Wahre Helden tragen Helm

IMG_7004In diesem Blog ist immer mal wieder von „Helden“ die Rede. Meistens ist damit mein ganz persönlicher Held Leonard Cohen gemeint, so auch im letzten Blogpost. Dass diese Art von Heldenverehrung stets mit einem Augenzwinkern einhergeht, ist treuen BlogleserInnen sicher nicht entgangen. Aber es gibt auch richtige Helden in meinem Leben. Das sind die Männer und Frauen bei der Feuerwehr.

Was für ein Glück, dass ich im Privatleben noch nie auf die Hilfe der Feuerwehr angewiesen war! Sankt Florian hat also immer gut auf mich und meine Familie aufgepasst.

In meinem Reporterleben hatte ich dagegen häufig mit Feuerwehrleuten zu tun.

Darunter war auch ein jüngst im Alter von 86 Jahren verstorbener Feuerwehrhauptmann, der  hier aus gutem Grund namenlos bleiben soll. Der Mann fuhr mich einmal mit Blaulicht und Martinshorn von meiner Stammkneipe nach Hause. Ohne Not, einfach so. Ganz legal war das vermutlich nicht. Aber sehr cool.

Als Polizeireporter, zuerst im Stuttgarter Raum, später dann in Ulm, war ich bei zahlreichen Einsätzen vor Ort. Ich sah brennende Wohngebäude wie Kartenhäuser einstürzen und war dabei, als Feuerwehrleute aus einem Zementsilo vier Arbeiter bargen, in das sie hineingefallen waren. Für alle Vier kam die Rettung zu spät. Ich war jung und hatte Tränen in den Augen.

Im September 2001 dann mein Reportereinsatz bei 9/11. In New York konnte ich alles, was ich bisher über „die Feuerwehr“ gelesen, gehört und gesehen hatte, vergessen. Tag und Nacht heulten die Löschzüge an mir vorbei. Die Firetrucks hatten Leitern, so schien mir, die so hoch waren wie einst die Twin Towers. Der Lärmpegel in Manhattan war wegen der ständigen Feuerwehreinsätze 24 Stunden am Tag atemberaubend.

Die New Yorker Feuerwehr verlor bei ihren Einsätzen 343 ihrer „Heroes“.

>> Über die Heldenverehrung der New Yorker Feuerwehr hatte ich damals für den WDR auch in meinem „New Yorker Tagebuch“ berichtet <<

Warum mir das alles gerade jetzt wieder einfällt? Weil ich am Wochenende  Zeuge eines dramatischen Feuerwehreinsatzes geworden bin. Bei mir in der Nachbarschaft war im sechsten Stock eines Altenwohnheims ein Brand ausgebrochen.

Innerhalb weniger Minuten waren um die 15 Löschzüge vor Ort. Da wurden in Sekundenschnelle Schläuche gelegt und Leitern ausgefahren, es wurden Kommandos in den heissen Sommerabend hinaus gebrüllt und Menschen aufgefordert, die Ruhe zu bewahren.

Doch selbst in der Hektik schien alles höchst entspannt zuzugehen.

Es war wie im Film. Gut hundert dieser Männer und Frauen kämpften an diesem schwülen Sommerabend nicht1 nur um das Leben der Altenheim-Bewohner sondern auch um den Erhalt des Gebäudes.

Frauen gibt es bei der Montrealer Feuerwehr übrigens immer noch viel zu wenig: Von den 2360 Einsatzkräften sind gerade mal 29 weiblich.

Was mich besonders beendruckt hat, ist der stets hoch professionelle, dabei aber eher kumpelhafte Umgang der Feuerwehrmänner untereinander.

Mein Freund Jean lieferte mir später die Erklärung dafür. Die Montrealer Berufsfeuerwehr sucht ihre Mitglieder nicht nur nach Fitness, Erfahrung und technischem Knowhow aus. Es muss vor allem die Chemie untereinander stimmen. Nur wer im Ernstfall bereit ist, seinen Kollegen zu retten, als wäre er sein bester Freund, taugt für die Feuerwehr. Das scheint zumindest bei den Feuerwehrleuten zu sein, dir mir tagtäglich hier im Stadtteil St. Henri begegnet.

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Gleich bei mir um die Ecke gibt es eine „Fire Station“. Im Sommer sitzen die Männer oft neben den einsatzbereiten Trucks beim Grillen, trainieren auf ihren Fitness-Bikes oder sehen sich gemeinsam einen Film an. Manche spielen Tischtennis, Schach oder werfen auch ein paar Hoops Basketball.

