Das Kreuz mit dem Kreuzchen

Screen Shot 2017-08-15 at 20.13.26Die Frau mit der Raute? Oder der Mann mit Bart? Wer immer am 24. September das Rennen machen wird, sollte nicht vergessen: Auch wir Auslandsdeutschen drehen ein ganz klein wenig am Schräubchen der Demokratie mit.

Dass die Wahl wirklich zur Qual wird, hat nicht so sehr mit der Kanzlerkandidatin und ihrem Kontrahenten zu tun – diese Entscheidung ist ohnehin längst gefallen. Es ist vielmehr das Prozedere, das es uns schwer macht, unsere Stimme in die Waagschale zu werfen, bzw. in den Briefkasten.

Vor der Wahl geht’s erst einmal ins WWW. Dort wartet ein wuchtiges Formular auf den Download. „Antrag auf Eintragung in das Wählerverzeichnis zur Bundestagswahl 2017 und Wahlscheinantrag gemäß § 18 Absatz 5 der Bundeswahlordnung für im Ausland lebende Deutsche“, nennt sich das komplizierte Konstrukt. Auszufüllen „in Druck- oder Maschinenschrift“.

Vor dem geistigen Auge des Bundeswahlleiters sitzen vermutlich Millionen Auslandsdeutsche in Manitoba, Burkina Faso oder Paraguay in ihren Plüschsesseln, die jetzt ein DIN-A-4-Formular in ihre angestaubten Schreibmaschinen einführen und bei einem Tässchen Malzkaffee per Adler-Suchsystem ihre Daten eingeben.

Erst wer es schafft, sich der beiden Wohnorte zu erinnern, an denen der Antragsteller zuletzt in Deutschland gemeldet war, nebst Zeitspanne und Straßenbezeichnungen mit Hausnummern, darf sich zumindest Hoffnung machen, ins Wählerverzeichnis eingetragen zu werden.

Von der Stimmabgabe ist der willige Wähler im Ausland zu diesem Zeitpunkt allerdings noch immer weiter entfernt als Berlin von Brasilia. Erst wenn das ausgefüllte Formular spätestens 21 Tage vor der Wahl, also am 3. September 2017, beim Einwohnermeldeamt des letzten deutschen Wohnorts eingeht, steigen die Chancen auf eine Teilnahme an den Bundestagswahlen.

Jetzt liegt es am zuständigen Bürgermeisteramt, ob dem Antrag stattgegeben wird oder nicht. Bestenfalls leitet eine Verwaltungsangestellte das Papier an die „Abt. Datenerfassung für den Bundeswahlleiter, Statistisches Bundesamt, Zweigstelle Bonn“ weiter. Von dort müsste dann, wenn alles gut geht, der Stimmzettel in die weite Welt hinausgeschickt werden. Return to Sender eben.

Ist das Kreuzchen dann in Inuvik, Jerewan, Baku oder Barcelona gemacht, schlüpft der Stimmzettel wieder fix in den Umschlag. Und tritt per Schneckenpost die Heimreise an.

Da sage noch einer, Demokratie sei ein Kinderspiel.

 

 

 

Kontrastprogramm Amerika

Irgendwie werde ich aus den Amerikanern nicht schlau. Da stehst du irgendwo in Maine an der Kasse eines Supermarkts und wirst von der Person hinter dir fast gekreuzigt, weil du eine Schachtel Zigaretten gekauft hast.

„Du rauchst“?, will die Frau von mir wissen, als die Kassiererin gerade die Packung „American Spirit“ einscannt. „Nein, die sind für jemand anders“. „Oh, you must really hate that person“. Im Weggehen verrate ich ihr, dass das Gegenteil der Fall sei und ich „that person“ alles andere als hasse: Die Kippen sind für meine Frau.

Kinnladenklappen.

Kinnladenklappen auch darüber: Während Zigarettenschachteln im Rest der Welt mit Horrorfotos von verschrumpelten Föten, einäugigen Gesichtern, angefressenen Lippen und schwarzen Lungen verunstaltet werden, bleibt die Packung zumindest hier in Maine clean. Hier darf der „American Spirit“ noch das sein, was er einmal war: sauber, frei, unverdorben. NATURAL.

