöstlich von Montréal und ist vor allem durch seine Walbeobachtungs-Touren auf dem St. Lorenz-Strom bekannt.
Vor der Blockhütte im Busch, wo sie aufgewachsen ist, sagen sich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht, sondern auch Bären, Elche und Wölfe. Das mit der Taxidermie habe sich einfach so ergeben, sagt Karine. Tiere – lebendige und tote – gab es in der Wildnis schließlich en masse.
Von verrückten Sachen habe sie schon als Kind geträumt, erzählte mir Karine heute Nachmittag. Klamotten, Spielzeuge, Designerkram, Lampen. Dass sie mit Mitte vierzig allerdings einen Straßenkreuzer fährt und regelmäßig zu der größten Retro-Kitsch-Messe der Welt nach Las Vegas reist, war ihr nun wirklich nicht in die Wiege gelegt worden.
Ganz selten bekommt Karine Besuch von ihrer Mutter, die noch immer in der Wildnis lebt. „Sie findet mich ziemlich crazy“. Aber wie das halt so mit Müttern ist, man nimmt die Kinder wie sie sind.
Nur das mit dem Jesus Christus in der Glasvitrine unterm Ladentisch gefalle ihr gar nicht.
Man kommt um diese Jahreszeit ja gerne mal ins Grübeln. Vor allem, wenn nicht nur Weihnachten vor der Tür steht, sondern in wenigen Wochen auch der Siebzigste droht.
Mit Lausbubengeschichten will ich Sie heute nicht langweilen – die gibt’s an anderer Stelle in diesem Blog. Aber wenn Sie mir gestatten, dann nehme ich Sie mit auf eine kleine Erinnerungstour nach Waiblingen im Remstal. Dort begann im Mai 1968 meine journalistische Laufbahn.
Als Redaktionsvolontär bei der Waiblinger Kreiszeitung hatte man ein tolles Leben. Man genoss viele Freiheiten, durfte lokale Models interviewen und über die „Hausfrau des Jahres“ schreiben (ja, die gab’s damals wirklich). Und man konnte sich mit ein bisschen Ruhm bekleckern, wenn man „gute Geschichten“ an Land zog, wie das der damalige Chefredakteur Richard Retter nannte.
Eine dieser Geschichten ging so:
Im „Heustadl“, der Diskothek meines Vertrauens, spielte sich meistens gegen Mitternacht das richtige Leben ab. Einmal stand ein streitbarer Kollege im Mttelpunkt des Geschehens, der sich öffentlich mit dem Ehemann einer Frau zoffte, der gegenüber der Kollege seine Ritterlichkeit demonstrieren wollte.
Mein Kumpel, der edle Ritter, musste sich schließlich geschlagen geben – und zwar im Wortsinn, denn es kam zu einer faustdicken Keilerei. Ob die Ritterlichkeit des Kollegen von der Frau später belohnt wurde, soll hier keine Rolle spielen. Eine gute Geschichte gab es allemal.
Da es in der Redaktion nur wenige Geheimnisse gab, erfuhr auch der Chefredakteur davon. Prompt setzte er mich daraufhin auf das Thema an: „Wie sicher sind Waiblingens Lokale?“. Die Antwort wusste ich schon, noch ehe ich mit meinen Recherchen begann: Eigentlich sind Waiblingens Lokale sehr sicher. Es sei denn, man macht sich an die Ehefrau eines stadtbekannten Schlägers heran.
Eine andere Geschichte, die in der Waiblinger Unterwelt spielte, ging so:
Man schrieb das Jahr 1968 und hörte immer nur von Sex, Drugs und Rock’n Roll. Vor allem das Thema Drogen hatte in einer Kleinstadt wie Waiblingen etwas Mystisches, Verruchtes. California Dreaming war weit weg und ich kannte bis dahin keinen, der direkt mit Drogen in Kontakt gekommen war.