Bis dann die Sirene aufheult, was täglich mindestens ein halbes Dutzend mal passiert. Oft ist es falscher Alarm. Aber ausgerückt wird, als gehe es um Leben und Tod. Oft geht es um Leben und Tod.

Dann zeigen die Männer und Frauen von der Feuerwehr, dass sie mehr drauf haben als Hühnerbeine auf den Grill zu legen. Sie retten Menschenleben und Häuser.

Das sind die Helden, die ich meine.

Das Haus meines Helden

IMG_7020Da lebe ich jetzt seit ziemlich genau 37 Jahren in Montreal und stehe zum ersten Mal vor dem Haus meines Helden: Leonard Cohen. Keine Ahnung, warum ich zwar 900 Kilometer weit den Jakobsweg gepilgert bin, aber die Strecke von meiner Wohnung zu Lennys Haus in all den Jahren nie geschafft habe. Dabei sind es zu Fuß gerade mal 25 Minuten.

Dass ich ausgerechnet heute, an einem heißen Montrealer Sommertag, den Weg zu Cohens Geburtsthaus im feinen Stadtteil Westmount gegangen bin, hängt wiederum mit einem Film zusammen, den wir uns vor ein paar Tagen angesehen haben: Marianne & Leonard – Words of Love.

Auch wenn die meisten Kritiker anderer Meinung sind: Ich fand die Verfilmung der Liebesgeschichte zwischen Leonard Cohen und seiner langjährigen Muse Marianne Ibsen eher schwach. Sie hat mich nicht berührt.

Vielleicht, weil sie kaum etwas enthielt, das ich als Hardcore-Cohen-Fan nicht ohnehin schon wusste. Vielleicht aber auch, weil im kompletten Film nicht ein einziger Cohen-Song zu hören war.

Warum wohl?

Genau weiss ich es nicht. Aber vermutlich hat es etwas mit dem Budget zu tun, das der Regisseur Nick Broomfield zur Verfügung hatte.

Ein paar Tage vor dem Cohen-Film habe ich mir die Beatles-Persiflage „Yesterday“ von Danny Boyle angesehen. Ein Drittel des Gesamtbudgets des Films, also um die 25 Millionen Dollar, seien für die Musikrechte diverser Beatles-Songs draufgegangen, sagte Boyle in einem Interview.

Fast traurig mutete an, als der Regisseur dem Interviewer erzählte, er habe eine Vorab-Kopie des Films an Paul, Ringo und die Witwe von George Harrison geschickt. Ringo und Olivia Harrison hätten sich freundich bei ihm bedankt, sagte Danny Boyle. Paul McCartney habe sich nicht einmal bei ihm gemeldet. Echt jetzt?

So viel zu den Helden meiner Jugend.

Zurück zum Cohen-Film. Es war viel davon die Rede, wie auf der griechischen Insel Hydra seinerzeit die Post abgegangen sei und wie kaputt viele der Künstler, Hippies und Möchtegern-Künstler waren, die dort in den 60er und 70er-Jahren lebten. Es war auch von Cohens exzessivem Drogenmissbrauch die Rede. Und natürlich von seiner obsessiven Promiskuität, die ja so etwas wie sein Markenzeichen wurde.

Ansonsten? Wurde viel zusammen geschnipseltes Archivmaterial gezeigt, das in seiner technischen Qualität so schlecht, weil verpixelt war, dass man oft gerne darauf verzichtet hätte.

Nein, das hier ist keine Filmkritik. Es sind lediglich ein paar persönliche Anmerkungen zu einem Film über einen Künstler, den ich ein Leben lang  verehrt habe – und es auch weiterhin tun werde.

Der Film wird seinem Andenken nicht gerecht.

Vielleicht brachte Lore es am besten auf den Punkt, als sie sagte: „Warum so schnell?“ Die Filmemacher hätten so kurz nach Cohens Tod lieber noch etwas gewartet. Bis sie besseres Archivmaterial zur Verfügung gehabt hätten. Und vielleicht auch mehr Geld für Musikrechte für die Cohen-Songs.

So long Marianne. So long Leonard. So long Film.