Wenig später biegst du aus dem Parkplatz in die Landstraße ein und stellst wieder einmal verwundert fest: All die Harley-Fahrer hier dürfen zwar mit ihren ungedämpften Auspuffen einen Heidenkrach veranstalten. Aber Helmpflicht? Nein, Danke!

Da werden Schnaps, Wein und Bier in jedem Supermarkt angepriesen und verkauft, als gelte es der Prohibition noch nachträglich einen Streich zu spielen. Aber im Restaurant verlangt der Kellner vom Sohn den Ausweis.

Alkohol dürfe er an Personen unter 21 leider nicht ausschenken, sagt Jason, der sich – wie die meisten Kellner hier – namentlich vorstellt, ehe er die Bestellung aufnimmt. Hallo? Der Sohn wird demnächst Dreißig. „Jeder, der bis zu 35 aussieht, muss kontrolliert werden“.

Okay, wenn das sooo ist …

Dass der Strand rauchfrei bleibt und Alkohol nur in ausgewiesenen Zonen konsumiert werden darf, versteht sich angesichts dieser Sünden-Politik von selbst. Und auch dass Oben-Ohne hier einem Spießrutenlauf gleichkommen würde.

IMG_8329Dann aber wieder: So viele liebenswerte, freundliche, hilfsbereite Menschen wie hier habe ich selten erlebt. Ob es lediglich das berühmte Kratzen an der Oberfläche ist, gespielte Höflichkeit also, oder aber ernst gemeinte Sympathie, sei dahingestellt. Es fühlt sich jedenfalls gut an.

Noch besser fühlt es sich an zu wissen, dass die Trump-Wahl hier bei vielen Menschen als Ausrutscher abgehakt wird, als Mückenschiss der Geschichte.

Dass aber die Hälfte dieser netten Menschen einen Mückenschiss gewählt hat, macht mir trotzdem Angst.

Amerika, Land der unbegrenzten Gegensätze.

Anmutende Schönheit am Meer

Es ist nicht schwer, Maine lieb zu gewinnen. Der US-Bundesstaat, sieben Autostunden von Montreal, gehört zu den liberalsten des Landes. Und zu den schönsten.

Es ist nicht die spektakuläre Schönheit der Rocky Mountains, die den Besucher erwartet. Hier werden keine Rekorde gebrochen. Weder der höchste Berg, noch der längste Strand des Landes werden Maine zugeordnet.

Aber die durchgehende Ästhetik, die sich von Nord nach Süd und von Ost nach West wie ein Alleinstellungsmerkmal für einen gelungenen Landstrich treu bleibt, wirkt auf den Besucher wie ein Verwöhnprogramm für die Sinne.

Das fängt an bei der für die Neuenglandstaaten typischen Architektur. Schlicht, unprätentiös, klare Farben. Und immer aus Holz, meistens weiss und in der Schindeltechnik erbaut.

Da ist der herbe Geruch des Atlantiks, der einen nicht nur in einem der vielen „Lobster Shacks“ in seinen Bann zieht, sondern auf Schritt und Tritt verfolgt.

Da sind malerische Städtchen wie Kennebunkport, die den Besucher – wieder einmal – an der stupiden Agenda des Präsidenten zweifeln lassen. Was, bitteschön, soll eigentlich angesichts einer so zauberhaften Gegend die Phrase „Let’s make America great again„? Wie viel schöner kann ein Landstrich denn noch aussehen?

Da sind die erlesenen Meeresfrüchte, die es in dieser Qualität wohl in wenig anderen US-Bundesstaaten gibt, allein voran der weltbekannte Hummer aus Maine.

Aber Schönheit und Qualität haben ihren Preis. Eine „lobster roll“, ein mit Hummerfleisch belegtes Brötchen, kostet auf die Hand satte 18 Dollar, das sind mehr als 15 Euro.

Die Freundlichkeit der Menschen, die zauberhaften Strände, die klare Luft, die die ohne schon spektakulären Sonnenuntergänge an der Küste erst richtig zum Glühen bringt – all das verlangt nach mehr.

