In diesem Blog ist immer mal wieder von „Helden“ die Rede. Meistens ist damit mein ganz persönlicher Held Leonard Cohen gemeint, so auch im letzten Blogpost. Dass diese Art von Heldenverehrung stets mit einem Augenzwinkern einhergeht, ist treuen BlogleserInnen sicher nicht entgangen. Aber es gibt auch richtige Helden in meinem Leben. Das sind die Männer und Frauen bei der Feuerwehr.
Was für ein Glück, dass ich im Privatleben noch nie auf die Hilfe der Feuerwehr angewiesen war! Sankt Florian hat also immer gut auf mich und meine Familie aufgepasst.
In meinem Reporterleben hatte ich dagegen häufig mit Feuerwehrleuten zu tun.
Darunter war auch ein jüngst im Alter von 86 Jahren verstorbener Feuerwehrhauptmann, der hier aus gutem Grund namenlos bleiben soll. Der Mann fuhr mich einmal mit Blaulicht und Martinshorn von meiner Stammkneipe nach Hause. Ohne Not, einfach so. Ganz legal war das vermutlich nicht. Aber sehr cool.
Als Polizeireporter, zuerst im Stuttgarter Raum, später dann in Ulm, war ich bei zahlreichen Einsätzen vor Ort. Ich sah brennende Wohngebäude wie Kartenhäuser einstürzen und war dabei, als Feuerwehrleute aus einem Zementsilo vier Arbeiter bargen, in das sie hineingefallen waren. Für alle Vier kam die Rettung zu spät. Ich war jung und hatte Tränen in den Augen.
Im September 2001 dann mein Reportereinsatz bei 9/11. In New York konnte ich alles, was ich bisher über „die Feuerwehr“ gelesen, gehört und gesehen hatte, vergessen. Tag und Nacht heulten die Löschzüge an mir vorbei. Die Firetrucks hatten Leitern, so schien mir, die so hoch waren wie einst die Twin Towers. Der Lärmpegel in Manhattan war wegen der ständigen Feuerwehreinsätze 24 Stunden am Tag atemberaubend.
Die New Yorker Feuerwehr verlor bei ihren Einsätzen 343 ihrer „Heroes“.
Warum mir das alles gerade jetzt wieder einfällt? Weil ich am Wochenende Zeuge eines dramatischen Feuerwehreinsatzes geworden bin. Bei mir in der Nachbarschaft war im sechsten Stock eines Altenwohnheims ein Brand ausgebrochen.
Innerhalb weniger Minuten waren um die 15 Löschzüge vor Ort. Da wurden in Sekundenschnelle Schläuche gelegt und Leitern ausgefahren, es wurden Kommandos in den heissen Sommerabend hinaus gebrüllt und Menschen aufgefordert, die Ruhe zu bewahren.
Doch selbst in der Hektik schien alles höchst entspannt zuzugehen.
Es war wie im Film. Gut hundert dieser Männer und Frauen kämpften an diesem schwülen Sommerabend nicht
nur um das Leben der Altenheim-Bewohner sondern auch um den Erhalt des Gebäudes.
Frauen gibt es bei der Montrealer Feuerwehr übrigens immer noch viel zu wenig: Von den 2360 Einsatzkräften sind gerade mal 29 weiblich.
Was mich besonders beendruckt hat, ist der stets hoch professionelle, dabei aber eher kumpelhafte Umgang der Feuerwehrmänner untereinander.
Mein Freund Jean lieferte mir später die Erklärung dafür. Die Montrealer Berufsfeuerwehr sucht ihre Mitglieder nicht nur nach Fitness, Erfahrung und technischem Knowhow aus. Es muss vor allem die Chemie untereinander stimmen. Nur wer im Ernstfall bereit ist, seinen Kollegen zu retten, als wäre er sein bester Freund, taugt für die Feuerwehr. Das scheint zumindest bei den Feuerwehrleuten zu sein, dir mir tagtäglich hier im Stadtteil St. Henri begegnet.

Gleich bei mir um die Ecke gibt es eine „Fire Station“. Im Sommer sitzen die Männer oft neben den einsatzbereiten Trucks beim Grillen, trainieren auf ihren Fitness-Bikes oder sehen sich gemeinsam einen Film an. Manche spielen Tischtennis, Schach oder werfen auch ein paar Hoops Basketball.
Bis dann die Sirene aufheult, was täglich mindestens ein halbes Dutzend mal passiert. Oft ist es falscher Alarm. Aber ausgerückt wird, als gehe es um Leben und Tod. Oft geht es um Leben und Tod.
Dann zeigen die Männer und Frauen von der Feuerwehr, dass sie mehr drauf haben als Hühnerbeine auf den Grill zu legen. Sie retten Menschenleben und Häuser.
Das sind die Helden, die ich meine.
Da lebe ich jetzt seit ziemlich genau 37 Jahren in Montreal und stehe zum ersten Mal vor dem Haus meines Helden: Leonard Cohen. Keine Ahnung, warum ich zwar 900 Kilometer weit den Jakobsweg gepilgert bin, aber die Strecke von meiner Wohnung zu Lennys Haus in all den Jahren nie geschafft habe. Dabei sind es zu Fuß gerade mal 25 Minuten.
Wer mich kennt, weiss, dass ich der geborene Stadtflaneur bin. Keine Gasse, die mir in Montreal noch Geheimnisse aufgibt, kein Platz, den meine Camino erfahrenen Füße nicht schon betreten hätten. Und gäbe es statistische Erhebungen über die meist frequentierten Parkbänke in Montreal – ich würde auf eine ziemlich gute Besetzerquote kommen. Und dann erst die vielen Straßencafés in der Stadt meines Herzens!
Besuchern immer wieder den Atem. Dass es hier übrigens so gut wie keine Besucher gibt, hat mehrere Gründe. Einige davon haben mit mangelnder Privatsphäre zu tun. Außerdem ist das Holzhaus nicht direkt mit dem Auto zu erreichen.
Ach ja, kochen. Die Cheflogistikerin in unserem Haushalt ist Lore. Sie versteht es, genau die richtige Menge der passenden Zutaten in den Rucksack zu packen. Genug, damit beim Kochen nichts fehlt. Aber nicht zu viel, denn alles, was an Abfall anfällt, muss später umständlich entsorgt werden. Denn kurz mal zu LIDL (den’s hier übrigens noch immer nicht gibt) geht ja nicht.
Das Leben in der Wildnis mag logistisch aufwändiger und körperlich anstrengender sein als unser Citylife. Aber es ist auch etwas ganz Besonderes.


Ein bisschen schwindelerregend war der Anblick schon. Da stehen Zigtausende auf dem gigantischen Platz vor der Montrealer Konzerthalle und jubeln einem Menschen zu, der dir erst neulich noch beim Frühstück in deiner Wohnung die Gitarrenakkorde von „Wish You Were Here“ beigebracht hat. 