Hier noch ein früherer Blogpost über Leonard Cohen: BEIM ZAHNARZT MIT LENNY

Trauer über Leonard Cohens Ableben: MEIN HELD IST TOT

Als Stadt-Flaneur in der Wildnis

IMG_6835.jpgWer mich kennt, weiss, dass ich der geborene Stadtflaneur bin. Keine Gasse, die mir in Montreal noch Geheimnisse aufgibt, kein Platz, den meine Camino erfahrenen Füße nicht schon betreten hätten. Und gäbe es statistische Erhebungen über die meist frequentierten Parkbänke in Montreal – ich würde auf eine ziemlich gute Besetzerquote kommen. Und dann erst die vielen Straßencafés in der Stadt meines Herzens!

Landleben? Auch schön, aber …

Das Landleben genieße ich immer dann, wenn ich vom Hexenkessel Montreal aus zwei Stunden mit dem Auto, manchmal auch mit dem Bus, in Richtung Norden fahre. Dann lasse ich mich vom wilden Charme unserer Blockhütte am Lac Dufresne einlullen. Und gerne ein bisschen auch von Lore.

Beziehungen sind eine spannende Sache. Während ich bei Lore schon vor vielen Jahren die Liebe zu diversen Straßen, Plätzen und Restaurants in Montreal entfacht habe, ist es der Frau an meiner Seite gelungen, mir das Leben in der Natur schmackhaft zu machen.

Und Natur haben wir hier manchmal mehr als genug. Der nächste Tante-Emma-Laden ist 18 Kilometer entfernt, das nächst gelegene Kino vermutlich 100. Aber wer braucht schon Kino, wenn sich vor deinem Cottage-Fenster täglich neu eine gewaltige Fototapete auftut?

Der Blick über den See, eineinhalb Kilometer lang und genau so breit, verschlägtIMG_6896 Besuchern immer wieder den Atem. Dass es hier übrigens so gut wie keine Besucher gibt, hat mehrere Gründe. Einige davon haben mit mangelnder Privatsphäre zu tun. Außerdem ist das Holzhaus nicht direkt mit dem Auto zu erreichen.

Erst ein beschwerlicher Fußweg durch ein steiles und felsiges Waldstück führt zur Hütte. Es sei denn, man rudert mit dem Boot vom Ufer bis zum kleinen Strand vor unserem Häusle.

„Was macht ihr eigentlich da den ganzen Tag?“, höre ich Freunde fragen, die sich nicht vorstellen können, eine Woche ohne Fremdansprache an der Seite ihrer Partner zu verbringen.

Was wir machen? Schreiben, Musik hören, lesen, schwimmen, rudern, paddeln, Bootle treten, Gitarre spielen, auch hin und wieder mal etwas reparieren. Wir kochen viel und reden über Dinge, die in der Hektik des Großstadtlebens schon mal unter den Tisch fallen.

So wurde schließlich die Idee, gemeinsam den Jakobsweg zu wandern, ziemlich genau vor einem Jahr an jenem Esstisch geboren, auf dem ich jetzt diesen Text schreibe.

IMG_E6817Ach ja, kochen. Die Cheflogistikerin in unserem Haushalt ist Lore. Sie versteht es, genau die richtige Menge der passenden Zutaten in den Rucksack zu packen. Genug, damit beim Kochen nichts fehlt. Aber nicht zu viel, denn alles, was an Abfall anfällt, muss später umständlich entsorgt werden. Denn kurz mal zu LIDL (den’s hier übrigens noch immer nicht gibt) geht ja nicht.

Das Leben in der Wildnis mag logistisch aufwändiger und körperlich anstrengender sein als unser Citylife. Aber es ist auch etwas ganz Besonderes.

Wo sonst wird man zum Frühstück von einem winzigen Kolibri begrüßt, der gierig an der Zuckerwasser-Tränke nuckelt, während zehn Meter hinter ihm ein Loon, ein kanadischer Seetaucher also, die Runden dreht.

So gesehen funktioniert die Kurve: Stadt-Land-Wildnis noch immer bestens. Nur eins mag ich nicht glauben: Dass es schon 26 Jahre her sein soll, dass wir uns dieses Kleinod im Busch zugelegt haben. Wahnsinn.

Time flies“, sagt der Kanadier. Stimmt. Die Zeit vergeht wirklich wie im Flug. Egal ob im Großstadtgewimmel oder in der Wildnis. Mit einem Unterschied: Hier in der Wildnis geht alles so gemächlich vonstatten, dass man meint, der Zeit beim Fliegen zuschauen zu können.