Mehr Meer. Mehr Maine. Und irgendwo auch mehr Amerika.

 

Das etwas andere Amerika

Okay, ich bin meinem Vorsatz untreu geworden. Seit Monaten erzähle ich Freunden und Verwandten, dass ich keinen amerikanischen Boden mehr betreten werde, solange der böse Mensch aus Washington regiert. Und wo bin ich heute? Im amerikanischen Bundesstaat Maine. Und fühle mich dabei kein bisschen schlecht.

Der erste Tag in den USA nach vielen Jahren war ein guter Tag. Keiner, der seine Waffe auf mich gerichtet hätte. Kein Zollbeamter, der mich in den Senkel gestellt hat. Niemand, der mir eine amerikanische Flagge verkaufen oder mich für die Republicans anwerben wollte.

Ganz ohne Politik geht es trotzdem mich. Gleich das erste Tischgespräch mit einer Gruppe von US-Amerikanern mittleren Alters verlief erfreulich harmonisch und endete mit einem Appell: „Sag deinen kanadischen Landsleuten und auch allen Deutschen, dass uns dieser Präsident nur peinlich ist“!

Maine ist nicht Amerika und Amerika ist nicht Maine. Hier, an der Ostküste der USA, sieben Autostunden von Montreal, ist fast alles anders als im Rest der Vereinigten Staaten.

Es ist der einzige Bundesstaat mit zwei offiziellen Landessprachen, Englisch und Französisch. Hier werden traditionsgemäß Demokraten gewählt und die gleichgeschlechtliche Ehe ist schon seit fünf Jahren legal. Seit November 2016 sind sogar der Anbau und Verkauf von Marihuana in kleinen Mengen erlaubt.

Rednecks“, wie der Proll hier heißt, sind in Maine seltener zu finden als in vielen anderen Teilen des Kontinents. Trumpisten muss man mit der Lupe suchen.

Dass mich mein erster USA-Trip seit vielen Jahren ausgerechnet nach Maine geführt hat, ist also kein Zufall. Er hat auch Familiengeschichte. Gut ein Dutzend Mal waren wir hier campen, als der Bub noch klein war. Ferien in Bar Harbor, mit Zelt, Schlafsack und gerösteten Marshmellows überm offenen Feuer, waren ein Teil von Cassians Kindheit.

Wie schön, dass der Bub, der inzwischen ein Mann ist, seine Eltern zu diesem fast historischen Amerika-Urlaub eingeladen hat.

So schreibe ich diese Zeilen in einem verwunschenen Holzhäuschen am Meer, ganz in der Nähe von Kennebunkport, das den meisten Amerikanern als Sommersitz der ehemaligen Präsidenten-Familie Bush bekannt ist.

„Lobster Rolls“ sind mit Hummerfleisch belegte Brötchen

Die Morgensonne scheint hier nicht, sie streichelt dich. Das Meer rauscht hier nicht, es flüstert. Die Vögel zwitschern nicht, sie singen. Und „lobster rolls“, mit Hummerfleisch belegte Brötchen, sind hier so populär wie andernorts Hot Dogs und Hamburger.

Ich bin froh und glücklich, dass ich Amerika wieder eine Chance gegeben habe. Bei den meisten der Menschen hier käme man nicht einmal auf die Idee, dass sie sich von einem Mann regieren lassen müssen, über den der Rest der Welt lacht, weil es zum Weinen nicht ganz reicht.

Mehr Text und Fotos dazu gibt’s  >> HIER <<

Seien Sie doch keine Pappnase!

Eine befreundete Kollegin von mir, Anita Horn, bat mich neulich, doch einen Gastbeitrag für ihren Blog zu schreiben. Es sollte um das Thema „Pappnasen“ gehen. Sagt Ihnen nichts? Dann überlegen Sie doch bitte mal, wann Sie zum letztenmal ihren Starbucks-Kaffee im Einwegbecher getrunken haben. Ertappt? Na also. Auch so eine Pappnase.