Das änderte sich in einer Nacht im – Sie haben es erraten – „Heustadl“:
Zwei Typen, Mitte 20, fingen im Gespräch mit mir an, mit ihren Drogenerfahrungen zu prahlen. Endlich Informationen aus erster Hand! Sie wären durchaus bereit, mir ihre Halluzinationen im LSD-Rausch zu schildern. Auch würden sie über ihre Kontakte mit Drogendealern berichten, anonym versteht sich. Das Ganze habe allerdings seinen Preis: 50 D-Mark Info-Honorar für jeden und die Jungs würden mir alles Wissenswerte aus der Waiblinger Drogenszene berichten.
Kurz vor Mitternacht also ein Anruf beim Chefredakteur: Kann ich? Soll ich? Darf Ich? Und vor allem: Wer soll das bezahlen?
„Lass anschreiben bei Peter.“ Peter war der Diskothekenwirt und ein Bekannter meines Chefredakteurs. Also rückte Peter zwei Fünfziger heraus, denn als Volontär bei der Lokalzeitung war man zu jenen Zeiten mit einem Monatssalär von knapp 400 D-Mark nicht immer liquide.
Für insgesamt hundert Mark führten mich also die beiden Kerle in jener denkwürdigen Nacht im „Heustadl“ in die dunkle Welt der Drogen ein. Die Geschichte in der Zeitung las sich flott. Ob alles stimmte, was mir die Jungs erzählten, wage ich heute zu bezweifeln.
Drogen waren trotz – oder vielleicht gerade wegen – der frühzeitig erworbenen intimen Kenntnis der Szene nie so mein Ding. Bier, Wein und Schnaps schon eher. Und weil der „Heustadl“-Wirt, siehe oben, mit dem Zeitungs-Chef bekannt war, floss das Freibier oft in Strömen.
Es war Winter in Waiblingen und der Löschweiher am Stadtrand war erstmals seit langem wieder zugefroren. Was also lag da näher, als mit anderen Disco-Eseln um Mitternacht aufs Eis zu fahren, um nach dem Rhythmus aus dem Autoradio mit dem Döschwo den Wiener Walzer zu schlittern. Der 2 CV hat es überlebt, ich auch.
Wie so oft monierte meine Zimmervermieterin, eine resolute Witwe namens Herb, am nächsten Morgen, dass meine Ente mal wieder mit zwei Rädern auf dem Trottoir stehe. In verkehrsrechtlicher Hinsicht kümmerte mich der Vorwurf wenig. Dass sich, wie Witwe Herb mir aber versicherte, schon einige Passanten darüber beschwert hätten, dass „der junge Herr von der Zeitung“ wohl glaube, Sonderrechte genießen zu dürfen, ließ mich alles andere als kalt. Ich gelobte Besserung.
Einer der „Heustadl“-Stammgäste war ein spillriger Kerl namens Ewald. Er besaß einen Opel-Kadett und war von Beruf Käsevertreter. Wie ich ihn um seinen Job beneidete! Morgens holte er bei seiner Firma wunderschöne Käseplatten ab, garniert mit Weintrauben und Schleifchen und immer ein gutes Fläschchen dazu. Damit ging er auf Tour.
In seinem missionarischen Eifer bot er mir an, mir an einem meiner freien Tage das Remstal und die weitere Umgebung von Stuttgart zu zeigen. An jedem Edeka-Laden machten wir Halt, um die neuen Käsesorten zu kredenzen. Interessanter als die Brie-, Chèvre- Sauermilch- und anderen Sorten waren die dazu gehörenden Weinproben. Ich liebte diese Käserundfahrten, auch wenn sie nicht immer gut endeten.
Und da wir nicht immer den gewünschten Gesprächspartner im Lädele antrafen, mussten wir so manche Käseplatte wieder einpacken und dem häuslichen Verzehr zuführen. Zusammen mit dem Fläschen, versteht sich, das der Leiter der Käseabteilung auch abgekriegt hätte, wäre er an diesem Tag bloß auffindbar gewesen.
Genug Käse geredet für heute. Mehr Schmankerln aus Waiblingen und sonst wo gibt’s ein andermal.