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Eine echt überirdische Karriere

Ein bisschen schwindelerregend war der Anblick schon. Da stehen Zigtausende auf dem gigantischen Platz vor der Montrealer Konzerthalle und jubeln einem Menschen zu, der dir erst neulich noch beim Frühstück in deiner Wohnung die Gitarrenakkorde von „Wish You Were Here“ beigebracht hat.

Jetzt siehst du also diesen Menschen wegen der Entfernung zur Bühne als winzigen Stecknadelkopf Gitarre spielen und Lieder singen und es kommt so etwas wie Demut auf. Und du ertappst dich dabei, wie du dir aus Freude über den Erfolg dieses sympathischen Kerls doch tatsächlich ein paar Tränen aus den Augen reibst.

Matt Holubowski ist das, was man auf gut Deutsch einen „Shooting Star“ nennt. (Wobei sich mir der Sinn dieser Redewendung, dies nur nebenbei, nie richtig erschlossen hat. Schließlich ist ein Shooting Star eine Sternschnuppe, die von oben kommt und unten landet. Bei Matt Holubowski und all den anderen Shooting Stars der deutschsprachigen Welt ist es genau umgekehrt: Sie schossen von unten nach oben).

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Klimpern auf Bopps Banjo

Matt und Cassian gingen zusammen zur Highschool. Wir wohnten damals noch imselben Dorf. Nur ein paar Grundstücke trennten unser Haus in Hudson von dem der Holubowskis. Matt und Cassian machten zusammen Hausaufgaben, hörten Musik und Podcasts und bekakelten bestimmt auch tausend Dinge, die Erwachsene nichts angehen.

Auch als sich ihre schulischen und beruflichen Wege trennten, blieben die Beiden noch immer beste Freunde. Die komplette Boy Group trifft sich noch heute jedes Jahr zu Cassians Geburtstag im Blockhaus am Lac Dufresne. Und auch sonst verlor man sich nie aus den Augen.

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Dieses Selfie vom „Geheimnisverrat“ musste sein. Tatort St-Lorenz-Boulevard.

Mitte Mai, kurz nach unserer Rückkehr vom Camino, gab es eine denkwürdige Zufallsbegegnung zwischen Matt und mir. Es war ausgerechnet vor dem Montrealer Kult-Diner „Schwartz’s Delicatessen“, als ich schon aus 50 Metern Entfernung Matts lange Arme in den Himmel ragen sah. „Herbert“, rief er mir zu, „kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen?“

Doch das mit dem „Geheimnis“ war so eine Sache. Schon bald mischten sich ein paar Teenies mit Selfie-Wünschen in unser Gespräch ein. Selbst als Montrealer passiert es eben eher selten, einem inzwischen weltweit agierenden Künstler, der übrigens schon in der Hamburger Elbphilharmonie auftrat, wie Matt Holubowksi auf der Straße zu begegnen.

Als dann noch ein Mann meines Alters mit dem Handy auf uns zukam und ein Video vorspielte, das Matt bei einem Auftritt im kanadischen Fernsehen zeigt, war klar: Dies ist nicht der Ort, um Geheimnisse auszutauschen. Also gingen Matt und ich mal kurz um die Ecke.

Er sei gebeten worden, das Abschlusskonzert des zehntägigen Jazzfestivals zu geben, verriet er mir. Ein Hammer! Er sei nervös wie ein Schulbub, sagte er. Immerhin sei seine neue CD noch längst nicht fertig und natürlich wolle so ein bis zu 150tausend Menschen umfassendes Publikum nicht nur seine alten Songs wie „Mango Tree“ oder „The King“ hören, sondern eben auch neue Töne.

Beim Konzert selbst wurden dann noch unveröffentlichte Stücke ohne Namen und auch Klassiker wie „Over My Shoulder“ zum Besten gegeben, mein ganz persönliches Juwel aus Matt Holubowskis Schatzkiste.

Mit meinem Lieblingssong bin ich übrigens nicht allein. Zufällig bin ich vor ein paar Tagen auf die Playlist von David Saint-Jacques gestoßen, der erst kürzlich nach 204 Tagen von der Internationalen Weltraumstation auf die Erde zurückgekehrt ist.

Die überirdische Playlist des kanadischen Astronauten  enthält also einen Song des Buben, der als Teenager noch auf meinem Banjo herumgeklimpert hat.

Hier ist „Over my Shoulder“ – zusammen mit Aliocha und Jason Bajada.