Das erste Mal, dass ich mit dem Pappnasen-Syndrom konfrontiert wurde, war vor 27 Jahren. DIE ZEIT hatte mich damals für eine Reportage in die Subarktis geschickt. In einem Indianerreservat namens Waskaganish sollte ich recherchieren, was die dort lebenden Cree-Indianer so alles mit 225 Millionen Dollar anstellen. Für diese astronomische Summe hatten die Ureinwohner gerade ihre Land- und Wasserrechte an die Regierung der Provinz Québec verkauft – bis heute ein umstrittener Deal.

In dem abgelegenen Dorf Waskaganish, mehr als tausend Kilometer nördlich von Montréal, war Umweltschutz ein Fremdwort. Es gibt bis heute keine Straße, die dort hinführt. Das Indianerreservat ist nur mit dem Buschflugzeug zu erreichen. Dass sich ausgerechnet im Norden Kanadas knöchelhohe  Müllberge ansammeln können, hat mich erschüttert. Coladosen, Chipstüten, Zigarettenschachteln. Und, ja, auch damals schon Kaffeebecher aus Plastik und Pappe.

Eine junge Indianerin hatte das Coffee-to-go-Konzept nach einem Besuch in Montréal übernommen und sich dabei den großen Reibach erhofft. Im Norden Kanadas herrschte nach dem Millionendeal mit der Regierung von Québec so etwas wie Goldgräberstimmung.

„Wie kommt’s“?, wollte ich von dem mit Umweltfragen betrauten Cree-Indianer Wayne River wissen, „dass sich bei euch der Müll türmt, wo doch die Natur um euch herum vom Feinsten ist“? Wayne River hob zu einer Erklärung an, die ich hier nur in Kurzform wiedergeben möchte.

Zum einen liegt es am arktischen Klima. Wo Permafrost herrscht, erfüllen herkömmliche Mülldeponien nicht mehr ihren Zweck. Wo die Erde niemals auftaut, kann der Abfall nicht verbuddelt werden. Das leuchtete mir ein.

Aber dann sagte Wayne River etwas, über das ich bis dahin nie nachgedacht hatte: Wenn es um die Müllbeseitigung geht, verfährt der Indianer nach dem Prinzip aller Ureinwohner: „Was du der Natur genommen hast, musst du ihr wieder zurück geben“.

Eine edle Philosophie. Das Fleisch des erlegten Bären wird gegessen. Der Pelz schützt vor der arktischen Kälte. Das Geweih des erlegten Elches wird zu Backpulver gemahlen. Leider funktioniert diese Art von Recycling heute nicht mehr. Dagegen sprechen die Halbwertzeiten von Plastik und Pappbecher, von Chipstüten und Stanniolpapier.

Doch die meisten Indianer haben die Uralt-Philosophie so verinnerlicht, dass sie nicht von ihr loslassen wollen. Sie werfen ihre Kaffeebecher weg, als gäbe es kein Morgen. Das mag im Süden Kanadas etwas zivilisierter vonstatten gehen als im Norden. Aber auch hier ist die Entsorgung von Einwegbechern ein Riesenproblem.

In einer mittleren Großstadt wie Calgary werden täglich zwischen 800-tausend und einer Million Kaffeebecher weggeworfen. Rund 20 Prozent des gesamten Müllaufkommens setzt sich aus Kaffee- und Cola-Bechern zusammen. Im Zug, in der U-Bahn, bei Sportveranstaltungen und Open-Air-Events – Einwegbecher sind noch immer die Regel, mitgebrachte Trinkflaschen die Ausnahme.

Kanadier umzustimmen, ist kein leichtes Unterfangen. Es wird hier mehr Kaffee getrunken als in den meisten Ländern der Welt. Unter 80 von „Euromonitor“ untersuchten Nationen steht Kanada mit jährlich 152 Liter Kaffee pro Personen erster Stelle.

Egal, wie umweltfreundlich sich das zweitgrößte Land der Erde gibt: Die Pappnasen sind noch lange nicht ausgestorben.

Hier geht’s zu Anitas Blog ahornzeit.de

Das Pappnasen-Syndrom bekämpft sie unter dem Hashtag #seikeinepappnase