 

 

Tod eines Straßenmusikers

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Mein Kumpel Steve ist tot. Steve Petitpas war die tragende Säule der Montrealer Straßenmusikerszene. Ein begnadeter Gitarrist mit einer wuchtigen Stimme und einem Repertoire, das in seiner Größe nur noch von seinem guten Herzen übertroffen wurde.

Dass ihn am vorigen Sonntag ausgerechnet dieses große Herz von einer Sekunde auf die andere im Stich gelassen hat, ist eine Tragödie nicht nur für Steves Angehörige, dich ich gestern Abend bei einer „Celebration of Life“ kennenlernen durfte. Die Montrealer „Busker“-Szene verliert mit Steve Petitpas einen ihrer besten Musiker. Der Mann mit Hut wurde nur 56 Jahre alt.

Der Straßenmusiker starb nicht auf der Straße. Ein Herzinfarkt riss ihn nachts beim Teekochen in seiner bescheidenen Wohnung im Stadtteil St. Henri aus dem Leben.

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Steve in der Rue St.-Paul.

Es muss der Sommer des Jahres 1990 gewesen sein, als mir Steve Petitpas zum ersten mal aufgefallen ist. Da wippte einer von einem Fuß auf den anderen und rockte, damals noch mit einem Sidekick namens Mick, den Place Jacques-Cartier, drunten am Alten Hafen. Ein langer Kerl mit langer Mähne und dem breiten Lächeln des unbekümmerten Sunnyboy. Einer, der immer, je nach Lebenssituation, entweder ein paar Pfund zu wenig oder aber zu viel auf den Rippen hatte.

Er rockte wie Elvis und schnulzte wie Paul Anka. Und wenn jemand Lady Gaga von ihm hören wollte, war auch das kein Problem für ihn. Kein Beatles-Song, den er nicht kannte, kein Stones-Lied, das er nicht virtuos vortrug. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, wunderbare Harmonien während des Vortrags mit schrägen Tönen zu verschandeln, einfach so.

Warum er das mache, wollte ich einmal von ihm wissen, zum Beispiel bei „Yesterday“, das ja von Haus aus so schön ist, dass es keinen schrägen Ton verträgt. „Just for the hell of it“, sagte Steve dann.

Ein Free Spirit, dem vieles egal war und doch nicht alles wurscht.

Er hasste Ungerechtigkeit, Bürokratie und vor allem verabscheute er Donald Trump. Alle drei hätten seiner Meinung nach in einen Sack gehört – und dann draufhauen mit dem Knüppel. Warum ihm die Stadtverwaltung plötzlich ein genau vorgeschriebenes Zeitfenster aufbrummte, in dem er zu spielen hatte, konnte er nie nachvollziehen. Keiner der anderen Montrealer Street Performer übrigens auch nicht.

Als jemand, der sich als Teenager selbst seine Roadtrips mit Straßenmusik

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Busker Bopp, Stuttgart, 1970

finanzierte, hatte ich von Anfang an einen guten Draht zu Steve. Ich erzählte ihm von meinen Gigs in Paris und Bologna und Marseille und Madrid und wie ich damals mit meiner Wandergitarre oft einen Instrumentenkoffer voller Münzen und Scheine erspielte.

Steve wiederum brachte mir seine Welt nahe, die Welt des Montrealer Buskers. Es war nicht immer ein leichtes Leben, gerade in einer Stadt wie Montreal, wo der Sommer manchmal erst anfängt, wenn der Kalender schon hurtig dem Winter entgegen geht.

Als ich gestern Abend mit Peter Snow, einem befreundeten Straßenzauberer, zur Steves „Celebration of Life“ zum Südufer des St.-Lorenz-Stroms gefahren bin und wir stundenlang in der rush hour steckten, gedachten wir eines Mannes, der mit seinem Wortwitz, auch mit seiner Mimik, nie erwachsen werden wollte.

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Eintrag ins Kondolenzbuch: Der Magier Peter Snow.

Dass Steve Petitpas viel mehr war als ein Straßenmusiker (der übrigens einen perfekten Uni-Abschluss hatte), erzählte mir gestern Abend sein Bruder Randy. Steve habe Tausende Manuskriptseiten an Essays, Prosa und Gedichten hinterlassen.

Nichts davon ist je veröffentlicht worden. Auch das war Steve Petitpas.

Ein Showman, dessen Bescheidenheit ihn möglicherweise von einer großen Künstlerkarriere abgehalten hat.

Einen früheren Blogpost über die Busker-Szene in Montreal gibt’s   >> HIER <<